Warum soziale Ängste in eine Computerspielsucht führen können

Computerspielsüchtige sind in über neunzig Prozent der Fälle gleichzeitig von einer anderen psychischen Erkrankung betroffen. Bei genauerem Blick sind es besonders Angststörungen und soziale Phobien, die häufig vorkommen. Warum ist das so? Dieser Beitrag klärt auf mit, Psychotests und Hilfestellungen.

Warum soziale Ängste in eine Computerspielsucht führen können
© Hardik Sharma, unsplash.com

Computerspielsucht trifft nur einen kleinen Teil der Spieler. In Deutschland rechnet man mit 2–4 %, was bedeutet, dass für es für den ganz überwiegenden Teil der Gamer ein harmloses Hobby bleibt. Für Menschen mit sozialen Ängsten ist das aber eine besonders große Verlockung. Computer, Konsole und Smartphone scheinen wie ein kurzfristiger Ausweg, wie eine einfache Lösung. Für soziale Ängste ist es das aber eben genau nicht.

Für eine Computerspielsucht gibt es noch mehr Kriterien als die Spielzeit. Es geht um Kontrollverlust, Verlust anderer Interessen, Weiterspielen trotz negativer Konsequenzen. Meist kommen auch mehrere Ursachen zusammen: ungünstige Bedingungen in der Umwelt und Gesellschaft, das Suchtpotenzial der Spiele, die anderen Persönlichkeitseigenschaften des Betroffenen.

Trotzdem bestätigt sich im Alltag der psychologischen Beratung zu Computerspielsucht leider häufig das Klischee des ängstlichen, verunsicherten, zurückgezogenen Heranwachsenden und jungen Mannes. Dieser ist über Monate und Jahre langsam und stetig in die Sucht hineingeglitten und hat dadurch versäumt, all die kleinen positiven Erfahrungen zu machen, die zum Erwachsenwerden dazugehören. Die Erfahrungen, die stark machen für Herausforderungen, die Mut und Selbstvertrauen entstehen lassen.

Es gilt, diese negative Entwicklung, den Teufelskreis, schon frühzeitig zu unterbrechen. Je früher, desto besser.

Verlockender als das echte Leben

Verlockender als das echte Leben
© Dr. Armin Kaser

Im echten Leben schränkt den Betroffenen seine Angst ein. Da wirkt die Online-Zeit umso attraktiver. Das führt oft dazu, dass sich das Leben mehr und mehr in die virtuelle Welt verlagert. Freundschaften im Real Life versanden, Hobbys verlieren an Attraktivität. Die Bestätigung und Anerkennung wird im Spiel gesucht.

Hier beginnt ein Teufelskreis: Je weniger sich der Betroffene den Herausforderungen im echten Leben stellt, desto weniger kann er genau diese Ängste abbauen. Die effektivste Behandlung von Ängsten ist, sich den angstauslösenden Situationen wiederholt zu stellen (egal ob das in kleinen Schritten oder in einer regelrechten Überflutung geschieht). Der Rückzug vor den Computer ist genau das Gegenteil: Er verhindert, dass solche positiven Erfahrungen gemacht werden. Die Ängste bleiben.

Warum soziale Angst in die Computerspielsucht treiben kann

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Von sozialer Angst sprechen Psychologen, wenn sich Menschen so sehr davor fürchten von anderen beobachtet und bewertet zu werden, dass sie soziale Situationen generell meiden.

Menschen mit einer sozialen Phobie befürchten, von Anderen als merkwürdig oder peinlich empfunden zu werden. Sie glauben, ganz besonders beobachtet zu werden, dass Mitmenschen ihr ganz alltägliches Verhalten – Essen, Reden, die Art wie sie gehen – bewerten.

So erkennen Sie soziale Angst:

  • körperliche Symptome: Herzklopfen, erhöhter Puls, Schweisausbrüche, Zittern, Atembeschwerden, Übelkeit, Schwindel, Bauchschmerzen, Kribbelgefühle oder Gefühllosigkeit, Hitze- oder Kältegefühl.
  • psychische Symptome: Unsicherheit, Schwächegefühl und Benommenheit, Angst, die Kontrolle zu verlieren, „auszuflippen oder verrückt zu werden“, Angst, sich Übergeben zu müssen, Panikattacken bis hin zu Angst zu Sterben. 

Deshalb sind alltägliche Situationen für sie schwierig. Unterhaltungen mit Fremden, Reden oder Essen in der Öffentlichkeit lösen große Ängste aus und werden deshalb so oft wie möglich vermieden. Sie ziehen sich Stück für Stück zurück. Nun schnappt die Falle zu: Computer, Konsole und Smartphone bieten Unterhaltung und Ablenkung – ohne Angst sich bloßstellen zu müssen.

Beruhigende Anonymität

Online kann jeder anonym bleiben. Das beruhigt. Wer nichts von sich preisgeben muss,  macht sich weniger angreifbar. Anstatt mit seinen Macken, seinen Ecken und Kanten wird im Internet einfach eine bessere Version von sich vorgezeigt. Der Avatar, der Ritter, Zauberer oder Soldat wirkt wie eine Maske, die jemand, der ängstlich ist, zu seinem Schutz und zur inneren Stärkung aufsetzen kann. Er kann sich also einen guten Teil sozialer Anerkennung holen, kann sich mit anderen ausprobieren, auch etwas Neues riskieren. Und anders als im echten Leben jederzeit den Stecker ziehen und irgendwo anders neu anfangen.

Die eigene Welt in Single-Player-Spielen vs. ein Held sein in Multiplayer-Spielen

Wer alleine spielt, muss sich vor nichts fürchten. Niemand, mit dem man sprechen müsste, niemand, vor dem man sich blamieren könnte. Niemand der kritisiert. Allerdings ist es nicht so, dass Menschen mit sozialer Phobie gar kein Bedürfnis nach Anerkennung, Liebe oder Kontakt hätten. Es ist bloß die Angst, die sie im echten Leben vor eine große Hürde stellt. Aber auch dafür gibt es online eine Lösung: Multiplayer-Spiele.

Mittlerweile spielen im Internet Millionen Gamer in Spielen wie Fortnite, League of Legends und World of Warcraft gegen- und miteinander. Es bilden sich Teams und Gilden, man lernt sich online kennen und verbringt (online) viel Zeit miteinander. Es gibt rührende Geschichten von Online-Communitys, die von verstorbenen Mitgliedern Abschied nehmen und von Paaren, die sich bei World of Warcarft kennengelernt haben. Trotzdem bleibt da immer eine Distanz - die dem Ängstlichen in die Hände spielt.

Wie Computerspielsucht und soziale Ängste therapeutisch behandelt werden können

Studien zeigen, dass etwa zwölf Prozent der Computerspielsüchtigen an einer sozialen Angststörung leiden. Weiter gefasste Studien, die Angststörungen generell erheben (nicht begrenzt auf soziale Ängste), ergeben, dass mehr als die Hälfte der Computerspielsüchtigen von einer Angststörung betroffen sind.

Am effektivsten ist immer, die direkte Suchterkrankung und deren Begleiterkrankung gleichermaßen zu behandeln. Sowohl bei Computerspielsucht als auch bei sozialen Ängsten sind verhaltenstherapeutische Methoden in Studien am wirksamsten. In der kognitiven Verhaltenstherapie (eine Form der Psychotherapie) wird der Betroffene als erstes ausführlich informiert - über die psychische Störung und die Faktoren, welche die Störung aufrechterhalten.

Perfektionismus fördert Ängste.

Bei der sozialen Angst sind es unrealistische Ansprüche und Gedanken, die Vermeidungsverhalten fördern. Diese Gedanken werden in der Therapie überprüft und mithilfe von Einsicht, aber auch konkreten Übungen, verändert. Dazu gehören auch Rollenspiele, in denen der Betroffene mit seinen Ängsten konfrontiert wird. Als nächste Stufe werden die Ergebnisse der Rollenspiele auch in der echten Welt ausprobiert. In dieser Expositionsphase begeben sich die Betroffenen absichtlich in unangenehme und peinliche Situation. So können sie lernen, ihre Ängste auszuhalten. Zugleich werden die Ängste zunehmend weniger, schließlich verlieren angsteinflößende Situationen ihren Schrecken, wenn man Erfahrung damit sammelt.

Auslöser für das Verlangen nach Computerspielen finden

Bei der Therapie der Computerspielsucht wird man noch mehr bemüht sein, genau zu verstehen, welche Situationen einen Suchtdruck auslösen. Es kann sein, dass Computerspielen genutzt wird, um Gefühle der Traurigkeit zu verdrängen. Oder es ist die einzige Beschäftigung geblieben, bei der der Betroffene noch Freude, Bestätigung und Wertschätzung erfährt.

Bei sozial Ängstlichen ist der Zusammenhang oft noch einfacher: Der Computer ist immer da, er bringt den Betroffenen nie in peinliche Situationen. Selbst wenn über Spiele online Kontakte mit anderen Gamern bestehen, hält sich das Risiko in Grenzen. Das Spiel und der menschliche Kontakt können jederzeit beendet werden. Man macht sich also auf die Suche nach Situationen, die häufig vor dem reflexhaften Computerspielen stehen. Wenn das Spiel typischerweise nach Konflikten zur Beruhigung gestartet wird, plant und übt man in der Therapie eine bessere Bewältigungsstrategie ein. Etwa anstatt das Spiel zu starten den Computer auszuschalten, und stattdessen einen Freund anrufen.

Im Kern geht es also sowohl bei der Therapie von Computerspielsucht als auch der sozialen Angst darum, ungünstiges Verhalten zu verändern. Erfolge in einem der beiden Bereiche wirken sich automatisch auch auf den anderen aus. Je mehr sich die Angst vor peinlichen und unangenehmen Situationen legt, desto größer werden die Möglichkeiten in der Freizeitgestaltung. Von der typischen Vereinsamung der Computerspielsucht wieder hin zu einem spannenderen und abwechslungsreicheren Real Life.

Computerspielsucht selbst testen

Ob und wie stark Sie oder Ihr Kind computerspielsühtig sind, können Sie mithilfe der nachfolgenden Online-Tests selbst herausfinden:

Online-Test: Bin ich computerspielsüchtig?

Online-Test: Ist mein Kind computerspielsüchtig?

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