Folge 62: Wenn ein Finger nach vorne zeigt …

Der Psychotherapeut Gert Kowarowsky erzählt aus seiner langjährigen Praxiserfahrung über die Sorgen, Probleme und die Fragen, die seine Klientinnen und Klienten bewegen. In diesem Beitrag zeigt er, mit welcher Haltung wir anderen Menschen begegnen können, vor allem wenn sie eine Herausforderung für uns sind.

Folge 62: Wenn ein Finger nach vorne zeigt …
© PAL Verlag

„Sag mir, wer für dich schwierig ist - und ich kann dir sagen, was es für dich zu entdecken gibt …“

Möchtest du wissen, weshalb das so ist? Ich erkläre es dir gerne. Besonders aufmerksam werde ich immer, wenn Menschen, die zu mir kommen, sich ausgiebig darüber beklagen, mit welch schwierigen Personen sie es doch in ihrem Alltag zu tun haben. Ich lade sie dann ein, mit mir zusammen auf eine interessante Entdeckungsreise zu gehen, um Landschaften in ihrem Inneren aufzuspüren, die ihnen bisher meist nicht bekannt waren. Gerade in der Begegnung mit Menschen, die du als schwierig empfindest, kannst du viel über dich lernen.

Schwierige Menschen können dir etwas über dich zeigen

Es gibt das Sprichwort: "Wenn ein Finger nach vorne zeigt, zeigen drei nach hinten." Probiere es aus: Zeige mit dem Finger nach vorne und du wirst drei Finger anwinkeln, die nach hinten zeigen. Überträgst du das auf die Situationen, in denen dir dein Gegenüber als schwieriger Mitmensch erscheint, kannst du dir selbst viele spannende Fragen stellen:

•    Was genau sagt oder tut mein Gegenüber, was ich als schwierig empfinde?
•    Worüber genau rege ich mich am meisten auf?
•    Wofür genau würde ich den anderen oder die andere am liebsten auf den Mond schießen?
•    Empfinden andere diese Verhaltensweisen am anderen genauso störend wie ich?

Meiner Erfahrung nach trägt jeder in sich einen ganz sensiblen Radar, der im Gegenüber genau das ortet, was ich mir bei mir selbst nicht eingestehen mag. Gefühle und Impulse, Gedanken, Wünsche, Eigenschaften, die Art und Weise, wie ich spreche und mich verhalte, die nicht zu meinem Selbstbild passen. Wenn ich dann das, was ich an mir selbst nicht leiden mag, beim anderen entdecke – und sei es objektiv auch nur in Spurenelementen vorhanden – meine ich, dies oft mit großer Heftigkeit bekämpfen zu müssen. Diese intensive ablehnende Reaktion tritt bei den meisten von uns schneller auf, als uns lieb ist. Ja, dein bewusster Verstand hat es ganz oft überhaupt noch nicht registriert, dass da einige rote Knöpfe bei dir gedrückt wurden. Du überraschst dich dann selbst mit "Zickigkeiten" der oder dem anderen gegenüber und wunderst dich über diese intensive Welle von Antipathie.

Von Projektionen und verborgenen Persönlichkeitsanteilen

Du spürst das Gegenteil von „Liebe auf den ersten Blick“. Sigmund Freud bezeichnete diesen bei nahezu jedem von uns immer wieder zu beobachtenden Vorgang als Projektion. Ich projiziere das, was in mir ist, auf den anderen. Das Gegenüber ist die Leinwand, auf der der Film läuft: "Herr oder Frau Superschwierig, heute wieder mal obernervig und oberpeinlich". Hermann Hesse formulierte diese Erkenntnis, dass der Finger, der nach vorne zeigt, immer drei Finger hat, die nach hinten zeigen, in seinem Demian so:

"Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf."

Wie viele meiner Patientinnen und Patienten möchte ich nun auch dich einladen, deine "schwierigen Mitmenschen" als wichtige Helferinnen und Helfer anzusehen. Helfende, die es dir ermöglichen, deine blinden Flecken in Bezug auf dein eigenes Verhalten anderen gegenüber sowie deine dir bislang verborgenen Persönlichkeitsanteile zu entdecken und liebevoll zu integrieren.

Eine inspirierende Patientengeschichte

Lass dich auch von meinem Patienten Gunther inspirieren, der anfänglich meinte: "Also, ich weiß nicht, ob ich da mitmachen will. Ich bin überzeugt davon, dass es Anteile in mir gibt, die ich überhaupt nicht kenne. Und ich bin sicher, wenn ich sie überraschenderweise in mir treffen würde – die würde ich garantiert nicht grüßen …" Dennoch hat er sich auf das Experiment eingelassen. Nachdem er aufhörte, im Außen das zu bekämpfen, was er an Persönlichkeitsanteilen in sich vehement abgelehnt hatte, änderte sich vieles in seinem Leben.

Nach einigen Wochen berichtete er mir: "Inzwischen finde ich jeden Tag spannend, an dem ich auf schwierige Menschen treffe. In mir läuft jetzt tatsächlich ein anderer innerer Film ab. Statt eine Welle der Ablehnung über mein Gegenüber schwappen zu lassen, schaue ich zunehmend faszinierter auf das, was mich an der oder dem anderen stört, und denke: Aha, da ist wieder mal so etwas echt Intensives, das mich gerade triggert. Das ist ja cool – das bin ich also auch. Und dann betrachte ich das ganz genau mit meinem inneren Vergrößerungsglas: Ja, auch das bin ich, ja, auch das ist ein Anteil von mir, ja, auch das darf sein, ja, krass – und das auch noch und das auch noch. Und auch dieser oberkrasse Anteil darf in mir sein!"

Und was mich im genauen Hinschauen bei meiner Selbsterforschung am meisten überrascht, ist, dass ich im Zusammensein mit den für mich schwierigen Menschen anstatt Ablehnung ihnen gegenüber mehr und mehr Faszination, Wertschätzung und Lebensfreude empfinde.“

Frieden mit dir selbst ermöglicht Frieden mit anderen

Schließe auch du Frieden mit deinen abgelehnten, nicht integrierten Persönlichkeitsanteilen, mit den Anteilen in dir, die Nathaniel Branden, ein Vertreter der humanistischen Psychologie "The Disowned Self" nannte. Er hat diesen Begriff vor gut fünfzig Jahren geprägt. Viele Therapeutinnen und Therapeuten haben seine Arbeit in die ihre integriert. So zum Beispiel auch Hal und Sidra Stone, die in ihren Büchern und Seminaren immer wieder viele ihrer Selbsterfahrungs-Kursteilnehmenden dazu einluden, die Anteile von sich, die sie noch nicht in Besitz genommen hatten, liebevoll in ihr Selbstbild zu integrieren. Das ist ein echter Beitrag zum Frieden. Zum Frieden in dir selbst und zum Frieden mit anderen.

Und das Schöne dabei ist: Das Sprichwort "Wenn ein Finger nach vorne zeigt, zeigen drei nach hinten" gilt auch bei den Menschen, die für dich schwierig sind, weil sie etwas ganz besonders gut können oder etwas ganz besonders Positives an sich haben, was du glaubst, nicht an Bord zu haben. Lass dich überraschen, wie viele nicht integrierte, bisher nicht zu deinem Selbstbild gehörende Anteile der ganz positiven und liebenswerten Art du an dir zu entdecken vermagst, wenn du bereit bist, "schwierige" Mitmenschen deine Lehrmeisterinnen und Lehrmeister für deine Selbsterfahrung sein zu lassen.

Viel Freude dabei wünscht dir

Dein

Gert Kowarowsky

P. S.: Und wenn du einmal Zeuge eines offensichtlichen himmelschreienden Unrechts wirst, dann darfst und sollst du auch spüren, wie ein "heiliger Zorn" durch dich hindurchrauscht, und dem Unrecht nach Möglichkeit entgegentreten.

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