In diesem Beitrag aus der Reihe "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt Gert Kowarowsky, dass wir das Glück nicht in Erfolg und erreichten Zielen finden, sondern es bereits tief in uns ist. Wir müssen uns dessen nur bewusst werden.
Innerhalb fast jeder Therapie taucht die Frage auf, was es braucht, um glücklich zu sein, was der beste Weg zum Glück wohl sein mag. Anja zum Beispiel vertrat die Meinung: "Glück fällt niemandem in den Schoß. Man muss es sich erarbeiten. Entscheidungen treffen. Risiken eingehen. Scheitern, wieder aufstehen. Niemand sonst ist verantwortlich. Du bist deines Glückes Schmied – oder du bleibst unglücklich."
Das entspricht der verbreiteten Vorstellung von den Wegen, die die meisten Menschen glauben gehen zu müssen, um glücklich zu sein. Wenn ich frage: "Was tun Sie konkret, wenn Sie glücklich sein wollen?", antworten viele Patientinnen und Patienten typischerweise so wie Klaus: "Ich setze mir Ziele. Ich bemühe mich mehr zu leisten, strukturierter, erfolgreicher zu sein." Manchmal lautet die Antwort auch: "Zufrieden und glücklich fühle ich mich nur, wenn ich mich anstrenge. Wenn ich mich nicht anstrenge, fühle ich mich nutzlos und verantwortungslos. Ja, ich bin überzeugt, mir darf es nur gutgehen, wenn ich mich anstrenge."
Als ich Klaus fragte, ob es Situationen gibt, in denen er nichts leistet und es ihm trotzdem gutgeht, kam seine Antwort wie aus der Pistole geschossen: "Das passiert schon manchmal – aber das scheint mir bedeutungslos zu sein. Ich fühle mich dann innerlich getrieben, wieder etwas Sinnvolles zu tun. Dann höre ich immer meinen Opa sagen: Müßiggang ist aller Laster Anfang.“
Susanne wiederum, die schon seit vielen Jahren regelmäßig Yoga praktiziert, vertrat eine ganz andere Sichtweise: "Die meisten meiner Freundinnen sind Macherinnen. Ich bin jedoch der Meinung, dass genau dieses Machen das Problem ist. Glück entsteht nicht durch Anstrengung. Es zeigt sich, wenn du aufhörst, dich selbst anzutreiben. Glück ist nicht das Ergebnis einer Kette von Handlungen. Es ist das Erkennen dessen, was du im Innersten bereits bist."
Sie beeindruckte mich sehr damit, wie sie meine bewusst provozierend formulierte Frage beantwortete. Meine Frage lautete: "Das klingt schön, was du sagst, aber ehrlich gesagt auch bequem. Wenn du dich einfach hinsetzt und erkennst, dass du angeblich glückselig bist, ändert das deine Rechnungen? Deine Beziehungen? Deine Vergangenheit?" "Nein, natürlich nicht! Aber es ändert mich als diejenige, die sich mit der Rechnung, meinen Beziehungen und meiner Vergangenheit auseinandersetzt.
Ich, Susanne, war tatsächlich selbst lange der tiefen Überzeugung, dass mein Glück abhängig ist von äußeren Bedingungen. Deshalb trieb ich mich an bis zur Erschöpfung, um all das zu bekommen, was ich meinte erreichen und haben zu müssen, um glücklich zu sein. In den Momenten der Stille während meinen Yoga- und Meditationsübungen spürte ich jedoch immer mehr diese Augenblicke innerer Sicherheit, dass bereits jetzt, mit allen Mängeln in meinem Leben, ganz tief in mir bereits alles gut ist.
In einem alten Yogatext, in dem die Essenz des Bewusstseins beschrieben wird, fand ich dann etwas, das meine Erfahrung zu bestätigen schien. Da heißt es, dass das Bewusstsein, wenn es sich seiner selbst bewusst wird, erkennt, dass da nicht nur eigenschaftslose Stille ist. Die stille Basis des Bewusstseins wird dort beschrieben mit den drei Eigenschaften: Sat, Chit und Ananda. Stille Bewusstheit hat die Eigenschaften von Sat – Energie, Chit – Bewusstheit und Ananda – Glückseligkeit.
Glück suche ich deshalb nicht mehr in dem Gefühl der Belohnung dafür, irgendetwas erreicht oder erledigt zu haben. Glück erscheint mir als die innewohnende Basis des Bewusstseins, als das Feld energievoller, hellwacher Glückseligkeit im innersten Feld der Stille in jeder und jedem von uns. Glück ist für mich keine Emotion, sondern die Grundfarbe des Bewusstseins, wenn es sich selbst erkennt."
Erfreue dich deiner Lebendigkeit im Verfolgen deiner Ziele – ohne dein Glück daran zu binden.
Glück ist nicht der Preis für Erfolg, den es zu erreichen gilt, um glücklich zu werden, sondern der Urgrund, aus dem wir alle leben.
Genieße die Zeit zwischen den Jahren!
Genieße das Jetzt!
Genieße die Fülle in dir!
Dein Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
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Glück, Glückseligkeit empfinden bedarf der Bewusstwerdung und des Mutes, sich zu öffnen zu sich selbst, um sich das Glücklichsein einzugestehen, es sich zu erlauben und zu zelebrieren.
Vielen herzlichen Dank Herrn Kowarowsky für diese Denkanstoss-Pille, die uns daran erinnert, dass wir alles in uns tragen, was wir zum Glücklichsein brauchen.
Es ist nicht leicht, immer wieder zu sich selbst zurückzukehren, da wir von klein auf, auf Leistung-Belohnung so gedrillt werden, dass wir sehr oft Glücklichsein mit Leistung und der damit verbundenen Belohnung verwechseln.
Auf der anderen Seite, heisst „Glücklich-sein-durch-sich-selbst“, dass man niemanden mehr bräuchte, dass man auf die Interaktion mit den anderen verzichten könnte, oder einem diese egal sein könnte?
Macht das nicht einsam?
Zufriedenheit ist für mich ein vielschichtiges und höchst persönliches Gefühl.
Das jeweilige persönliche Bedingungsgefüge aus seelischen, körperlichen und zwischenmenschlichen Wohlbefinden bestimmt den Grad meiner Zufriedenheit.
Glücksmomente sind für mich Ereignisse, die in mir Hochgefühle auslösen.