Wie können wir einem Menschen helfen, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, der an einer chronischen Erkrankung leidet?
Die Betreuung und Pflege eines chronisch kranken Menschen kostet Angehörige viel Kraft. Wie einem Menschen mit einer chronischen Behinderung helfen?
Eine chronisch verlaufende Erkrankung (zum Beispiel Diabetes, Rheuma oder MS) oder auch ein einmaliges Ereignis, das eine dauerhafte Behinderung nach sich zieht (wie z.B. ein Schlaganfall oder schwerer Unfall), kann bei Betroffenen zu einer seelischen Erkrankung führen - etwa zu Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung, zu einer Verbitterungsstörung oder zu Depressionen.
Was können wir tun, um dem Betroffenen seine Ängste zu nehmen? Wie können wir ihm Mut machen, die Möglichkeiten auszuschöpfen, die ihm bleiben? Womit können wir ihn trösten, auch wenn er nie mehr völlig gesund werden wird? Meist, insbesondere als Angehöriger, kommen wir auch mit unseren eigenen Gefühlen, Lebenseinstellungen und Zielen in Berührung.
Was bedeutet seine Erkrankung für unser Leben? Wie gehen wir prinzipiell mit der Endlichkeit und dem Tod um? Woraus beziehen wir Kraft? Stellt seine Erkrankung unser Lebenskonzept in Frage?
Sie müssen wissen, welche körperlichen und seelischen Auswirkungen die Erkrankung haben kann. Nur so können Sie einschätzen, was in dem Betroffenen vorgeht, und sich einfühlen.
Wenn ein Mensch unerwartet mit einer schweren Erkrankung und bleibenden körperlichen Schäden konfrontiert wird, dann durchläuft er gewöhnlich verschiedene Phasen des Umgangs damit.
Sie können hierzu die Erfahrungen von anderen Menschen nutzen, denn schlimme Dinge passieren auch anderen Menschen:
Wahrscheinlich wird als erste Antwort kommen, dass sein Leben so wie früher sein sollte. Lassen Sie es nicht bei dieser Antwort bewenden, sondern fragen Sie ihn, was sein jetziges Leben ein bisschen lebenswerter machen könnte. Lassen Sie ihn möglichst viele unterschiedliche Vorschläge machen. Je mehr Möglichkeiten er findet, umso mehr Lebensmut fasst er.
Will er beispielsweise die Hochzeit seines Kindes erleben? Gibt es noch eine Aufgabe, die er sich für sein Leben vorgenommen hat? Ist er gläubig? Will er seiner Familie ein Vorbild sein?
Nehmen Sie ihm nicht alles ab. Suchen Sie nach Aufgaben, die er erledigen kann und bei denen er Erfolgserlebnisse hat. Es ist wichtig für ihn, zu erleben, dass er einen Beitrag leisten kann.
Loben Sie jede kleinste Aktivität und jeden Schritt aus der Hoffnungslosigkeit. Später genügt es, nur noch die weiteren Fortschritte zu loben und sich mit ihm darüber zu freuen.
Erkrankte neigen dazu, ihren Blick darauf zu lenken, was sie alles nicht mehr tun können. Eine Erfolgsliste lenkt deshalb die Aufmerksamkeit auf das, was noch funktioniert.
Beschäftigen Sie ihn mit den Fragen: "Was habe ich jetzt noch an Möglichkeiten, Freude zu empfinden? Wie kann ich meinen Körper entspannen und weniger Schmerzen verspüren? Wie kann ich mir und meinem Körper heute etwas Positives tun? Was möchte ich heute Schönes erleben? Wie kann ich meine Lebensqualität noch weiter steigern? Was habe ich noch an Möglichkeiten, mein Leben zu gestalten?
Versuchen Sie ihn zu überreden, Dinge auszuprobieren. Wenn er jeden Ihrer Vorschläge sofort abtut, können Sie sich vielleicht darauf einigen, dass er ihn einmal ausprobiert und dann entscheidet, ob er etwas bringt.
Beispielsweise kann er jetzt mehr Zeit für seine Familie haben oder sich besser in andere Menschen hineinversetzen. Vielleicht kann er nun kleine Freuden mehr genießen und er lebt bewusster.
Manchmal hilft es dem Betroffenen, wenn man seinen Blick darauf lenkt, was er gewinnt, wenn er aktiv wird und die Möglichkeiten nutzt, die er noch hat. Die Fragen lauten dabei: "Was kann ich gewinnen, wenn ich ... tue? Was könnte ich verlieren?"
Letztlich kann kein Arzt genau sagen, wie sich eine Erkrankung entwickelt bzw. welche Einschränkungen ein Patient durch die Erkrankung haben wird. Immer spielt hier auch die Einstellung des Betroffenen hinein. Ermutigen Sie ihn deshalb, immer wieder die Grenzen auszuloten.
Seien Sie geduldig und bieten Sie immer wieder etwas an, auch wenn Sie oft ein Nein hören.
Wenn der Betroffene religiös oder in anderer Form spirituell interessiert ist, kann er in seiner Erkrankung vielleicht einen tieferen Sinn finden. Er entdeckt möglicherweise eine Aufgabe für sein Leben, die sich erst durch seine Erkrankung für ihn auftut.
Gehen Sie mit ihm zu einem Psychotherapeuten, wenn Sie bemerken, dass der Betroffene sich immer mehr in sich zurückzieht und sich aufgibt. In einer Psychotherapie kann der Betroffene lernen, seine Erkrankung zu akzeptieren, anstatt mit dem Schicksal zu hadern. Er kann über seine Ängste sprechen.
Nach einer schweren Diagnose mag es sein, dass der Betroffene sich so zu verhalten versucht, als ob er nach kurzer Zeit sein altes Leben wieder aufnehmen könne. Er kann/will nicht glauben, dass es einen solchen lebensverändernden Einschnitt in seinem Leben gegeben hat. Es ist eine Art Selbstschutz, um nicht von dem Verlust und dem damit verbundenen Schmerz übermannt zu werden.
In dieser Phase sollten Sie erst einmal die Sichtweise des Betroffenen akzeptieren. Sie brauchen ihn deshalb nicht anzulügen, sondern auf „Zeit spielen“. So können Sie ihm z.B. sagen, dass Sie nicht jetzt, sondern später darüber sprechen oder das Weiterleben planen werden.
Wenn Sie ihm jetzt die Hoffnung nehmen, dann schwächen Sie ihn in seinem Lebensmut. Auch Ärzte wissen gewöhnlich bei der schlimmsten körperlichen Verfassung nicht, wie weit der Körper heilen kann und wo er z.B. alternative Bewältigungsstrategien entwickelt.
In dieser Phase wird dem Betroffenen das ganze Ausmaß seiner möglichen Beeinträchtigungen bewusst. Er neigt dazu, die Folgen seiner Beeinträchtigung zu überschätzen, fühlt sich hilflos, ohne Hoffnung und reagiert mit Depressionen. Die Verunsicherung ist groß, er hat das Vertrauen in seinen Körper verloren, hat Angst vor der Zukunft, vor dem Leiden und Angst vor dem Sterben.
Gewöhnlich gibt es auch einen Zeitraum, in dem er aggressiv reagiert, die Einnahme von Medikamenten und Krankengymnastik verweigert, keine Hilfsmittel nutzen will etc. Er hadert mit Gott und der Welt. Außerdem leidet er unter Selbstzweifeln, glaubt, jetzt nichts mehr wert zu sein.
In dieser Phase ist es wichtig, im Gespräch mit dem Betroffenen zu bleiben. Es ist ganz normal, was er durchlebt. Hören Sie ihm zu und reden Sie ihm seine Gefühle nicht aus. Er verspürt diese Gefühle, auch wenn sie aus Ihrer Sicht vielleicht unangemessen und übertrieben erscheinen. Wenn er wichtige Medikamente verweigert, bieten Sie all Ihre Autorität auf und ermutigen ihn, die Medikamente einzunehmen. Er darf ruhig sauer sein, wenn er seine Medikamente nimmt.
Wenn alles gut läuft, kommt der Betroffene an einen Punkt, an dem er sich an den Gedanken gewöhnt hat, dass die Welt für ihn nicht mehr so sein wird, wie sie vor seiner Erkrankung war. Er verwendet seine Kraft nun darauf, sich mit dem neuen Leben zu arrangieren.
Für Sie wird es nun leichter, denn dadurch, dass der Betroffene ruhiger und gelassener ist, können auch Sie wieder Kräfte sammeln. Sie verspüren Hoffnung, das Schicksal gemeinsam meistern zu können.
Manche Betroffene wachsen an diesem Punkt über sich hinaus, nutzen ihre Behinderung, um nochmals ein völlig neues Leben zu starten, bauen z.B. eine neue Firma auf, schreiben ein Buch über ihre Erfahrungen oder halten Vorträge, um anderen Betroffenen Mut zu machen.
Schauen Sie hier: Leben mit einer körperlichen Behinderung
Diese verschiedenen Phasen sind ganz normal. Leichte Traurigkeit und Bedauern, Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und eine Unzufriedenheit treten immer wieder auf. Manche Menschen bleiben in der 1. bzw. 2. Phase stecken. Dann benötigen Sie weitere Strategien, um den Betroffenen zu unterstützen.
Wenn ein Angehöriger an einer chronischen Krankheit erkrankt, dann bedeutet das für Sie, dass sich auch Ihr Leben verändert. Auch Sie müssen wahrscheinlich Ihren Alltag umkrempeln und von Lebensträumen Abschied nehmen.
Sie müssen damit umgehen, wenn sich vielleicht auch die Persönlichkeit Ihres Partners ändert, er Ihnen gegenüber aggressiv, verbittert oder depressiv wird. Sie müssen damit umgehen, wenn der Betroffene überhaupt nichts über sich und die Erkrankung erzählen will oder nur noch die Krankheit Thema ist.
Sie sind unsicher, ob Sie mit ihm über Tod und Sterben sprechen sollen oder haben Angst, ihn zu verlieren. Sie quälen sich vielleicht mit Ängsten, wie das Leben weitergehen soll, ob Sie finanzielle Probleme bekommen, ob Sie der Verantwortung gewachsen sind, was noch alles Schlimmes auf Sie zukommen wird usw.
Wenn der Betroffene Tag und Nacht umfassende Pflege benötigt, sind Sie gefährdet, sich zu überfordern. Vielleicht machen Sie sich auch Vorwürfe, dass Sie den Betroffenen nicht früher zum Arzt geschickt haben.
Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Möglichkeiten vorschlagen, wie Sie emotional mit dieser Situation umgehen können.
Wenn sich Ihrem Leben grundsätzlich etwas zum Negativen verändert, was Sie nicht eingeplant haben, dann müssen Sie erst lernen, die neue Situation anzunehmen und Ihr Leben darauf einzustellen. Dazu brauchen Sie Zeit und verspüren viele unterschiedliche Gefühle wie z.B. Hilflosigkeit, Angst, Wut, Verunsicherung, Verzweiflung und Mitleid. Ausführlich beschrieben finden Sie mögliche Reaktionen in einer Krise hier: Hilfe für Angehörige seelisch kranker Menschen und Hilfe für Angehörige depressiver Menschen.
Dort erhalten Sie fast immer Informationsbroschüren und auch die Adressen einer Kontaktperson in Ihrer Nähe, bei der Sie sich über Hilfsmöglichkeiten beraten lassen können.
Es kann Sie entlasten, wenn Sie hören, dass andere Angehörige ähnliche Probleme wie Sie haben oder gehabt haben. Dort treffen Sie Menschen, die vieles bereits gemeistert haben, was noch vor Ihnen liegt. So gelangen Sie ein Stück aus Ihrer Mut- und Hoffnungslosigkeit. Sie können hier auch offen über Ihre Ängste und Verzweiflung sprechen, die Sie vielleicht vor dem Erkrankten verbergen möchten. Eine Selbsthilfegruppe ist oftmals auch der Ort, wo man Adressen von Ärzten und Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten bekommt.
Wenn Sie ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat, dann könnte die Gefahr bestehen, dass Sie sich von Ihrem Freundeskreis zurückziehen. Vielleicht glauben Sie, dass keiner Ihre Lage verstehen könne und Sie nie mehr so unbeschwert mit Ihren Freunden lachen können wie früher. Vielleicht geht der Rückzug aber auch von Ihren Freunden aus, weil sie unsicher sind, wie sie sich dem Erkrankten gegenüber verhalten sollen oder Angst vor der Konfrontation mit Krankheit und Schmerz haben. Halten Sie dennoch, wenn möglich, wenigstens zu dem einen oder anderen Kontakt. Es sind Vertraute, mit denen Sie eine gemeinsame Geschichte verbindet. Geben Sie ihnen Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen.
Sorgen Sie dafür, dass Sie immer wieder mal eine Auszeit von der Betreuung des Angehörigen nehmen und für kurze Zeit unbeschwert sein können. Gönnen Sie sich eine Massage, einen schönen Spaziergang, ein Besuch im Museum, etwas, das Ihnen guttut. Durch eine solche Auszeit können Sie wieder Kräfte sammeln und spüren, dass das Leben draußen weitergeht.
Ein Psychotherapeut kann Ihnen helfen, wenn Sie stark unter Ängsten leiden, verzweifelt sind, dazu neigen, sich zu überfordern, oder unsicher sind, wie Sie am besten mit dem Betroffenen umgehen sollen. Er kann mit Ihnen nach Möglichkeiten suchen und Ihnen Strategien vorschlagen, wie Sie die Situation akzeptieren und ein wenig Lebensfreude verspüren können. Einen Therapeuten in Ihrer Nähe finden Sie in der Psychotherapeutensuche.
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Doch es gibt ( Psycho)Therapeuten, die Hausbesuche machen, wenn Sie gerade Therapeplätze frei haben... Kann man über die Fachgesellschaften z.B. Milton Erickson (Hypnosetherapie) erfragen!
Hallo, es würde mich interessieren, wenn man selber in der Lage ist, gesundheitlich nicht mehr das Haus verlässt, weil alles viel Kraft kostet z.B durch Rückenschmerzen, durch das steigene Übergewicht und Atemnot .. wer hilft, Hausärtze machen nicht alle Hausbesuche. Lange Wege kann man nicht mehr gehen ohne Hilfe. Therapeuten besuchen ebenfalls nicht zu Hause, wo kann kann man Hilfe als Unterstützung befristet beantragen, das wenn man alleine ist, keinen hat, hilft. Denn esist so, alle ziehen sich zurück. Man fragt auch nicht mehr. Soviele gute Tipps, aber wer kommt nach Hause, um Hilfe u.a. zu beantragen usw.
Hallo,unter "Was tun, um einem chronisch kranken Menschen zu helfen(...)." - schreiben sie man solle fragen "was sein jetziges Leben ein bisschen lebenswerter machen könnte". Dies ist aus meiner Sicht die falsche Frage, denn sie impliziert, dass das bisherige mit der Krankheit gelebte Leben eben nicht lebenswert gewesen ist. Zudem schwingt eine - sicherlich ungewollte- Herabwertung dieses Menschen mit, denn zu entscheiden, was lebenswert ist und was nicht, obliegt nur jedem selbst. Ferner denke ich, dass Angehörige sich auch ruhig längeres Unbeschwertsein zugestehen dürfen und sollten. Denn hier liegt auch ein Schwerpunkt: Der Angehörige wird oft zum Rückrat für den Kranken und für sich selbst. Insoweit muss gerade dieser mit seiner Energiebilanz perfekt haushalten. Neue Kraft schöpft man vor allem auch, indem man sich wieder über die eigenen Bedürfnisse klar wird und sich zugesteht, sich zu entspannen, mit Freunden Spaß zu haben, sofern dies möglich ist.Insgesamt ist dies jedoch ein guter Artikel.
Ich pflege seit vielen Jahren meinen demenzkranken Mann. Das kostet viel Kraft. Danke für Ihre hilfreichen Tipps.