Welche Menschen sind besonders für Schuldgefühle empfänglich?

Welche Menschen sind besonders empfänglich für Schuldgefühle? Lesen Sie aus Kapitel 5 des Ratgebers "Wenn Schuldgefühle zur Qual werden".

Welche Menschen sind besonders für Schuldgefühle empfänglich?
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Leseprobe Kapitel 5

Alle gesunden Menschen werden mit der Fähigkeit geboren, Schuldgefühle zu entwickeln. Einerseits gibt es nur sehr wenige Menschen, die sich noch niemals schuldig gefühlt haben.

Es sind Menschen, die keine Normen von Gut und Böse entwickelt haben, oder solche, die es ablehnen, sich wegen eines Fehlers in ihrer gesamten Person zu verurteilen.

Andererseits gibt es auch Menschen, die sich täglich mit Schuldgefühlen herumplagen. Es scheint so, als ob diese Menschen die Schuld geradezu auf sich ziehen. Sie fühlen sich für alles und jedes schuldig, wachen schon morgens mit einem Gefühl der Schuld auf.

Deren Persönlichkeit ist gekennzeichnet durch die folgenden Charakteristika:

1. Streben nach Perfektionismus

Sie haben unrealistische hohe Erwartungen an sich selbst. Sie erwarten von sich, sich immer richtig zu verhalten und immer und überall ihre hohen moralischen Wertvorstellungen zu erfüllen. Sie erwarten von sich, niemals jemanden Schaden zuzufügen oder zu verletzen.

Schon beim kleinsten Fehler verurteilen sie sich. In ihrem Kopf existiert ein Alles-oder-Nichts-Denken: Entweder ich mache alles richtig oder alles falsch. Sie tun sich schwer, Neues zu riskieren und Entscheidungen zu treffen, aus der Angst, es falsch zu machen.

2. Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle

Sie sehen sich als minderwertig, halten sich von Grund auf für schlecht. Die Reaktionen der Umwelt sehen sie durch diese Brille. Ein Lachen wird als Auslachen interpretiert, eine Kritik als vernichtende Verurteilung.

Sie stellen eigene Bedürfnisse zurück, weil es ihnen wichtiger ist, dass es anderen gutgeht. Sie sprechen sich das Recht ab, eigene Wünsche anzumelden oder unberechtigte Forderungen zurückzuweisen. Sie haben Angst, andere erkennen ihre "Schlechtigkeit".

3. Hohe Sensibilität und die Übernahme der Verantwortung  für Probleme und Leid anderer

Sie sind daran geübt, formulierte und unausgesprochene Wünsche und Forderungen anderer zu erkennen. In hohem Maße fühlen sie sich als "Retter der Menschheit" und Märtyrer, ohne dessen Hilfe andere umkommen oder unter ihren Problemen zusammenbrechen.

Sie neigen dazu, sich für alles und jedes verantwortlich zu sehen. Sie überschätzen ihre eigene Verantwortlichkeit und unterschätzen den Einfluß anderer von ihnen unabhängiger Faktoren.

4. Die Einstellung, die Gefühle anderer durch ihr Verhalten steuern zu können

Sie glauben, für die Gefühle anderer 100-%ig verantwortlich zu sein. Sie glauben, einen anderen Menschen kränken, verletzen und in die Drogenabhängigkeit oder den Tod treiben zu können.

Wenn andere sich schlecht fühlen, dann glauben sie, deren Unwohlsein verursacht zu haben, und verurteilen sich dafür.

Sind Frauen eher empfänglich für Schuldgefühle?

In meiner Praxis erlebe ich, dass wesentlich mehr Frauen sich mit Schuldgefühlen plagen als Männer.

Frauen quälen sich mit Schuldgefühlen, wenn ihr Mann sexuell unbefriedigt ist, wenn sie den Kindern einen Wunsch abschlagen, halbtags arbeiten gehen und die Kinder bei der Kinderfrau lassen, sich eine Putzfrau nehmen, die Mutter ins Heim bringen, die Eltern nicht oft genug zu besuchen, ihr Mann fremdgeht, der Familie das Essen nicht schmeckt, usw. Woran kann das liegen?

So weit waren wir uns einig, dass Schuldgefühle eine Folge unserer Bewertungen sind, etwas falsch gemacht zu haben, und der daran sich anschließenden Selbstverurteilung.

Schuldgefühle entstehen aus einem Widerspruch zwischen uns auferlegten, von uns akzeptierten Regeln und unserem Verhalten. 

Gibt es demnach unterschiedliche Erziehungsprinzipien und Regeln für Männer und Frauen? Gibt es Regeln, die Mädchen/Frauen empfänglich für Schuldgefühle machen?

Diese Fragen lassen sich mit ja beantworten. Schauen wir uns hierzu die Erziehung und Erziehungsideale für Frauen einmal näher an:

Welche Einstellungen zu sich und anderen bekommen Frauen durch die Erziehung sehr häufig vermittelt?

- In vielen Kulturen werden Frauen als minderwertig betrachtet. Ja, in Indien und China geht man heute noch so weit, weibliche Babies zu töten. Auch in unserer Gesellschaft gilt ein frischgebackener Vater eines Stammhalters meist mehr als der einer Tochter. "Es ist halt nur ein Mädchen", so wird die Geburt der Tochter kommentiert.

Kleine Mädchen können unbewußt diese Abwertung verspüren und sich dafür schuldig fühlen, kein Junge zu sein. Auch als erwachsene Frauen bekommen sie den Einfluß dieser Abwertung zu spüren.

Frauen werden in vielen Berufsbereichen bei gleicher Arbeit geringer entlohnt als Männer und sind seltener in der oberen Etagen des Managements zu finden.

Frauen dürfen in der kirchlichen Hierarchie nur auf den unteren Stufen mitwirken, in der Politik und Forschung ebenfalls kaum die Führungspositionen besetzen.

Bis zum Erwachsensein haben die meisten Mädchen schon so viele Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle entwickelt, dass sie immer wieder nach Bestätigung von außen suchen und von ihr abhängig sind.

Die Auswirkung auf die Schuldgefühle besteht in zweifacher Hinsicht: Ein geringes Selbstbewußtsein erhöht einerseits die Bereitschaft, sich für alles und jedes schuldig zu fühlen.

Mit vielen Erklärungen und Entschuldigungen begründen Frauen ihr Verhalten. Andererseits führt ein Verstoß gegen die Erwartungen der Gesellschaft beispielsweise durch beruflichen Erfolg zu Schuldgefühlen.

- Mädchen erfahren durch den Religionsuntericht, dass die Sünde in Gestalt der Eva weiblich ist. Das fehlerhafte Verhalten einer Frau hat die Menschheit ins Verderben gestürzt und aus dem Paradies vertrieben. Wegen der Frauen hat Jesus sich geopfert - so können wir es in der Bibel lesen.

Auch die christlichen Lehren erhöhen also die Bereitschaft der Frauen, sich schuldig zu fühlen - auch wenn Sie überhaupt nichts für Evas Verhalten können (und es ohnehin nicht geklärt ist, inwieweit die Berichte in der Bibel den Tatsachen entsprechen).

- Aus Märchen erfahren kleine Mädchen, dass sie schwach sind und auf den Märchenprinzen oder Retter warten müssen.

- Kleine Mädchen erleben am Modell ihrer Mutter, dass diese sich schuldig fühlt, wenn in der Familie etwas schiefläuft. Der Vater macht ihr Vorwürfe, wenn die Kinder schlechte Noten bekommen, wenn das Haushaltsgeld nicht reicht, die Kinder krank oder frech sind, der Nachbar sich beschwert, sein Lieblingshemd noch nicht gebügelt ist.

- Mädchen werden dazu erzogen, sich zuständig für Harmonie und die Zufriedenheit der Umwelt zu fühlen. Schon sehr früh ist es ihnen wichtig, Nähe zu anderen zu schaffen und ihrem Gegenüber das Gefühl des Verstandenseins zu vermitteln.

Sie legen Wert auf Gemeinsamkeit und guten Kontakt. Von ihnen wird erwartet, dass sie um Hilfe bitten, anderen Hilfe erteilen und Lob verteilen. Von ihnen wird erwartet, dass sie einfühlsam sind und anderen die Wünsche vom Gesicht ablesen.

Jungen lernen dagegen, sich durchzusetzen und Macht zu erringen. Es wird Wert auf Leistung, Selbständigkeit und Unabhängigkeit gelegt.

- Mädchen werden dazu erzogen, brav und angepaßt zu sein. Der Ausdruck von Ärger und die Konfliktbereitschaft werden nicht gefördert bzw. sogar verboten.

- Mädchen werden dazu erzogen, bescheiden zu sein, sich nicht in den Mittelpunkt zu stellen oder für eigene Leistungen zu loben.

- Mädchen werden dazu erzogen, perfektionistisch zu sein und alles rechtmachen zu müssen, denn sonst werden sie abgelehnt.

- Mädchen werden dazu erzogen, keine Lust auf und Freude am Sex zu haben. Sie haben es schwer, eigene sexuelle Vorlieben wahrzunehmen und dann auch anzusprechen.

- Mädchen werden dazu erzogen, sich selbst aufzuopfern und Märtyrerin zu spielen. Sie werden gelobt, wenn sie anderen helfen und eigene Bedürfnisse zurückstellen.

-  Mädchen werden dazu erzogen, sich für Haushalt, Familie und Kinder zuständig zu fühlen. Heutzutage kommt auch noch die Erwartung hinzu, einen Beruf auszuüben.

- Die Medien vermitteln Frauen immer noch ein Lebenskonzept, in dem eine Partnerschaft die Sinnerfüllung darstellt.

Während Single-Männer durchaus von der Gesellschaft anerkannt werden und die berufliche Leistung in den Mittelpunkt gerückt wird, gelten Single-Frauen als "alte Jungfern, die keinen abgekriegt haben".

>>> weiterlesen im Ratgeber Schuldgefühle

Weitere Leseproben:

Einleitung

Kapitel 1 Die Ursachen der Schuldgefühle

Kapitel 3 Sind Schuldgefühle berechtigt?

Kapitel 11 Schuldgefühle und Sexualität

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