Notlügen

Sind kleine Lügen erlaubt oder gar wichtig?

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Dr. Doris Wolf
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Weshalb wir nicht ohne Notlügen auskommen


Dr. Doris Wolf, Expertin für soziale Angst Dr. Doris Wolf, Diplom Psychologin

<Ehrlich währt am längsten>, <Lügen haben kurze Beine>, <Du sollst nicht lügen ( achtes Gebot)> - mit diesen Sprichwörtern und Geboten sind die meisten von uns groß geworden. Auch die großen Philosophen von Aristoteles über Augustinus bis hin zu Immanuel Kant werteten die Lüge als unmoralisch und verwerflich.

Und doch machen wir fast alle Ausnahmen: Wir gestatten uns kleine Notlügen. Manchmal verspüren wir dabei ein schlechtes Gewissen. Häufig haben wir sogar ein gutes Gefühl dabei. Was sich hinter Notlügen verbirgt und welche Funktion sie in unserem Leben haben, das soll hier unser Thema sein.

Die Wahrheit übers Lügen

Britische Experten ermittelten, dass der Mensch durchschnittlich rund 200 mal pro Tag lügt. Amerikanische Experten kamen in ihrer Statistik nur auf 50 mal pro Tag.

Die Zahl ist aber eher unwichtig. Es geht darum, dass wir tatsächlich häufig Notlügen einsetzen. Das können Sie nicht glauben? Nun, dann überlegen Sie einmal, ob Sie heute dem Nachbarn höflich "Guten Tag" gewünscht haben, obwohl Sie ihm am liebsten einen schlechten Tag gegönnt hätten. Oder haben Sie auf die Frage "Wie geht’s?" etwa mit "gut" geantwortet, obwohl Ihnen heute besonders viele Sorgen durch den Kopf gehen und das Rheuma in den Knochen schmerzt? Haben Sie schon einmal auf ein Geschenk freudig erregt reagiert, obwohl Sie es scheußlich fanden? Wie häufig wir Notlügen einsetzen, ist uns oft gar nicht so klar bewusst. Beispielsweise ist nur bei einem von 10 Geschenken die Freude echt.

Warum lügen wir - welche Motive stecken hinter den Notlügen?

- Wir lügen aus Höflichkeit: "Das schmeckt gut". "Der Nachmittag war sehr schön mit Ihnen".
- Wir lügen, weil wir dem anderen Enttäuschungen ersparen wollen: "Ich melde mich wieder". "Das steht Ihnen gut". "Das Geschenk gefällt mir gut". "Ich kann leider nicht zu deinem Geburtstag kommen. Mir geht es nicht gut".
- Wir lügen, um anderen nicht wehzutun, um sie zu schützen oder zu verteidigen: "Du siehst großartig aus" (obwohl er schlecht aussieht). "Mit Ihnen geht es wieder aufwärts", sagt beispielsweise der Arzt und verschweigt die geringe Lebenserwartung. Anwälte, Steuerberater und Werbefachleute werden dafür bezahlt, das Beste für ihre Mandanten herauszuholen.
- Wir lügen aus Angst vor Konflikten und um Verantwortung nicht tragen zu müssen: "Ich habe nichts davon gewusst".
- Wir lügen, weil wir die Missbilligung anderer nicht aushalten wollen und um freundlicher, klüger, anständiger und freundlicher zu erscheinen.
- Wir lügen aus Scham: "Ich war es nicht".
- Wir lügen, weil wir besser dastehen wollen oder um Mitleid zu bekommen. Beispielsweise übertreiben wir den Streit mit der Tochter ein wenig.
- Wir lügen, weil wir unsere Gefühle und Meinung verbergen wollen. Dahinter verbirgt sich die Angst vor Ablehnung.

Laut einiger Untersuchungen soll es geschlechtsspezifische Unterschiede geben: Frauen lügen vorwiegend, um zu motivieren, zu trösten und nicht zu verletzen. Männer lügen, weil sie gut dastehen wollen. Am leichtesten fallen uns Notlügen, wenn wir unser Gegenüber nicht so gut kennen oder mit ihm nur am Telefon sprechen.

Kann man erkennen, wenn jemand lügt?

Ja, ein Blick auf die Körpersprache hilft. Für unseren Körper bedeutet jede vorsätzliche Schwindelei Stress, der sich dann im vegetativen Nervensystem niederschlägt.

Wenn unser Gegenüber lügt, gefriert sein Lächeln, die Lippen werden aufeinander gepresst. Seine Pupillen erweitern sich, er blinzelt häufiger. Seine Stimme wird beim Lügen höher und enger. Seine Redeweise wirkt übertrieben, zu schnell, zu viel, zu sehr in Einzelheiten verzettelt. Er gestikuliert vielleicht mehr als sonst. Allerdings steuern routinierte Lügner diesen Körperreaktionen entgegen. Sie sprechen bewusst "sonor" und kneten stocksteif die Hände.

Wann sind Notlügen erlaubt?

73 Prozent aller Deutschen sind der Meinung, dass es Situationen gibt, in denen man Lügen muss - beispielsweise aus Höflichkeit, Rücksicht, Mitleid, Liebe und um andere zu schützen. Im Widerspruch dazu steht, daß 74 Prozent sich tief verletzt fühlen, wenn sie herausfinden, dass sie belogen wurden.

"Wenn die Wahrheit nur verletzen und entmutigen würde, ist man zum Lügen verpflichtet", so das Credo des Wiener Sozialwissenschaftlers Peter Stiegnitz. Er ist der Ansicht, dass alle Menschen lügen und sie die Basis unserer Existenz sei. Würden, seiner Meinung nach, alle Menschen die Wahrheit sagen, bräche das soziale Gefüge zusammen.

Ich persönlich vertrete die Ansicht, dass wir uns bewusst machen sollen, wann wir lügen. Wenn die Lügen weitere Konsequenzen für unser Zusammenleben haben, machen wir es uns unnötig schwer, wenn wir lügen. Es kostet nämlich viel Kraft, das Lügengebäude aufrechtzuerhalten. Ganz ohne Notlügen werden wir sicher nicht auskommen, denn keiner von uns will andere verletzen und beleidigen.

Die positive Seite an Notlügen ist, dass sie das Zusammenleben erträglicher machen. Notlügen können das Gute im Menschen wecken, seine Kreativität und Hilfsbereitschaft fördern und dazu beitragen, dass wir alle netter miteinander umgehen. Wenn wir sie nicht einsetzen, um Vorteile daraus zu ziehen und dem anderen zu schaden, sind sie wie Öl im Getriebe. im Übrigen ist einfach den Mund zu halten und etwas zu verschweigen auch nicht besser als Lügen.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von David Nyberg, Professor an der State University in New York: "Die körperliche und seelische Unversehrtheit unserer Mitmenschen, ihr Wohlergehen und ihre Würde sind höhere Werte als die Wahrheit".

Wir sollten von uns nicht fordern, immer die Wahrheit zu sagen, jedoch ganz bewusst aus der jeweiligen Lebenssituation heraus entscheiden, wie wir wen worüber und wie lange täuschen.

Liebe Leserin, lieber Leser, wir haben uns mit einem schwierigen Thema befasst. Ich wünsche Ihnen, dass Sie den für Sie richtigen Maßstab finden zwischen Wahrheit und Notlüge, so dass Sie immer wieder neu Frieden in Ihrem Innern und in Verbindung mit anderen verspüren können.

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