Auf mich kommt es doch nicht an ... Wirklich nicht? – #47

In diesem Beitrag der Serie "Erfahrungen aus der Praxis" geht es um die Frage, warum es auf jeden Einzelnen ankommt.

Auf mich kommt es doch nicht an ... Wirklich nicht? – #47
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Ganz oft kommen Patientinnen und Patienten zu mir, die meinen, sie seien so unbedeutsam, dass es auf sie nicht ankäme. In eine ihrer letzten Sitzungen meinte Sabine: "Ach, ob ich zu der Geburtstagsfeier hingehe oder nicht, ist doch eh egal. Wenn ich nicht da bin, vermisst mich sowieso keiner …"

Oder Peter, der meinte: "Einer mehr oder weniger, der beim Umzug hilft ... – ich hab zwar gesagt, ich komm, aber wenn ich an all die handfesten Burschen denke, die schon zugesagt haben, braucht's mich Schreibtischtäter wirklich nicht auch noch. Richtig schwere Sachen kann ich eh nicht tragen …"

Ob es um Einladungen geht, um Mithilfe bei Projekten oder die Verantwortung im Umgang mit der Umwelt – es lohnt sich, dir bewusst zu machen, wie sehr es immer auch auf dich und deinen Beitrag ankommt.

Die Geschichte vom besonderen Hochzeitswein

Beeindruckt hat mich diesbezüglich ganz besonders die Geschichte von der Hochzeit auf einem kleinen Dorf vor einer langen Zeit.

Der Brautvater, der traditionell für die Ausrichtung der Hochzeitsgesellschaft verantwortlich war, befand sich in arger Bedrängnis.  Die Schar der Verwandten, Freunde, Bekannten und Menschen, die einzuladen eine gesellschaftliche Verpflichtung darstellte, überschritt bereits die Zahl einhundert. Alle sollten in Fülle feiern können und bei der Bewirtung sollte es an diesem Tag an nichts fehlen. Das Essen war kein Problem. Es gab genug Zucker, Salz und Mehl zum Backen, Öl zum Braten, Früchte, Fleisch und Gemüse in Hülle und Fülle.

Aber der Festwein war das Problem. Sie lebten nun einmal nicht in einem Dorf, umgeben von Weinbergen. Und für die Feier eine ausreichend große Menge beim Weinhändler in der Stadt zu kaufen, war dem Vater der Braut schlichtweg unmöglich. So viel Geld hatte er wirklich nicht. Ein großes, aber leider leeres Fass stand zwar noch von seiner eigenen Hochzeitsfeier in der Scheune. Damals war das kein Problem gewesen. Sein inzwischen verstorbener Schwiegervater hatte als reicher Geschäftsmann viel Freude daran gehabt, dieses große Fass gefüllt mit köstlichem Wein zur Überraschung aller Hochzeitsgäste direkt nach der Trauung vor der Kirche auf einem bunt geschmückten Wagen heranrollen zu lassen. Wie aber sollte er – ohne diese finanziellen Mittel – dieses Fass wieder neu füllen können? Wie sollte er guten Wein für alle herbeizaubern?

Nun, zaubern konnte er wirklich nicht. Aber im Finden von Lösungen war er schon immer gut gewesen. Und glücklicherweise ließ ihn sein Einfallsreichtum auch dieses Mal nicht im Stich. Die Lösung war doch ganz einfach: Jeder Gast könnte eine große Strohflasche mitbringen, gefüllt mit dem einzig wirklich guten weißen Wein, den man beim Weinhändler in der Stadt direkt vom Fass kaufen konnte.

Also schickte der Brautvater seinen Vetter, der von der Idee ebenso begeistert war wie er selbst, um die Gäste einzuladen. Eine Einladung verbunden mit der Bitte, ein jeder möge doch eine Flasche von eben jenem guten weißen Fasswein mitbringen.

Gesagt, getan! Der Tag der Hochzeit nahte, die vielen Gäste trafen ein, alle die eingeladen waren, und noch ein paar mehr, die von der Hochzeit gehört hatten. Ein jeder füllte seine mitgebrachte Flasche, egal ob klein oder groß, in das riesige Fest-Fass, bis dieses fast überzulaufen drohte. Der Brautvater war außerordentlich erfreut über seine Idee, die ihm so mühelos ein bis an den Rand gefülltes Weinfass beschert hatte.

Nach der Trauung nahmen alle Gäste an der langen, schön gedeckten Tafel Platz. Und jeder erhielt einen Becher Wein aus eben jenem Fass. Alle hoben ihren Becher zum Segensgruß an das Brautpaar – und erstarrten nach dem ersten kräftigen Schluck!

Das konnte doch nicht wahr sein! Da musste doch irgendwer einen üblen Streich gespielt haben! Wie konnte das sein?

Warum es immer auf jeden Einzelnen ankommt

Was war geschehen?

Offensichtlich hatte jeder den gleichen Gedanken gehabt: "Oh, schön, ich bin auf der Hochzeit eingeladen. Über hundert Gäste, vielleicht sogar mehr, werden ganz sicher kommen. Aha, und jeder bringt eine Flasche vom guten Wein mit, nicht vom billigen. Manche vielleicht eine kleine Flasche, andere ganz bestimmt eine große Flasche, gefüllt mit dem köstlichen weißen Rebensaft. Ich glaube, ich kann mir das Geld sparen. Ich fülle in meine Flasche einfach Wasser. Bei so viel Wein fällt das garantiert niemandem auf. Selbst der beste Weinkenner wird bei zwei-, dreihundert Liter Wein oder sogar mehr, das bisschen Wasser nicht herausschmecken können …"

Und so geschah es, dass die ganze Hochzeitsgesellschaft beim ersten kräftigen Schluck erstarrte. Denn jeder schmeckte es sofort: "Oh nein! Das ist ja überhaupt kein Wein! Das ist reines Wasser. Wasser und sonst gar nichts!"

Und ein jeder erkannte sofort: Irgendetwas war wohl falsch an dem Gedanken: "Auf mich kommt es doch nicht an…"

 

Dein

Gert Kowarowsky

Wie hilfreich war der Beitrag für dich?
4.52 Sterne (60 Leserurteile)

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

Passend zum Thema
Dein Kommentar/Erfahrungsbericht

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, dann berichte davon und hilf so auch anderen auf dem Weg in ein zufriedenes Leben. Bitte beachte dabei unsere PAL- Nettiquette, die sich an der allgemeinen Internet-Nettiquette orientiert: Alle Inhalte, auch Kommentare und Beiträge von Leserinnen und Lesern, sollten in respektvollem und wertschätzendem Ton verfasst sein und dem Zweck dienen, andere weiterzubringen. Wir lehnen es ab, dass Menschen vorsätzlich verbal verletzt sowie Falschaussagen oder versteckte Werbungen verbreitet werden. Deshalb werden wir dahingehende Beiträge streichen.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Captcha 1
Captcha 1 Overlay
Captcha 2
Captcha 2 Overlay
Captcha 3
Captcha 3 Overlay
Captcha 4
Captcha 4 Overlay
Newsletter: Vitamine für die Seele

Lust auf mehr positive Impulse und Inspirationen in Beiträgen, Podcasts, Videos? Dann bestelle unseren kostenlosen redaktionellen PAL-Newsletter.

  
Inhalt des Beitrags 
 Die Geschichte vom besonderen Hochzeitswein  
 Warum es immer auf jeden Einzelnen ankommt  
Weitere Beiträge
 Folge 1: Selbstwahrnehmung
 Folge 2: Haltung
 Folge 3: Achtgeben auf seinen Körper
Lust auf mehr Themen zu mentaler Gesundheit?
Der PAL-Newsletter