Folge 60: Du hast immer Wahlmöglichkeiten

Der Psychotherapeut Gert Kowarowsky erzählt aus seiner langjährigen Praxiserfahrung über die Sorgen, Probleme und die Fragen, die seine Klientinnen und Klienten bewegen. In diesem Beitrag geht es um unsere Fähigkeit, Probleme lösen zu können.

Folge 60: Du hast immer Wahlmöglichkeiten
© PAL Verlag

Virginia Satir, die bekannte Familientherapeutin, wurde einmal gefragt, was für sie das wichtigste Kriterium einer guten Beratung oder Therapie sei. Sie überlegte kurz und meinte dann:

„Ich bin überzeugt davon, dass jede hilfreiche Intervention dazu führt, dass die Person, die um Hilfe bittet, nach der Beratung oder Therapie wieder über mehr Wahlmöglichkeiten verfügt als zuvor.“

Erst deine inneren Grenzen machen aus Lösungen Probleme

Grenzen existieren in den allermeisten Fällen in deinem Kopf. Oft hinderst du dich selbst daran, eine Änderung vorzunehmen, weil dein Kopf dir Dinge erzählt wie:

"Wenn ich A mache, um weiterzukommen, ergibt sich daraus die unangenehme Konsequenz X. Wenn ich jedoch B mache, ergibt sich daraus die negative Konsequenz Y. Wenn ich aber stattdessen C mache, ergibt sich daraus der unannehmbare Zustand Z. Was auch immer ich mir als Lösung ausdenke, führt nur dazu, dass das Problem nicht besser wird, sondern meine Lage eher noch verschlimmert. Und für Plan D bin ich zu alt, zu schüchtern, zu ungeschickt, zu introvertiert, nicht fit, klug, hübsch, kreativ genug, dazu fehlen mir Selbstvertrauen, Kenntnisse, Beziehungen ..." Solche Gedankenketten sind leider keine Seltenheit.

Was hinter unseren Unlösbarkeitsgedanken steckt

Und wehe, unsere Freunde suchen nach Lösungen für uns. Hinter solchen Unlösbarkeitsgedanken liegen nämlich nicht selten Wünsche, die du dir nicht wirklich gerne eingestehen möchtest.

Mitunter ist es dir nämlich einfach wichtig, den anderen zu zeigen, wie schlecht es dir geht: "Seht doch, wie es um mich steht! Ich stecke in einer ausweglosen Situation." Zuwendung, liebende Anteilnahme und Sätze wie "Ja, ich verstehe, das ist wirklich eine harte Zeit für dich" sind in schwierigen Situationen eben auch etwas sehr Wohltuendes. Manchmal so wohltuend, dass sie dir lieber sind als Lösungsvorschläge für deine aktuelle Situation, die aber mit Anstrengung für dich verbunden wären.

Vielleicht sehnst du dich aber auch danach, endlich einmal wieder die Erfahrung zu machen, dass andere etwas für dich tun. Dein Wunsch ist es zu erleben, dass jemand sich voll und ganz dafür einsetzt, dass es dir wieder besser geht. Deine geäußerten Unlösbarkeitsgedanken sollen dem anderen vermitteln, dass er oder sie jetzt wirklich gefragt ist: „Hey, ich bin in einer schlimmen, unerträglichen Situation, die du unbedingt ändern musst, denn ich kann sie nicht ändern.“ 

Und manchmal sitzt auch die ganz dunkle Seite von dir am Steuer und möchte mit solchen geäußerten "Nichts-geht-mehr-Gedanken" deinen Interaktionspartnern ein schlechtes Gewissen bescheren: "Es hat sich immer noch nichts getan." Damit sitzt du freilich am längeren Hebel und kannst die Dynamik nach Belieben anheizen.

Ja, und manchmal bist du überzeugt, der ganzen Welt beweisen zu müssen, dass es keine Lösung geben kann und dass du nichts tun kannst. Denn wenn es eine Lösung gäbe, hättest du sie ja schon gefunden …

Wie schaffst du ein Bewusstsein dafür, immer Wahlmöglichkeiten zur Verfügung zu haben?

Kein Mensch kann immer nur mit höchster Drehzahl unterwegs sein, daher findest auch du immer wieder in der einen oder anderen Situation diesen Moment tiefster Stille in dir. Um Lösungen an der Basis deines Bewusstseins finden zu können, bedarf es einer entscheidenden Voraussetzung:

Mehr Wahlmöglichkeiten sehen zu können setzt voraus, dass du den Nutzen, eine Lösung zu finden höher einstufst, als den Nutzen ein unlösbares Problem zu haben.

Ich weiß, diese Sätze zu lesen, kann jetzt harter Tobak für dich sein, vor allem, wenn du gerade wirklich davon überzeugt bist, über keinerlei Wahlmöglichkeiten mehr zu verfügen. Lass dich deshalb von mir liebevoll einladen, mit deinen Gedanken etwas zu spielen. Schau einmal, welche Antworten in dir auftauchen, wenn du dir folgende drei Fragen stellst:

  • Was würde sich denn verschlechtern, wenn sich die Lage bessert?
  • Was ist denn gut daran, dass es gerade so ist, wie es ist?
  • Welche Vorteile warten auf mich, wenn ich mein aktuelles Problem bewältigt habe?

Lasse jeden Gedanken zu, der sich in dir nach einer jeden Frage zu Wort meldet, auch die unmöglichsten.

Bleib spielerisch!

Und wenn du dann zu dem Entschluss kommst, dass du dein aktuelles Problem doch lieber gegen eine selbst gefundene Lösung eintauschen möchtest, hilft dir vielleicht dieser Gedanke weiter: Es gibt zwar keine Lösung. Aber wenn es eine Lösung gäbe, wie könnte sie aussehen?

Und vergiss nicht Friedensreich Hundertwasser, der meinte: 

Die gerade Linie ist gottlos.

Bleib deshalb spielerisch. Du musst niemals sofort und gleich und hier und jetzt und schon gar nicht mit Gewalt eine Lösung finden. Das Feld aller Möglichkeiten ist in dir. Und alle Möglichkeiten bedeuten alle Möglichkeiten – auch die, die nicht direkt und auf dem geradesten Weg zum Ziel führen. Auch die Möglichkeit zur radikalen Akzeptanz dessen, was hier und jetzt gerade ist.

So erweitere ganz im Sinne von Virginia Satir deine Wahlmöglichkeiten und verändere den Blick auf deine Situation von:

„Es gibt keine Lösung.“

hin zu

„Bisher habe ich noch keine für mich stimmige Lösung gefunden.“

Eine Garantie, dadurch eine befriedigende Lösung zu finden, gibt es nicht – aber die Wahrscheinlichkeit erhöht sich um ein Vielfaches. Das Feld aller Möglichkeiten in dir hält alle Möglichkeiten für dich parat ...

Bleib spielerisch!

Dein

Gert Kowarowsky

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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