Angst vor Veränderung

Veränderungen sind ein normaler und wichtiger Bestandteil des Lebens. Was tun wenn wir Angst vor Veränderung haben?

Angst vor Veränderung
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Veränderungen sind ein unvermeidbarer und wichtiger Bestandteil des Lebens. Deshalb ist es wichtig, mit ihnen umgehen zu können. Umstellung auf ein neues Computerprogramm, Entlassung, Umzug in eine andere Stadt, Trennung, Wohnungskündigung - was haben diese Worte gemeinsam? Sie erfordern von uns die Fähigkeit, uns veränderten Situationen anzupassen und uns neu zu orientieren. Häufig geht diese Änderung der Lebensbedingungen nicht ohne Angst oder Verunsicherung ab.

Für manche Menschen sind Neues und Veränderung gleichbedeutend mit Lust, Neugierde und Nervenkitzel. Für den Umgang mit einer Veränderung spielt es eine Rolle, ob wir uns freiwillig verändern oder uns von den Lebensumständen zu einer Veränderung "gezwungen" sehen. Veränderungen begleiten uns ab dem Zeitpunkt der Geburt. Wir müssen lernen, wann wir etwas zu essen bekommen, ob Schreien erfolgreich ist, was die erhobenen Augenbrauen der Mutter bedeuten, was gefährlich und ungefährlich für uns ist, usw.

Wollen wir überleben, sind wir von der ersten Stunde unseres Lebens an gezwungen, uns anzupassen und uns auf neue Situationen einzustellen.

Wir haben zwar die Wahl, ob wir uns gegen Veränderungen wehren, sie geduldig ertragen oder aktiv angehen, aber verhindern können wir Veränderungen nicht. Die Zeiten ändern sich. Wer sich mit ihnen ändert, der überlebt.

Was haben wir davon, uns zu verändern?

Dazulernen, Neues ausprobieren, sich verändern und neu orientieren kann etwas Lustvolles und Spannendes sein. Wir erfahren dadurch die Bestätigung, dass wir fähig sind, uns an Neues anzupassen und weiterzuentwickeln. Unser Selbstvertrauen wächst ebenso wie unsere Einstellung, dass wir Einfluss bzw. Kontrolle haben.

Eltern, die ihr Kind vor Veränderungen behüten wollen, es nichts ausprobieren lassen, vermitteln dem Kind die Einstellung: „Mir kann man nichts zutrauen. Ich bin zu schwach, bin unfähig.“ Indem wir Neues wagen, erfahren wir auch etwas über unsere Grenzen. Wir erfahren, was wir noch hinzulernen müssen und wo unsere Grenzen sind. Indem wir uns immer wieder auf veränderte Situationen einstellen, bekommen wir mit der Zeit einen immer größeren Erfahrungsschatz, der uns bei unseren zukünftigen Aufgaben zugute kommt.

Wann der Zwang zur Veränderung schadet

Viele Menschen möchten lieber in ihren Gewohnheiten verharren und ihrem gewohnten Trott folgen, als sich der Mühen einer Umstellung zu unterziehen. Von Neugier, Begeisterung und Energieschub keine Spur. Warum ist das so? Was hemmt unsere Motivation, uns einer Veränderung zu stellen?

Veränderungen erleben wir als belastend, wenn

  • sie von außen auf uns zukommen und wir uns fremdbestimmt und als Opfer der Umstände fühlen.
  • die Veränderungen nicht in unsere Lebenspläne passen und wir sie deshalb als Nachteil ansehen.
  • wir glauben, den Veränderungen nicht gewachsen zu sein und wir uns deshalb überfordert fühlen.
  • zu viele Veränderungen auf einmal von uns gefordert werden.
  • wir gegen die Veränderung rebellieren.
  • wir eine eher ängstliche Persönlichkeitsstruktur besitzen, die einen starren Rahmen und festgefügte Strukturen benötigt, um sich sicher zu fühlen.
  • wir körperlich angeschlagen und erschöpft sind.


In der heutigen Zeit hören wir immer öfter: "Wer nicht mithält, geht unter.", "Wer sich nicht anpasst, muss gehen." Wir haben den Eindruck, unsere Umwelt zwinge uns, uns ständig zu verändern.

Die Auswirkungen auf unsere Psyche sind gravierend. Wir fühlen uns als Versager, fühlen uns manipuliert und vergewaltigt, fühlen uns als kleine Rädchen in einem riesigen Räderwerk, das von fremden Mächten gesteuert wird. Die Veränderung und die damit verbundene Angst, ihr nicht gewachsen zu sein, bereitet uns vielleicht schlaflose Nächte. Je nach Persönlichkeitsstruktur beginnen wir, uns zu wehren und zu rebellieren oder in Depressionen zu verfallen.

Die Gewalt von Jugendlichen, die Drogen- und Alkoholsucht, die Null-Bock-Stimmung können Auswirkungen davon sein. Wer glaubt, nicht mithalten zu können, dem ist es egal, welche Konsequenzen sein Verhalten hat. In der Psychologie gibt es den Begriff der erlernten Hilflosigkeit: Wenn man glaubt, dass keine Hoffnung besteht, versucht man es erst gar nicht mehr. Hierzu gibt es ein schönes Beispiel aus der Tierwelt Lebensweisheit.

Womit wir bei gravierenden Veränderungen rechnen müssen

Wir können uns die Anpassung an die neue Situation als einen Prozess von 4 Phasen vorstellen.

1. Die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Der Schmerz der auf uns zukommenden Veränderung ist so groß, dass wir versuchen, die Veränderung rückgängig zu machen oder zu vermeiden. Wir wollen die Augen zumachen und alles als einen bösen Traum ansehen, aus dem wir nur zu erwachen brauchen. "Was nicht sein darf, das ist auch nicht" ist unser Motto.

2. Phase der aufbrechenden Gefühle

Nun dringt die erforderliche Veränderung in unser Bewusstsein und löst viele unterschiedliche seelische und körperliche Reaktionen aus. Wir fühlen uns verzweifelt und hoffnungslos. In unseren Gedanken herrscht die Vergangenheit vor, das, was wir nicht mehr haben können. Angst, Schuldgefühle und Wut finden sich in unserem Gefühlscocktail. Wir hadern mit dem Schicksal: "Warum nur ich ...", "Wie schön wäre es doch, wenn ...", "Das kann ich nicht ertragen, dass ...", sind Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Schlafstörungen, Herz-Kreislauf- oder Magen-Beschwerden können auftreten.

3. Phase der Neuorientierung

So langsam sehen wir wieder Land. Wir fühlen uns hoffnungsvoller und glauben, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen. Unser Hadern und die neidvollen Blicke auf die Vergangenheit werden weniger. Wir arrangieren uns gefühlsmäßig und gedanklich mit der neuen Situation.

4. Phase des neuen Gleichgewichts

Unser Blick ist auf die Zukunft gerichtet. Wir können die Erfahrungen aus der Vergangenheit ruhen lassen oder sie sind zumindest nicht mehr so schmerzvoll. Manchmal gelingt es uns sogar, die Veränderung als etwas Positives anzusehen.

Diese 4 Phasen werden wir immer durchlaufen, wenn wir aus einer gewohnten Situation ausbrechen (müssen). Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir diese Gefühlsreaktionen akzeptieren.

Wie mit Veränderungen umgehen?

TIPP 1: Wenn unerwünschte oder unerwartete Veränderungen auf uns zukommen, dann ist es normal, zunächst mit negativen Gefühlen zu reagieren.
Diese Gefühle zeigen uns an, dass etwas nicht nach unseren Vorstellungen läuft. Deshalb ist es gut, sie anzunehmen und mit ihnen zu arbeiten.
Unsere Wutgefühle können wir zum Anlass nehmen, nochmals zu überprüfen, ob wir die Situation rückgängig machen oder zu unserem Vorteil verändern können.

Wer aufhört zu lernen, ist alt. Er mag zwanzig oder achtzig sein.
Henry Ford

Hadernde Gedanken wie:

  • "Wie können die mir nur so etwas zumuten."
  • "Womit habe ich das verdient?" oder
  • "So etwas darf mir nicht passieren."
     

können wir durch die Fragen ersetzen:

  • "Was kann ich tun, um die Situation zu meinen  Gunsten zu verändern?"
  • "Was bringt die neue Situation an Positivem für mich?"
     

TIPP 2: Sorgen und Gedanken wie: "Es wird alles furchtbar werden. Dies kann ich nicht ertragen" lösen in uns Angst und Depressionen aus.
Wir sollten uns deshalb eher darauf konzentrieren, uns Mut zu machen.
Mut können wir uns machen, indem wir uns innerlich immer wieder daran erinnern: "Was auch immer auf mich zukommt, ich habe bisher immer eine Lösung gefunden und werde auch dieses Mal eine Lösung finden."

TIPP 3: Hilfreich ist es auch, uns ganz bewusst in Erinnerung zu rufen, was wir bisher in unserem Leben alles geleistet und bewältigt haben.

TIPP 4: In einer Lebensphase, in der eine große Veränderung auf uns zukommt, sollten wir uns "milderne Umstände" geben.
Dies bedeutet, wir sollten sehr behutsam mit uns umgehen, keine Perfektion verlangen, uns keine zusätzlichen neuen Aufgaben verordnen und unseren Körper pfleglich behandeln.

TIPP 5: Für manche Menschen ist es hilfreich, ein Tagebuch zu führen, dem sie ihre Sorgen anvertrauen.
Um aus einer gedanklichen Einbahnstraße herauszukommen, in der wir alles schwarzsehen, können auch Gespräche mit Freunden sehr hilfreich sein.

TIPP 6: Das Prinzip der kleinen Schritte ist gefragt.
Wir sollten uns nicht mit negativen Gedanken lähmen, was wir alles verändern müssen. Je mehr wir uns dies alles vor Augen führen, desto mehr fühlen wir uns gelähmt und hilflos. Nur einen Tag oder eine Woche planen und nach Möglichkeit schriftlich, hilft uns, Forschritte zu bemerken und auch die nötige Energie in uns wecken.

TIPP 7: Manchmal hilft auch der Gedanke: "Wer weiß, wofür das gut ist". Viele Veränderungen, die im ersten Moment negativ zu sein scheinen, entpuppen sich im Rückblick als etwas Gutes.

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Karin B. schreibt am 01.10.2019

Der Artikel ist sehr gut. Ich trenne mich gerade von meinem Mann nach 28 Jahren Ehe und ziehe auch gleich in eine andere Stadt sowie anderes Bundesland. Mein Sohn ist Erwachsenen und zieht zu seiner Freundin. Aktuell befinde ich mich in der 1. Phase und möchte gerade alles wieder rückgängig machen (ich habe ein Haus gekauft, einen neuen Job angefangen, etc.), was auch mit Schlafstörungen und weiteren körperlichen Befindlichkeiten einhergeht. Ich lasse viel zurück, um Neues zu Entdecken und kennen zu lernen. Ich hoffe, diese Phasen lassen sich schnell durchlaufen und positive Gedanken schieben die negativen auf die Seite.

Harry Stolz schreibt am 04.03.2019

Ich durchlebe eben die 4 Phasen und akzeptiere diese und auch, das dass eben seine Zeit braucht

Antje schreibt am 05.01.2019

Meiner Meinung nach kommt es auch immer auf eine gesunde Balance an. Welche Veränderung sind wir bereit mitzutragen? Und vor welcher Veränderung scheuen wir uns aus gutem Grund? Auf schockierende Erlebnisse würde ich zum Beispiel sehr gerne verzichten. Wenn Veränderungen dagegen "organisch" ablaufen, besteht meines Erachtens eher die Chance auf einen Gewinn für alle. Aber ich kann mich natürlich auch irren. ;-)

Ewald schreibt am 05.08.2018

Nach 37 Jahren Ehe stehe ich vor der Trennung. Mit Ihren Worten und Umkehrgedanken ( das eventl positive daran zu sehen ) erfüllt mich mit Mut für die Zukunft. Vor allem, dass ich mit 62 Jahren für eine Veränderung nicht alt bin.

Jürgen schreibt am 25.04.2018

Prima Beitrag. Stimme voll und ganz zu. Eine einzige Veränderung habe ich eigentlich nie als negativen Stress empfunden. Leider kommen Veränderungen im Leben oft alle auf einmal. Ich habe es in den letzten fünf Jahren selbst erlebt. Zuerst ist die Mutter verstorben, nahezu gleichzeitig kam ich unverschuldet in Hartz IV, der Vater ist innerhalb kürzester Zeit vom sehr agilen Menschen zum Pflegefall geworden und übt jetzt im Heim massiv emotionale Erpressung aus. Und meine vertraute Hausärztin hat plötzlich und unerwartet ihre Praxis geschlossen. Positiv stimmt mich die Tatsache, dass ich bis heute alles sehr gut bewältigt habe. Aber um den Sinn des Ganzen zu begreifen, dazu bedarf es für mich wohl noch etwas Zeit.

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