Tagträume – wichtige Ressource für seelisches Wohlbefinden und Kreativität

Tagträume: kein nutzloses Gedankenkino, sondern Quelle für Kreativität und Wohlbefinden. Dieser Beitrag zeigt, wie Sie die positiven Effekte für sich nutzen können.

Tagträume – wichtige Ressource für seelisches Wohlbefinden und Kreativität
© Freestocks, unsplash.com

Wir alle schweifen mit unseren Gedanken von Zeit zu Zeit ab – aber viele von uns sehen ihre Tagträume als verlorene, vertrödelte Lebenszeit. Doch das ist keinesfalls so – im Gegenteil! Welche Vorteile Tagträume haben und wie wir sie bewusst nutzen können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Tagträume sind besser als ihr Ruf

Wer kennt das nicht? Das Online-Arbeitsmeeting scheint endlos und die Diskussionen kreisen immer um dieselben Punkte, ohne dass man wirklich vorankommt – da kann es schon passieren, dass unsere Gedanken plötzlich abdriften zu reizvolleren Orten, zum nächsten Urlaub am Meer, zu schönen Erinnerungen, zum letzten Date oder auch zu alltäglichen Aufgaben wie der Einkaufsliste für das Abendessen mit den Freundinnen. Viele von uns fühlen sich dann schuldig, weil sie ja anscheinend ihre kostbare Zeit verplempert haben mit unnützem Kopfkino. Schon als Kind wurden wir von unseren Lehrern mit einem „Träum nicht vor dich hin!“ gerügt, wenn wir lieber gedankenverloren aus dem Fenster als auf die Tafel mit den mathematischen Gleichungen starrten.

Doch aktuelle wissenschaftliche Studien belegen, dass der schlechte Ruf des Tagträumens nicht gerechtfertigt ist. Im Gegenteil: Etwa 50 Prozent unserer Wachzeit verbringen wir mit Sinnieren, Fantasieren und Imaginieren, wir begeben uns gedanklich in Fantasiewelten, malen uns unsere Wünsche aus oder stellen uns realitätsbezogeneren Gedanken wie der Frage, ob man nun lieber Risotto oder Pasta kochen oder Geranien oder Hortensien pflanzen soll. Und das hat durchaus einen Sinn.

Was sind Tagträume und wann tauchen sie auf?

Im Gegensatz zu Nachtträumen sind Tagträume bildliche Fantasien, die wir bei vollem Bewusstsein erleben und bis zu einem gewissen Grad aktiv steuern können. Unser Gehirn reist weg von der aktuellen, realen Tätigkeit hin zu einer Welt, die ausschließlich in unserem Inneren existiert. Die äußeren Reize verblassen und wir sind plötzlich mit unseren Gedanken ganz woanders. Beim Träumen konzentrieren wir uns nicht auf eine Aufgabe wie beim Nachdenken, sondern imaginieren etwas, das nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat.

Sah Sigmund Freud in Tagträumen noch die Vorstufe zu hysterischen Symptomen und Neurosen, steht die Wissenschaft heute auf einem anderen Standpunkt. Das Gedankenabschweifen, so der heute meist verwendete wissenschaftliche Begriff, verschiebt den Aufmerksamkeitsprozess von unserer Umgebung, dem Außen, zu unseren Gedanken und Gefühlen, unserem Inneren. Meist sind unsere Tagträume spontan und kurz – Assoziationsschnipsel von nur 5-14 Sekunden, die sich aneinanderreihen, und die meist auch mit der Wahrnehmung der realen Umgebung alternieren.

Doch wann sind wir anfällig für Tagträume, wann schweifen wir mit unseren Gedanken gerne ab? Zum einen unterbricht unsere Fantasie Phasen höchster Konzentration mit regelmäßigen Pausen, die wir benötigen, um zu regenerieren und wieder konzentriert zu werden. Doch es ist keinesfalls so, dass unser Gehirn in den Ruhepausen nicht arbeiten würde. Im sog. Default Mode Network, dem Ruhemodus-Netzwerk, arbeiten unsere Gehirnareale, die für die kognitive Kontrolle und das Gedankenabschweifen zuständig sind, zusammen. Bei Menschen, die bewusst ab und an ihre Gedanken schweifen lassen, greifen diese Gehirnnetzwerke besser ineinander. Wer zu lange konzentriert arbeitet, dem fehlt die Fähigkeit zur freien Assoziation. Die Tagtraum-Pausen fördern diese und verknüpfen Informationen, die dann zu kreativen Ideen werden können.

Andererseits neigen wir auch in Momenten der Unterforderung unseres Gehirns dazu, in andere Welten abzudriften. Ob beim ausgiebigen Duschen, bei einem langen Spaziergang, beim Joggen oder einer eintönigen Auto- oder Zugfahrt – wenn unser Gehirn noch Kapazitäten frei hat, nutzt es sie, um Unbewusstes, das uns beschäftigt, ans Tageslicht zu bringen. Wir schmieden gedankliche Zukunftspläne, gehen Ziele durch oder kommen auf Ideen, an die wir vorher noch nie gedacht hatten.

Tagträume helfen uns, Entscheidungen zu finden und Probleme zu lösen

Wenn wir uns bewusst dafür entschieden, unsere Gedanken schweifen zu lassen, kann das Tagträumen auch zu einer Art mentaler Probebühne werden. Wir können unsere Vorstellungskraft nutzen, um zukünftige Ereignisse gedanklich durchzuspielen, uns auf sie vorzubereiten und aktuelle Probleme zu lösen. Wenn wir zum Beispiel ein wichtiges Meeting mit der Chefin haben, können wir uns darauf vorbereiten und uns Fragen stellen: Was möchte ich sagen? Was ist mir wichtig? Wie könnte ich reagieren, wenn mir Gegenwind entgegenschlägt? Wenn die reale Situation dann eintritt, sind wir vorbereitet, weniger überrascht und perplex und können besser reagieren.

Zudem haben Studien gezeigt, dass das komplette Denken von Menschen, die sich öfter gesteuerten Tagträumen hingeben, verändert. Sie sind nicht so abhängig von kurzzeiteigen Belohnungssystemen, sondern setzen mehr auf langfristige Belohnung und können auch Konsequenzen besser abschätzen. Wer seine Zukunftsziele vor dem inneren Auge konkret aufleben lassen kann, hat das große Ziel im Blick und braucht keine kurzfristige Ersatzbefriedigung.

Freiheit durch Imagination

„Wenn unser Geist nicht herumwandern könnte, wären wir wie Sträflinge an das gekettet, was immer wir gerade tun.“

Jonathan Schooler, US-amerikanischer Psychologe und Pionier der Tagtraumforschung, spricht hier einen wichtigen Vorteil von Tagträumen an: die Freiheit, die wir durch unsere Vorstellungskraft erlangen können. In unseren Gedanken können wir in fantastische Welten, fremde Länder oder in andere soziale Umgebungen reisen, wir sind nicht von der realen Umwelt determiniert. Dadurch schaffen wir uns kurze Momente der inneren Einkehr, der Ruhe und der Entspannung. Wir begeben uns in mentale Rückzugsorte, die Erleichterung bringen, Stress reduzieren und manchmal sogar lebensrettend sein können: denn Untersuchungen mit ehemaligen KZ-Häftlingen zeigten, dass diejenigen eine bessere Überlebenschance hatten, die fähig waren, vor ihrem inneren Auge eine bessere Zukunft heraufzubeschwören.

Tagträume fördern die Kreativität

Johannes Brahms „erträumte“ seine Symphonien gerne auf langen Spaziergängen in der Natur, J. K. Rowling hatte die Idee zu ihrem weltberühmten Zauberschüler Harry Potter auf einer trostlosen Zugfahrt und auch Albert Einstein war überzeugt von der kreativen Kraft der Tagträume:

"Der Intellekt hat wenig zu tun auf dem Weg zur Entdeckung. Das Bewusstsein macht einen Sprung. Man mag es als Intuition bezeichnen oder was auch immer. Und die Lösung kommt zu dir, ohne dass du weißt, wie oder warum."

Albert Einstein

Kennen Sie das auch? Oft brüten wir stundenlang analytisch und strukturiert über der Lösung eines Problems und kommen einfach auf keinen grünen Zweig. In der Psychologie nennt man dieses Denken konvergent. Dann gönnen wir uns eine Pause und plötzlich beim Joggen oder unter der Dusche, kommt die Idee wie aus dem Nichts auf uns zugeflogen. Wir denken jetzt divergent. Wir lassen die Gedanken schweifen und assoziieren frei. Der analytische Verstand hat Pause und mit dem Lockerlassen kommt die Kreativität. Das klingt erst einmal seltsam, denn wieso sollten wir beim Loslassen der Aufgabe und dem Abschalten der Konzentration auf Ideen kommen? Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass gerade beim Tagträumen die Hirnströme langsamer sind und deshalb besonders fruchtbar für Lern- und Kreativprozesse. Eine reizarme Umgebung wie die Weiten der Natur, einfache Alltagsbeschäftigungen wie Bügeln oder Spülen oder Momente der Langeweile fördern die Kreativität – und dabei schweifen wir mit unseren Gedanken oft ab. Unser Gehirn kombiniert in diesem Kreativmodus unser Wissen neu und spinnt neue Lösungswege, auf die wir mit rein rationaler Analyse nicht gekommen wären.

Maladaptives Tagträumen: Ein Zuviel birgt Gefahren

Neben den Vorteilen des Tagträumens gibt es aber Gefahren für Menschen, die exzessiv tagträumen, einen Kontrollverlust erleiden und nicht mehr Herr über ihre Fantasiewelten sind. Wenn die Realitätsflucht zum Eskapismus wird, auf Kosten des produktiven Tuns geht und der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann, sollten die Alarmglocken läuten. Je länger und intensiver die Tagträume sind, desto belastender werden sie von den Betroffenen empfunden. Symptome einer Depression oder einer Zwangsstörung können auftreten. Ist der Leidensdruck zu hoch, sollten sich Betroffene nicht scheuen, den Rat und die Hilfe eines erfahrenen Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen.

Tagträume als wichtige Ressource nutzen

Die Fantasie ist eine wichtige Ressource der Menschen. In uns allen stecken viel mehr Weisheit und Quellen der Kraft, des Muts und des Vertrauens als uns oft bewusst sind. Durch die Imagination und das Tagträumen haben wir die einzigartige Chance, diese Ressourcen für uns entdecken und nutzen. Übrigens: Mit zunehmendem Alter verlieren wir zwar kognitive Kapazitäten fürs Tagträumen. Aber keine Sorge, ganz verschwinden sie nicht und wer oft mit seinen Gedanken auf Reisen geht, bleibt geistig jung.

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