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Gibt es berechtigte Schuldgefühle?

Kapitel 3 Ratgeber Schuldgefühle

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

"Gibt es nicht auch berechtigte Schuldgefühle?", fragen mich viele meiner Klienten. Würde ich hierzu eine kleine Umfrage starten, so bekäme ich sicher die Antwort: "Ja, es gibt berechtigte Schuldgefühle".

Was damit gemeint ist, ist, daß es Verhaltensweisen gibt, wegen derer man sich einfach schuldig fühlen muß.

Wahrscheinlich stimmen Sie dieser Meinung auch zu und warten nun darauf, daß ich Sie darin bestätige.

Wir sind nun an einem schwierigen Punkt angekommen, wo wir beide unterschiedliche Sichtweisen haben. Geben Sie mir die Chance, Ihnen meine Sichtweise darzulegen.

Schuldgefühle sind von uns selbst erzeugt. Sie entstehen, wenn wir unseren inneren, von uns akzeptierten Normen zuwiderhandeln. Sie entstehen nicht zwangsläufig, weil wir uns in einer bestimmten Art und Weise verhalten.

Ganz extrem gesprochen: Ein Mörder wird nur dann Schuldgefühle verspüren, wenn er glaubt, etwas Unrechtes getan zu haben, und sein Verhalten verurteilt.

Wenn wir über berechtigte oder unberechtigte Schuldgefühle diskutieren, dann müssen wir uns erst darüber einig werden, welche Normen wir zugrundelegen.

Immer wieder haben sich Philosophen und Kirchenvertreter darum bemüht, allgemein gültige moralische Werte zu formulieren. Doch selbst die Kirche widerspricht ihren Regeln und mißt mit zweierlei Maß.

Kriege und Töten im Namen der Kirche sind beispielsweise geduldet. Wenn ein Priester eine Frau schwängert, ist es erlaubt, abzutreiben, etc.

Es gibt keine allgemein gültigen Normen - nicht für eine Gesellschaft und schon gar nicht für alle Zeiten. Wonach sollen wir also beurteilen, wann ein Verhalten falsch ist und wann Schuldgefühle berechtigt sind?

Schuldgefühle sind immer dann berechtigt, wenn wir glauben, etwas falsch gemacht zu haben, und uns dafür verurteilen. Sie spiegeln unsere ganz persönliche Meinung wider.

Sicher gehen in die persönliche Meinung auch gesellschaftliche oder religiöse Vorstellungen mitein. Doch sind wir es, die diesen Vorstellungen zustimmen.

Ich möchte die Frage "Gibt es berechtigte Schuldgefühle?" umformulieren in die Frage "Sind Schuldgefühle sinnvoll?"

Auch hier sind wir möglicherweise unterschiedlicher Ansicht. Ich halte Schuldgefühle für überflüssig und schädlich.

Meine Begründung sieht folgendermaßen aus:

Schuldgefühle, die wir im vorhinein haben, weil wir uns vorstellen, etwas "Verbotenes" zu tun, sind überflüssig. Wenn ich etwas tue, was ich nicht für richtig halte, dann tue ich es im vollen Bewußtsein, im Unrecht zu sein.

Welchen Sinn hat es dann, sich Schuldgefühle zu machen?

Was nützt es einem Bettler, wenn Sie ihm nichts geben, sich aber Schuldgefühle machen? Was nützen Ihnen Schuldgefühle, wenn Sie Ihre Diätpläne nicht durchhalten?

Was haben Ihre Eltern davon, wenn Sie sich immer wieder sagen: "Eigentlich müßte ich mich mehr um sie kümmern", aber es nicht tun? Hilft es Ihrem Kind, wenn Sie sich vorwerfen, daß Sie ihm keine Ohrfeige hätten geben sollen?

Menschen, die sich bewußt "falsch" verhalten, hören in der Regel nicht auf, das Unrecht zu wiederholen - nur daß sie es vielleicht mit einem schlechten Gewissen tun.

Allein das schlechte Gewissen ist keine Gewähr, daß wir uns in Zukunft besser verhalten. Selbst wenn wir es uns ganz fest vornehmen, müssen wir daran arbeiten, um uns neue Verhaltensweisen anzugewöhnen.

Wahrscheinlich haben Sie einigen meiner Argumente zustimmen können, doch es kommen Ihnen noch einige "Ja, aber ... -Einwände in den Sinn. Ich hoffe, daß ich sie im folgenden Abschnitt entkräften kann.

>>> weiterlesen im Ratgeber Schuldgefühle

Weitere Leseproben:

Einleitung

Kapitel 1 Die Ursachen der Schuldgefühle

Kapitel 5 Welche Menschen sind besonders empfänglich für Schuldgefühle?

Kapitel 11 Schuldgefühle und Sexualität

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