Rolf Merkle - Diplom Psychologe, Psychotherapeut
In den ersten Lebensjahren sind wir emotional und körperlich sehr stark von unseren Eltern abhängig. Wir können noch nicht für uns selbst sorgen und brauchen unsere Eltern und Erzieher, um überleben zu können. Deshalb dürfen wir es auch nicht mit ihnen verscherzen. Wir müssen uns an deren Spielregeln halten und diese befolgen. Unsere Anpassung und Unterordnung ist überlebensnotwendig.
In diesem Stadium unserer Entwicklung lernen wir, die Kritik unserer Eltern und Erzieher bezüglich unserer Fehler und Schwächen zu übernehmen und uns selbst für unsere Fehler und Schwächen, unsere vermeintliche Unvollkommenheit, zu beurteilen und zu verurteilen. Der Kritiker in uns ist geboren. Erst haben uns die Eltern gesagt, was wir nicht tun sollten und was schlecht ist, später verinnerlichen wir die Worte und sagen uns selbst: Das tut man nicht. Das ist schlecht. Du solltest das nicht tun. Du solltest ... sein.
Kennen Sie Äußerungen Ihrer Eltern wie die folgenden?
Mit dir hat man nur Ärger. Lass das. Warum hörst du nicht auf mich? Wie kann man nur so blöd sein? Das geschieht dir Recht. Was hast du dir dabei nur gedacht? Wie kannst du uns nur so weh tun?
Je öfter wir solche Worte hörten, umso mehr hatten wir den Eindruck, etwas müsse mit uns nicht stimmen. Wir denken uns: Wenn wir in Ordnung wären, dann würde man doch nicht so mit uns reden und uns so behandeln. Also muss mit uns etwas nicht stimmen, dass man permanent so über uns und mit uns redet. Dieses Gefühl, nicht in Ordnung zu sein, ist so tief in uns verwurzelt und so zu einem Teil unserer Persönlichkeit geworden, dass wir es als richtig erachten.
Und deshalb übernehmen wir unsere Bestrafung selbst. Wir lernen die Selbstbestrafung und Selbstverurteilung als ein wichtiges Hilfsmittel, anzusehen, um unsere Unvollkommenheit zu überwinden und so zu werden, wie wir sein sollten. JA, wir werden in der Selbstbestrafung und im Ändern unseres Verhaltens so gut, dass wir unsere „Fehler“ korrigieren und uns anpassen, ehe die Erwachsenen merken, dass wir unvollkommen sind. Wir lernen der Bestrafung der Eltern zu entgehen, indem wir lernen, uns selbst zu bestrafen und unser Verhalten zu korrigieren.
Wir verinnerlichen diese Selbstbeurteilung und Selbstverurteilung (das was man tun und nicht tun sollte, was gut und schlecht, moralisch und unmoralisch) so sehr, dass wir als Erwachsene die Autorität des Kritikers nicht in Frage stellen. Er und seine verurteilenden Kommentare fühlen sich ebenso richtig und zu uns gehörig an, wie unsere Arme und Beine.
Wir kommen deshalb gar nicht auf die Idee, dass der Kritiker ein überflüssiges Relikt aus einer Zeit sein könnte, als wir noch ums Überleben gekämpft haben. Und wir übersehen, dass die Einhaltung vieler dieser Regeln für uns als Erwachsene nicht mehr sinnvoll und nützlich ist. Und schon gar nicht macht es Sinn, dass wir uns für die Verletzung von Regeln, die für uns keine Richtigkeit haben, in Form von Selbstablehnung oder gar Selbsthass bestrafen.
Sehr viel wichtiger ist jedoch etwas anderes: als Kinder waren wir nicht unvollkommen, hatten wir keine Fehler und Schwächen - außer klein und unerfahren zu sein.
Unsere „Fehler“ und „Schwächen“ bestanden darin, dass wir die Spielregeln der Erwachsenen nicht kannten und/oder nicht so waren, wie unsere Eltern und Erzieher uns haben wollten. Durch die Androhung von Liebesentzug oder tatsächlichem Liebesentzug folgerten wir, wir seien unvollkommen und nicht gut genug, um geliebt zu werden.
Und noch etwas lernen wir. Wir lernen: ohne Strafe, keine Veränderung. Wenn ich mich selbst nicht für meine Fehler und Unvollkommenheit verurteile und bestrafe, dann werde ich diesen Fehler wieder machen und vielleicht wird dann alles noch schlimmer.
Die Vorstellung, sich angesichts eigener Fehler und Schwächen gut zu fühlen, ist ausgeschlossen. Nur durch Sebstbestrafung, so denken wir, werden wir zu guten Menschen. Wir tun, sagen, denken oder fühlen etwas Schlechtes, fühlen uns schuldig und bestrafen uns für unsere Unvollkommenheit, um sicher zu gehen, dass wir nicht noch einmal so denken, fühlen und handeln.
Wenn wir so mit uns umgehen, dann tun wir das Gleiche, was auch unsere Eltern taten. Wir behandeln uns so, wie uns unsere Eltern behandelt haben.
Doch was hat all die Bestrafung unserer Eltern, all die Selbstbestrafung und Selbstverurteilung bislang bewirkt? Sind wir perfekt geworden? Haben wir unsere Unvollkommenheit überwunden? Sind wir fehlerlose oder bessere Menschen geworden?
Nein. Alle Selbstbestrafung hat nichts daran geändert, dass wir auch als Erwachsene Fehler machen und uns dumm benehmen.
Viele Menschen kommen sich ihr ganzes Leben lang unvollkommen und minderwertig vor, haben das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht. Entweder resignieren sie und fühlen sich überfordert und deprimiert, oder aber sie versuchen Tag für Tag zu der Person zu werden, die sie glauben, sein zu müssen, um sich endlich akzeptieren zu können und um endlich von anderen akzeptiert zu werden.
Und viele Menschen wissen noch nicht einmal genau, was mit ihnen nicht stimmt. Sie haben einfach nur permanent das Gefühl, minderwertig und nutzlos zu sein und hassen sich dafür.
Wenn Selbstbestrafung nicht das geeignete Mittel ist, um aus uns "bessere" Menschen zu machen, was können wir dann tun? Was können wir tun, um uns selbst mehr annehmen zu können? Mehr darüber in Von Selbstablehnung zu dauerhafter Selbstachtung
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