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Angst vor Veränderung

Tipps von Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin

Umstellung auf ein neues Computerprogramm, Entlassung, Umzug in eine andere Stadt, Trennung, Wohnungskündigung - was haben diese Schlagworte gemeinsam? Nun, sie erfordern von uns die Fähigkeit, uns veränderten Situationen anzupassen und uns neu zu orientieren. Häufig geht dies nicht ohne Angst oder Verunsicherung ab.

Für manche Menschen sind Fortschritt und Veränderung gleichbedeutend mit Lust, Neugierde und Nervenkitzel. Es spielt natürlich auch eine Rolle, ob wir uns freiwillig verändern oder uns quasi von den Umständen "gezwungen" sehen.

Veränderungen begleiten uns von dem Zeitpunkt, an dem wir den Mutterleib verlassen. Wir müssen lernen, wann wir etwas zu essen bekommen, ob Schreien erfolgreich ist, was die erhobenen Augenbrauen der Mutter bedeuten, was gefährlich und ungefährlich für uns ist, usw.

Wollen wir überleben, sind wir von der ersten Stunde unseres Lebens an gezwungen, uns anzupassen und uns auf neue Situationen einzustellen. Wir haben zwar die Wahl, ob wir uns gegen Veränderungen wehren, sie geduldig ertragen oder aktiv angehen, aber verhindern können wir Veränderungen nicht.

Was haben wir Positives davon, uns zu verändern?

Dazulernen, Neues ausprobieren, sich verändern, neu orientieren kann durchaus etwas Lustvolles und Spannendes sein. Wir erfahren dadurch die Bestätigung, dass wir fähig sind, uns an Neues anzupassen und weiterzuentwickeln. Unser Selbstvertrauen wächst ebenso wie unsere Einstellungen, dass wir Einfluss bzw. Kontrolle haben. Eltern, die ihr Kind vor Veränderungen behüten wollen, es nichts ausprobieren lassen, vermitteln dem Kind die Einstellung: „Mir kann man nichts zutrauen. Ich bin zu schwach, bin unfähig.“

Indem wir Neues wagen, erfahren wir auch etwas über unsere Grenzen. Wir erfahren, was wir noch hinzulernen müssen, aber auch, wann wir am Ende unserer Fähigkeiten angelangt sind. Indem wir uns immer wieder auf veränderte Situationen einstellen, bekommen wir mit der Zeit einen immer größeren Erfahrungsschatz, der uns bei unseren zukünftigen Aktivitäten zugute kommt.

Wann der Zwang zur Veränderung schadet

Viele Menschen möchten lieber träge in den alten Gewohnheiten verharren und ihrem gewohnten Trott folgen, als sich der Mühen einer Umstellung zu unterziehen. Von Neugier, Begeisterung und Energieschub keine Spur. Warum ist das so?

Veränderungen erleben wir dann als unwillkommen und bewerten sie als belastend, wenn

In der heutigen Zeit hören wir immer öfter: "Wer nicht mithält, geht unter.", "Wer sich nicht anpasst, muss gehen." Wir haben den Eindruck, unsere Umwelt zwinge uns, uns ständig zu verändern. Die Auswirkungen auf unsere Psyche sind gravierend. Wir fühlen uns als Versager, fühlen uns manipuliert und vergewaltigt, fühlen uns als kleine Rädchen in einem riesigen Räderwerk, das von fremden Mächten gesteuert wird.

Je nach Persönlichkeitsstruktur beginnen wir, uns zu wehren und zu rebellieren oder in Depressionen zu versinken. Die Gewalt von Jugendlichen, die Drogen- und Alkoholsucht, die Null-Bock-Stimmung können Auswirkungen davon sein. Wer glaubt, eh nicht mithalten zu können, dem ist es auch egal, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

In der Psychologie gibt es den Begriff der erlernten Hilflosigkeit: Wenn man glaubt, dass keine Hoffnung besteht, versucht man es erst gar nicht mehr. Hierzu gibt es ein schönes Beispiel aus der Tierwelt Lebensweisheit.

Womit wir bei gravierenden Veränderungen rechnen müssen

Wir können uns die Anpassung an die neue Situation als einen Prozess von 4 Phasen vorstellen.

1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Der Schmerz der auf uns zukommenden Veränderung ist so groß, dass wir versuchen, die Veränderung rückgängig zu machen oder zu vermeiden. Wir wollen die Augen zumachen und alles als einen bösen Traum ansehen, aus dem wir nur zu erwachen brauchen. "Was nicht sein darf, das ist auch nicht" ist unser Motto.

2. Phase der aufbrechenden Gefühle

Nun dringt die erforderliche Veränderung in unser Bewusstsein und löst ganz viele unterschiedliche seelische und körperliche Reaktionen aus. Wir fühlen uns verzweifelt und hoffnungslos. In unseren Gedanken herrscht die Vergangenheit vor, das, was wir nicht mehr haben können. Angst, Schuldgefühle und auch Wut sind ebenfalls in unserem Gefühlscocktail zu finden. "Warum nur ich ...", "Wie schön wäre es doch, wenn ...", "Das kann ich nicht ertragen, dass ...", sind Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Schlafstörungen, Herz- Kreislauf- oder Magen-Beschwerden können auftreten.

3. Phase der Neuorientierung

So langsam sehen wir wieder Land. Wir fühlen uns hoffnungsvoller und glauben, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen. Unser Hadern und die neidvollen Blicke auf die Vergangenheit werden weniger. Wir arrangieren uns gefühlsmäßig und gedanklich mit der neuen Situation.

4. Phase des neuen Gleichgewichts

Unser Blick ist auf die Zukunft gerichtet. Wir können die Erfahrungen aus der Vergangenheit ruhen lassen oder sie sind zumindest nicht mehr so schmerzvoll. Manchmal gelingt es uns sogar, die Veränderung als etwas Positives anzusehen.

Diese 4 Phasen werden wir immer durchlaufen, wenn wir aus einer gewohnten Situation ausbrechen (müssen). Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir diese Gefühlsreaktionen akzeptieren.

Wie mit Veränderungen umgehen?

Wenn unerwünschte oder unerwartete Veränderungen von außen auf uns zukommen, dann ist es also ganz normal, zunächst mit negativen Gefühlen zu reagieren. Diese Gefühle zeigen uns an, dass etwas nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Deshalb ist es gut, sie anzunehmen und mit ihnen zu arbeiten.

Unsere Wutgefühle können wir zum Anlass nehmen, nochmals zu überprüfen, ob wir die Situation rückgängig machen oder zu unserem Vorteil verändern können.

Hadernde Gedanken wie etwa: "Wie können die mir nur so etwas zumuten", "Womit habe ich das verdient?" oder "So etwas darf mir nicht passieren" können wir durch die Fragen ersetzen: "Was kann ich tun, um die Situation zu meinen  Gunsten zu verändern?" "Was bringt die neue Situation an Positivem für mich?"

Sorgen und Gedanken wie: "Es wird alles furchtbar werden. Dies kann ich nicht ertragen" lösen in uns Angst und Depressionen aus. Wir sollten uns stattdessen auch hier eher darauf konzentrieren, uns Mut zu machen. Dies können wir, indem wir uns innerlich immer wieder daran erinnern: "Was auch immer auf mich zukommt, ich habe bisher immer eine Lösung gefunden und werde auch dieses Mal eine Lösung finden können." Hilfreich ist es auch, uns ganz bewusst in Erinnerung zu rufen, was wir bisher in unserem Leben alles geleistet und bewältigt haben.

In einer Lebensphase, in der eine alles umwälzende Veränderung auf uns zukommt, sollten wir uns "milderne Umstände" geben. Dies bedeutet, wir sollten sehr behutsam mit uns umgehen, keine Perfektion verlangen, uns keine weiteren zusätzlichen neuen Aufgaben verordnen und unseren Körper pfleglich behandeln. Für manche Menschen ist es hilfreich, ein Tagebuch zu führen, dem sie ihre Sorgen anvertrauen. Um aus einer gedanklichen Einbahnstraße herauszukommen, in der wir alles schwarzsehen, können auch Gespräche mit Freunden hilfreich sein.

Das Prinzip der kleinen Schritte ist gefragt. Wir sollten uns nicht mit einem Wust von negativen Gedanken lähmen, was wir alles verändern müssen. Je mehr wir uns dies alles gleichzeitig vor Augen führen, desto mehr fühlen wir uns gelähmt und hilflos. Nur einen Tag oder eine Woche planen und nach Möglichkeit schriftlich, hilft uns, Forschritte zu bemerken und auch die dazu nötige Energie in uns wachzurufen.

Und manchmal hilft uns auch der Gedanke: "Wer weiß, wofür das gut ist". Vieles, das im ersten Moment negativ zu sein scheint, entpuppt sich nämlich im Rückblick als etwas Gutes.

© 2011-2012 PAL Verlag - Angst vor Veränderung
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