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Ursachen der Prüfungsangst

Ratgeber Prüfungsangst Kapitel 3

© Autor: Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut

Viele Menschen denken, vor einer Prüfung müsse man einfach Angst haben. Sie sehen die bevorstehende Prüfung als Ursache ihrer Angst an.

Wenn es jedoch die Prüfung als solche wäre, die uns Angst machte, dann wäre das Geld für den Kauf dieses Buch hinausgeworfen. In diesem Fall könnten Sie nämlich nichts gegen Ihre Angst unternehmen. Dem ist jedoch, Gott sei dank, nicht so.

Wenn es aber nicht die Prüfung an sich ist, die uns in Angst und Schrecken versetzt, was ist es dann? Wie erklären wir uns die Tatsache, dass manche Menschen keine oder nur geringe Prüfungsangst haben, während andere jede Prüfung als eine Hinrichtung empfinden? Ist das Veranlagungssache?

Wenn es von Geburt an ängstliche und ruhige Menschen geben würde und wir unglücklicherweise zur Gruppe der Ängstlichen gehörten, dann hätten Sie ebenfalls kein Chance, Ihre Prüfungsängste abzubauen. Doch auch dem ist nicht so.

Wenn es aber nicht die Prüfungssituation als solche ist, die uns in Angst versetzt, und es auch keine Frage der Veranlagung ist, was versetzt uns dann in Panik?

Die Ursache von Prüfungsangst

Wir verspüren Angst, wenn wir uns ausmalen, dass wir in der Prüfung kläglich versagen, dass unsere Bekannten und Freunde sich über uns lustig machen werden, dass wir uns schrecklich blamieren werden. Wir geraten in Panik, wenn wir uns vorstellen, im Vorstellungsgespräch vor Aufregung zu stottern und kein vernünftiges Wort herauszubringen, wenn wir an unseren Fähigkeiten zweifeln und uns als minderwertig und dumm abstempeln, usw.

Wir verspüren Angst, wenn wir uns bewusst oder unbewusst sagen:

Ich werde die Prüfung sicherlich verhauen. Vor lauter Aufregung kriege ich bestimmt kein Wort heraus. Ich darf keinen Fehler machen. Wenn ich durchfalle, kann ich mich gleich begraben lassen. Die Schande ertrage ich nicht. Dann kann ich keinem mehr unter die Augen treten. Alle werden sich von mir zurückziehen. Ich bin einfach nicht intelligent genug. Alle anderen schaffen Prüfungen mit links, nur ich stelle mich so dumm an. Die anderen werden die Prüfung sicher bestehen. Ich werd’ der Einzige sein, der durchfällt. Ich bin ein geborener Versager.

Sicherlich kennen Sie solche Gedanken und wissen, welch verheerende Auswirkungen diese auf Ihr Wohlbefinden haben. Bei solchen Gedanken ist es mit der Ruhe und Ausgeglichenheit endgültig vorbei.

Solche Gedanken treiben Ihnen den Angstschweiß auf die Stirn, verwandeln Ihren Körper in ein Tollhaus, in dem alles drunter und drüber geht, na ja, Sie wissen schon, rufen eben die ganzen unangenehmen Symptome hervor, die mit starker Angst einhergehen.

Ist es denn nicht normal, Angst zu haben, wenn vom Bestehen der Prüfung eine Beförderung, eine Anstellung oder wichtige persönliche Entscheidungen abhängen?, werden Sie nun vielleicht fragen.

Angst ist normal in dem Sinne, dass die meisten Menschen in diesen Situationen Angst empfinden. Wenn die Angst Sie jedoch unfähig macht, trotz guter Vorbereitung, klar zu denken, ist sie nicht hilfreich.

Auch wenn vom Bestehen der Prüfung für Sie sehr viel abhängt, so erzeugt die Prüfung als solche dennoch keine Angst.

Es ist vielmehr Ihre Bewertung, die Angst hervorruft, nämlich dass vom Bestehen der Prüfung sehr viel abhängt, um nicht zu sagen, dass Ihr Leben davon abhängt.

Wenn Sie das Bestehen einer Prüfung zu einer Frage von Leben und Tod machen, wenn Sie also die Bedeutung der Prüfung oder das Versagen in der Prüfung überschätzen und dramatisieren, dann erzeugen Sie bei sich starke Angst.

Angst wird durch unsere ängstlichen Gedanken hervorgerufen. Diesen Zusammenhang zwischen unseren ängstlichen Gedanken und unseren Ängsten können wir im ABC der Gefühle darstellen. Was sagt das ABC der Gefühle aus?

Bevor Angst aufkommen kann, müssen zwei Dinge passieren.
1. Wir nehmen etwas wahr und
2. wir bewerten diese Wahrnehmung als negativ.

Das ABC der Gefühle:
A: Situation: Was passiert?
B: Bewertung: Wie denke ich darüber?
C: Gefühl, Körperreaktion, Verhalten: Wie fühle ich mich? Wie reagiert mein Körper? Wie verhalte ich mich?

Hierzu ein Beispiel: Herr M., ein Student, der uns wegen Prüfungsängsten aufsuchte, machte sich folgende Gedanken über seine bevorstehende Prüfung:
A: Situation: Ich habe in 8 Wochen mein Diplom.
B: Bewertung: Bestimmt kriege ich in der Prüfung kein Wort heraus. Wenn ich durchfalle, ist alles aus. Das wäre eine Katastrophe. Das könnte ich nicht ertragen.
C: Gefühl, Körperreaktion, Verhalten: Angst und Anspannung, bin verunsichert, lerne Tag und Nacht

Herr K., ebenfalls Student, dachte über seine bevorstehende Prüfung so:

A: Situation: Diplom in 4 Monaten
B: Bewertung: Ich bereite mich gut vor. Ich lasse die Prüfung auf mich zukommen. Selbst wenn ich in der Prüfung einen Augenblick blockiert sein sollte und mein Kopf scheinbar leer wäre, ist das keine Katastrophe. Prüfer sind auch Menschen und haben dafür Verständnis. Ich wäre nicht der erste Prüfling, dem so etwas passierte. Meine Denkblockade wird sich nach kurzer Zeit wieder auflösen, wenn ich ein paar Mal tief durchatme und mich kurz entspanne. Wenn ich die Prüfung nicht bestehe, wäre das zwar unangenehm, aber kein Weltuntergang. Dann wiederhole ich die Prüfung eben.
C: Gefühl: leichte Anspannung, fühle mich relativ sicher, lerne, mache Pausen beim Lernen

Sie sehen, Herr M. und Herr K. unterscheiden sich in der Art, wie sie die Situation und ihre Fähigkeiten einschätzen - und deshalb und aus keinem anderen Grund reagieren beide auch völlig verschieden auf die bevorstehende Prüfung.

Würde Herr K. wie Herr M. denken, d.h. würde er sich auch solch negative und Angst auslösende Gedanken machen, dann hätte er genausoviel Angst vor der Prüfung wie Herr M. Da er sich und seine Fähigkeiten aber realistisch einschätzt, er es für unwahrscheinlich hält, dass er durch die Prüfung fällt bzw. im Durchfallen keine Katastrophe sieht, kann er der Prüfung relativ gelassen und selbstsicher entgegensehen.

An diesen Beispielen erkennen Sie, dass es von Ihrer Einschätzung der Prüfung abhängt, wie Sie sich fühlen und verhalten.

Bedeutet ein Ereignis für Sie etwas Positives, d.h. denken Sie, es ist angenehm, es gelingt, es ist schön, gut und hilfreich, empfinden Sie positive Gefühle. Bewerten Sie das Ereignis als negativ, d.h. denken Sie, es ist schlimm, es wird ein Misserfolg, eine Katastrophe, es wird unerträglich und gefährlich, verspüren Sie Angst und Unsicherheit.

Hat das Ereignis für Sie weder eine positive noch negative, sondern neutrale Bedeutung, stehen Sie ihm also relativ gleichgültig gegenüber und denken, es geht schon in Ordnung, fühlen Sie sich ausgeglichen, gelassen und ruhig.

Aus dem ABC der Gefühle können Sie ersehen, dass Sie theoretisch in jeder Situation, also auch in der Prüfungssituation, drei Möglichkeiten haben, wie Sie sich fühlen.

Wir betonen das Wörtchen „theoretisch“, weil Sie als erwachsener Mensch bereits eine Unsumme von Bewertungen für Prüfungssituationen gespeichert haben, die dann, sind sie einmal verinnerlicht, automatisch abgerufen werden. Manche Menschen sprechen in diesem Zusammenhang auch davon, dass die Bewertungen „im Unterbewusstsein sind“ und uns automatisch steuern.

In jedem Augenblick unseres Lebens bewertet und speichert unser Gehirn die Erlebnisse und Erfahrungen und sortiert diese danach, ob sie positiv, neutral oder negativ für uns waren. In jeder neuen Situation überprüft es dann blitzschnell, ob wir mit dieser Situation schon einmal in Berührung gekommen sind oder etwas darüber von anderen erfahren haben. Haben wir eine ähnliche Situation schon einmal erlebt, bewertet es die Situation automatisch nach derselben Bewertung.

Warum habe ausgerechnet ich Prüfungsangst?

So weit, so gut. Es sind also meine ängstlichen Gedanken, mit denen ich mir Angst einjage. Warum aber mache ich mir überhaupt solche Gedanken? Es gibt doch auch Menschen, die sich solche Gedanken nicht machen?

Die Antwort auf Ihre Frage liegt in Ihrer Kindheit. Sie haben gelernt, in bestimmten Situationen so zu reagieren. Schauen wir uns einmal kurz die Ursachen dafür an.

Prüfungsangst und elterlicher Erziehungsstil

Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Eltern ängstlicher Kinder weniger mit ihren Kindern sprechen und sich weniger Gedanken über deren emotionale Bedürfnisse machen. Ihre Hauptaufgabe sehen sie darin, ihren Kindern Verbote und Regeln, was gut und richtig ist, zu vermitteln. Sie unterdrücken den Wissensdrang der Kinder und den Ausdruck von Gefühlen, achten eher auf Bewertungsaspekte und Normen. Häufig überfordern sie die Kinder, weil sie deren Fähigkeiten nicht genügend berücksichtigen. Die Eltern geben wenig verbale und praktische Unterstützung. Sie bestrafen sie häufiger bei Nichterfüllung der Leistungsansprüche. So lernen die Kinder, sich als brav und gut zu bewerten, wenn sie etwas gut und richtig machen und den Vorstellungen der Eltern entsprechen. Sie lernen, dass es schlimm ist, wenn ihnen Fehler unterlaufen, und dass ihre Eltern sie dann ablehnen. Später übernehmen sie dann selbst die Rolle ihrer Eltern und lehnen sich selbst ab, wenn sie einen Misserfolg haben. Sie erleben dann jede Leistungssituation als eine persönliche Bedrohung, bei der sie befürchten, schlecht abzuschneiden und damit in der Gunst anderer (ursprünglich ihrer Eltern) zu sinken.

Prüfungsangst und Persönlichkeit der Eltern

Wenn Eltern selbst große Ängste vor Prüfungen oder vor Autoritäten haben, lernt das Kind die Situationen genauso als gefährlich einzuschätzen wie seine Eltern. Es übernimmt die Befürchtungen der Eltern, schaut sich die Reaktionsweisen der Eltern ab und ahmt sie nach.

Prüfungsangst und Erfahrungen in der Kindheit/Jugendzeit

Die heutigen Bewertungen und damit verknüpften Gefühle werden auch beeinflusst durch die in der Kindheit und Jugendzeit gemachten Erfahrungen mit Prüfungen. Welche Erfahrungen haben Sie mit früheren Prüfungen gemacht? Wurden Sie ausgelacht bei Ihrem ersten Referat vor der Klasse? Haben Sie die Erfahrung gemacht, Prüfungssituationen nie gut zu bewältigen? Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht lohnt, sich auf die Prüfung gut vorzubereiten, oder dass die Prüfer meist ungerecht sind? Haben Sie erlebt, dass Sie mit Misserfolgen nicht gut umgehen können? Sind Sie einmal in der Schule nicht versetzt worden und konnten sich das nie verzeihen? Haben Sie vor Klassenarbeiten meist nur sehr schlecht schlafen können? Dann haben Sie höchstwahrscheinlich gelernt, Prüfungen als etwas Gefährliches anzusehen, und haben deshalb als Erwachsener Angst davor.

Oder haben Sie gelernt, wie man sich auf eine Prüfung effektiv vorbereitet und wie man sich motiviert? Haben Sie erlebt, dass Sie sich nach Prüfungen erleichtert und stolz gefühlt haben? Waren die Lehrer Ihnen gegenüber gerecht und fair? Haben Sie die Erfahrung gemacht, eine erfolglose Prüfung im zweiten Anlauf zu bestehen? Haben Sie gelernt, dass Prüfungen nicht darüber entscheiden, ob Sie ein guter oder schlechter Mensch sind? Haben Sie gelernt, dass im Nachhinein alles doch nicht so schlimm war, wie es zunächst für Sie aussah? Haben Sie erlebt, dass Ihre Eltern Sie auch bei schlechten Leistungen noch akzeptierten und Ihnen das Gefühl gaben, von ihnen geliebt zu werden? Haben Ihre Eltern Sie gelobt und unterstützt, wenn Sie Hilfe benötigten? Dann werden Sie Prüfungen heute höchstwahrscheinlich nicht als Damoklesschwert erleben und relativ selbstsicher und gelassen in die Prüfung gehen.

Prüfungsangst und gesellschaftliche Normen

In unserer Gesellschaft herrscht die Vorstellung, dass erfolgreiche Menschen auch glückliche Menschen sind. Je mehr jemand leistet, desto mehr gilt er in der Gesellschaft, desto mehr verdient er, desto mehr kann er sich leisten. Es herrscht die Regel: <Kannst du was, bist du was. Bist du was, hast du was>.

Der Leistungsaspekt wird sehr stark betont, es kommt zu einem Konkurrenzdenken und der Vernachlässigung von Kontakten, Kommunikation und Kreativität. Da die Anzahl der Studien- und Arbeitsplätze in höherqualifizierten Positionen nicht stetig ansteigt, bekommen Prüfungen immer mehr die Aufgabe, dass man den Mitbewerber aussticht, unabhängig von der objektiven Qualität der Leistung.

Es entsteht gleichzeitig auch die Angst, von anderen übertroffen oder in seinen Schwächen ausgenutzt zu werden. Es kommt zu Isolation und einem Mangel an freundschaftlichen Kontakten.

Der Einzelne lernt häufig nicht mehr, weil es ihm Spaß macht, sich Wissen anzueignen, sondern weil er die Prüfung bestehen und die damit verknüpften Vorteile in Anspruch nehmen möchte. Er erhält von der Gesellschaft als Ausgleich soziale Anerkennung und Geld.

Das Interesse an Diskussionen über den Lernstoff hinaus oder an Fragen, die nicht prüfungsrelevant sind, lässt nach. Der Ausbilder oder Dozent bekommt eine immer größer werdende Machtposition, weil man sich nach seinen Schwerpunkten und Vorlieben ausrichtet.

Die Einführung des Numerus Clausus führt dazu, dass viele nicht mehr das Fach studieren können, was sie möchten, die Regelstudienzeit macht den Einfluss von Prüfungen noch gewichtiger.

Mittlerweile gibt es eine ganze Menge von „Aussteigern“, die sich gegen die immer größer werdenden Leistungsanforderungen und die damit ansteigende Bedürfnisbefriedigung wehren.

Durch das Wissen über die Ursprünge Ihrer Prüfungsängste und das Wissen um die „Unsinnigkeit“ von Noten werden Ihre Prüfungsängste leider nicht weniger. Wir haben diesen Ausflug zu den Wurzeln Ihrer heutigen Ängste nur deshalb unternommen, weil wir Ihnen zeigen wollten, dass Ihre Ängste gelernt und nicht vererbt sind.

Als wir geboren wurden, wussten wir kaum etwas von den Gefahren des Lebens. Ein paar Angstreaktionen wie beispielsweise die Angst vor lauten Geräuschen oder vor plötzlichem Fallen sind uns angeboren, aber die übrigen Einschätzungen mussten wir erlernen. Wir lernten, mit Feuer, spitzen Gegenständen umzugehen, die Gefahr heranfahrender Autos einzuschätzen, den Finger in die Steckdose zu stecken zu vermeiden.

Das klingt zunächst einmal nach sehr nützlichen und hilfreichen Bewertungen, Bewertungen, die uns helfen, unser Leben zu bewahren.

Aber wir lernten auch, die schlechte Meinung der Nachbarn, eine sechs in einer Klassenarbeit, Kritik durch die Eltern, Fehler in Gegenwart anderer, Rotwerden vor der Klasse als gefährlich und schlimm für uns anzusehen.

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Dr. med. Kai Born
Facharzt für Psychosomatische Medizin, Wiesbaden

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Dieses Buch ist sehr hilfreich, ich habe es selbst während meines Hauptdiploms (erfolgreich!!) verwendet.

Der herausragende Vorteil ist, daß es sehr gut gegliedert ist und kurze und präzise Hilfen bietet. So kann man immer wieder einzelne Kapitel nachlesen.

Neben Themen wie Entspannung werden auch Arbeits- und Lernmethoden für die Vorbereitung auf die Prüfung beschrieben. Sehr empfehlenswert !!

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