Sich als Versager fühlen

Mann ist verzweifelt, er hält sich für einen Versager

Aufgrund negativer Erfahrungen in der Kindheit fühlen sich viele Erwachsene als totale Versager - als Mensch, im Beruf und in der Liebe. Alle anderen sind beliebter, erfolgreicher und besser, so scheint es.

Wie das Gefühl, ein Versager zu sein und ständig alles falsch zu machen überwinden? - Bild © cirquedesprit - Fotolia.com

© Autor: Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut

Checkliste: Fühlen Sie sich als Versager?
Markieren Sie diejenigen Fragen, denen Sie zustimmen.

Haben Sie oft oder ständig das Gefühl, zu versagen?

Haben Sie Angst, Ihr Chef, Ihre Kollegen, Ihr Partner und Ihre Freunde könnten erkennen, dass Sie nicht so kompetent sind, wie Sie scheinen?

Haben Sie Angst, andere könnten Ihnen auf die Schliche kommen und Sie als Blender und Betrüger entlarven?

Glauben Sie, alle hinters Licht zu führen, indem Sie diesen vormachen, Sie seien kompetent.

Halten Sie sich für weniger kompetent, intelligent und begabt als andere?

Sind Sie im Beruf erfolgreich, haben dennoch aber das Gefühl, ein Versager zu sein?

Glauben Sie, andere halten Sie für intelligenter, erfolgreicher und begabter, als Sie es tatsächlich sind?

Halten Sie sich für einen Versager?

Halten Sie sich für dumm und unbegabt?

Haben Sie das Gefühl, in Ihrem Leben versagt zu haben?

Vermeiden Sie es, sich Herausforderungen zu stellen, Neues zu wagen oder sich weiterzubilden, weil Sie Angst haben, zu scheitern?

Denken Sie geringschätzig über Ihre positiven Eigenschaften bzw. glauben, keine zu haben?

Denken Sie oft an Ihre schlechten Seiten, Fehler und Mängel?

Halten Sie Ihre beruflichen Erfolge als ungerechtfertigt und unverdient?

Auswertung

Wenn Sie mehrere Fragen mit Ja beantworten konnten, dann leiden Sie unter einem Versagersyndrom.

Schauen Sie sich meine nachfolgenden Strategien an, wie Sie das Gefühl, ein Versager zu sein, überwinden können.

Wie das Gefühl überwinden, ein Versager zu sein?

Schritt 1: Schauen Sie der Wahrheit ins Auge

Entspricht es den Tatsachen, dass Sie ein Versager sind? Wo sind die Beweise, dass Sie dumm und unbegabt sind? Haben Sie vielleicht nur so ein diffuses Gefühl, ein Versager zu sein?

Definieren Sie einmal, was ein Versager ist. In meinen Augen ist das jemand, der auf der ganzen Linie und bei allem, was er in seinem Leben angepackt hat, versagt hat. Trifft das auf Sie zu?

Wohl kaum. Sie haben vermutlich einen Schulabschluss, vielleicht sogar einen Universitätsabschluss. Sie haben vermutlich einen Führerschein. Sie haben vermutlich eine Familie oder haben ein Kind großgezogen.

Sie haben vielleicht sportliche Auszeichnungen aus der Schulzeit. Sie wurden vielleicht im Laufe Ihres Berufslebens befördert und bekommen mehr Gehalt.

Ergänzen Sie meine Liste durch weiteres, was Sie erreicht haben!

Sieht so ein Versager aus? Wohl kaum. Gut, Sie hätten vielleicht mehr erreichen können. Sie sind vielleicht beruflich hinter Ihren Möglichkeiten zurückgeblieben. Andere haben vielleicht mehr erreicht als Sie.

Haben Sie noch Kontakt zu Mitschülern, Kommilitonen oder Personen, mit denen Sie eine Ausbildung gemacht haben?

Haben es diese weiter gebracht als Sie? Haben diese mehr erreicht als Sie? Sind welche darunter, die ihr Studium, ihre Ausbildung, ihren Beruf abgebrochen haben? Sind welche darunter, die bereits schon wieder geschieden sind?

Machen Sie eine Liste von all diesen Personen und notieren, wo Sie im Vergleich zu diesen stehen. Sie werden feststellen: es gibt welche, die hinsichtlich des beruflichen Erfolgs schlechter abschneiden als Sie, andere werden besser abschneiden als Sie.

Mit anderen Worten: Sie sind vielleicht Mittelmaß. Aber ein Versager? Auch wenn Sie in der Vergangenheit nicht all Ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten ausgeschöpft haben, haben Sie manches erreicht und geleistet.

So sieht kein Versager aus!

Jeder ist ein Genie. Aber wenn sich ein Fisch danach bewertet, ob er auf einen Baum klettern kann, dann lebt er sein ganzes Leben in dem Glauben, er wäre dumm. Albert Einstein

Vielleicht sind Sie ein Fisch und im Wasser sind Sie in Ihrem Element. An Land kommen Sie nicht gut zurecht.

Finden Sie heraus, wo Ihre Stärken liegen und hören auf, sich als Versager zu sehen.

Sehen Sie der Wahrheit ins Auge. Sie sind ein Mensch, der manches kann und erreicht hat, manches werden Sie nie lernen und erreichen!

Vielleicht haben Sie bisher Ihre Möglichkeiten nicht ausgeschöpft und hätten mehr im Leben erreichen können.

Dieses Los teilen Sie mit der Mehrheit aller Menschen. Die wenigsten Menschen nutzen ihr ganzes Potenzial. Kein Grund, sich deshalb als Versager abzustempeln!

Schritt 2: Ergründen Sie die Ursache Ihres Gefühls, ein Versager zu sein.

Das Gefühl, ein Versager zu sein, tragen Sie vermutlich schon sehr lange mit sich herum. Es ist wahrscheinlich in Ihrer Kindheit entstanden.

Vielleicht hat Ihnen Ihr Vater immer wieder gesagt, dass Sie es zu nichts bringen werden. Vielleicht konnten Sie Ihren Eltern nie etwas gut genug machen.

Vielleicht haben Ihre Eltern Sie immer nur gerügt und kritisiert, nie aber gelobt. Vielleicht konnten Sie Ihren Eltern nie etwas richtig machen.

Vielleicht haben Ihnen Ihre Eltern oft das Gefühl gegeben, unbegabt und dumm zu sein. Vielleicht hatten Sie einen Bruder oder eine Schwester, die von den Eltern für kompetenter und tüchtiger gehalten wurden.

Notieren Sie, welche Worte und Verhaltensweisen Ihrer Eltern Ihnen damals das Gefühl gaben, nicht in Ordnung zu sein und zu versagen.

Diese Übung kann Ihnen zu der Einsicht verhelfen, woher Ihr Gefühl, ein Versager zu sein, kommt.

Sie werden feststellen, dass Ihre Eltern Sie als Kind entmutigt, kritisiert und wenig unterstützt haben und deshalb zweifeln Sie heute an sich!

Ihre Selbstzweifel und Ihr negatives Selbstbild sind das Ergebnis Ihrer Sozialisation und entbehren jeglicher objektiven Grundlage!

Ihr Job als Erwachsener ist es, diesen Mist aus Ihrer Vergangenheit loszulassen und damit aufzuhören, ihn ständig zu wiederholen!

Schritt 3: Teilen Sie Ihren Eltern Ihre Enttäuschung mit.

Drücken Sie Ihren Ärger und Ihre Wut darüber aus, dass Ihre Eltern Ihnen das Gefühl gaben, nichts zu taugen und nicht in Ordnung zu sein.

Sie können das in Form eines Briefes(den Sie abschicken können oder auch nicht), in Form von Vorstellungsübungen oder direkt tun.

Sagen Sie Ihren Eltern, wie sehr es Sie damals verletzt und gekränkt hat - und vielleicht auch heute noch verletzt, für einen Versager gehalten zu werden.

Sagen Sie ihnen, wie sehr Sie heute darunter leiden, nicht für kompetent gehalten worden zu sein. Sagen Sie ihnen, wie sehr Sie sich als Kind/Jugendlicher gewünscht haben, von ihnen unterstützt und so angenommen zu werden, wie Sie waren.

Nehmen Sie die Worte und Verhaltensweisen, die Sie in Schritt 2 notiert haben.

Peter, ein Klient, formulierte folgende Worte:

Lieber Vater. Ich habe von dir nie gehört, dass du auf mich stolz bist. Ich konnte dir nie etwas Recht machen. Nie hattest du ein gutes Wort für mich übrig. Ich hatte ständig das Gefühl, alles falsch zu machen. Du hast mir ständig das Gefühl vermittelt, dass ich dumm und unfähig bin. Ich kam mir wie ein Versager vor.

Heute weiß ich, dass du Unrecht hattest. Ich habe meine Fehler und Schwächen wie jeder andere Mensch auch. Ich habe das Beste aus mir und meinem Leben gemacht, was mir möglich war. Ich hätte vielleicht mehr erreicht, wenn ich nicht ständig das Gefühl gehabt hätte, ein Versager zu sein und keine Angst gehabt hätte, zu scheitern.

Sie können diese Worte in einem Brief an die Eltern formulieren. Sie müssen den Brief nicht abschicken. Es reicht, sich diese Worte von der Seele zu schreiben. Das kann genauso befreiend und befriedigend sein.

Sie können Ihre Eltern auch in einem Gespräch damit konfrontieren. Seien Sie in diesem Fall darauf gefasst, dass Ihre Eltern Ihre Worte anzweifeln und abstreiten werden.

Schließlich wollten Ihre Eltern nur Ihr Bestes und wollen es immer noch. Lassen Sie sich auf keine Diskussion ein, ob Sie oder Ihre Eltern Recht haben.

Sie können Ihre Eltern nicht überzeugen und schon gar nicht ändern. Sie können nur sich ändern. Das ist Ihr Job!

Es kommt nur darauf an, Ihren Eltern mitzuteilen, wie Sie diese damals erlebt haben. Es geht nicht darum, dass sich Ihre Eltern entschuldigen oder einsehen, dass sie falsch gehandelt haben.

Und schon gar nicht geht es darum, dass Ihre Eltern durch Ihre Worte Schuldgefühle bekommen.

Sie können diese Worte an Ihre Eltern auch in einer Vorstellungsübung formulieren.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu Ihrem Vater oder Ihrer Mutter und teilen diesen Ihre Enttäuschung und Ihren Frust mit.

Schritt 4: Stärken Sie Ihre Selbstachtung.

Ihre Selbstachtung und Ihr Selbstwertgefühl sind sehr geschwächt. Diese gilt es in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren zu stärken.

a) Wann immer diese Stimme in Ihnen auftaucht, die Ihnen suggeriert, dass Sie ein Versager sind und nichts taugen, stoppen Sie diese, indem Sie innerlich oder laut STOP rufen. Sehen Sie dann der Wahrheit ins Auge (s. Schritt 1). Dies werden Sie hunderte oder gar tausende Male tun müssen. Im Laufe der Zeit wird diese negative Stimme in Ihnen an Einfluss verlieren.

b) Schließen Sie Frieden mit negativen Seiten von Ihnen - lernen Sie, sich zu verzeihen.

Es gibt vermutlich Vieles, das Sie an sich verurteilen und ablehnen. Alles, was Sie an sich ablehnen, ist eine ständige Quelle der Unzufriedenheit und nährt Ihre Selbstverachtung immer wieder aufs Neue.

Deshalb ist es wichtig, dass Sie Frieden schließen mit Ihren negativen Seiten!

Machen Sie eine Liste mit den 10 schlimmsten Eigenschaften und Verhaltensweisen, die Sie an sich ablehnen.

Nun sagen Sie sich wohlwollend (!) und mit einem Lächeln (!) auf den Lippen: »Peter, (setzen Sie Ihren Vornamen ein) auch wenn du manchmal ...« (setzen Sie hier ein, was an erster Stelle Ihrer Liste steht), »ich verzeihe dir das. Du bist liebenswert.«

Also z.B.: »Peter, auch wenn du manchmal aufbrausend und ungerecht bist, ich verzeihe dir das. Du bist liebenswert.« Oder: »Auch wenn du manchmal neidisch bist, ich verzeihe dir das. Du bist liebenswert.« Oder: »Auch wenn du manchmal eifersüchtig bist, ich verzeihe dir das. Du bist liebenswert.«

Reden Sie sich also in der Du-Form und mit Ihrem Vornahmen an. Das ist wirkungsvoller, als wenn Sie in der Ich-Form zu sich sprechen!

Ein Moment der Schwäche macht aus dir keinen Schwächling!

Nehmen Sie sich nach und nach alle Punkte Ihrer Liste vor und verfahren genauso.

Wiederholen Sie diese Übung in den nächsten Wochen und Monaten so lange, bis Sie das Gefühl haben, sich diese Eigenschaften und Verhaltensweisen verzeihen zu können.

Der Mensch, mit dem du die meiste Zeit deines Lebens verbringst, bist du.

Sei dir also nicht dein größter Feind!

Der Aufbau eines gesunden Selbstvertrauens braucht viel Zeit und noch mehr Übung. Haben Sie Geduld mit sich.

Mehr darüber, wie Sie Ihre Selbstachtung stärken können, erfahren Sie hier: Von Selbstablehnung zu dauerhafter Selbstachtung

Schritt 5: Tun Sie Dinge, die Sie bisher aus Angst vor einem Misserfolg gemieden haben.

Angst kann man nur überwinden und sein Selbstvertrauen stärken, wenn man sich der Angst stellt.

Solange man vor ihr flüchtet, wird sie einen verfolgen und behindern.

Alles, was man meidet, behält seinen Angstcharakter.

Überlegen Sie, welche Tätigkeiten Sie bisher aus Angst vorm Scheitern gemieden haben.

Machen Sie eine Liste, in der Sie persönliche und berufliche Wünsche und Ziele aufführen: eine Fortbildung machen, ein Hobby beginnen, den Beruf wechseln, eine neue Arbeitsstelle suchen, ...

Beginnen Sie mit kleinen (Ver)Änderungen. Ein Schritt nach dem anderen. Ihr Selbstvertrauen wird mit jedem Schritt wachsen.


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Alles Gute für Sie.


Dr. Rolf Merkle
Rolf Merkle (Autor)

Danke, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Als Psychotherapeut helfe ich seit 35 Jahren Menschen, besser mit dem Leben und ihren Problemen klarzukommen. In meiner Freizeit koche ich leidenschaftlich gerne, spiele Squash und interessiere mich für Kunst.

Was ich für das Wichtigste im Leben halte? Sein Leben so erfüllt zu leben, wie nur möglich. Denn nur wer mit sich zufrieden ist, kann mit anderen Menschen positive Beziehungen haben.

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  1. Leserkommentar Matthias schreibt am 25.08.2016, 17.16 Uhr

    Die Gesellschaft befindet sich im Moment in einem Optimierungswahn. Ernährung, Seele, Körper, mentale Verfassung, aussehen, eventbesuche, Philosophie. Nichts wird einfach nur so getan. Das verstärkt versagensängste.

  2. Leserkommentar Lukas 31Jahre alt schreibt am 14.08.2016, 23.13 Uhr

    Ich finde mich schlecht, weil ich in Kinderheim war als ich 6 Jahre alt war, belästigen von Jungs & Fülle mich schlecht bis heute das ich schwul bin und nicht auf Frauen stehe :(

  3. Leserkommentar Isabell schreibt am 07.08.2016, 05.50 Uhr

    Habe mich in dem Text auch wiedererkannt. Ich bin 24 Jahre alt und habe schreckliche Zukunftsängste. Habe Abitur mit einem 2er Durchschnitt und eine soeben gut abgeschlossene Ausbildung. Jedoch denke ich immer für keinen Beruf richtig fähig zu sein. Ich mag arbeiten, bin in keinsterweise arbeitsfaul, bin eher ein Arbeiter als ein Denker. Bekomme zwar oft Lob, von Mitarbeitern, Kunden und teils auch vom Chef, dass ich meine Arbeit gut mache aber fühle mich trotzdem unfähig. Ich weiß nicht warum! Habe immer Angst zu versagen. Fühle mich nicht nur in diesem Bereich als Niete. Es sind viele Bereiche im Leben die mir große Bauchschmerzen machen. Hab dieses "Bauchweh" seit ich denken kann..

  4. Leserkommentar leony schreibt am 21.07.2016, 23.13 Uhr

    Ich zieh mich alleine sehr in ein Strudel

  5. Leserkommentar Sebastian schreibt am 06.07.2016, 22.58 Uhr

    Mein Name Lautet Sebastian Alter (16) Ich Bin Bis Heute Für Meine Familie Eine Schande Und Sie Wollen Mich nun bereits ins Heim stecken.wurde Vom anfang meiner Kindheit Nur Als Dumm Und Unfähig bezeichnet

  6. Seite:

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Claudia Frey, Heidelberg
Diplom Psychologin

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Leserstimme Luciana schreibt am 8.11.2015

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Das wichtigste für mich ist zu wissen, dass ich selber meine negativen Gefühle losbekommen kann. Diese ist die Botschaft, die mein Leben geändert hat.

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