Der innere Kritiker – ist er nützlich?

Jeder von uns hat einen inneren Kritiker. Brauchen wir ihn? Leistet der innere Kritiker einen wichtigen Beitrag? Dr. Rolf Merkle gibt Antwort.

Der innere Kritiker – ist er nützlich?
© PAL Verlag, unter der Verwendung eines Fotos von Ronald Cuyan, unsplash.com

Leseprobe Kapitel 5 Ratgeber Selbstvertrauen

Die Aufgabe unserer Eltern war, uns mit dem nötigen Rüstzeug auszustatten, damit wir unsere Kindheit unbeschadet überstehen und als Erwachsene unser Leben meistern und »erfolgreich« sein können. Benahmen wir uns daneben, taten wir etwas, das in ihren Augen nicht gut oder schädlich für uns war, dann tadelten, bestraften und kritisierten sie uns in der Hoffnung, dass wir ihnen gehorchten.

Manchmal genügten auch nur ein tadelnder Blick, Nichtbeachtung oder Schweigen, um uns mitzuteilen, dass wir uns falsch verhalten hatten. Und da wir vieles erst noch lernen mussten, hatten unsere Eltern jeden Tag viel an uns auszusetzen und waren mit vielem unzufrieden.

Da wir als Kinder nur eine eingeschränkte Sichtweise von der Welt hatten, bekamen wir zudem auch noch einige ihrer Worte und Verhaltensweisen in den falschen Hals und bewerteten sie als Ablehnung und Kritik, obwohl sie nicht so gemeint waren.

Um der Ablehnung durch die Eltern zu entgehen und deren Liebe und Anerkennung nicht zu verlieren, verinnerlichten wir deren Gebote, Verbote und Kritik. Und da wir durch ihre Kritik und Bestrafung oft den Eindruck hatten, nicht liebenswert und nicht in Ordnung zu sein, war es nicht verwunderlich, dass wir mit der Zeit den Eindruck hatten, etwas stimme tatsächlich nicht mit uns.

Unser innerer Kritiker war geboren. Seine Aufgabe war es, darauf aufzupassen, dass wir uns nicht in Gefahr bringen und das beherzigen, was die Eltern uns sagten. Elektronische Warnsysteme in Autos, wie etwa der Spurhalteassistent, geben einen Warnton, wenn wir unsere Fahrspur verlassen.

So warnte uns der Kritiker früher, wenn wir vom »rechten Pfad« abkamen. Er sagte: »Das darfst du nicht ...«, »Du solltest ..., »Du musst ...«, »Das macht man nicht ...« Durch seine mahnenden Worte wollte er uns davor bewahren, die Liebe und Zuneigung der Eltern zu verlieren.

In den ersten Lebensjahren war der innere Kritiker ein Freund und Beschützer. Seine Existenz machte Sinn.

Doch leider hat er sich sehr schnell verändert: Aus dem Beschützer wurde ein herrschsüchtiger und ungerechter Diktator, der seinen einzigen Untertanen - nämlich dich - nur noch schikaniert, kritisiert und fertig macht.

Er sieht nur, was du falsch machst. Du kannst es ihm nie recht machen. Er findet immer etwas, was er an dir auszusetzen hat, für das er dich verurteilen und minderwertig fühlen lassen kann. Er signalisiert dir Fehler, die er quasi ungeprüft aus deinen früheren Erfahrungen übernommen hat.

Glaubst du, die Vorwürfe deines Kritikers sind hilfreich für dich? Meinst du, dein schlechtes Gewissen verhindert, dass dir das, wofür er dich verurteilt, wieder passiert? Meinst du, dein Gefühl, versagt zu haben und ein Versager zu sein, hilft dir, keine Fehler mehr zu machen, aus dir einen besseren Menschen zu machen? Meinst du, sein Urteil, dass du so, wie du bist, nicht liebenswert bist, hilft dir, zu einem liebenswerten Menschen zu werden?

Schau dein Leben an und du kennst die Antwort. Nein, alle Selbstverurteilung, alle Selbstkritik haben dich nicht zu einem besseren Menschen gemacht. Du fühlst dich noch genauso minderwertig wie vor 5 oder 10 Jahren - gleichgültig wie viele Erfolge du angehäuft und wie viel Anerkennung man dir entgegengebracht hat.

Du machst immer noch Fehler, du hast immer noch »schlechte« Angewohnheiten, es gibt immer noch viel an dir zu verbessern.

Dein innerer Kritiker ist heute nicht mehr dein Freund und Beschützer.

Hat dir dein Kritiker schon einmal etwas Nettes und Aufmunterndes gesagt? Hat dich dein Kritiker schon einmal getröstet? Hat dich dein Kritiker schon einmal gelobt? Hast du gar das Gefühl, dass dein Kritiker dich mag? Wohl kaum. Worte, die verletzen, einschüchtern und wehtun, Worte, die dich deprimiert und minderwertig fühlen lassen, Vorwürfe über Vorwürfe sind kein Ausdruck von Liebe. Stimmst du mir zu?

Der innere Kritiker ist nicht (mehr) dein Freund, der dein Bestes und dich beschützen will.

Er ist ein Peiniger. Wäre er dein Freund, dann würde er sich auch so verhalten. Dann wäre er vertrauensvoll, wertschätzend, verständnisvoll, ermutigend, tröstend und voller Liebe. Es wird Zeit, dass du deinem Kritiker keinen Glauben mehr schenkst. Meinst du nicht auch?

Wie dein Kritiker versuchen wird, an der Macht zu bleiben

Wenn du mit Hilfe der Übungen den Einfluss deines Kritikers verringerst, dann wird er mit allen Mitteln darum kämpfen, an der Macht zu bleiben. Kein Diktator lässt sich gerne entmachten. Mit folgenden Einwänden von ihm musst du rechnen.

»Wenn du nicht auf mich hörst, wenn du dir gegenüber verständnisvoll bist, dann lässt du dich gehen und dein ganzes Leben läuft total aus dem Ruder.«

Der Kritiker geht davon aus, dass du im Grunde deines Wesens ein schlechter Mensch bist, auf den man ständig ein Auge haben muss, den man permanent kontrollieren, kritisieren und maßregeln muss.

Haben dir deine Eltern so etwas Ähnliches auch gesagt? »Dich kann man keine 5 Minuten alleine lassen. Schon machst du wieder Unfug. Ich frage mich wirklich, wann du endlich erwachsen wirst. Wenn man nicht ständig auf dich aufpasst, dann ....«

Dein Kritiker macht dir Angst, dass du dich ohne ihn in ein verantwortungsloses Monster verwandelst, das überhaupt nichts mehr auf die Reihe kriegt, das sich gehen lässt, seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommt, dem egal ist, was aus seinem Job wird.

Haben dir deine Eltern so etwas Ähnliches auch gesagt? »Dir wird das Lachen schon noch vergehen. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Was soll nur aus dir werden?«

Dann weißt du, warum dein innerer Kritiker so zu dir spricht. Glaube ihm nicht. Tatsache ist: Du bist o.k., so wie du bist – mit deinen Fehlern und Schwächen. Es gibt nichts Schlechtes an dir, das du kontrollieren und im Zaum halten müsstest. Du bist liebenswert.

Fehler machen ist nicht schlecht. Fehler sind nicht schlecht. Und du bist nicht schlecht, wenn du einen Fehler machst.

Entwaffne deinen inneren Kritiker. Befreie dich von diesem Terroristen in deinem Kopf und lass dich überraschen, welche Last von deinen Schultern fällt, wie sich dein Leben zum Positiven wendet und wie wohl du dich fühlst.

>>> mehr darüber im Ratgeber Selbstvertrauen

Weitere Leseproben

Kapitel 2
Die Folgen einer geringen Selbstachtung

Kapitel 3
Ursachen eines geringen Selbstwertgefühls

Kapitel 4
Von Selbstachtung zu Selbstliebe

Kapitel 6
Das Wunder der Selbstachtung - Menschen berichten

Kapitel 7
Tipps für mehr Selbstachtung und Selbstliebe

Kapitel 8
No-body is perfect - Versöhn dich mit deinem Körper

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