
Nicolas Hoffmann
Wenn Zwänge das Leben einengen
128 S., EUR (D) 12,80
Informationen zu Zwangshandlungen und Zwangsgedanken
Informationen zum Waschzwang
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Wenn Zwänge das Leben einengen
Zwangsgedanken und Zwangshandlungen
Über die Ursachen von Berührungsängsten und Waschzwängen
Zwänge können das Leben teilweise oder voll und ganz einengen. Eine wichtige Frage lautet also: Nehmen Gedanken und Handlungen, die mit dem Zwang in Zusammenhang stehen, nur einen Teil der Zeit in Anspruch oder sind Menschen, die unter Zwängen leiden, so gut wie immer damit beschäftigt?
Bei Menschen, die an Berührungsängsten und an einem Waschzwang leiden, finden sich besonders viele, bei denen der Zwang das gesamte Leben durchdringt. Jede Situation wird auch nach den Gesetzmäßigkeiten des Zwangs erlebt. Daher gibt es in dieser Gruppe von Zwangserkrankungen besonders viele schwer Erkrankte.
Sie leben in einer Welt, deren Ordnung und Struktur ständig durch Signale aus einer Gegenwelt des Bösen und Abscheulichen durchbrochen wird. Sie können diese seelische Situation nur ertragen, wenn sie ständig kämpfen, um das Allerschlimmste zu verhindern. Es gibt kaum noch einen Lebensbereich, der ganz frei vom Zwang wäre. Schauen wir uns ein Beispiel aus meiner Praxis an.
Der Fall Magda
Magda ist 35 Jahre alt. Sie lebt mit ihrem Freund zusammen und arbeitet als Sachbearbeiterin. Sie wurde streng religiös erzogen. Die Mutter nahm in ihrer Kindheit eine übermächtige Stellung ein. Sie achtete peinlich auf Sauberkeit und verbot Magda, Spiele zu spielen, bei denen sie sich hätte schmutzig machen können. Sie durfte nur mit Kindern sprechen, die von der Mutter als sauber befunden wurden. Alle anderen galten als zu schmuddelig. Vor den "schmutzigen” Kindern hatte Magda Angst. Sie wich jeder Berührung aus, um nicht von der Mutter bestraft zu werden. Sie hatte mehrere Schürzen, die sie immer in einer bestimmten Reihenfolge tragen mußte. Ein Desinfektionsmittel spielte eine große Rolle im Haushalt. Wie Magda sich erinnert, benutzte es die Mutter sehr häufig. Als Magda später die ersten harmlosen Kontakte zu jungen Männern hatte, wurde sie wüst beschimpft, weil sie sich beschmutzt habe und nun verdorben sei.
Die ersten Ängste und Ekelgefühle traten mit 20 Jahren auf. Sie war von zuhause ausgezogen, hauptsächlich um der Mutter zu entfliehen. Sie wohnte damals mit einer Bekannten zusammen, die nicht ganz ihren Sauberkeitsvorstellungen entsprach. Magda bekam plötzlich Angst vor Ungeziefer. Sie wusch sich öfters und suchte die Wohnung nach Würmern und Insekten ab. Das Zimmer der Bekannten mied sie so weit wie möglich. Ihre Angst vor Ungeziefer hielt in der folgenden Zeit an.
Am Anfang ihrer Berufstätigkeit hatte sie eine Kollegin, mit der sie sich überhaupt nicht vertrug. Sie empfand sie als arrogant, gewöhnlich und ungepflegt. Kurz bevor die Kollegin aus dem Dienst ausschied, erzählte diese, sie habe in ihrer Wohnung ein Problem mit Schimmelpilzen. Seitdem steht der Gedanke an Schimmelpilz im Mittelpunkt von Magdas Ängsten und Ekelgefühlen. Der Schreibtisch, an dem die Kollegin gearbeitet hat, wird in ihren Augen zur Hauptgefahrenquelle: Er ist völlig mit Schimmelpilzen "verseucht”.
Sie vermeidet selbstverständlich, ihn zu berühren und macht einen weiten Bogen um ihn. Aber das allein reicht nicht. Die neue Kollegin, die den Arbeitsplatz nun eingenommen hat, ist ihr an sich sehr sympathisch. Aber Magda muß sie auch noch mit anderen Augen sehen: Sie ist höchst gefährlich. Ihre Person, ihre Kleidung, die Akten, die sie anfaßt, alles ist verseucht. Magda würde ihr um keinen Preis der Welt die Hand geben. Das tut ihr manchmal ein wenig leid, aber sie kann nicht anders.
Wenn Magda eine Akte bearbeitet hat, die die Kollegin ihr brachte, wäscht sie sich danach so schnell sie kann die Hände. In der Zwischenzeit versucht sie, so wenig wie möglich anzufassen, um den Schimmel nicht auf andere Gegenstände zu übertragen. Vor allem hält sie die rechte Hand so, daß sie damit auf keinen Fall ihre Kleidung berührt. Die Stelle, wo die Akte lag, und auch den Kugelschreiber, wischt sie bei der ersten Gelegenheit mit einem feuchten Lappen ab. Das ist manchmal sehr schwierig. Aber auch jeder andere Kollege könnte im Vorbeigehen den gefährlichen Schreibtisch streifen oder etwas in Empfang nehmen, das darauf gelegen hat. So gelten auch sie als gefährlich, wenn auch nicht im selben Maße wie ihre neue Kollegin.
Wenn Magda nach Hause kommt, wischt sie all ihre Kleidungsstücke mit einem feuchten Tuch ab. Dann wäscht sie sich mehrmals gründlich. Die Hände wäscht sie bis zu achtzig Mal am Tag. Die Haut ist stark angegriffen. Der Freund darf sie nicht berühren, bevor sie sich nicht gewaschen hat. Einmal hat er ihr in der Tür die Tasche abgenommen und auf eine Kommode gestellt. Magda mußte das Möbelstück lange abwischen, hat aber seitdem nie mehr das Gefühl, daß es einwandfrei ist. Sie war dem Freund lange böse.
Sie hat einmal zufällig erfahren, daß jemand, der ihre neue Kollegin gut kennt, in derselben Boutique einkauft wie sie. Seitdem meidet sie das Geschäft und hat alles weggeworfen, was sie je dort gekauft hat. Sie geht heute noch sehr ungern durch diese Straße. Bevor Magda sich schlafen legt, geht sie den ganzen Tag noch einmal in Gedanken durch. Hat sie heute halbwegs alle Gefahren beseitigen können? Hat sie etwas übersehen? Oft wäscht sie sich dann noch einmal. Das Bett darf auf keinen Fall verseucht werden. Morgen beginnt der Kampf von neuem. Und so wird es jeden Tag weiter gehen. Jeden Tag.
Erläuterungen zu den Berührungsängsten und dem Waschzwang
Magdas Störung hat zwei Seiten. Teile ihrer Umwelt - es können Menschen oder Gegenstände sein - lösen bei ihr die Vorstellung aus, sie könnten mit Schimmelpilz in Berührung gekommen sein. Das ruft bei ihr Angst und Ekel hervor, zusammen mit der Erwartung, daß ihr oder anderen dadurch ein schreckliches Unheil zustoßen könnte. Das ist die Angstseite der Störung.
Die andere Seite der Störung sieht so aus: Um die unangenehmen Gefühle und Vorstellungen abzuwehren, verfügt sie über zwei Arten von "Maßnahmen”. Sie kann versuchen, nicht mit den vermeintlich gefährlichen Menschen oder Gegenständen in Berührung zu kommen. Sie macht z.B. einen Umweg oder gibt jemandem absichtlich nicht die Hand. Die anderen Maßnahmen sind energischer. Wenn schon eine Berührung mit etwas Gefährlichem nicht zu umgehen ist, so kann sie aktiv die Gefahr beseitigen. Sie wäscht sich nachher mehrmals die Hände, bis sie das Gefühl hat, daß sie wieder in Ordnung sind. Einen "verseuchten” Gegenstand wischt sie mehrmals mit lauwarmem Wasser ab.
Die zwei Arten, sich der Gefahr zu erwehren, sind die Gegenmittel, die sie im Laufe der Zeit "erfunden" hat, um mit ihren Befürchtungen umzugehen. Sie bilden die Abwehrseite. Beide Anteile, die Berührungsängste und der Zwang, die Gefahren abwehren zu wollen, machen zusammen ihre Erkrankung aus.
Weitere Leseproben
Einleitung
Kapitel 2
Möglichkeiten der Selbsthilfe
© 1999-2012 PAL Verlag - Ratgeber Zwangsgedanken und Zwangshandlungen Kapitel 5
Arbeitssucht - Arbeitssucht Test - Perfektionismus Test - Medikamentenabhängigkeit - Frustrationstoleranz - Positives Selbstmanagement - Enttäuschungen - Mit persönlichen Schwächen umgehen lernen - Psychotest Kaufsucht - Internetsucht Test - Magersucht Test - Bulimie Test