Folge 74: Rückfall oder Vorfall?

Wie Menschen damit umgehen, etwas nochmals machen zu müssen, weil sie gescheitert sind, hängt ganz von ihrer Einstellung und Sichtweise ab. In diesem Beitrag zeige ich dir positive Wege aus vermeintlichen Rückschlägen.

Folge 74: Rückfall oder Vorfall?
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Manchmal kommen Patientinnen oder Patienten ganz niedergeschlagen zu mir, die in ihrer therapeutischen Arbeit schon ein gutes Stück Weg erfolgreich zurückgelegt haben, die raus aus ihrem Problemverhalten, rein in einen neuen, lebendigeren, positiveren Umgang mit sich und anderen gekommen sind.

Meinen fragenden Blick beantworten sie dann mit Sätzen wie: "Ich habe einen totalen Rückfall gehabt!" oder "Ich stehe wieder ganz am Anfang" oder "Bei mir ist Hopfen und Malz verloren – ich lern’s nie!" Meist lasse ich mir dann genau berichten, was geschehen ist.

Eine Rück-Fallgeschichte

Jörg z. B. erzählt völlig zerknirscht Folgendes:
"Jetzt habe ich es schon sieben Monate geschafft, keinen Schluck Alkohol mehr zu trinken. Bis Samstag. Der totale Rückfall!"

Natürlich frage ich dann nach, wie genau es dazu kam.

„Na ja, ich habe mir gedacht, bevor ich den Rasenmäher in die Winterpause verabschiede, mähe ich in diesem Jahr meinen Rasen noch ein letztes Mal. Und blöd wie ich bin, fahre ich natürlich übers Kabel. Und da war dann Schluss mit meiner guten Laune. Trotzdem wollte ich aber unbedingt den Rasen noch fertig mähen. Da fiel mir ein, dass mein Kumpel Gregor am Samstagmorgen ja – wie auch ich früher – garantiert zum Frühschoppen in unserer Eck-Kneipe sitzen würde. Gregor ist Elektriker. Und ich wusste, er könnte mir das kaputte Kabel in fünf Minuten wieder fachmännisch reparieren. Begeistert von meiner Idee ging ich nicht, sondern lief förmlich hin zu meiner ehemaligen Stammkneipe. Doch bevor ich Gregor, der tatsächlich da war, bitten konnte, das für mich zu tun, wofür ich hergekommen war, brach ein großes Hallo über mich herein. Meine Kumpels, die mich schon lange nicht mehr gesehen hatten, freuten sich richtig, mich wieder begrüßen zu können. Sofort stand ein Bier vor mir, das Max in seiner Wiedersehensfreude spendierte, und Karl gab für alle eine Runde Korn aus ... – Na ja, und das war’s dann.“

Genau wie Jörg würden die meisten diese Situation als Rückfall bezeichnen. Ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen sehen das jedoch anders: Was hier geschah, ist kein Rückfall, sondern einfach ein Vorfall!

Rückfälle existieren nicht, Vorfälle schon

Niemand kann in seine Vergangenheit zurückfallen, auch du nicht! Alles, was du in der Zwischenzeit an neuem Wissen und neuen Fähigkeiten erworben hast, unterscheidet dich deutlich von der Person, die du warst, als du angefangen hast dich weiterzuentwickeln. Auch wenn du manchmal ungeschickt bist wie ein Kleinkind, das noch nicht über genügend motorische Koordination verfügt, und du ein Glas umwirfst, hast du deshalb trotzdem keinen Rückfall ins Kleinkindalter.

Es handelt sich um einen Vorfall. Eine Situation, die hier und jetzt geschehen ist, in der du dich verhalten hast wie damals. Was aber nicht bedeutet, dass du deshalb alles neu Erlernte für immer verloren hättest. Natürlich kannst du dich das nächste Mal achtsamer verhalten, wenn etwas auf dem Tisch steht, um es nicht erneut umzuwerfen. Das motorisch ungeschickte Kind muss das aber erst lernen. Es kann es noch nicht, selbst wenn es das wollte.

Was bedeutet dieses Wissen für Jörg?

Zurück zur Vorfall-Geschichte

Ein Rückfall ist auch für ihn unmöglich! Dadurch, dass er sich am Samstag so verhalten hat, wie er sich verhalten hat, ist er nicht wieder genau da, wo er vor sieben Monaten war.

Er könnte zwar sagen: „Jetzt ist es eh egal – jetzt kann ich wieder genau da weitermachen, wo ich aufgehört habe!“ Aber er kann auch etwas viel Sinnvolleres tun. Er kann genau das tun, wozu ich alle einlade, wenn sie in einer speziellen Situation „Mist“ gebaut haben oder sich, ohne es zu wollen, wie früher verhalten haben. 

So kannst du konstruktiv mit Niederlagen umgehen

Die beste Art und Weise, mit einem Vorfall umzugehen, ist Folgendes zu denken und zu tun:

„Okay – lass mich genau hinschauen, wie es zu diesem Vorfall kam. Was war der benennbare Auslöser dafür? Wie waren die äußeren Umstände? Was habe ich da gedacht? Was habe ich gefühlt? Was habe ich gesagt? Was habe ich getan? Was waren die Konsequenzen daraus? Was habe ich über diese Konsequenzen gedacht? Wie habe ich mich darüber gefühlt? Was habe ich daraufhin gesagt? Was habe ich getan?“ 

Und dann stelle dir die allerwichtigste Frage:
„Wie möchte ich mich das nächste Mal, das nächste Mal, das nächste Mal anders verhalten, sollte haargenau die gleiche auslösende Situation noch einmal auf mich zukommen?“

Diese letzte Frage ist meiner Meinung nach die hilfreichste. Frage dich immer, wenn du dich auf eine für dich selbst unliebsame Weise verhalten hast:

„Wie möchte ich mich das nächste Mal anders verhalten?“

Ändere dein Verhalten – in der Zukunft

Das ist sehr wichtig. Wenn du nämlich nur über dich schimpfst „So hätte ich mich nicht verhalten dürfen!“, erzeugst du in dir Schuldgefühle und fühlst dich noch schlechter, als du dich eh schon fühlst.

Die Formel ist einfach: Verzichte darauf, dich mit Schuldgefühlen zu quälen – ändere dein Verhalten das nächste Mal.

Dafür ist es wichtig, dein Verhalten nach einer kritischen Situation genau zu analysieren, damit du in der Lage bist, dich das nächste Mal wirklich konstruktiv anders zu verhalten.

Bezüglich Jörg haben wir gemeinsam Folgendes erarbeitet: Jörg ging völlig naiv in die Kneipe, weil er dort von Gregor Hilfe für seinen Kabelunfall holen wollte. Zu spät wurde ihm klar, dass er sich unversehens auf eine alte Gewohnheits-Schiene begeben hatte: Samstagsfrühschoppen mit seinen alten Kumpels. Würde er wieder einmal das Kabel überfahren und Gregor als den am schnellsten verfügbaren Helfer erreichen wollen, hätte er das nächste Mal mehrere Möglichkeiten: 

  • Er könnte ihn auf seinem Smartphone kontaktieren. Falls er da nicht drangeht, könnte er den Wirt anrufen und ihn bitten, Gregor ans Telefon zu holen. Oder er könnte seinen Sohn in die Kneipe schicken und Gregor bitten, kurz rüberzukommen.
  • Er könnte sich aber auch entscheiden, hinzugehen und ihn persönlich zu fragen. Nach diesem Vorfall jedoch, beim nächsten Mal, mit einem vorher imaginierten, klaren inneren Bild. Bevor er hineingeht, könnte er sich vorstellen, wie er zufrieden mit sich selbst, strahlend und mit 0,00 Promille, völlig clean, wieder aus der Kneipe herausgeht. Unabhängig davon, ob Gregor ihn begleitet, später zu ihm kommt oder seine Bitte ablehnt.

Nutze die Chance negativer Erfahrungen

Wann immer du dich in einer Situation befindest, in der du denkst: „Oh nein! Nicht schon wieder! Wie konnte ich nur! Ich lerne es nie!“, ärgere dich, wenn du möchtest, drei Minuten darüber. Und dann wechsle in den Modus, der dir dabei hilft, deine Lebensfreude wiederherzustellen:

"Wie möchte ich mich das nächste Mal anders verhalten, wenn eine solche oder ähnliche Situation wieder auf mich zukommt?"

Und auch wenn deine Freundinnen und Freunde mal wieder fest davon überzeugt sind, einen unverzeihlichen Rückfall in alte, ungute Verhaltensweisen produziert zu haben, dann hilf ihnen zu erkennen:

Es gibt keine Rückfälle – es gibt nur Vorfälle. Und zweitens: Jeder Vorfall kann hilfreich sein, es mit dieser Erfahrung das nächste Mal besser zu machen.

Solltest du jedoch der Meinung sein, jetzt sei aber mal langsam Schluss mit Lernen aus Vorfällen und Bessermachen, möchte ich gerne die launigen Worte meines Opas mit dir teilen: "Du kannst so alt werden wie 'ne Kuh – du lernst immer noch dazu."

Dein

Gert Kowarowsky

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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