Folge 47: Auf mich kommt es doch nicht an ... – wirklich nicht?

Der Psychotherapeut Gert Kowarowsky erzählt aus seiner langjährigen Praxiserfahrung, über die Sorgen und Probleme der Menschen, die ihn besuchen, aber auch über die großen Fragen und Themen, die dahinterliegen. In diesem Beitrag widmet er sich der Frage, warum es auf jeden Einzelnen ankommt.

Folge 47: Auf mich kommt es doch nicht an ... – wirklich nicht?
© PAL Verlag

Ganz oft kommen Patientinnen und Patienten zu mir, die meinen, sie seien so unbedeutsam, dass es auf sie nicht ankäme. In eine ihrer letzten Sitzungen meinte Sabine: "Ach, ob ich zu der Geburtstagsfeier hingehe oder nicht, ist doch eh egal. Wenn ich nicht da bin, vermisst mich sowieso keiner …"

Oder Peter, der meinte: "Einer mehr oder weniger, der beim Umzug hilft ... – ich hab zwar gesagt, ich komm, aber wenn ich an all die handfesten Burschen denke, die schon zugesagt haben, braucht's mich Schreibtischtäter wirklich nicht auch noch. Richtig schwere Sachen kann ich eh nicht tragen …"

Ob es um Einladungen geht, um Mithilfe bei Projekten oder die Verantwortung im Umgang mit der Umwelt – es lohnt sich, dir bewusst zu machen, wie sehr es immer auch auf dich und deinen Beitrag ankommt.

Die Geschichte vom besonderen Hochzeitswein

Beeindruckt hat mich diesbezüglich ganz besonders die Geschichte von der Hochzeit auf einem kleinen Dorf vor einer langen Zeit.

Der Brautvater, der traditionell für die Ausrichtung der Hochzeitsgesellschaft verantwortlich war, befand sich in arger Bedrängnis.  Die Schar der Verwandten, Freunde, Bekannten und Menschen, die einzuladen eine gesellschaftliche Verpflichtung darstellte, überschritt bereits die Zahl einhundert. Alle sollten in Fülle feiern können und bei der Bewirtung sollte es an diesem Tag an nichts fehlen. Das Essen war kein Problem. Es gab genug Zucker, Salz und Mehl zum Backen, Öl zum Braten, Früchte, Fleisch und Gemüse in Hülle und Fülle.

Aber der Festwein war das Problem. Sie lebten nun einmal nicht in einem Dorf, umgeben von Weinbergen. Und für die Feier eine ausreichend große Menge beim Weinhändler in der Stadt zu kaufen, war dem Vater der Braut schlichtweg unmöglich. So viel Geld hatte er wirklich nicht. Ein großes, aber leider leeres Fass stand zwar noch von seiner eigenen Hochzeitsfeier in der Scheune. Damals war das kein Problem gewesen. Sein inzwischen verstorbener Schwiegervater hatte als reicher Geschäftsmann viel Freude daran gehabt, dieses große Fass gefüllt mit köstlichem Wein zur Überraschung aller Hochzeitsgäste direkt nach der Trauung vor der Kirche auf einem bunt geschmückten Wagen heranrollen zu lassen. Wie aber sollte er – ohne diese finanziellen Mittel – dieses Fass wieder neu füllen können? Wie sollte er guten Wein für alle herbeizaubern?

Nun, zaubern konnte er wirklich nicht. Aber im Finden von Lösungen war er schon immer gut gewesen. Und glücklicherweise ließ ihn sein Einfallsreichtum auch dieses Mal nicht im Stich. Die Lösung war doch ganz einfach: Jeder Gast könnte eine große Strohflasche mitbringen, gefüllt mit dem einzig wirklich guten weißen Wein, den man beim Weinhändler in der Stadt direkt vom Fass kaufen konnte.

Also schickte der Brautvater seinen Vetter, der von der Idee ebenso begeistert war wie er selbst, um die Gäste einzuladen. Eine Einladung verbunden mit der Bitte, ein jeder möge doch eine Flasche von eben jenem guten weißen Fasswein mitbringen.

Gesagt, getan! Der Tag der Hochzeit nahte, die vielen Gäste trafen ein, alle die eingeladen waren, und noch ein paar mehr, die von der Hochzeit gehört hatten. Ein jeder füllte seine mitgebrachte Flasche, egal ob klein oder groß, in das riesige Fest-Fass, bis dieses fast überzulaufen drohte. Der Brautvater war außerordentlich erfreut über seine Idee, die ihm so mühelos ein bis an den Rand gefülltes Weinfass beschert hatte.

Nach der Trauung nahmen alle Gäste an der langen, schön gedeckten Tafel Platz. Und jeder erhielt einen Becher Wein aus eben jenem Fass. Alle hoben ihren Becher zum Segensgruß an das Brautpaar – und erstarrten nach dem ersten kräftigen Schluck!

Das konnte doch nicht wahr sein! Da musste doch irgendwer einen üblen Streich gespielt haben! Wie konnte das sein?

Warum es immer auf jeden Einzelnen ankommt

Was war geschehen?

Offensichtlich hatte jeder den gleichen Gedanken gehabt: "Oh, schön, ich bin auf der Hochzeit eingeladen. Über hundert Gäste, vielleicht sogar mehr, werden ganz sicher kommen. Aha, und jeder bringt eine Flasche vom guten Wein mit, nicht vom billigen. Manche vielleicht eine kleine Flasche, andere ganz bestimmt eine große Flasche, gefüllt mit dem köstlichen weißen Rebensaft. Ich glaube, ich kann mir das Geld sparen. Ich fülle in meine Flasche einfach Wasser. Bei so viel Wein fällt das garantiert niemandem auf. Selbst der beste Weinkenner wird bei zwei-, dreihundert Liter Wein oder sogar mehr, das bisschen Wasser nicht herausschmecken können …"

Und so geschah es, dass die ganze Hochzeitsgesellschaft beim ersten kräftigen Schluck erstarrte. Denn jeder schmeckte es sofort: "Oh nein! Das ist ja überhaupt kein Wein! Das ist reines Wasser. Wasser und sonst gar nichts!"

Und ein jeder erkannte sofort: Irgendetwas war wohl falsch an dem Gedanken: "Auf mich kommt es doch nicht an…"

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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