Warum sind wir schüchtern und unsicher?

Kapitel 2: Ratgeber Selbstbewusstsein

© Autor: Dr. Rolf Merkle, Psychotherapeut

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, mit welcher Selbstverständlichkeit, Natürlichkeit und Unbefangenheit ein kleines Kind auf andere Menschen zugeht, diese anlächelt oder ein Gespräch beginnt?

Haben Sie schon einmal bemerkt, wie schnell ein kleines Kind mit einem "nein” fertig wird?

Ein kleines Kind verfällt nicht in Depressionen, wenn ein anderes Kind nicht mit ihm spielen will.

Ein kleines Kind ärgert sich nicht tage- und wochenlang über etwas. In Sekundenschnelle hat es den Vorfall vergessen und ist wieder mit etwas anderem beschäftigt.

Wenn Sie selbst ein Kind haben, wissen Sie, mit welcher Heftigkeit es seine Wünsche vorträgt und seine Gefühle zeigt.

Ein kleines Kind ist auch nicht lange nachtragend, wenn ihm ein Erwachsener etwas abschlägt.

Und wie geht es uns Erwachsenen? Was für ein Drama machen wir doch daraus, wenn ein anderer uns ablehnt.

Wie oft laufen wir tagelang mit einem langen Gesicht herum, wenn uns eine Laus über die Leber gelaufen ist.

Wie schwer tun wir uns, auf andere zuzugehen, diese anzulächeln oder anzusprechen.

Wie viele Ängste und Skrupel haben wir doch nur bei dem Gedanken daran, jemandem eine Bitte abzuschlagen.

Wie lange zögern wir, bis wir endlich unsere Wünsche oder unsere Meinung äußern?

Warum sind wir so geworden? Wo sind die Unbefangenheit und die Natürlichkeit geblieben, mit denen wir uns früher so frei und selbstsicher bewegt haben?

Welche Erfahrungen haben Ihr und mein einstmals so großes Selbstvertrauen zerstört und uns in unsichere und schüchterne Menschen verwandelt?

Die Frage nach den Ursachen für unsere Schüchternheit ist schnell beantwortet und doch auch wieder nicht.

Schüchternheit und Hemmungen sind die Begleiterscheinungen zweier sehr weit verbreiteter Ängste, die wie eine Epidemie unter den Menschen auf fast der ganzen Welt wüten:

1. der Angst vor Ablehnung und
2. der Angst zu versagen.

Durch diese beiden Ängste lassen sich Menschen davon abhalten, selbstsicher und mutig aufzutreten.

Würden wir der Angst, von anderen abgelehnt zu werden, und der Angst, zu versagen, nicht erlauben, uns einzuschränken, dann könnten wir Menschen uns frei entfalten, und wir alle würden ein erfülltes Leben führen.

Dann gäbe es keine Duckmäuser, keine Opportunisten und andere schlimme Auswüchse.

Beachten Sie bitte: Ich habe nicht gesagt, daß diese beiden Ängste dafür verantwortlich sind, daß wir Hemmungen haben.

Es ist vielmehr so, daß wir uns durch diese Ängste lähmen lassen und ihnen erlauben, über unser Verhalten zu bestimmen.

Schon jetzt möchte ich Sie mit einem kleinen Geheimnis vertraut machen.

Selbstsicheres Auftreten und Selbstvertrauen kann man nur gewinnen, wenn man das tut, wovor man Angst hat.

Das bedeutet, daß man sich trotz seiner Angst Situationen aussetzen muß, die man aufgrund der Angst lieber meiden möchte.

So wie man das Autofahren nur lernt, wenn man sich mit seiner Unsicherheit hinters Steuer setzt und fährt, so lernt man nur dann, selbstsicher aufzutreten, wenn man sich trotz seiner Unsicherheit und seiner Ängste in Situationen begibt, die man lieber meiden würde.

Woher die Angst vor Ablehnung und die Angst zu versagen kommen

Von klein auf machen wir Tag für Tag eine Menge Erfahrungen, die unser Denken, Fühlen und Handeln in großem Maße prägen.

Versetzen wir uns doch einmal in die Lage, als wir 2, 3 oder 5 Jahre alt waren.

Konnten wir in diesem Alter bereits für uns sorgen? Waren wir in der Lage, ohne unsere Eltern zu überleben?

Nein! In den ersten Jahren sind wir in ganz hohem Maße von unseren Eltern abhängig.

Wir wissen in diesem Alter instinktiv, daß wir unsere Eltern brauchen, um leben, ja, überleben zu können.

Nichts ist für uns schrecklicher gewesen als die Androhung unserer Eltern, sie würden uns nicht mehr lieb haben.

Nichts versetzte uns mehr in Angst als die Drohung, sich von uns abzuwenden.

Diese Hilflosigkeit und Unselbständigkeit machten sich unsere Eltern zunutze - in der besten Absicht, aber leider zu unserem Nachteil.

Sie machten ihre Liebe zu uns von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig. Vielleicht haben Sie sich in Ihrer Kindheit oft anhören müssen:

"Ich mag dich nicht, wenn du so unartig bist”, "Solange du dir deine Haare nicht schneiden läßt, bist du bei mir unten durch”, "Ich habe dich lieb, wenn du deine Schulaufgaben machst”.

Durch solche Worte unserer Eltern entwickelten wir die Einstellung: "Nur wenn ich so bin, wie andere mich haben wollen, dann bin ich liebenswert und bekomme deren Liebe und Anerkennung. Tue ich jedoch, was ich möchte, dann muß ich Angst haben, daß das den anderen nicht gefällt, und wenn den anderen nicht gefällt, was ich mache, dann lassen sie mich vielleicht im Stich und lehnen mich ab, und das wäre mein Ende”.

Was blieb uns anderes übrig, als brav zu sein, wenn wir nicht die Liebe unserer Eltern verlieren wollten?

Wir hatten keine andere Wahl, als ein braver Junge oder ein braves Mädchen zu sein und uns nach den Spielregeln der Erwachsenen zu verhalten.

Nun sollte man meinen, daß sich diese Angst, verlassen zu werden oder nicht mehr gemocht zu werden, verliert, wenn wir älter werden.

Denn schließlich sind wir als Erwachsene ja in der Lage, für uns selbst zu sorgen. Wir sind anderen nicht mehr auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Doch weit gefehlt.

Das Kind von damals und seine Ängste wohnen immer noch in uns. Wir sind längst keine Kinder mehr, die, um überleben zu können, es anderen recht machen müssen, und dennoch verhalten wir uns noch so, als ob Ablehnung einem Todesurteil gleichkäme.

Wir leben immer noch in der Zwangsjacke des Nett-Sein-Müssens und Andere-Nicht-Enttäuschen-Dürfens und trauen uns nicht, sie auszuziehen.

Wir haben Hemmungen, uns durchzusetzen und unsere Bedürfnisse und Wünsche zu äußern.

Wir tun vieles nur, um andere zufriedenzustellen und bei diesen anzukommen. Wir sagen ja, obwohl wir nein sagen möchten, und sagen nichts um des lieben Friedens willen.

Ringen wir uns einmal durch, das zu tun, was wir möchten und was wir für richtig halten, dann haben wir ein schlechtes Gewissen und fühlen uns wie ein Schwerverbrecher.

Sagt uns dann zu allem Elend auch noch jemand, wir seien egoistisch und würden nur an uns denken, dann ist es völlig aus.

Wir haben unsere Lektion verdammt gut gelernt und all die Jahre wohl genährt. Dies war jedoch nicht die einzige Lektion, die uns unsere Eltern - wohlgemerkt in den besten Absichten - verpaßten.

Eine andere Lektion bestand darin, uns auf sehr persönliche und verletzende Weise auf unsere Fehler und Schwächen aufmerksam zu machen und uns mehr zu tadeln, als zu loben.

Wissen Sie, wie häufig Sie vermutlich bis zum Alter von fünf Jahren im Durchschnitt getadelt wurden?

Ein Psychologe hat errechnet, daß Kinder bis zum fünften Lebensjahr häufig schon mehr als 40.000mal getadelt wurden!

Wissen Sie, was das bedeutet? Ein Kind, das bis zum Alter von fünf Jahren 40.000mal getadelt wurde, wurde im Monat im Durchschnitt ca. 666mal und pro Tag 22mal getadelt.

Wen wundert es da, wenn wir als Erwachsene unsicher und voller Selbstzweifel sind?

Wenn wir ständig nur kritisiert werden, und das häufig noch in einer so verletzenden Art und Weise wie "Du Taugenichts”, "Du Idiot”, "Du Versager”, "Du dumme Gans”, usw, dann werden unser Selbstvertrauen und unser Selbstwertgefühl, das wir alle hatten, zerstört.

Wir lernen zwangsläufig, an uns zu zweifeln, und entwickeln in Folge davon Ängste und Hemmungen.

>>> Weiterlesen im Ratgeber Lass Dir nicht alles gefallen

Weitere Leseproben

Einleitung

Kapitel 6
Selbstsicherheit beginnt in Ihrem Kopf

Kapitel 12
Wünsche äußern und Forderungen stellen, Nein sagen und Kritik äußern

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Leserstimme

Ich bin Rolf Merkle unendlich dankbar für dieses wunderbare Buch.

Seit ich damit intensiv arbeite, hat sich sehr viel in meinem Leben geändert. So habe ich mich z.B. gewehrt als ich beim Bankautomaten einfach übergangen wurde, vom Kellner das falsche Getränk bekam.

Bei der Arbeit habe ich mich meiner Cheffin gegenüber selbstsicher verhalten, obwohl diese sehr sturrköpfig ist.

Sabine K.

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Claudia Frey, Heidelberg
Diplom Psychologin

Ich empfehle meinen Patienten die PAL Ratgeber, weil sie wichtige Informationen in einer die Therapie unterstützenden Weise vermitteln. In der Wartezeit auf einen Therapieplatz sind die Bücher eine große Hilfe.

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