In diesem Beitrag aus der Reihe "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt Gert Kowarowsky, dass eine erfüllte Partnerschaft immer mit Selbstliebe beginnt – als Grundstein für offene Kommunikation und Veränderungen.
Immer wenn es um das Thema Beziehungen geht, fällt mir der Satz von Eckhart Tolle ein: "Du hast sicher schon bemerkt, dass Beziehungen nicht dazu da sind, dich glücklich oder erfüllt zu machen. Wenn du versuchst, durch eine Beziehung Erlösung zu finden, wirst du wieder und wieder enttäuscht werden. Wenn du aber akzeptierst, dass Beziehungen dazu da sind, dich bewusst zu machen statt glücklich, dann wird deine Beziehung dir Erlösung bieten …"
Das Ergebnis "normaler" Prozesse in Liebesbeziehungen kann idealerweise sein: Wir sind einander eine Chance, in der wir, du und ich, in Liebe lernen, immer genauer auf uns selbst zu schauen – zu beobachten, welche Trips abgehen, welche Gefühlswellen und -wallungen, welche Gedankenmuster und Verhaltensweisen auftauchen.
"Gott im Du erkennen" – dieser Satz des Freiburger Theologen Karl Rahner taucht dabei immer wieder in mir auf.
Die eigentliche Katastrophe besteht selten darin, dass uns jemand verlässt. Sie besteht darin, dass wir uns selbst verlassen – oft seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Nicht der Blick der anderen Person muss uns rund um die Uhr tragen. Es ist das In-sich-Ruhen, das In-sich-gegründet-Sein, das wir brauchen – in guten wie in schlechten Tagen. Dies uns täglich zu geben, darin besteht die wahre Herausforderung, die für viele nicht leicht zu bewältigen ist.
Vielleicht richten wir deshalb so viel Aufmerksamkeit nach außen – in der Hoffnung, unser Gegenüber möge uns endlich von der inneren Unruhe erlösen. Doch wenn Selbstliebe schwerfällt, ist das stille, bewertungsfreie In-sich-Sein ein heilsamer Anfang. Meditation, Selbstrückbezug, das Sich-in-sich-sicher-Fühlen – all das bildet die Grundlage für das, was in jeder Partnerschaft unverzichtbar ist: echtes Gespräch.
Viele Paare sprechen täglich kaum zwei Minuten über Persönliches. Kein Wunder, dass sich Enttäuschung, Trauer und Zorn ansammeln. Wo das Wesentliche nicht mehr geteilt wird, erstickt Nähe unter dem Gewicht des Ungesagten.
Liebe im Alltag bewegt sich zwischen Nähe, Lust, Enttäuschung und der Suche nach neuen Wegen. Und immer wieder zeigt sich:
Liebe ohne Selbstliebe bleibt fragil.
Mike und Yvonne machten in ihrer Paartherapie eine überraschende Entdeckung: Je weniger sie einander "brauchten", desto tiefer konnten sie einander begegnen. Je mehr jeder für sich SELBST-Bewusstsein entwickelte, desto freier wurde die Liebe.
Sie nahmen sich täglich Zeit für Stille, für Rückbezug, für das Spüren des eigenen inneren Selbst. Und mit jedem Tag wuchsen ihre Konfliktfähigkeit, ihre Versöhnungsbereitschaft und ihre Fähigkeit, konstruktiv miteinander zu sprechen.
An ihrer Küchenwand hing ein Satz von Rumi, der sie begleitete:
"Jenseits von richtig und falsch liegt ein Feld. Dort will ich mich mit dir treffen."
Je mehr sie dieses Feld in sich fanden, desto leichter konnten sie von sich sprechen – und einander wirklich zuhören.
Das gilt für uns alle!
Je tiefer du in dir gegründet bist, desto leichter gelingt Zuhören. Desto dialogfähiger wirst du. Desto natürlicher wird es, die eigenen Bedürfnisse und die des Gegenübers gleichrangig zu halten.
Am Ende ihrer gemeinsamen Arbeit sagten Mike und Yvonne:
"Wir geben uns heute mehr emotionale Unterstützung als je zuvor. Wir sprechen offener, teilen Erfolge, benennen Ärger sofort, schaffen gemeinsam eine wohltuende Atmosphäre. Wir können einander jetzt ohne Eifersucht das Recht auf Privatsphäre zugestehen, ohne uns voneinander zu entfernen. Krisen bedeuten für uns nicht mehr das Ende – sondern eine Einladung, gemeinsam zu wachsen.
Inzwischen ist uns klar geworden, dass auch ein potenzieller Traumpartner oder eine potenzielle Traumpartnerin Stärken und Schwächen hat. Wir haben gelernt, entspannt zu akzeptieren, dass wir zwei eigenständige Personen sind – mit je unterschiedlicher Lerngeschichte und unterschiedlicher Erlebnisweise. Uns ist klar geworden: Mit einer anderen Partnerin oder einem anderen Partner würden sich diese Probleme, die wir hatten, vielleicht nicht ergeben – aber dafür mit Sicherheit andere!“
Beziehungen sind jederzeit neu formbar. Sie können wieder zu einem Feld von Leben, Lieben, Lachen werden – wenn beide Seiten bereit sind, den eigenen Anteil zu verändern.
Wenn du Veränderung willst, beginne bei dir.
Und vielleicht ist das tägliche stille, bewertungsfreie In-sich-Sein der erste Schritt.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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