Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Kapitel 8 Ratgeber: Einen geliebten Menschen verlieren

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

"Nein, nein, nein. Das darf nicht wahr sein.” So haben Sie vielleicht reagiert, als Sie die Nachricht erhielten. Sie haben es nicht "fassen" können. Sie waren im ersten Moment unfähig, eine Träne zu vergiessen, waren wie versteinert und betäubt, wie in Trance.

Sie hatten das Gefühl, der Tote sei um Sie herum noch irgendwie anwesend. Sie haben sich gefühlt, als ob Sie gar nicht Sie selbst seien. Sie taten alles mechanisch wie ein Roboter.

Manche Menschen beschreiben, sie hätten das Gefühl, wie wenn eine Käseglocke über sie gestülpt wäre. Es kommt nichts rein und nichts raus.

Sie fühlen sich wie von einer großen schwarzen Mauer umgeben, durch die nichts bis zu ihnen durchdringen kann. Sie können nichts fühlen.

Sie interessieren sich für nichts außerhalb ihrer Person und spüren nichts in ihrem Inneren. Sie sind "tot" - wie der verstorbene Partner.

Vielleicht sind Sie bei Erhalt der Nachricht körperlich zusammengebrochen, haben mit Weinkrämpfen reagiert und hatten keine Kontrolle über sich. Andere haben versucht, Ihnen zu helfen, aber sie konnten Sie nicht erreichen.

Es ging alles zu schnell für Sie. Auch wenn Ihr Partner an einer unheilbaren Krankheit litt und der Arzt schon lange davon sprach, daß keine Hoffnung mehr bestünde, oder Ihr Partner "schon in dem Alter war, in dem man mit dem Tod rechnen mußte", Sie denken, er lebe noch und planen ihn noch in den Alltag ein.

Sie sind noch nicht bereit, Ihr Lebenskonzept umzustellen, sich ein Leben ohne den lieb gewonnenen Partner vorzustellen.

In Ihnen lebt der Partner noch. Sie sind nicht darauf vorbereitet, sich den Alltag, den Urlaub oder die Festtage ohne den Partner vorzustellen.

Sie glauben, noch seinen Geruch wahrzunehmen, seine Schlüssel klappern zu hören. Sie glauben noch, die Autotür zuschlagen und seine vertrauten Schritte im Treppenhaus zu hören.

Sie glauben noch, jeden Moment müsse er zur Tür hereinkommen und sich zum Abendessen an den Tisch setzen.

Vielleicht sind Sie auf der Straße einem Mann in der vollen Überzeugung gefolgt, es sei Ihr Partner. In Ihren Träumen lebt der Partner noch. In den Träumen kehrt er immer wieder oder ruft um Hilfe.

Wie auch immer Sie auf die Nachricht vom Tod Ihres Partners reagiert haben, ob vollkommen kalt, mit einem Weinkrampf oder wie ein Roboter, jede Reaktion ist in Ordnung.

Es gibt keine "guten" und "schlechten" Reaktionen. Sie sind nicht schwächer, wenn Sie weinen, oder stärker, wenn Sie ungerührt bleiben.

Unser Geist kann nicht so schnell Abschied nehmen. Er kann solch eine Information wie "Er kommt nicht mehr. Er ist nicht mehr da", was sich in Tausenden von kleinen Gesten und Verhaltensweisen, Gewohnheiten, die wir mit dem Partner entwickelt haben, zeigt, nicht so schnell ersetzen.

Die Gedanken laufen ins Leere. Wenn wir die Worte "nicht mehr" denken, brechen unsere Gedanken plötzlich ab.

Es ist zu viel, was "nicht mehr" geht, als daß wir zulassen könnten, weiterzudenken: Es würde uns zuviel Schmerz verursachen.

So brechen wir die Gedanken einfach ab und lassen sie ins Leere laufen. Wir reden vielleicht über unseren verstorbenen Partner, aber nicht darüber, daß er nicht mehr kommt, und wie wir uns fühlen.

Oder aber wir reden von ihm, als ob wir von einem anderen Menschen, der uns nichts angeht, berichten.

Der Schock und die Verleugnung sind Schutzmechanismen unseres Körpers. So gewinnen wir Zeit. Wir verspüren nicht gleich die unendliche Trauer, sondern sind bereit, zu "funktionieren".

Was uns darüber hinaus davon abhält, weiterzudenken, sind die Erledigungen, die gleich nach dem Tod auf uns zukommen. Wir müssen uns zusammenreißen.

Wir erleben die ganze Situation als unwirklich, aus einem Gefühl großen Abstandes heraus, so als ob wir nicht wir selbst seien.

Wir müssen die Beerdigung und den Leichenschmaus organisieren, eine Anzeige entwerfen, Dokumente müssen herausgesucht und Behördengänge erledigt werden, wir müssen uns um die Grabstelle kümmern, ein Bestattungsinstitut beauftragen, Angehörige benachrichtigen, Blumenschmuck aussuchen, Kleidung und Übernachtungsmöglichkeiten organisieren, etc.

Meist sind noch einige unserer Angehörigen in der Wohnung, die uns unterstützen. Doch nach ein paar Tagen wird es still um uns herum.

Wir können es immer noch nicht fassen, obwohl wir den Sarg mit seinem Körper im Erdreich haben verschwinden sehen oder der Beisetzung seiner Urne beigewohnt haben.

Wir laufen zum Fenster, wenn wir scheinbar vertraute Autogeräusche hören, in der Hoffnung, er komme gleich zur Tür herein, decken den Tisch für zwei Personen, kaufen sein Lieblingsgetränk ein, decken sein Bett auf am Abend, usw.

Wenn wir aus dieser Phase des Schocks und der Verleugnung herauskommen, werden wir uns kaum an unsere Verhaltensweisen in dieser Zeit erinnern können.

Was können wir in der Phase des Schocks und der Verleugnung tun?

Es führt kein Weg daran vorbei: Wir müssen durch die Phase des Schmerzes und Abschiednehmens hindurch, wenn wir wieder unseren inneren Frieden finden wollen.

Wir müssen uns mit dem Gedanken beschäftigen, daß unser Partner tot ist und nie mehr gemeinsam mit uns etwas unternehmen wird.

Was uns bleibt, ist die Erinnerung an unsere gemeinsamen Erfahrungen, an die schönen und auch unangenehmen Erlebnisse mit ihm.

Die Erfahrungen mit ihm werden uns immer erhalten bleiben, solange wir leben, aber wir werden keine neuen Erfahrungen mehr mit ihm machen können.

Wenn wir etwas verleugnen und nicht wahrhaben wollen, dann tun wir das in unseren Gedanken und in unserem Verhalten. Wir sagen uns innerlich: "Das darf nicht wahr sein”, "Ich kann es einfach nicht glauben”.

Wir malen uns aus, er würde wiederkommen, wir erhalten die Wohnung so, daß er jeden Moment wieder die Tür aufschließen und reinkommen könnte.

Wir lassen sein Rasierwasser im Bad, seine Kleider im Schrank, sein Lieblingsjoghurt im Kühlschrank, sein Schreibtisch bleibt unaufgeräumt. Wir beziehen sein Bett frisch und legen abends seinen Schlafanzug aufs Bett, so als käme er nach einer langen Reise zu uns zurück.

Es gibt Menschen, die in dieser Phase verharren. Sie ersparen sich dadurch den Schmerz und das Suchen nach einer neuen Lebensperspektive, aber bleiben gleichzeitig in ihrer Entwicklung stehen.

Sie können Vergangenes nicht mehr zurückholen und sich keine neuen Erfahrungen schaffen. Sie leben quasi in einer künstlichen Welt.

Diese Reaktion ist uns allen vertraut. Als wir klein waren, haben wir uns sicher alle einmal die Decke über den Kopf gezogen und gehofft, niemand würde uns sehen. Wir dachten, wenn wir nichts sehen, dann sehen uns die anderen auch nicht.

Nach dem Verlust eines Partners wäre dieses Verhalten vergleichbar damit, daß wir alles so erhalten, als wenn er wiederkommen würde. Es steht quasi eine magische Idee dahinter: Wenn wir uns so verhalten und die Realität des Todes nicht akzeptieren, dann gibt es den Tod auch nicht.

>>> Weiterlesen im Ratgeber Einen geliebten Menschen verlieren

Einleitung

Kapitel 2
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Heike Born

Heike Born
Diplom Psychologin, Wiesbaden

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