Zünde ein Licht an, anstatt die Dunkelheit zu analysieren – #103

In diesem Beitrag der Serie "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt Gert Kowarowsky, wie wir mit den Methoden der lösungsorientierten Psychotherapie den Blick von der Dunkelheit unserer Probleme auf das Licht unserer Stärken umlenken können.

Zünde ein Licht an, anstatt die Dunkelheit zu analysieren – #103
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Natürlich berichten alle Menschen, die zu mir kommen, zunächst ausführlich, was in ihrem Leben gerade ganz besonders schwierig ist. Und natürlich tut es gut zu wissen, dass das Gegenüber mit voller Aufmerksamkeit, tiefer, grundlegender Wertschätzung und Einfühlungsvermögen zuhört. Was viele jedoch nicht erwarten, ist meine Bitte, nicht zu viel Zeit mit der detaillierten Beschreibung all der Schwierigkeiten zu verbringen, die sie zu mir in die Praxis geführt haben.

Was können wir von der lösungsorientierten Psychotherapie lernen?

Anna hatte besonders große Schwierigkeiten, den Blick auf mögliche Lösungen für ihre Probleme zu richten. In ihrem Innersten glaubte sie fest daran, dass eine Erklärung, woher ihre Probleme genau kämen, unerlässlich sei, um diese wirklich lösen zu können. Sie war der festen Überzeugung, dass eine Lösung ohne Klärung des Hintergrundes nicht möglich sei. Ich lud sie dennoch ein, mit mir gemeinsam den Blick auf mögliche Lösungen zu richten.

Wir spielten in Gedanken folgende Situation durch: „Wenn du in einem Hochhaus bist und es brennt, wirst du dann viel Zeit damit verbringen wollen, die Ursache des Brandes herauszufinden?“ Indem wir uns diese Situation vorstellten – es handelt sich hierbei um eine der bekanntesten Metaphern aus der lösungsorientierten Psychotherapie – wurde offensichtlich: Es hilft in der Tat relativ wenig, wenn ich frage: "Wie ist der Brand entstanden?" Dagegen hilft es in solch einer Situation ziemlich viel, wenn ich frage: "Wo ist der Notausgang?“

Um bei diesem Beispiel zu bleiben, kann es, nachdem du dich in Sicherheit gebracht hast, dennoch durchaus sinnvoll sein, die Ursachen zu erforschen. Dann mag eine Analyse Sinn ergeben, ob es sich um eine Kette unglückseliger Ereignisse gehandelt hatte, oder ob ein Grund vorlag, der behoben werden sollte, damit ein solches Ereignis nicht noch einmal geschehen kann.

Verschwende in Zeiten seelischer Dunkelheit in dir nie zu viel Zeit mit „Psycho-Archäologie“. Gewöhne dir stattdessen an, lösungsorientiert zu denken.

So gelingt es, dich von der Dunkelheit zu befreien

Wenn dich Dunkelheit umgibt, ist es durchaus sinnvoll zu schauen, was genau für dich dabei das besonders Belastende ist. Dann aber richte deinen Blick umgehend Richtung Lösung. Worin liegt für dich das Licht der Veränderung? Was ist die wünschenswerte künftige Zielsituation? Was sind die ersten kleinen Schritte, durch die du die momentan vorliegenden Hindernisse auf dem Weg von der Dunkelheit ins Licht überwinden kannst? Was ist der allererste, allerkleinste Schritt? Welchen noch so winzig erscheinenden Versuch kannst du unternehmen, um dem Licht der Lösung näherzukommen?

Anstatt dir das Leben unnötig schwer zu machen, die einzig mögliche, beste, tollste, effektivste Lösung zu suchen, halte Ausschau nach den kleinstmöglichen, unmittelbar realisierbaren Schritten.

Freue dich dabei über jede Handlungsweise, jede minimale dir mögliche Neugestaltung der Umgebung, jeden deiner Versuche, die dazu führen, irgendeinen Aspekt der problematischen Situation aktiv zu ändern – egal wie klein die Änderung auch sein mag. Ein erster kleiner Schnitt in den Rand einer schwarzen Folie führt dazu, dass sich das dahinter liegende Licht im ganzen Raum ausbreiten kann. Weshalb? Weil sich nach einer kleinen Einkerbung am Rand die trennende Folie in der Folge leicht in ihrer ganzen Länge zerteilen lässt. So führen selbst kleinste positive Veränderungen letztendlich immer zu bedeutsamen Beiträgen zur konstruktiven Problemlösung.

Die Fokussierung auf das Anzünden des Lichts stellt – gegenüber dem herkömmlichen Konzept, vorrangig den Blick auf die Problementwicklung und Problemaufrechterhaltung zu richten – einen großen Fortschritt dar. Deshalb lade ich dich ein, ebenso wie alle Menschen, die zu mir kommen, den Blick von der Dunkelheit deiner Probleme auf das Licht deiner Stärken und Resilienzen zu richten.

So lenkst du den Blick von der Dunkelheit deiner Probleme auf das Licht deiner Stärken

Halte Ausschau nach bereits von dir gefundenen früheren Lösungen und Lösungsentwürfen für diese oder ähnliche Situationen. Und schalte dein Lösungsradar ein, um Ausnahmen zu finden. Ausnahmen, unter denen die Probleme deutlich weniger oder gar nicht auftauchen. Wie kannst du diese Ausnahmen zur Regel werden lassen?

  • Mach dir bewusst: Nichts geschieht immer – immer gibt es Ausnahmen, auch bei Problemen!
  • Und genau diese Verhaltensweisen, die zu Ausnahmen beim Problem führen, sind Teil der Lösung.
  • Und wenn du feststellst, dass etwas funktioniert, mach mehr davon.
  • Wenn es nicht funktioniert, mach etwas anderes.

Manchmal frage ich bereits zu Beginn der allerersten Sitzung, was ich einmal bei Steve de Shazer, dem Begründer der Lösungsorientierten Therapie, gelernt habe: „Sind Ihnen, seit Sie den Termin für diese Sitzung gemacht haben, irgendwelche Veränderungen aufgefallen, die bereits eingetreten sind oder die sich im Moment abzeichnen?“

Recht häufig höre ich dann von Veränderungen, die sich bereits in der Wartezeit auf den Therapiebeginn ergeben haben. Manchmal reduziert sich meine Aufgabe dann darauf, den Hilfesuchenden zu empfehlen, genau mit dem fortzufahren, was sie inzwischen bereits erfolgreich tun.

Auch dann, wenn wir gemeinsam Ausnahmen finden, unter denen das Dunkle der Probleme dem hellen Licht bestimmter Einflüsse oder Handlungsweisen weicht, bitte ich üblicherweise darum, da weiterzumachen, was bereits begonnen wurde, anstatt nach etwas ganz Neuem zu suchen.

Die hilfreichsten Fragen, um diese Ausnahmen zu finden, unter denen die Probleme deutlich weniger vorhanden sind oder gar nicht auftauchen, lauten:

  • Wie habe ich mich da anders verhalten?
  • Was habe ich da anderes gedacht?
  • Wie habe ich mich da anders gefühlt?

Anstatt dich also darum zu bemühen, möglichst keine Hinweise zu übersehen, wodurch dein Problem entstanden ist oder aufrechterhalten wird, versuche das helle Licht der Lebensfreude und des Friedens wieder in dein Leben zu bringen. Freue dich daran, immer wieder kleine, kleinste und durchaus auch größere Hinweise zu finden, die dir helfen, Fortschritte und Lösungen bewusst wahrzunehmen. Lass dich dazu ermutigen mit den Worten von Steve de Shazer:

„Im Allgemeinen erfordern Lösungen einfach, dass jemand etwas anders macht oder anders sieht, was zu einer größeren Zufriedenheit führt.“

Sollte dir das Anzünden des Lichts jedoch trotz aller Bemühungen nur schwer gelingen und dir einfach keine Lösungen möglich erscheinen, stell dir selbst die ultimative Joker-Frage:

"Was könnte ich dazu beitragen, dass es noch schlimmer wird?"

Dies erscheint im ersten Moment paradox: Um ein Licht anzuzünden, fragst du danach, wie du die Dunkelheit vertiefen könntest. Diese Frage zielt jedoch tatsächlich darauf ab, das Licht zu entzünden.

Dich zu fragen, was du dazu beitragen könntest, damit es noch schlimmer wird, kann dir dabei helfen, den eigenen Einfluss auf ein Problem zu erkennen und dich von einer passiven Opferrolle in eine aktive Täterrolle zu bringen. Wenn du deine Möglichkeiten zur Verschlimmerung erkennen kannst, ist der Schritt zu den Möglichkeiten der positiven Beeinflussung und damit zur Problemlösung nur noch halb so weit.

Hilf mit, dein Licht in die Welt zu bringen

Hilf mit, so viel Licht wie möglich in diese Welt zu bringen. Lass deine Lebensfreude immer wieder erstrahlen – auch wenn da und dort die Wolken dunkler Nächte deiner Seele vorgaukeln, dies sei die wirkliche Wirklichkeit.

Und bei tief sitzenden zwischenmenschlichen Problemen lass dich inspirieren von Martin Luther King:

„Die Botschaft von Weihnachten:
Es gibt keine größere Kraft als die Liebe.
Sie überwindet den Hass wie das Licht die Finsternis.“

Viel Heiterkeit und Liebe beim Lichtanzünden
wünscht dir

Dein

Gert Kowarowsky

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Annette Volz schreibt am 24.12.2023

Danke für eure Beiträge.
Es heißt ‚hilf‘ statt ‚helfe‘ im Imperativ ;-)

Viele Grüße
Und frohe Weihnachten

Annette Volz


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 Was können wir von der lösungsorientierten Psychotherapie lernen?
 So gelingt es, dich von der Dunkelheit zu befreien
 So lenkst du den Blick von der Dunkelheit deiner Probleme auf das Licht deiner Stärken
 Hilf mit, dein Licht in die Welt zu bringen
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