In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, was du gewinnst, wenn du neugierig bleibst – und wie dir Lernen dabei hilft, zu entdecken, was noch aus dir werden kann.
Mein Opa pflegte zu sagen: "Du kannst so alt werden wie ‘ne Kuh – du lernst immer noch dazu." Als Kind fand ich diesen Satz vor allem lustig. Heute erscheint er mir eher weise. Denn vielleicht besteht eine der wichtigsten Fähigkeiten unseres Lebens gar nicht darin, möglichst viel zu wissen und möglichst viel zu können, sondern in der ständigen Bereitschaft, immer wieder etwas dazuzulernen.
Natürlich ist Können etwas Wunderbares. Es gibt uns Sicherheit, macht uns handlungsfähig und lässt uns auf Erfahrungen zurückgreifen, die wir mühsam erworben haben. Doch gerade darin liegt auch eine Gefahr: Je mehr wir können, desto leichter könnten wir glauben, wir wüssten bereits, wie etwas geht. Wir haben unsere Erfahrungen gemacht, unsere Überzeugungen entwickelt, unsere Lösungen gefunden – und irgendwann schauen wir nicht mehr wirklich hin. Aus Erfahrung kann Gewissheit werden, aus Gewissheit Überzeugung und aus Überzeugung manchmal eine geschlossene Tür.
Lernen dagegen öffnet Türen!
Lernen bedeutet: Ich weiß etwas und bin trotzdem bereit, noch etwas anderes zu erfahren. Ich habe eine Lösung gefunden und bleibe neugierig darauf, ob es noch eine zweite, dritte oder zehnte gibt. Ich habe mir eine Meinung gebildet und erlaube einem anderen Menschen trotzdem, mir etwas zu erzählen, das nicht zu dieser Meinung passt.
Ein offenes Herz und ein offener Geist bedeuten nicht, alles gutzuheißen oder jede Überzeugung über Bord zu werfen. Offenheit bedeutet vielmehr, dem Neuen wenigstens für einen Moment die Möglichkeit einzuräumen, dass es mir etwas zeigen könnte, was ich bisher noch nicht gesehen habe.
Im Zen-Buddhismus gibt es dafür den treffenden Begriff des Anfängergeistes. Der Anfänger weiß, dass er nicht weiß. Deshalb schaut er genau hin. Er fragt. Er staunt. Er probiert aus. Er darf Fehler machen. Und vor allem muss er die Welt noch nicht in das hineinpressen, was er bereits über sie zu wissen glaubt.
Das kleine Kind besitzt diesen Anfängergeist ganz selbstverständlich. Es kann hundertmal fragen: Warum? Wieso? Wie funktioniert das? Was passiert, wenn ich das mache? Es untersucht einen Käfer, dreht einen Stein um, lernt ein neues Wort, fällt beim Laufen hin und steht wieder auf. Kein gesundes kleines Kind sagt nach dem dritten Sturz: "Offensichtlich bin ich fürs Laufen nicht geeignet." Es lernt. Wir Erwachsenen dagegen nennen unsere Erfahrungen irgendwann gerne "die Realität".
Dabei ist unsere Welt ein Ort ständiger Veränderung. Was gestern richtig war, bedarf heute oftmals wichtiger Ergänzungen. Was vor zwanzig Jahren zum anerkannten Wissen eines Berufs gehörte, reicht heute möglicherweise längst nicht mehr aus, um diesen Beruf kompetent auszuüben. Medizin verändert sich, Psychotherapie verändert sich, Technik verändert sich, unsere Arbeitswelt verändert sich, künstliche Intelligenz verändert innerhalb kürzester Zeit Tätigkeiten, die über Jahrzehnte nahezu gleich geblieben sind. Und auch unser Wissen darüber, wie Menschen denken, fühlen, lernen, lieben und miteinander leben, ist niemals abgeschlossen.
Hermann Hesse hat diese Gefahr des inneren Stehenbleibens in seinem Gedicht "Stufen" wunderbar beschrieben:
„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.“
Und wenig später folgt die Aufforderung zum erneuten Aufbruch. Hesses Gedicht ist ein großes Plädoyer dafür, sich in keiner erreichten Lebensstufe endgültig einzurichten.
Auch in meiner therapeutischen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass Menschen nicht deshalb in Schwierigkeiten geraten, weil sie überhaupt keine Lösung für ein Problem besitzen, sondern weil sie nur noch eine einzige sehen.
Ein Mensch hat beispielsweise gelernt, Konflikte zu vermeiden. Das war irgendwann in seinem Leben möglicherweise sogar eine sehr kluge Strategie. Als Kind konnte er sich vielleicht gegen einen dominanten Vater nicht durchsetzen und entdeckte: Wenn ich still bin, mich anpasse und keinen Widerspruch äußere, habe ich meine Ruhe. Eine gute Lösung – damals! Dreißig Jahre später sitzt derselbe Mensch vor seinem Vorgesetzten, seinem Partner oder seiner Partnerin und schweigt noch immer, sobald ihm etwas nicht passt. Nicht weil er schweigen möchte, sondern weil sein Gehirn für diese Situation weiterhin nur die alte Lösung parat hat.
Lernen bedeutet dann nicht, diese frühere Strategie als schlecht abzutun. Sie hatte ihren Sinn. Lernen bedeutet, weitere Möglichkeiten hinzuzufügen: Ich kann schweigen. Ich kann nachfragen. Ich kann widersprechen. Ich kann um Bedenkzeit bitten. Ich kann eine Grenze setzen. Ich kann einen Kompromiss anbieten. Ich kann sagen: "So möchte ich nicht behandelt werden." Aus einer Möglichkeit werden sechs. Und plötzlich entsteht Freiheit.
Virginia Satir, eine der großen Pionierinnen der Familientherapie, wurde einmal gefragt, woran man denn eine hilfreiche Beratung oder Therapie erkennen könne. Ihre Antwort lässt sich sinngemäß so zusammenfassen: Ein Mensch sollte nach einer hilfreichen Intervention über mehr Wahlmöglichkeiten verfügen als zuvor. Ich halte das für eine wunderbare Beschreibung nicht nur gelungener Psychotherapie, sondern gelungenen Lernens überhaupt.
Lernen erweitert deine Wahlmöglichkeiten.
Ingrid, eine 68-jährige Frau, hatte sich jahrelang erfolgreich gegen alles gewehrt, was mit neuer Technik zu tun hatte. Onlinebanking, Videotelefonie, digitale Fahrkarten, Apps: "Das ist nichts mehr für mich", sagte sie. Ihre Kinder erledigten vieles für sie. Das war bequem, aber mit jeder Aufgabe, die andere übernahmen, wurde ihre Welt ein kleines Stückchen enger. Bis ihre Enkelin irgendwann nicht mehr versuchte, ihr das Smartphone zu erklären, sondern sie fragte: "Oma, was würdest du denn gerne damit können?" Ingrid wollte Fotos verschicken. Also lernte sie genau das. Dann wollte sie die Fotos ihrer Enkelin wiederfinden. Also lernte sie auch das. Dann meisterte sie Videotelefonie, dann eine Fahrplan-App. Irgendwann schickte sie ihrer Enkelin selbst eine Sprachnachricht und sagte lachend: "Pass auf, bald erkläre ich dir das Ding."
Was hatte sich verändert? Nicht ihr Alter, nicht ihre Intelligenz, sondern ein einziger Satz. Aus "Das kann ich nicht" war "Das kann ich noch nicht" geworden. Dieses kleine Wort noch gehört für mich zu den schönsten Wörtern des Lernens.
Auch aus der Forschung wissen wir, dass wir gut daran tun, uns unsere kindliche Neugier möglichst lange zu bewahren. Wissenschaftler:innen beschäftigen sich inzwischen intensiv mit der Frage, welche Bedeutung Neugier für gesundes Altern besitzt. Studien zeigen, dass ältere Menschen Informationen besser erinnern, wenn ihre Neugier geweckt wurde. Neuere Untersuchungen bringen Neugier außerdem mit kognitiver Reserve und geistiger Aktivität im Alter in Verbindung. Eine Langzeituntersuchung mit älteren Erwachsenen ergab sogar, dass größere Neugier mit einer höheren Wahrscheinlichkeit verbunden ist, die folgenden fünf Jahre zu überleben, wobei daraus selbstverständlich nicht folgt, dass Neugier allein ein längeres Leben verursacht. Mich fasziniert daran weniger die Frage, ob wir durch Neugier tatsächlich einige Jahre länger leben. Viel wichtiger erscheint mir die Erkenntnis aus all diesen Studien:
Neugier lässt uns lebendiger leben.
Solange du noch wissen möchtest, wie etwas funktioniert, solange du noch ein Buch aufschlägst und etwas darin findest, das deine bisherigen Gedanken durcheinanderbringt, solange du einen Menschen fragst: "Wie siehst du das eigentlich?", solange du eine Sprache, ein Instrument, eine neue Technik, eine neue Bewegungsform oder einfach eine andere Art zu denken ausprobierst, bist du nicht fertig mit der Welt. Und die Welt ist nicht fertig mit dir.
Vielleicht haben deshalb viele Menschen mehr Freude daran, ein Puzzle aus tausend Teilen zusammenzusetzen als eins aus zwanzig. Beim Puzzle mit zwanzig Teilen ist die Lösung schnell gefunden: ein paar Handgriffe – fertig! Bei tausend Teilen dagegen gibt es lange Zeit mehr Nichtwissen als Wissen. Du suchst, probierst, irrst dich, legst ein Teil wieder zurück, entdeckst plötzlich eine winzige Farbnuance und merkst, das könnte dort hingehören. Und dann passt es tatsächlich! Jeder dieser vielen Momente bei einem Tausend-Teile-Puzzle macht Freude. Nicht erst das fertige Bild!
Vielleicht sollten wir deshalb auch unser Leben als ein Puzzle betrachten, bei dem immer wieder neue Teile auf dem Tisch auftauchen, nicht als eins, das irgendwann vollständig zusammengesetzt ist. Du darfst deine Meinung ändern. Du darfst nach dreißig Jahren entdecken, dass etwas auch anders geht. Du darfst feststellen, dass du dich geirrt hast. Du darfst einen Menschen neu kennenlernen, obwohl du dachtest, du hättest ihn längst verstanden.
Du darfst eine Überzeugung, die dir einmal geholfen hat, wieder loslassen. Du darfst mit siebzig etwas anfangen, das du mit vierzig noch für vollkommen uninteressant gehalten hast. Und du darfst scheitern, denn auch ein Irrtum kann dich lehren. Hildegard Knef hat dieses Lebensgefühl in einem ihrer Lieder wunderbar auf den Punkt gebracht: Wenn etwas danebengeht, kann es immer noch "Erfahrung statt Offenbarung" gewesen sein. "Was macht das schon?"
Es geht also keineswegs darum, unser Können geringzuschätzen. Im Gegenteil, freue dich über alles, was du gelernt hast. Über deine Erfahrungen, dein Wissen, deine Fähigkeiten und all die Lösungen, die du im Laufe deines Lebens gefunden hast. Aber stelle keinen Wächter davor. Lass die Tür offen.
Wenn du einen Weg gefunden hast, frage gelegentlich: Gibt es noch einen anderen? Wenn du glaubst, einen Menschen verstanden zu haben, frage dich: Was weiß ich noch nicht über ihn? Wenn du dir über etwas vollkommen sicher bist, frage: Welche Erfahrung könnte meine Sicht erweitern?
Wenn etwas nicht funktioniert, frage nicht nur: Was habe ich falsch gemacht?, sondern auch: Was kann ich daraus lernen?
Und wenn du dich bei dem Gedanken ertappst: Dafür bin ich inzwischen zu alt, füge wenigstens probeweise das kleine Fragewörtchen hinzu: wirklich?
Wir müssen nicht unser ganzes Leben Anfängerinnen oder Anfänger bleiben. Aber wir dürfen uns unseren Anfängergeist bewahren. Dieses neugierige, offene, lebendige Verhältnis zur Welt, das nicht sagt: Ich weiß, wie es ist, sondern: Zeig mir, was ich noch nicht gesehen habe.
Vielleicht ist deshalb Lernen tatsächlich wertvoller als Können, denn Können beschreibt, was du bereits erreicht hast.
Lernen hält offen, was noch aus dir werden kann.
Open heart, open mind.
Bleib neugiereig.
Bleib offen.
Und vor allem: Bleibe eine lernende Person.
Dein Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
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