Transgenerationale Weitergabe

Manchmal verstehen wir nicht, weshalb wir auf bestimmte Weise fühlen und handeln. Ist unsere Psyche die Summe unserer Erfahrungen oder spielen die Erlebnisse unserer Vorfahren eine Rolle? Dieser Beitrag klärt auf und gibt Hilfestellungen.

Transgenerationale Weitergabe
© PAL Verlag unter Verwendung eines Fotomotivs von unsplash.com

Transgenerationale Weitergabe beschreibt seelisch belastende oder traumatische Erfahrungen, die unverarbeitet bleiben und sich auf nachfolgende Generationen, also die Nachkommen, übertragen können. Was haben wir von unseren Eltern, den Vorfahren oder früheren Generationen übernommen? Wie sehr beeinflussen uns Geschichten, von denen wir vieles nur erahnen können, da wir es nicht selbst erlebten? Manches können wir selbst ergründen – durch Bewusstwerdung, Herleitungen, Rekonstruktion. Doch vieles bleibt verborgen.

Vererbte Traumata: Aufarbeitung ist wichtig

Das Wissen um die transgenerationale Weitergabe solcher unverarbeiteter Eindrücke kann Menschen helfen, ihre psychische und emotionale Situation, ihre seelischen Äußerungen und Reaktionen besser zu verstehen. Vor allem Therapeutinnen und Therapeuten, die mit tiefenpsychologischen und systemischen Ansätzen und Methoden arbeiten, wie zum Beispiel der Familienaufstellung, beschäftigen sich vermehrt mit der transgenerationalen Weitergabe und vererbten Traumata.

Generationen teilen gemeinsame Geschichten

Geschichten unserer Eltern und Vorfahren erscheinen uns manchmal wie Relikte aus einer anderen Zeit, auch wenn wir heute schmerzlich ähnliches erfahren oder davon Kenntnis nehmen müssen: gesellschaftliche Krisen, Hungersnöte, Krankheitswellen, Kriege, Verfolgung, Flucht, Haft, Ablehnung, Missbrauch, Verletzungen, Zerstörung etc.

Einzelschicksale, Familiengeschichten, gesellschaftliche Katastrophen früherer Generationen können auch uns als Nachkommen immer noch beeinflussen und emotional aufwühlen. Meist geht es dabei um Vorkommnisse, die uns je nach Ausmaß unvorstellbar, ja kaum tragbar erscheinen und die wir zwar nicht selbst, aber beispielsweise in Reaktionen und Handlungen unserer Vorfahren wahrnehmen: in plötzlich leeren Blicken von (Groß-)Müttern und (Groß-)Vätern, auf Bildern und Fotografien, in Erzählungen. Wir bemerken diese Zeichen auch auf nonverbaler Ebene.

Symptome von vererbten Traumata und unverarbeiteten Emotionen

Erfahrungen prägen uns – bleiben sie unverarbeitet, können sie sich umso stärker auf unsere Seele auswirken. Haben unsere Eltern und Vorfahren selbst besonderen Stress, ja sogar Traumatisches erlebt, wie etwa Ablehnung oder Bestrafung, oder waren sie Zeuge oder Opfer von schmerzlichen Geschehnissen in der Familie, beeinflusst das ihre Gefühle und ihr Verhalten den Kindern gegenüber.

Auch wenn der Alltag unseres eigenen Lebens uns vordergründig ganz einnimmt, können diese Eindrücke sich so auch in unsere Seele übertragen. Das geschieht vor allem, wenn sie nie bewusst angesprochen wurden. Mittlerweile wird in Teilen der neurologischen Forschung auch davon ausgegangen, dass nicht verarbeitete frühere Erfahrungen in unserem Körper gespeichert sind und sich sogar bis auf Gen-Ebene manifestieren können. Das Problem dabei: Die generationale Weitergabe äußert sich dann oft in diffusen Gefühlsausbrüchen, die wir nicht verorten können. Wir erleben zum Beispiel leichter übermäßigen Stress, diffuse Ängste, Bedrücktheit, Misstrauen, Unbehagen, Blockierung, Unfreiheit – ohne wirklich immer sagen zu können, woher das kommt oder was diese negativen Gefühle verursacht hat.

Folgen der Transgenerationalen Weitergabe

Wenn wir bestimmte Gefühle nicht bewusst herleiten oder einordnen können, kann es dazu führen, dass wir dadurch unbewusst in bestimmte „Muster“, Gewohnheiten oder Schemata verfallen, um damit umzugehen. Nur kann dieses Verhalten auch schädlich für uns und andere werden. Ein verbreitetes Beispiel hierfür sind destruktive Beziehungen, innerhalb derer beide Partner das toxische Beziehungsmuster ihrer Eltern wiederholen – jede und jeder auf die eigene Weise und nach eigenen Mustern.

Daher lohnt es sich, immer wieder sich selbst und seine Handlungen zu hinterfragen: Haben wir bestimmte Muster von unseren Eltern und Großeltern übernommen, um negative Emotionen zu vermeiden oder bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen, auch wenn uns diese Muster nicht fördern?

3 Schritte, um vererbte Traumata zu überwinden

Schritt 1: Offenheit statt Verdrängung

Was auch immer sich in unserer Familiengeschichte zugetragen hat: Wir können lernen, ein anderes Bewusstsein dafür zu entwickeln. Wir können lernen, Geschichten nicht mehr zu verdrängen, sondern innerhalb der Familie generationsübergreifend und offen zu besprechen. Das ist oftmals kein leichter Schritt, weil wir so riskieren, alte Wunden wieder aufzubrechen. Aber es ist meist der beste Weg, gemeinsam Wunden zu heilen und zu verzeihen ohne gutzuheissen.

Schritt 2: Verantwortung übernehmen für uns, aber nicht für das Verhalten unserer Vorfahren

Das aktive und offene Ansprechen von negativen Erfahrungen früherer Generationen, selbst über vorsichtige Vermutungen, kann neue Wege für alle eröffnen. Klarheit über das, was ist und warum es so ist, kann uns helfen, Gefühle, Gedanken und Handlungen einzuordnen. Wir als Nachkommen müssen nicht für alle und alles die Verantwortung übernehmen, aber für uns selbst – und das ist ein Lern- und Entwicklungsprozess. Wir können Geschehenes nicht mehr ändern oder jemanden retten und doch einen neuen Blick auf die Vergangenheit und damit die Zukunft wagen. Und das ist wichtig, vor allem auch für unseren Seelenfrieden und unsere Beziehungen zu unseren Partnerinnen und Partnern und zu unseren Kindern. Denn für uns und für sie tragen wir die Verantwortung.

Schritt 3: Neue Verhaltensweisen etablieren, um vererbte Traumata loszulassen

Was wurde in der Familiengeschichte nicht erlaubt, war nicht möglich oder sogar unverzeihlich, und was davon können wir heute bewusst abstreifen? Welche neuen Gewohnheiten können uns dabei helfen, anders mit unerwünschten Situationen umzugehen und sie weniger in unser Leben zu lassen? Welche neuen Gefühle, Gedanken und Handlungen möchten wir kultivieren, und damit unser ureigenes Leben stärken? Welche neuen Dynamiken möchten wir entwickeln? Welche Art von Beziehungen möchten wir führen? Was brauchen wir dafür?

Bei psychischen Problemen, die nicht alleine bewältigt werden können, wird professionelle Hilfe, etwa durch eine ärztliche oder psychologische Fachperson empfohlen.

„Resilienz aufzubauen bedeutet zu wissen, was man tut, wenn Verletzungen geschehen.“

Christine Weiß

Wie hilfreich war der Beitrag für Sie?
4.58 Sterne (38 Leserurteile)

Psychotests

Psychotest Arbeitssucht: Leiden Sie unter einer Arbeitssucht und sind ein Workaholic? Dieser Test gibt Ihnen Aufschluss.

Wie belastbar sind Sie? Und wie gut können Sie mit Problemen und Belastungen umgehen? Dieser Test gibt Auskunft.

Fühlen Sie sich öfter ausgebrannt, leer und erschöpft? Dann könnten Sie unter einem Burnout leiden. Dieser Psychotest Burnout gibt Ihnen Klarheit.

Psychotest Burnout-Risiko: Sind Sie gefährdet, an einem Burnout Syndrom zu erkranken? Der Burnout-Risiko-Test gibt Aufschluss.

Psychotest Stress: Finden Sie heraus, ob und wie stark Sie unter Stress stehen, und erhalten Sie Informationen zum Stressabbau und zur Stressbewältigung.

Überfordern Sie sich weil, Sie von sich verlangen in allem perfekt sein zu müssen und niemanden enttäuschen wollen? Dieser Test gibt Ihnen Auskunft.

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie einen Kommentar und helfen anderen mit Ihrer Erfahrung.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Inhalt des Beitrags   
Inhalt des Beitrags 
 Vererbte Traumata: Aufarbeitung ist wichtig
 Generationen teilen gemeinsame Geschichten
 Symptome von vererbten Traumata und unverarbeiteten Emotionen
 Folgen der Transgenerationalen Weitergabe
 3 Schritte, um vererbte Traumata zu überwinden
Weitere Beiträge
 Psychotest Arbeitssucht: Bin ich ein Workaholic?
 Psychotest Belastbarkeit und Resilienz: Wie belastbar bin ich?
 Psychotest Burnout: Leide ich unter einem Burnout?