Zwangsstörungen – Umgang mit Betroffenen, Ratschläge und Tipps für Angehörige

Eine Zwangsstörung ist eine ernsthafte psychische Erkrankung. In diesem Beitrag erhalten Sie wertvolle Ratschläge und Tipps, wie Sie als Angehöriger mit Betroffenen umgehen können.

Zwangsstörungen – Umgang mit Betroffenen, Ratschläge und Tipps für Angehörige
© Jess Bailey, unsplash.com

Gerade Angehörige stehen kaum einer psychischen Störung bzw. Erkrankung so hilflos gegenüber wie der Zwangserkankung. Dennoch kommt es gerade hier entscheidend auf ihr Verhalten an. Denn sie sind mitunter die einzigen Menschen, von denen die Erkrankten Hilfe und Unterstützung annehmen können. Denn diese können sich nur in begrenztem Maß selbst helfen, wenn sie eine zwanghafte Persönlichkeit besitzen, und nur bei bestimmten Zwangsstörungen. 

Wer etwa unter Kontrollzwängen leidet, hat – besonders im Rahmen einer Therapie – gute Chancen, sich Schritt für Schritt selbst zu unterstützen und so mit genügend Ausdauer, Konsequenz und (Selbst-)Kontrolle ein gutes Stück vom Zwang loszulösen. Oft jedoch sind mit den Zwängen auch Ängste verbunden oder die Zwangsgedanken verursachen Zwangsgedanken. Dann kommen Betroffene schnell an die Grenzen der Selbsthilfe ist und die Hilfe eines Therapeuten bzw. einer außenstehenden Person unerlässlich. 

Auswirkungen eines Zwangs für das Alltagsleben eines Betroffenen

Inwieweit ist das Verhalten eines Menschen eine unbewusste Marotte und ab wann handelt er aus einem Zwang? Das zu unterscheiden, ist für Angehörige und Freunde oft schwer zu unterscheiden. Denn auch der Betroffene selbst muss zunächst einmal ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sein Verhalten wirklich krankhaft ist und er zumindest an einer Störung leidet. Und selbst, wenn er das für sich erkannt hat, fällt es ihm sehr schwer sich ganz von seinem Zwang zu distanzieren und einen neutralen Blick von außen auf sich zu werfen.

Daher ist auch das Alltagsleben eines zwanghaften Menschen immer ein Kompromiss zwischen einem normalen Leben, wie es Gesunde führen, und den Forderungen seines Zwangs, die er ja in seiner ganz eigenen und durch den Zwang geprägten Lebensweirklichkeit erfährt. Der tägliche Widerstand, den ein Betroffener dem Zwang entgegensetzt kommt daher, dass er in seinem Umfeld nicht auffallen will. Denn er weiß, dass er schnell als Spinner abgetan oderr entlarvt werden würde, wenn jemand mitbekommen würde, dass er sich ständig die Hände wäscht oder Stunden braucht, um seine Unterschrift unter ein Schriftstück zu setzen. 

Als normal zu gelten ist daher sein oberstes Ziel und so wird der zwanghafte Mensch sich ständig Tricks ausdenken, die für andere undurchschaubar sind. Das wiederum ist enorm anstrengend und hindert ihn an vielen anderen Tätigkeiten. Und es gibt dem Umfeld keine Möglichkeit, achtsam mit der Erkrankung umzugehen, sondern bewirkt oft, dass nahe Menschen, in die Irre geführt, den Betroffenen für vermeintlich andere Schwächen oder Eigenheiten angehen – etwa dafür, dass er immer so trödelt. So kommt es zu Konflikten und Streitigkeiten, die sich nicht lösen lassen, mit negativen Folgen für die Beziehung. Zwänge zu vertuschen, hat auch eine weitere negative Folge: Der Zwangserkrankte legt sich selbst einen Verzicht auf. Um nicht aufzufallen, nimmt er an immer weniger Situationen teil, in denen sein Zwang auffallen würde. Und so zieht er sich immer weiter zurück. So setzt eine Negativspirale ein, denn er tut das irgendwann auch vor nahen Angehörigen. 

Erst, wenn Betroffene selbst motiviert sind, etwas an ihrem krankhaften Zustand zu ändern, kann diese Änderung eintreten. Sie als Gegenüber können unter gewissen Umständen bei diesem Prozess helfen und dabei begleiten.

Das Verhältnis von Betroffenen eines Zwangs und deren Angehörigen

Die Natur des Zwangs verlangt dem Gegenüber des Betroffenen ein Verhalten ab, das im ersten Moment der Menschlichkeit krass entgegensteht. Aber das ist nur scheinbar so. Denn indem Sie dem Betroffenen eine Klarheit im Bezug auf seine Erkrankung entgegenbringen, machen Sie ihn nicht komplett zum Kranken und verhindern, dass sich die Krankheit in seinem Leben und Ihrer gemeinsamen Beziehung ausbreitet. Stattdessen geben Sie auch seinen gesunden Persönlichkeitsanteilen Raum und stärken diese. Und das hat immer eine positiven Einfluss auf ihn.

Und selbst, wenn Sie ihm mit Ihrem normalen Menschenverstand nicht helfen können, haben Sie keineswegs versagt. Denn Sie sind sein Gegenüber, sein Partner, Angehöriger, Freund oder Kollege, nicht sein Therapeut oder Retter oder sein Verbündeter. Im Folgenden erfahren Sie hilfreiche Tipps, wie Sie sich einem Menschen mit einer Zwangsstörung gegenüber verhalten sollten.

Tipps für den Umgang mit Zwangserkrankten

Tipp 1Sprechen Sie die Zwangsstörung offen an.
Seien Sie mutig und sprechen Sie einen Menschen darauf an, bei dem Sie eine Zwangsstörung vermuten. So zeigen Sie Interesse für ihn als Mensch. Tun Sie es in aller Vorsicht und Zurückhaltung, aber machen sie ihm das Angebot, mit Ihnen darüberr zu reden. Damit eröffnen Sie ihm eine Chance, die er ergreifen kann oder nicht. Sie wiederum fassen mit der offenen Äußerung Ihr Verhalten ihm gegenüber und wecken, bewusst oder unbewusst, bei ihm nicht den Eindruck, dass Sie ihn beobachten. Und so lösen Sie auch von Anfang an auf, dass etwas zwischen Ihnen steht. Wie gesagt: Es sollte nur ein Angebot sein. Damit haben Sie alles in dieser Situation Mögliche getan. Haken Sie nicht nach und drängen Sie ihn nicht. Weder durch Worte, noch durch Blicke und Gesten.

Tipp 2 Akzeptieren Sie die Zwangsstörung als Krankheit.
Nehmen Sie die Zwangsstörung als das, was sie ist: eine Krankheit wie jede andere auch. Dafür braucht sich der Betroffene nicht zu schämen und es gibt für ihn Hilfe. Weder übertriebene Mitleidsäußerungen, noch panikhafte Reaktionen helfen Ihnen und dem Betroffenen weiter. Stellen Sie sich also von Vornherein darauf ein, dass Ihre Vermutung wahr wird und entwickeln Sie eine innere und äußere Haltung dazu.

Tipp 3 Verzichten Sie auf Appelle wie "Versuche zumindest, deinen Zwang zu verbergen, wenn wir Gäste haben!".
oder "Reiß dich wenigsten für die nächsten Minuten zusammen!" Genauso wenig hilft es dem Betroffenen, wenn Sie ihm seine Zwänge verbieten und ihn auffordern, sich zusammenzunehmen, als wenn Sie ihm vorgfertigte Lösungswege zeigen, etwa, dass er seinen Verstand gebrauchen oder sich ablenken soll. Es gibt kein Allheilmittel, er muss seinen eigenen Weg im Umgang mit der Erkankung finden.

Tipp 4 Suchen Sie die Schuld für die Zwangserkrankung weder beim Betroffenen noch bei sich selbst.
und schon gar nicht in Ihrer Familiengeschichte oder in früheren Erlebnissen. Für eine Erkrankung wie der Zwangserkrankung gibt es in der Regel weder die eine Schuld noch den einen Schuldigen. Meist entstehen Zwänge aus einer ganzen Reihe an Ursachen. Und selbst wenn der Betroffene und Sie über alle wüssten, würde das wenig dazu beitragen, dass er die Krankheit überwinden kann.

Tipp 5 Lassen Sie den Betroffenen entscheiden, wann und wie sehr er sich Ihnen anvertraut.
Wenn der Betroffene Sie eingeweiht hat, dann fragen Sie ihn nicht ständig, wie er sich fühlt oder was gerade in ihm vorgeht. So reduzieren Sie Ihre Beziehung auf die Krankheit und begegnen ihm nicht mehr auf Augenhöhe. Für den Betroffenen ist es immer schwer, über seine Gefühle und Erlebnisse zu sprechen. Und meist kommen ihm seine Zwänge selbst schrecklich vor oder er hält sich dabei für "verrückt". 

Tipp 6 Nehmen Sie die Zwänge des anderen nicht persönlich.
Auch wenn der Betroffene mit Ihnen spricht, werden sich wahrscheinlich seine Zwangshandlungen nicht verändern oder weniger werden. Das hat nichts mit Ihnen zu tun, er muss sie ja allein bewältigen. Sie helfen ihm dennoch. Auf keinen Fall sollten Sie Sie Gedanken zulassen wie: "Ich bin es nicht wert, dass er sich verändern will." Oder: "Jetzt haben wir schon sooft darüberr gesprochen und er gibt sich einfach keinerlei Mühe, davon abzulassen." Oder ihm vorwerfen, dass Ihre Zuwendung ihm nicht ausreichen würde, um seine Zwänge zu bearbeiten. So erzeugen Sie für den Betroffenen nur ein weiteres Problem.

Tipp 7 Setzen Sie sich Grenzen.
Auch wenn es hart klingt, aber Sie haben keine Zauberkräfte! Es liegt nicht in Ihrer Macht, den Betroffenen zu heilen. Im Gegenteil: Sie sind selbst in Gefahr, durch Ihre offene Zuwendung für seine Erkrankung selbst auszubrennen. Nehmen Sie wahr, was die Gespräche mit dem Betroffenen bei Ihnen auslösen. Setzen Sie für sich Grenzen, wann die Belastung für Sie zu groß wird. Und dann erzählen Sie ihm davon. Nochmals: Er selbst muss eine innere Motivation zur Veränderung entwickeln. Sie können ihn dazu anstoßen und ihn begleiten. Aber nur, wenn Sie sich selbst die Kraft dafür einteilen.

Tipp 8 Wahren Sie Distanz zum Zwang.
Lassen Sie sich vom Betroffenen nicht einwickeln. Natürlich versucht auch ein Zwangserkrankter, wie jeder andere Erkrankte, die Symptome seinerr Erkrankung möglichst gering zu halten. Das gilt beesonders für seine Ängste. Lassen Sie sich nicht darin einbinden, etwa die Türklinke anzufassen, ohne sie vorab desinfiziert zu haben. Setzen Sie dem von Anfang an eine Frenze mit Sätzen wie: "Stopp! Das tue ich nicht, denn ich habe keine Angst vor einer Ansteckung." Sonst werden sie allzuschnell in das Zwangssystem des Betroffenen hineingezogen. Lassen Sie sich auch nicht in die Sprache des Betroffenen einbinden, etwa von den Abermillionen Schimmelpilzen am Spüllappen zu sprechen, sondern formulieren Sie verständnisvoll und nüchtern: "Der Spüllappen, vor dem Du Angst hast …" oder: "Das Projekt, bei dem du befürchtest, dass es nicht rechtzeitig fertig wird …" Und bleiben Sie auch ruhig, selbst wenn es beim Betroffenen zu Gefühlsausbrüchen kommt. Sie können Ihr Mitgeefühl für seine Emotionen äußern, aber in der Sache sollten Sie ihm nicht verständnisvoll beipflichten. Sonst sieht er in seinem Zwang eine Bestätigung und einen vermeintlichen Verbündeten und fühlt sich später umso mehr von Ihnen betrogen oder verraten. Bleiben Sie in der Sache distanziert um Ihrer beider Willen.

Tipp 9 Raten Sie dem Zwangserkrankten, sich therapeutisch unterstützen zu lassen.
Damit befreien Sie sich davor vom Betroffenen, in die Rolle eines Therapeuten gedrängt zu werden, für die Sie nicht ausgebildet sind. Und Sie bekomme beide! die Möglichkeit, in allen anderen Situationen, in denen der Zwang keine oder nur eine geringe Rolle spielt, ganz normal miteinander umzugehen. Und das unterstützt ihn wiederum im Umgang mit anderen, vielleicht weniger oder gar nicht eingeweihten Menschen.

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 Auswirkungen eines Zwangs für das Alltagsleben eines Betroffenen
 Das Verhältnis von Betroffenen eines Zwangs und deren Angehörigen
 Tipps für den Umgang mit Zwangserkrankten
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