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Umgang mit persönlichen Schwächen
Interview mit Dr. Doris Wolf, Diplom Psychologin,


Dr. Doris Wolf - Expertin für Persönlichkeitsentwicklung Dr. Doris Wolf

Wann ist etwas eine Schwäche?

Stärken und Schwächen gibt es nur aus der Sicht des Beobachters. Dinge, Verhaltensweisen, Eigenschaften, körperliche Merkmale sind nicht als solche positiv oder negativ. Abhängig von unserer Bewertung als positiv oder negativ erscheinen sie uns als Stärken oder Schwächen.

Beispielsweise können wir Sensibilität oder Genauigkeit, einen großen oder kleinen Busen sowohl positiv als auch negativ sehen, wir können sie sogar zu einem Zeitpunkt positiv und zu einem anderen Zeitpunkt negativ sehen. Unsere Bewertung ist u.a. abhängig von unseren Erfahrungen, der Situation, den Erwartungen, der seelischen und körperlichen Verfassung.

Welchen Einfluss haben unsere Schwächen auf uns?

Wie wir uns, unsere Gefühle, körperlichen Merkmale und Verhaltensweisen bewerten, bestimmt darüber, wie wir uns fühlen und verhalten. Wenn wir uns generell als nicht liebenswert, unfähig und als Versagerin ansehen, schwächen wir unser Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.

Die Folge davon sind Unsicherheit, Ängste zu versagen und vor Ablehnung, Eifersucht, Neid, usw. Wir versuchen vielleicht nach außen hin unsere vermeintlichen Schwächen durch ein Perfektionsstreben zu überdecken und setzen uns dadurch unter starken Druck. Wir sind gefährdet, psychosomatische Erkrankungen oder ein Suchtproblem zu entwickeln.

Was empfehlen Sie, wenn jemand immer seine Schwächen sieht und alles, was positiv ist, entweder als Selbstverständlichkeit abtut oder durch ein "ja, aber ..." den Fokus wieder auf vermeintliche Schwächen lenkt?

Ich würde ihm folgende Fragen stellen und folgendermaßen argumentieren:
- Hilft dir diese Vorgehensweise, dich so zu fühlen und verhalten, wie du dich fühlen möchtest?
- Hilft sie dir, deine Ziele zu erreichen?
- Hilft sie dir, deine Gesundheit, zu erhalten?
- Was würdest du gewinnen, wenn du dich so annehmen würdest, wie du bist - ein Mensch mit Stärken und Schwächen?
- Was würde passieren, wenn du dich lobst und deine Stärken berücksichtigst? Wovor hast du Angst?

Wenn dir deine Denkweise das bringt, was du dir wünschst, ist sie hilfreich. Wenn nicht, solltest du dir überlegen, sie zu verändern. Du hast die Möglichkeit, dich besser zu fühlen, mehr deiner Ziele zu erreichen, deine Gesundheit zu erhalten, wenn du eine neue Sichtweise entwickelst. Wie wäre es, diese neue Sichtweise für eine Woche auszuprobieren?

Können Schwächen auch Stärken sein?

Wir können aus jeder Schwäche eine Stärke machen,
- indem wir sie als Ansporn nehmen, uns mehr einzusetzen
- indem wir sie annehmen und dankbar für sie sind
- indem wir bewusst dazu stehen und sie als unser Markenzeichen umdefinieren
- indem wir bewusst einen Sinn darin suchen

Es gibt viele Menschen, die uns dies demonstrieren: Mohammed Ali, Michael Fox, Heather Mills - siehe Leben mit Behinderungen. Lebensweisheit wie aus einer Schwäche eine Stärke werden kann

Oft werden Sprüche wie "Ich bin halt so" oder "Man kann sich nicht ändern" gebraucht - manchmal in Verbindung mit dem Alter. Was sagen Sie dazu?

Manche Dinge können wir ändern, andere nicht. Ich halte es damit: Dinge, die man ändern kann und möchte, sollte man bewusst angehen. Dinge, die man nicht ändern kann, sollte man akzeptieren und seine Einstellung dazu verändern.

Resignation oder der Rückzug aus der Verantwortung für sich und sein Verhalten sind nicht hilfreich. Sie lähmen uns, statt unsere Fähigkeiten zum Vorschein zu bringen. Unseren Alterungsprozess können wir beispielsweise nicht verhindern. Wir können durch körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und positive Einstellungen etwas dafür tun, um möglichst lange eine gute Lebensqualität zu erhalten. Stellen sich körperliche Veränderungen oder gar Gebrechen ein, können wir unseren Blick darauf lenken, was uns an Möglichkeiten bleibt, statt darauf, was wir verloren haben.

Wie sieht ein angemessener Umgang mit sogenannten Schwächen aus? Was wäre ein unangemessener Umgang?

Zunächst einmal müssen wir uns fragen "angemessener Umgang wofür?" Gehen wir davon aus, dass wir ein inneres Gleichgewicht erreichen oder erhalten wollen, dann sind folgende Strategien hilfreich:

- Hinterfragen Sie zunächst, wer diese Eigenschaft oder Verhaltensweise als Schwäche bewertet. Nach wessen Kriterien beurteilen Sie Ihr Verhalten? Entscheiden Sie ganz bewusst, ob Sie diese Bewertungskriterien übernehmen wollen.

- Wenn Sie dieses Verhalten als Schwäche ansehen wollen, was wollen Sie dann mit Ihrer Schwäche machen?

Sie haben mehrere Möglichkeiten mit Schwächen umzugehen

Wenig hilfreiche Strategien wie z. B.

- Sie können deshalb mit dem Schicksal hadern.
- Sie können diesen Teil von sich ablehnen und hassen.
- Sie können sich wegen dieser Schwäche generell ablehnen und als minderwertig ansehen.
- Sie können anderen die Schuld daran geben, dass Sie diese Schwäche besitzen.
- Sie können Ihren Schmerz über die Schwäche mit Alkohol oder anderen Suchtmitteln betäuben.
- Sie können sich in Selbstmitleid und Depressionen flüchten.
- Sie können Neid und Hass auf andere, die die Schwäche nicht haben, aufbauen.
- Sie können sich in ständige Anspannung versetzen.
- Sie können sich Angst davor machen, dass andere Ihre Schwäche erkennen und Sie ablehnen könnten.
- Sie können sich viel Spaß und Entwicklungsmöglichkeiten nehmen und bestimmte Situationen vermeiden - aus Angst, die Schwäche käme zum Vorschein.

Hilfreiche Strategien sind z. B.:

- Sie können diese Schwäche annehmen und als einen Teil unter vielen anderen Qualitäten von sich sehen.
- Sie können sich überlegen, wie Sie die Schwäche in eine Stärke umwandeln können, und konkrete Schritte hierzu unternehmen.
- Sie können dieser Schwäche einen Sinn in Ihrem Leben geben.
- Sie können überlegen, wie Sie die Schwäche begrenzen können.
- Sie können Ihren Blick auf Ihre Stärken lenken.
- Sie können sich mit anderen zusammentun, die ebenfalls diese Schwäche haben und sich gegenseitig unterstützen.
- Sie können anderen verzeihen, die dazu beigetragen haben, dass Sie diese Schwäche haben.
- Sie können diese Schwäche als Ansporn und besondere Aufgabe in Ihrem Leben sehen.
- Sie können ein Risiko eingehen, Neues wagen und immer wieder einmal erproben, wie stark Sie Ihre Schwäche noch eingrenzt.
- Sie können sich Vorbilder suchen, die die Schwäche überwunden haben, und diese nachahmen.

© 1999-2010 PAL Verlag - Mit persönlichen Schwächen umgehen - Schwächen in Stärken verwandeln
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