Wenn der Partner oder ein Angehöriger Selbstmord begangen hat

Stein mit Aufschrift: In stillem Gedenken

Wenn ein naher Angehöriger sich das Leben nimmt, dann bringt uns der Verlust an die Grenzen unserer Belastbarkeit. Wie damit umgehen?

Hilfe für Angehörige nach Selbstmord. Bild © racamani - Fotolia.com

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

Vielleicht haben Sie es geahnt oder befürchtet, vielleicht wurden Sie aber auch völlig überrascht: Ihr Partner, Freund oder Angehöriger hat sich das Leben genommen. Und Sie bleiben im Schockzustand zurück.

Sie stehen vor den gewaltigen Aufgaben, den Verlust dieses Menschen anzunehmen und gleichzeitig auch damit zurechtzukommen, dass er Sie „freiwillig“ verlassen hat.

Der plötzliche Tod dieses Menschen löst die unterschiedlichsten Reaktionen in Ihrem Körper und Ihrer Psyche aus – Reaktionen, die Sie bisher noch nie erlebt haben.

Bis Sie nach diesem traumatischen Erlebnis wieder Boden unter Ihren Füßen gefunden haben, durchlaufen Sie 4 Phasen der Trauerbewältigung.

Phasen der Trauerbewältigung

Phase des Schocks und Nicht-Wahrhaben-Wollens

In der ersten Zeit haben Sie den Eindruck in einem schlechten Krimi mitzuspielen, aus dem Sie nur aussteigen müssen, um dann zu erkennen, dass alles nur Film war.

Sie können nicht glauben, dass Sie in Ihrem Leben mit einem solch tragischen Erlebnis konfrontiert werden.

Vielleicht reagieren Sie mit heftigen Gefühlsausbrüchen, mit Schmerz und Panik, oder Sie fühlen sich wie betäubt, innerlich leer und stumpf.

Besonders schwierig wird es, wenn Sie den Betroffenen selbst gefunden haben und er vielleicht entstellt oder verstümmelt war.

Dann können die Bilder immer wieder vor Ihrem inneren Auge ablaufen.

Auch ungewöhnliche Gerüche und Geräusche können sich Ihnen besonders einprägen und die traumatische Erfahrung immer wieder auslösen.

Möglicherweise funktionieren Sie im Augenblick nur noch, lassen die polizeilichen Ermittlungen über sich ergehen und erledigen alles Notwendige.

Auch Ihr Körper teilt Ihnen wahrscheinlich durch Beschwerden mit, dass Sie aus dem Gleichgewicht geraten sind.

So können Sie vielleicht kaum Schlafen, kaum etwas essen oder haben Heißhunger, schwitzen oder frieren, haben Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen, usw.

Phase der aufbrechenden Gefühle

So langsam dringt es in Ihr Bewusstsein, dass Ihr Partner, Freund oder Angehöriger nie mehr zu Ihnen zurückkommen wird. Die Folgen sind Verzweiflung, Einsamkeit und Schmerz.

Auch Unverständnis und Wut, dass er Sie einfach zurückgelassen hat, können auftreten. Vielleicht zermartern Sie sich den Kopf, wie Sie seine Tat hätten verhindern können und was Sie falsch gemacht haben, damit er nur den Suizid als Weg sehen konnte.

Sie gehen im Geiste immer wieder die letzte Zeit mit ihm durch: Haben Sie ihn zu wenig beobachtet, seine Hoffnungslosigkeit nicht erkannt, ihn nicht genug geliebt, von ihm zu viel gefordert, sind Sie zu wenig auf ihn eingegangen?

Sie haben vielleicht die Vorstellung, wenn Sie nur einen Grund für seine Tat finden könnten, dann wäre alles einfacher.

Vielleicht zweifeln Sie aber auch grundsätzlich an Ihrem Wert: „Wenn ich ihm nur wichtig genug gewesen wäre, dann hätte er weiter am Leben bleiben wollen.“

Auch seine Liebe zu Ihnen stellen Sie vielleicht in Frage. Und weil Selbstmord von Gesellschaft und Kirche geächtet wird, nehmen Sie vielleicht auch die Bürde auf sich, die Selbsttötung vor anderen zu verheimlichen.

Der Selbstmord hat vielleicht auch Ihr ganzes Lebensfundament zerstört und Sie zweifeln jetzt generell daran, Ihr Leben im Griff zu haben. Sie sehen voller Angst und Zweifel in die Zukunft.

Phase der langsamen Neuorientierung

So langsam können Sie sich wieder auf den normalen Alltag konzentrieren. Sie vermissen ihn immer noch sehr, aber der Schmerz ist nicht mehr so stark und anhaltend.

Neues Gleichgewicht

Sie haben Ihr Leben nun ganz gut ohne ihn eingerichtet und empfinden Dankbarkeit für die Zeit, die sie miteinander teilen durften.

Es wird niemals mehr so werden, wie es einmal war, doch haben Sie vertrauen, dass das Leben ohne ihn auch noch etwas für Sie zu bieten hat.

Wenn die Erinnerung an ihn in Ihnen aufsteigt, empfinden Sie Bedauern und eine vorübergehende Traurigkeit.

Am Jahrestag seines Todes, an seinem Geburtstag, bei Familienfeiern und an Festtagen nimmt die Erinnerung immer einen größeren Raum ein.

Wenn Sie im Augenblick noch gar nicht richtig fassen können, was passiert ist, oder sehr verzweifelt sind, dann können Sie sich natürlich auch noch nicht vorstellen, dass Sie jemals wieder ein „normales“ Leben führen können.

Nun, es wird nicht mehr das Leben sein, das Sie bisher geführt haben, aber es kann dennoch ein Leben sein, in dem es für Sie auch wieder Freude und eine gewisse Leichtigkeit geben kann.

Ratgeber Gefühle verstehen

Was Ihnen helfen kann, den Selbstmord des Angehörigen zu verarbeiten

In der ersten Zeit geht es nur darum, einen Tag nach dem anderen zu bewältigen und zu überleben. Sie haben etwas so Unfassbares erlebt, dass Ihre Seele und Ihr Körper aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Sorgen Sie gut für Ihren Körper.

Wenn Sie Ihren Körper vernachlässigen, haben Sie noch weniger Kraft, dies alles durchzustehen. Trinken Sie ausreichend und essen Sie zumindest Kleinigkeiten.

Wenn Sie es nicht schaffen, sich zu kochen, essen Sie viel Obst, Nüsse und z.B. Milchprodukte. Säfte, Kräutertee und Mineralwasser tun Ihrem Körper jetzt gut.

Bleiben Sie nur im Bett liegen, wenn Sie müde sind und einschlafen können. Sonst beschäftigen Sie sich lieber außerhalb des Bettes mit etwas Monotonen.

Bauen Sie ausreichend Bewegung in Ihren Alltag ein.

Ihr Körper ist infolge der traumatischen Erfahrung sehr angespannt. Bewegung kann ihm dabei helfen, die Spannung abzubauen und Ihre Stimmung zu verbessern.

Akzeptieren Sie alle Gefühle, die auftauchen.

Sie werden im Augenblick wahrscheinlich Gefühle empfinden, die Sie noch nie oder niemals in dieser Stärke empfunden haben. Verzweiflung, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Schuldgefühle – alle diese Gefühle haben ihre Berechtigung.

Lassen Sie die Gefühle zu. Sie werden nicht verrückt und die Gefühle werden nicht endlos andauern. Wenn Sie möchten, legen Sie sich ein Tagebuch an, dem Sie Ihre Gedanken und Gefühle anvertrauen.

Tolerieren Sie „verrücktes“ Verhalten.

Es könnte sein, dass Sie im Augenblick Dinge tun, die Sie im „normalen Leben“ als verrückt oder abartig abtun. Manche Menschen lassen Tag und Nacht den Fernseher laufen oder schlafen im Nachtzeug des Verstorbenen.

Das ist für den Augenblick in Ordnung, denn Sie befinden sich in einer außerordentlichen Situation und dieses Verhalten vermittelt Ihnen ein wenig Sicherheit oder Geborgenheit.

Konzentrieren Sie sich auf das Wichtigste.

Im Augenblick haben Sie wenig Kraft. Deshalb sollten Sie nur die notwendigsten Aufgaben erledigen. Überlegen Sie, wem Sie Aufgaben abgeben können und wer Sie unterstützen könnte.

Treffen Sie keine großen Entscheidungen.

Im Augenblick ist es für Sie schwierig, Entscheidungen zu treffen, denn Sie tun sich schwer, gelassen zuerst alle Möglichkeiten anzuschauen.

Die Entscheidung, z.B. das Haus zu verkaufen oder die Anstellung zu kündigen, könnte Ihnen später leidtun. Schieben Sie deshalb, sofern es möglich ist, diese Entscheidungen auf später auf.

Wenn dies nicht geht, beraten Sie sich am besten mit Menschen, die im Augenblick den Überblick behalten können und emotional nicht so betroffen sind.

Sprechen Sie mit Freunden über den Suizid.

Ganz gleichgültig, was Sie getan haben, ob Sie z.B. etwas zur Entscheidung für den Suizid beigetragen haben könnten, letztendlich hat Ihr Partner, Freund oder Angehöriger den letzten Schritt alleine getan.

Sie brauchen den Selbstmord nicht als Geheimnis zu bewahren und vor anderen zu verstecken. Holen Sie sich Entlastung, indem Sie sich einer Vertrauensperson anvertrauen.

Bitten Sie Freunde um Unterstützung.

Wenn sich ein Mensch getötet hat, dann betrifft dies auch seinen Freundeskreis. Dennoch fühlen sich Ihre Freunde möglicherweise auch verunsichert, wie Sie sich Ihnen gegenüber verhalten sollen.

Sollen Sie mit Ihnen über den Selbstmord sprechen? Was können sie zu Ihrer Unterstützung tun? Bei welchen Behördengängen können sie Sie begleiten? Sprechen Sie am besten mit Ihren Freunden über Ihre Wünsche.

Nehmen Sie Kontakt mit einer Trauerbewältigungsgruppe auf.

Dort treffen Sie mit Menschen zusammen, die auch einen Angehörigen verloren haben. Sie können über Ihre Trauer sprechen und auch erleben, wie andere mit ihrer Trauer umgehen.

Es könnte nämlich sein, dass Sie sich von Ihren Freunden nicht so gut verstanden fühlen bzw. diese nicht belasten wollen.

Die Adresse einer Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe können Sie bei Nakos erfragen.

Wenden Sie sich an eine Selbsthilfegruppe für Angehörige nach einem Suizid.

Vielleicht haben Sie sich von Ihren Freunden und Angehörigen ganz zurückgezogen, weil Sie diese nicht weiter belasten wollen, sich schämen oder sich von ihnen unverstanden fühlen.

Es könnte aber auch sein, dass Ihre Freunde den Kontakt zu Ihnen auf ein Minimum reduziert haben, weil sie Angst vor Ihrer Trauer haben und nicht mehr mit Ihren Schuldgefühlen und quälenden Fragen konfrontiert werden wollen.

In einer solchen Situation kann der Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation sehr hilfreich sein. Sie brauchen sich dort nicht zu verstellen und können auch immer wieder über Ihre Selbstvorwürfe und die Suche nach den Ursachen für den Suizid sprechen. Hier finden Sie eine Gruppe in Ihrer Nähe, wenn Sie diesen Weg ausprobieren wollen.

Holen Sie sich eine psychotherapeutische Unterstützung.

Der Suizid Ihres Angehörigen bringt Sie in eine besonders belastende Situation. Sie müssen zum einen lernen, mit dem Verlust umzugehen.

Zum anderen kommen ganz spezielle Probleme auf Sie, die Ihre Trauer erschweren und auch Wut und Hilflosigkeitsgefühle in Ihnen hervorrufen.

Sie müssen z.B. polizeiliche Ermittlungen über sich ergehen lassen, wo Sie noch nie etwas mit der Polizei zu tun hatten.

Vielleicht müssen Sie sogar den Verdacht von Polizei oder Angehörigen aushalten, dass Sie Ihren Angehörigen umgebracht haben können.

Sie müssen vielleicht den Leichnam identifizieren, den entstellten Anblick eines lieben Menschen ertragen, was Sie Ihnen Mut und viel Kraft abfordert.

Sie trauen sich vielleicht nicht mehr auf die Straße aus Angst vor Nachfragen, Vorurteilen und Vorwürfen Ihrer Nachbarn.

Ihre Selbstvorwürfe, sich falsch verhalten oder die Not Ihres Angehörigen übersehen zu haben, begleiten Sie Tag und Nacht.

Deshalb sollten Sie sich überlegen, ob Sie Kontakt zu einem Psychotherapeuten aufnehmen. In einer Therapie haben Sie die Möglichkeit, Ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken, ohne dass diese beurteilt oder abgewertet werden, und Ihre traumatische Erfahrung zu verarbeiten.

Adressen von Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie in der Psychotherapeuten Suche

Wenn Sie mehrere der folgenden Beschwerden innerhalb von 6 Monaten nach der belastenden Erfahrung verspüren und wenn diese Beschwerden anhalten, sollten Sie auf jeden den Kontakt zu einem Psychotherapeuten aufnehmen:

Der Verlust eines Menschen und noch dazu auf so dramatische Weise bringt uns an die Grenzen unserer Belastbarkeit.


selbstmord-angehoeriger.html

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Wir können die traumatische Erfahrung nicht ungeschehen machen, doch können wir lernen, sie mit weniger heftigen Gefühlen zu verbinden, als Teil unserer Lebenserfahrungen zu akzeptieren und unserem Leben eine neue Perspektive zu geben.

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Dr. Doris Wolf
Doris Wolf (Autorin)

Danke, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Schon immer hatte ich ein offenes Ohr für die Sorgen anderer. Deshalb war es mein Herzenswunsch, als Psychotherapeutin zu arbeiten. Einen Ausgleich zu meiner beruflichen Tätigkeit finde ich im Nordic Walking, dem Jin Shin Jyutsu und der Kuchenbäckerei.

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Wie eine gute Freundin eben. Es hilft die Trauer zu verstehen und die Trauerphasen besser zu bewältigen.

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