Selbstablehnung & Selbstkritik - wie entstehen sie?

Mutter schimpft mit Sohn

Warum leiden viele Menschen unter einer geringen Selbstachtung und einem geringen Selbstvertrauen? Antwort gibt dieser Beitrag. Bild © chamillew - Fotolia.com

Autor: Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut

In den ersten Lebensjahren sind wir emotional und körperlich sehr stark von unseren Eltern abhängig. Wir können noch nicht für uns selbst sorgen und brauchen unsere Eltern und Erzieher, um überleben zu können.

Deshalb dürfen wir es auch nicht mit ihnen verscherzen. Wir müssen uns an deren Spielregeln halten und diese befolgen. Unsere Anpassung und Unterordnung ist überlebensnotwendig.

In diesem Stadium unserer Entwicklung lernen wir, die Kritik unserer Eltern und Erzieher bezüglich unserer Fehler und Schwächen zu übernehmen und uns selbst für unsere Fehler und Schwächen, unsere vermeintliche Unvollkommenheit, zu beurteilen und zu verurteilen.

Der Kritiker in uns ist geboren.


Alexandra schreibt am 14.5.2015 im Beitrag über Selbstvertrauen

Schon seit frühester Kindheit habe ich immer wieder gehört, dass ich so, wie ich bin, nicht richtig bin. Zu laut, zu nervig, faul, manipulativ, an der Krankheit meiner Mutter schuld usw. Ein Kind glaubt das alles und verinnerlicht es.


Erst haben uns die Eltern gesagt, was wir nicht tun sollten und was schlecht ist, später verinnerlichen wir die Worte und sagen uns selbst: Das tut man nicht. Das ist schlecht. Du solltest das nicht tun. Du solltest ... sein.

Kennen Sie Äußerungen Ihrer Eltern wie die folgenden?
Mit dir hat man nur Ärger. Lass das. Warum hörst du nicht auf mich? Wie kann man nur so blöd sein? Das geschieht dir Recht. Was hast du dir dabei nur gedacht? Wie kannst du uns nur so weh tun?

Je öfter wir solche Worte hörten, umso mehr hatten wir den Eindruck, etwas müsse mit uns nicht stimmen.

Wir denken uns: Wenn wir in Ordnung wären, dann würde man nicht so mit uns reden und uns so behandeln.

Folglich muss mit uns etwas nicht stimmen, dass man permanent so über uns und mit uns redet.

Dieses Gefühl, nicht in Ordnung zu sein, ist so tief in uns verwurzelt und so zu einem Teil unserer Persönlichkeit geworden, dass wir es als richtig erachten. Unsere Selbstverachtung scheint uns deshalb gerechtfertigt.

Und deshalb übernehmen wir als Jugendliche und Erwachsene unsere Bestrafung selbst.

Wir lernen, die Selbstbestrafung und Selbstverurteilung als ein wichtiges Hilfsmittel anzusehen, um unsere (vermeintliche) Unvollkommenheit zu überwinden und so zu werden, wie wir sein sollten.

Ja, wir werden in der Selbstbestrafung und im Ändern unseres Verhaltens so gut, dass wir unsere „Fehler“ korrigieren und uns anpassen, ehe unsere Mitmenschen merken, dass wir unvollkommen sind.

Wir lernen der Bestrafung und Ablehnung der anderen zu entgehen, indem wir lernen, uns selbst zu bestrafen und unser Verhalten zu korrigieren.

Wir verinnerlichen diese Selbstbeurteilung und Selbstverurteilung (das was man tun und nicht tun sollte, was gut und schlecht, moralisch und unmoralisch) so sehr, dass wir als Erwachsene die Autorität des Kritikers nicht in Frage stellen.

Er und seine verurteilenden Kommentare fühlen sich ebenso richtig und zu uns gehörig an, wie unsere Arme und Beine.

Die Stimme des Kritikers klingt so unfehlbar, als käme sie direkt von Gott oder dem Papst.

Wir kommen deshalb gar nicht auf die Idee, dass der Kritiker ein überflüssiges Relikt aus einer Zeit sein könnte, als wir noch von unseren Eltern abhängig waren.

Und wir übersehen, dass die Einhaltung vieler dieser Regeln für uns als Erwachsene nicht mehr sinnvoll und nützlich ist.

Und schon gar nicht macht es Sinn, dass wir uns für die Verletzung von Regeln, die für uns keine Richtigkeit haben, in Form von Selbstablehnung oder gar Selbsthass bestrafen.

Sehr viel wichtiger ist jedoch etwas anderes: als Kinder waren wir nicht unvollkommen, hatten wir keine Fehler und Schwächen - außer klein und unerfahren zu sein.

Ratgeber Selbstvertrauen stärken

Vater schickt Sohn aus dem Zimmer ©antonbrand-Fotolia.comUnsere „Fehler“ und „Schwächen“ bestanden darin, dass wir die Spielregeln der Erwachsenen nicht kannten und/oder nicht so waren, wie unsere Eltern und Erzieher uns haben wollten.

Durch die Androhung von Liebesentzug oder tatsächlichem Liebesentzug, durch missbilligende Blicke und abwertende Gesten folgerten wir, wir seien unvollkommen und nicht gut genug, um geliebt zu werden.

Und noch etwas lernen wir. Wir lernen: ohne Strafe, keine Veränderung.

Wir denken: wenn ich mich selbst nicht für meine Fehler und Unvollkommenheit verurteile und bestrafe, dann werde ich diesen Fehler wieder machen und dann wird alles noch schlimmer.

Die Vorstellung, sich angesichts eigener Fehler und Schwächen gut zu fühlen, ist ausgeschlossen. Nur durch Selbstbestrafung, so denken wir, werden wir zu guten Menschen. Also machen wir uns ständig selbst fertig.

Wir tun, sagen, denken oder fühlen etwas Schlechtes, fühlen uns schuldig und bestrafen uns für unsere Unvollkommenheit, um sicher zu gehen, dass wir nicht noch einmal so denken, fühlen und handeln.

Wenn wir so mit uns umgehen, dann tun wir das Gleiche, was auch unsere Eltern taten. Wir behandeln uns so, wie uns unsere Eltern behandelt haben.

Doch was hat all die Bestrafung unserer Eltern, all die Selbstbestrafung und Selbstverurteilung bislang bewirkt?

Sind wir perfekt geworden? Haben wir unsere Unvollkommenheiten überwunden? Sind wir fehlerlose oder bessere Menschen geworden?

Nein. Alle Selbstbestrafung hat nichts daran geändert, dass wir auch als Erwachsene Fehler machen und uns gelegentlich dumm benehmen.

Viele Menschen kommen sich ihr ganzes Leben lang unvollkommen und minderwertig vor, haben das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht.

Entweder resignieren sie und fühlen sich überfordert und deprimiert, oder aber sie versuchen Tag für Tag zu der Person zu werden, die sie glauben, sein zu müssen, um sich endlich akzeptieren zu können und um endlich von anderen akzeptiert zu werden.

Und viele Menschen wissen noch nicht einmal genau, was mit ihnen nicht stimmt.

Sie haben einfach nur permanent das dumpfe Gefühl, minderwertig und nutzlos zu sein und hassen sich dafür.


selbstablehnung-selbstkritik.html

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Selbstbestrafung macht aus uns keine besseren Menschen.

Deshalb tun wir gut daran, damit aufzuhören.

Wenn Selbstbestrafung nicht das geeignete Mittel ist, um aus uns "bessere" Menschen zu machen, was können wir dann tun?

Was tun, um uns selbst mehr annehmen zu können? Mehr darüber in Von Selbstablehnung zu dauerhafter Selbstachtung


Dr. Rolf Merkle
Rolf Merkle (Autor)

Danke, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Als Psychotherapeut helfe ich seit 35 Jahren Menschen, besser mit dem Leben und ihren Problemen klarzukommen. In meiner Freizeit koche ich leidenschaftlich gerne, spiele Squash und interessiere mich für Kunst.

Was ich für das Wichtigste im Leben halte? Sein Leben so erfüllt zu leben, wie nur möglich. Denn nur wer mit sich zufrieden ist, kann mit anderen Menschen positive Beziehungen haben.

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  1. Leserkommentar Weiblich rund 61 schreibt am 17.06.2017

    Seid doch mal nett zu Eurem Inneren Kritiker und ladet ihn zu einem Plaeuschen ein, statt ihn zu verfolgen und auszusperren. Er ist doch nur so eine Art düsterer Engel der uns schützen und helfen sollte, auch wenn das übertrieben und überholt sein wird. Vielleicht könnte man ihn einfach 'updaten' , Lieben ist immer besser als Verbannen und außerdem kann man so schön mit Ihm diskutieren, wenn er dann mal gelernt hat zu diskutieren statt zu debattieren. Meine Innere Kritikerin und ich sind ein viel besseres Team seitdem wir 'Plauderstunde' zusammen halten. Xxx

  2. Leserkommentar Keks schreibt am 12.06.2017

    Lieber Philip - einfach nur geil - absolut richtig so!Ich habe es ganz genau so gemacht und war überrascht, wie viel mehr Respekt und Interesse mir entgegengebracht wurde. Weiter so - bleib dran!

  3. Leserkommentar Philip schreibt am 30.05.2017

    Ich erwische mich immer dabei zu nett zu Personen zu sein, die sich nicht für mich interessieren. In der Hoffnung, dass sich das ändert. Ich merke, dass es mich enorm viel Energie kostet. Seit heute habe ich mich dafür entschieden auch mal anzuecken. Es ist mein Charakter, der zum Vorschein kommt. Überraschenderweise fühle ich mich dadurch lebendiger. Mehr ich. Ich achte mich mehr, wenn ich auf Menschen, die sich einen Dreck um mich scheren genauso bin. Ich fühle mich kurzum besser meinen eigenen Weg zu gehen und ich fühle mich männlicher denn je. Besser als gestern. Besser als früher. Ich komme zu mir selbst und das ist ein wunderbares Gefühl. Danke für den Artikel.

  4. Leserkommentar Maria schreibt am 07.05.2017

    Eine Familie, welche mit Ihrem Sohn stets Zwiespalt hat machte mich extrem stutzig, als der Sohn genau Ihre Worte erwähnte! - Da setzte ich mich als ich mit seinen Eltern ein Gespräch von Freund zu Freund hatte an den PC und zeigte ihm ihre Seite! - Da schrie er, ja Maria genau das ist es! Meine Eltern wollen einfach nur einen perfekten Sohn; ich habe ihm dann die Frage wie er sich gegenüber Selbstvertrauen, Selbstachtung etc. verhält und er sagte mir, dass er sich nur noch Vorwürfe mache! - Da sagte ich ihm: "Schau jeder Mensch hat Fehler und muss zu diesen auch stehen, aber unsere Gesellschaft wäre doch recht langweilig, wenn wir Menschen alle gleich ticken würden! - Da lachten wir; ich habe ihm dann mein Buch von Ihnen geschenkt! - Danke für Ihr Engangement! - LG Maria

  5. Leserkommentar Linda schreibt am 23.04.2017

    Ich habe das Gefühl ich bin nicht gut genug , nicht hübsch genug und ich bin sehr wenig wert . Wenn ich dann versuche daran zu arbeiten wie ich über mich denke , kommt von irgendwo her doch immer eine Stimme die mir sagt “du bist es überhaupt nicht wert “

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