Ach, Mond … Wege aus der Niedergeschlagenheit – #53

In diesem Beitrag der Serie "Erfahrungen aus der Praxis" erfährst du, wie sich das Gefühl der Niedergeschlagenheit überwinden lässt.

Ach, Mond … Wege aus der Niedergeschlagenheit – #53
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Ach Mond, wüsst' ich nicht, dass nur Schatten dich decken - ich müsst verzweifeln.

Das ist eines meiner Lieblingshaikus. Die Dichtkunst der Zen-Meisterinnen und Zen-Meister hat zu allen Zeiten Menschen auf ihrem Weg unterstützt. Gerade und vor allem wenn es dunkel ist, in uns und um uns herum. Das Handwerkszeug der modernen Psychologie lässt diese Tiefe und Schönheit oft vermissen – und ist dennoch vielfach hilfreich, wenn es darum geht, mit den Wolken der Niedergeschlagenheit gut umzugehen.

Wenn du dich in letzter Zeit häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos gefühlt hast, wenn du deutlich weniger Lust und Freude an Dingen gehabt hast, die du sonst gerne tust, dann wirst du dir selbst oder deinen Freunden wohl sagen: "Ich glaube, ich bin gerade in einer depressiven Phase."

Wenn wir Ausschau halten danach, was uns dann in so einer Phase hilfreich sein kann, finden wir wirklich etliches, was sehr unterstützend sein kann.

Es ist so, wie es ist

Aus meiner Erfahrung ist das Erste und Wichtigste anzuerkennen, dass es gerade so ist, wie es ist: "Ja – ich bin gerade traurig. Ja – ich bin gerade bedrückt. Ja – ich bin gerade hoffnungslos."

Eigentlich wäre in diesem Zustand jetzt auch eine gute Gelegenheit für dich, einen Blues zu komponieren, ein tiefes, schönes, herzberührendes Gedicht zu schreiben oder ein Bild zu malen, das dieser Stimmung Ausdruck verleiht. Doch wahrscheinlich geht es dir mit dieser Überlegung genauso wie vielen meiner Patientinnen und Patienten, die sich mit solch einem Hinweis schwertun. Vielleicht fällt es auch dir schwer zu akzeptieren, dass es kein Leben ohne Wolken gibt …

Ja, natürlich darfst du zu Recht darauf hoffen, dass auch die dunkelsten Wolken früher oder später wieder weiterziehen. Und gleichzeitig ist es möglich, diese besondere Zeit der seelischen Verdunkelung auch wertzuschätzen oder sie sogar als einen eigenen Erlebnisraum zu genießen.

Entdecke das In-dir-Sein

Ich möchte dich einladen, auch die Niedergeschlagenheit als etwas zu sehen, was dir dabei helfen kann, ganz nah bei dir selbst zu sein, entschleunigt zu sein, deine Wunden zu pflegen. Phasen der Energielosigkeit auch als Einladung zu Tagen stiller Einkehr, zu heilsamem Selbstrückbezug willkommen zu heißen.

Der Wind des Lebens weht auf jeden Fall. Manchmal ganz unmerklich und sanft, manchmal kraftvoll und aufwirbelnd und veränderungsstark. Die Phase des "Leicht-tief-in sich-sein-Könnens" geht dann vorhersagbar wieder vorüber. Wenn du wenig Energie hast, nutze diese Zeiten deshalb immer auch zum "In-dir-Sein".

Ist dann jedoch der Punkt erreicht, an dem du dich danach sehnst, wieder aktiv am Leben teilnehmen zu wollen, ist es gut, dafür eine Landkarte zu haben. Wenn es dir schlecht geht, macht es Sinn, auf so vielen Ebenen wie möglich Veränderungen vorzunehmen. Was hilft die Hinwendung zu unserem Körper, zu unserer Biologie? Welche psychologischen Einstellungsänderungen, welche neuen Gedanken sind hilfreich? Wie können soziale Kontakte zu einer Verbesserung beitragen? Und inwieweit hilft ein Tapetenwechsel? 

Die wertvollsten Hinweise dazu aus den Erfahrungen meiner Patientinnen und Patienten möchte ich hier mit dir teilen:

Biologie – die physische Ebene unseres Körpers

Da die Graufärbung auch immer etwas mit dem Zustand unseres Körpers zu tun hat, verwundern uns folgende Erfahrungen nicht:

Gabriele: "Wenn ich down bin, merke ich, dass es zwar kurzfristig hilft, Süßigkeiten in mich reinzustopfen, aber danach fühle ich mich meist noch mieser. Trinke ich aber eine heiße Schokolade aus echtem hochprozentigem Kakao, wirkt das wie ein sanfter Stimmungsaufheller."

Daniela: "Also, Süßes mag ich gar nicht, wenn ich deprimiert bin. Ich brauche dann Obst, Obst, Obst, Salat, Salat, Salat und Nudeln. Und Wasser, Wasser, Wasser. In Phasen der Niedergeschlagenheit habe ich das Bedürfnis, möglichst viel Gutes, Gesundes in mich aufzunehmen und Altes, Schweres aus mir rauszuschwemmen."

Klaus: "Wenn es richtig fett dunkel ist in mir, habe ich auch kein Problem damit, mein Gehirn auf chemische Weise zu unterstützen, um wieder mehr Serotonin zur Verfügung zu haben. Ich bin froh, dass ich diesbezüglich einen guten Facharzt gefunden habe, der mir etwas Passendes verschreibt."

Jörg: "Ich packe mir in meinen dunklen Zeiten meinen Depri-Rucksack auf den Rücken und laufe, laufe, laufe, zusammen mit all dem ganzen schwarzen Zeug in mir, bis mir die Zunge raushängt, dusche danach und fühle mich dann meist ein gutes Stück leichter."

Susanne: "Für mich ist es in dunklen Momenten schwer, mich zu irgendetwas anderem aufzuraffen, als es mir auf meiner Couch bequem zu machen, mich warm in eine Decke einzukuscheln und meine Zellen mit der besten Musik, die ich in meiner Sammlung habe, zu verwöhnen. Schöne, aufbauende Musik oder das wohlige Suhlen in entsprechender Blues-Musik unterschiedlichster Interpreten unterstützt mich dabei, mich zu entspannen. Wärme und reduzierte Aktivität hilft in meinen dunklen Stimmungen am meisten, mich wieder leichter zu fühlen."

Petra: "Ich singe mir dann oft selbst ein Liedchen, summe, brumme, schnalze … Manchmal wiege ich mich dazu und nehme mich selbst dabei in den Arm."

Psychologie – die emotionale und gedankliche Ebene

Die Wolken, die die Lebensfreude manchmal verdunkeln, lassen sich auf vielerlei Weise psychologisch sanft wegpusten:

Daniel: "Mein hilfreichster Gedanke in dunklen Zeiten ist definitiv: Auch das geht vorbei!"

Johannes: "Ich erlaube mir dann wütend zu sein. Das hilft mir am meisten. Der Satz Depression ist nach innen gerichtete Aggression trifft für mich und die Situationen, in denen ich mich echt mies fühle, in den meisten Fällen zu."

Marianne: "Das Gefühl der Dankbarkeit für das, was in meinem Leben gut läuft, für all das, was ich habe und an kleinen Alltagsbegebenheiten jeden Tag erlebe, ist für mich der Weg. Ich schreibe dann Listen, wofür ich dankbar bin, und führe auch jeden Abend Tagebuch darüber, was ich an Dankeswertem heute erfahren durfte."

Thomas: "Wenn ich ganz unten bin, dann brauche ich Struktur. Meine Psychotechnik besteht dann darin, mir abends, bevor ich ins Bett gehe, den Plan für den nächsten Tag aufzuschreiben. Morgens stehe ich dann genau zu der Zeit auf, die ich mir abends als sinnvoll überlegt habe. Bis mittags im Bett rumzudümpeln bringt mich sonst nur noch tiefer nach unten. Und in meinem Tagesplan achte ich ganz besonders darauf, dass so viele positive Inseln wie nur irgend möglich darin enthalten sind. Ich sage mir dann: Du hast dich 24 Stunden dabei. Niemand kann mehr für dich tun als du selbst. Also pack rein, was rein geht an Gutem."

Elvira: "In dunklen Zeiten richte ich meinen Fokus auf die Hoffnung, dass eine positive Veränderung möglich ist. Und wenn es mir schon schlecht geht und ich nicht weiß, was ich selbst dagegen tun kann, versuche ich, wenigstens für andere so viel wie möglich Gutes zu tun und Hoffnung zu setzen."

Karl: "Mich hat der alte William James überzeugt mit seinem Fake it until you make it. Ich verhalte mich stur so, als ob ich lebensfroh wäre, und lasse dabei innerlich zu, dass ich es eben gerade nicht bin."

Dorothea: "Wenn ich übel drauf bin, hilft mir meine innere Punkerin am meisten. Ich sage mir dann so Zeug wie: Scheiß drauf! Lass sie reden, sie haben kein anderes Hobby! Manchmal rappe ich auch meine negativen Gedanken. Ich spreche sie laut aus, verzerre sie in der Frequenz, singe sie rockig, rappig, operndivamäßig oder trällere sie in Micky-Mouse- oder Pumuckl-Sprechart vor mich hin. Dann kommt mir mein blödes negatives Hirnsauerkraut oft ganz schnell echt doof vor und gar nicht mehr wie die realistischste Beschreibung der Wirklichkeit."

Andreas: "Meine Psychotechnik ist die, dass ich meine dunklen Gedanken als Kino des Lebens ansehe. Ich kann wählen, in welchen Film ich gehe und sogar welchen neuen Film ich drehen möchte, wenn mir der, der gerade läuft, nicht gefällt. Manchmal lausche ich mir einfach selbst. Höre mir zu. Nehme alle Gedanken ernst, nehme sie in ihrem "So-Sein" an, ohne ihnen zu folgen."

Angelika: "Wenn ich mich so schlecht fühle, dass ich weder Yoga noch Spaziergänge machen oder Dankbarkeitslisten schreiben mag, dann lege ich mich im Wohnzimmer auf den Teppich, schaue Richtung Zimmerdecke und gebe mich für eine Weile ganz meinem Trübsinn hin. Ich lasse es mir nach Herzenslust schlecht gehen, ohne das ändern zu wollen. Ich verabschiede mich von der Idee, dass es mir eigentlich gutgehen sollte. Das nimmt ordentlich Druck raus. Was für eine Erleichterung zu erkennen, dass diese Jammertäler zum menschlichen Leben dazugehören."

Soziologie – die Ebene unserer sozialen Kontakte

Ute: "Ich brauche dann soziale Kontakte. Ich funke auf allen sozialen Kommunikationskanälen, solange bis ich mich mit jemanden 3-D treffen kann. Das hilft mir am meisten dabei, aus meinen unterirdischen Gefilden wieder aufzutauchen."

Barbara: "Realen Kontakt kann ich nicht gut ab, wenn ich schlecht drauf bin, aber schreiben, dass die Drähte glühen, das gibt mir dann innerlich Halt. Zu wissen, ich bin nicht alleine. Ein Herzchen, eine Blume, ein aufmunterndes Fröschchen hilft mir dann schon, mich wieder mit dem Leben und den anderen verbunden zu fühlen. Wenn es ganz, ganz schlimm ist, hat es mir auch schon geholfen, nachts um drei bei der Telefonseelsorge anzurufen und eine wildfremde, aber reale menschliche Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören."

Environmentale Ebene, die physikalische Umwelt – der Ort, an dem wir gerade sind

Sabine: "Ich brauche dann Tapetenwechsel. Weg vom PC und ab in die Badewanne. Die Badewanne ist der Ort, an dem ich den Druck übler Gedanken am wenigsten spüre. Die Wärme des Wassers hilft, ebenso wie der Duft des Badeschaums und die Kerzen, die ich mir meist dabei anzünde. Ein Ort der Stille und Geborgenheit für mich. Meine problemfreie Zone."

Renate: "Auf jeden Fall raus, raus, raus. Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, ist allein der freie Himmel über mir eine Wohltat. Bedrücktheit fällt von mir ab, sobald ich keine Gebäudedecke mehr über mir spüre."

Peter: "Mich zieht es zum Wasser, wenn es mir schlecht geht, am liebsten an einen See. Tief ins Wasser einzutauchen, vertreibt am wirksamsten das Ungute in mir. Am liebsten schwimme ich in einem Waldsee, im Meer oder eben zur Not auch in einem Schwimmbad. Im Medium Wasser erwecke ich am leichtesten meine Lebensgeister wieder."

Was ist dein Weg aus der Niedergeschlagenheit?

Wir freuen uns, wenn du uns schreibst, was dein bester Weg ist, aus der Dunkelheit wieder ins Licht der Lebensfreude zu kommen – oder deine Lebensfreude sogar inmitten der Dunkelheit noch spüren zu können. Schreib uns hier einen Kommentar oder schicke mir eine E-Mail auf: praxis@kowarowsky.de

Ich wünsche Dir alles Gute!

Dein

Gert Kowarowsky

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Doris schreibt am 05.02.2024

Oje, das hat mir leider gar nicht geholfen, obwohl ich von Erfahrungen von Mitpatient.inn.en in Kliniken schon sehr profitiert habe. Aber zu lesen, das gefühlt jede.r andere eine Strategie gefunden hat, und ich mich nach 20 Jahren Therapie wieder einfach ausweglos fühle, verstärkt den Gedanken des Versagens auf ganzer Linie.


Inhalt des Beitrags   
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 Es ist so, wie es ist
 Entdecke das In-dir-Sein
 Biologie – die physische Ebene unseres Körpers
 Psychologie – die emotionale und gedankliche Ebene
 Soziologie – die Ebene unserer sozialen Kontakte
 Environmentale Ebene, die physikalische Umwelt – der Ort, an dem wir gerade sind
 Was ist dein Weg aus der Niedergeschlagenheit?
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