In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Koewarowsky, wie wir dem Leistungsmythos entkommen und echten Selbstwert finden.
Viele meiner Patientinnen und Patienten sind davon überzeugt, dass der Selbstwert durch Leistung gesteigert werden könne. Die therapeutische Arbeit besteht dann darin, diesen Irrglauben zu durchschauen und sich die Freiheit zur Lebensfreude zurückzuerobern.
"Höher, schneller, weiter" – kaum eine Formel beschreibt den Zeitgeist prägnanter. Sie klingt nach Fortschritt, Wachstum und Optimierung. Sie verheißt Anerkennung, Erfolg und Bewunderung. Bei den jüngst zu Ende gegangenen Olympischen Winterspielen war dies einmal mehr deutlich zu beobachten. Und doch verbirgt sich hinter dieser Formel ein tiefsitzender, destruktiver Glaubenssatz:
"Wenn ich mehr leiste, bin ich mehr wert."
Dieser Gedanke ist einer der häufigsten irrationalen Überzeugungen, die in vielen Therapien bearbeitet werden müssen. In seiner zugespitzten Form lautet er:
"Ich muss außergewöhnlich sein, um liebenswert zu sein."
Auf ganz realer Ebene verkörperte Flora genau diesen Gedanken. Mit 42 Jahren hatte sie es zur leitenden Projektmanagerin in einem internationalen Unternehmen gebracht. Viele bewunderten sie; manche beneideten sie um ihr überdurchschnittliches Einkommen, ihre Führungsverantwortung und die gesellschaftliche Anerkennung. Doch innerlich erlebte sie einen konstanten Druck. Erschöpfung, Schlafstörungen und innere Unruhe bestimmten ihren Alltag. Ihre inneren Antreiber hämmerten ihr immer wieder ein: "Du darfst nicht nachlassen, sonst fällst du zurück."
Ein Blick in ihre Familiengeschichte zeigte schnell, wie gnadenlos leistungsorientiert ihr Vater gewesen war. Lob gab es ausschließlich für gute Noten. Jeder Fehler wurde mehrfach hervorgehoben, Erfolge dagegen galten als selbstverständlich. Emotionale Nähe war selten, Anerkennung stets an Leistung gebunden. Flora berichtete: "Wenn ich nicht die Beste war, hatte ich das Gefühl, nicht zu zählen."
Kein Wunder also, dass sich in ihr tiefe Überzeugungen bildeten, die zu festen Glaubenssätzen wurden:
"Mein Wert hängt von meiner Leistung ab."
"Wenn ich nicht außergewöhnlich bin, bin ich bedeutungslos."
"Schwäche führt zu Ablehnung."
Die Folgen waren innere Anspannung, Perfektionismus und Überstunden trotz Erschöpfung. Im privaten Umfeld reagierte sie zunehmend gereizt und sie fühlte sich leer, selbst wenn sie ihre hochgesteckten Ziele erreicht hatte. Nach jedem Erfolg folgte nur eine kurze Erleichterung, danach musste meist ein neues Ziel her, um vor sich selbst nicht als Versagerin zu gelten.
In den Sitzungen erlaubte Flora mir, sie mit schwierigen Fragen zu konfrontieren, ohne sich zurückzuziehen:
Diese Fragen halfen ihr zu erkennen, wie sehr sie ihr Tun mit ihrem Sein verwechselt hatte. Fast empört darüber, was man ihr als Kind eingetrichtert hatte, formulierte sie nach einigen intensiven Gesprächen:
"Ich bin ein fehlbarer Mensch mit Stärken und Schwächen. Mein Verhalten kann bewertet werden – ich als Person nicht."
Sie begann, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln – eines, das auf Selbstakzeptanz statt auf Leistung beruhte:
"Ich bin ein Mensch, der manches kann und manches nicht kann,
der manches weiß und manches nicht weiß.
Mensch eben! Ich bin die, die ich bin, und keine andere.
Ich brauche mich weder klein noch groß zu fühlen.
Ich kann das Leben führen, das mir sinnvoll erscheint.
Ich bin, wie ich bin – auch wenn du mich nicht so nimmst.
Mein So-Sein hängt nicht von deiner Anerkennung ab.
Ich bin die Person, die ich bin –
mit einem ganzen Bündel von Vorteilen, aber auch von Nachteilen."
Ihre neue Haltung lautete: Nicht die Anerkennung anderer ist Voraussetzung dafür, dass ich mich gut fühle, sondern meine eigene Anerkennung meiner selbst ist die Grundlage dafür, dass ich mit mir und meinem Leben im Einklang bin.
Flora arbeitet noch immer in gleicher Stellung in ihrem Unternehmen, heute jedoch ohne Selbstausbeutung und ohne die Vernachlässigung all der anderen Lebensbereiche, die ihr Freude bereiten. Rückblickend wundert sie sich, wie lange sie geglaubt hatte: "Ich leiste, also bin ich wertvoll." Heute erlebt sie es anders:
"Ich bin wertvoll – und habe immer wieder Lust, mir Wichtiges vorzunehmen und zu leisten. Doch keine noch so große Leistung macht mich zu einem besseren oder wertvolleren Menschen."
Der Unterschied ist existenziell.
Früher war Leistung für sie die notwendige Bedingung, um sich wertvoll zu fühlen. Heute ist sie Ausdruck eines gesunden Selbstwertgefühls.
Seit Flora ihren Wert von ihrer Leistung entkoppelt hat, arbeitet sie kreativer, gönnt sich Pausen und erlebt Aufgaben häufiger als Spiel, nicht mehr als Prüfung ihres Wertes. Paradoxerweise erreicht sie nachhaltige Leistungsfähigkeit gerade dort, wo sie ihr nicht mehr überlebenswichtig erscheint. Früher erzeugte Druck kurzfristige Energie, aber langfristig Erschöpfung. Die neue, unerschütterliche Gewissheit ihres nicht verhandelbaren Wertes als Mensch hingegen schenkt ihr Ruhe und echte Neugier auf das Leben.
Am Ende der Therapie kam sie zu dem Schluss:
"Jetzt ist es tief in meinen Zellen verankert: Ich darf wachsen, scheitern, lernen, ruhen. Mein Wert bleibt konstant."
Genieße jedes „Höher, schneller, weiter“ als Ausdruck deiner Lebensfreude – fern von der Idee, dadurch ein wertvollerer Mensch werden zu müssen.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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