Ein frischer Blick auf Probleme und Kränkungen durch Kritik – #42

In diesem Beitrag der Serie "Erfahungen aus der Praxis" erfährst du, warum alle Probleme und Kränkungen immer nur von der eigenen Sichtweise und Empfindung abhängen – und wie diese Erkenntnis uns entscheidend weiterhilft bei der Überwindung.

Ein frischer Blick auf Probleme und Kränkungen durch Kritik – #42
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Eine spannende psychotherapeutische Erkenntnis, die dem „gesunden Menschenverstand“ höchst seltsam erscheinen mag, ist die folgende:

Es gibt keine Probleme – es gibt nur Tatsachen.

Es gibt keine Kränkungen – es gibt nur Aussagen oder Verhaltensweisen anderer dir gegenüber.

Alles eine Frage der Einstellung

Ob ein Ereignis für dich ein Problem darstellt oder du eine Situation als etwas Schlimmes erlebst, steht und fällt immer mit deiner Sichtweise, deiner Einstellung dieser Situation gegenüber. Bei einem Unfall zum Beispiel denken die meisten Menschen so etwas wie: „Mist! – Verdammt, oh nein, das darf doch nicht wahr sein! Das schöne Auto, alles kaputt!“ Wohingegen andere genau in solchen Momenten ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit empfinden, wenn sie registrieren, dass ihnen selbst nichts geschehen ist: "Zum Glück ist mir und dem anderen nichts passiert!"

Genauso verhält es sich mit Kränkungen. Du hast nicht immer Einfluss darauf, wie sich dein Gegenüber dir gegenüber verhält – aber du hast sehr wohl Einfluss darauf, wie du dieses Verhalten bewertest. Wenn du dich gekränkt fühlst, weil der andere dich nicht grüßt oder gar kritisiert, betrachte genau, wie du damit umgehst, was von außen auf dich zukommt. Deine Chance zu wachsen besteht darin, durch ein gesundes inneres Selbstgespräch auf bzw. für genau solche Situationen besser vorbereitet zu sein und ein klares Kommunikationsverhalten zu erlernen und es konsequent anzuwenden.

Ändere deine Einstellung dem anderen gegenüber

Sollte dich also das nächste Mal jemand kritisieren, gehe damit anders um. Ein souveräner Umgang mit Kritik hilft dir sehr dabei, dich mit dir noch wohler zu fühlen. Dabei ist es völlig egal, ob dein Gegenüber tatsächlich die Absicht hatte, dich mit seiner Kritik zu kränken oder nicht. Wann immer du von nun an Kritik empfindest, sage dir innerlich:

Hey – gut, dass der andere mich direkt anspricht, anstatt mit anderen über mich zu sprechen.

Vielen meiner Patientinnen und Patienten scheint dieser Ansatz zuerst ungewöhnlich. Er erlaubt es dir jedoch sofort, entspannter und aufmerksamer anzuhören, was der andere zu sagen hat. So zu denken ermöglicht es dir, kompetenter und souveräner mit Kritik umzugehen.

Zwei Arten von kritischen Aussagen

Wenn wir uns kritische Aussagen anderer uns gegenüber in aller Ruhe und Entspanntheit anschauen, können wir grundsätzlich zwei Arten von Kritik erkennen:

  • Die eine Art bezieht sich direkt auf dich als Person.
  • Bei der anderen Art bezieht sich dein Gegenüber auf etwas, was du entweder getan oder nicht getan hast.

Kritisiert dich dein Gegenüber als Person, so bekommst du etwa zu hören: "Du Feigling, du Heulsuse, du Angeberin, du Besserwisser …"

Versucht dich jemand zu kränken mit Aussagen über dich als Person – so impfe ich meine Patientinnen und Patienten gegen das selbsterzeugte psychische Kränkungsvirus – mache dir immer wieder klar:

Der andere kann zwar dein Verhalten kritisieren, aber niemals dich als Person.

Und mache dir auch bewusst, dass du kein Feigling bist, selbst wenn du dich in einer Situation tatsächlich einmal feige verhalten hast.

Unterscheide stets, was du tust und wer du bist

Auch du selbst solltest darauf achten, immer nur dein Verhalten in einer bestimmten Situation zu bewerten, nie dich als ganze Person. Gleiches gilt natürlich auch für das Verhalten anderer. Wenn du meinst etwas unbedingt bewerten zu wollen, bewerte bei anderen immer nur ihr Verhalten. Bewerte nie die Person als Ganzes.

Etwas zu tun und etwas zu sein, sind zwei völlig verschiedene Ebenen. Ja, mir ist heute morgen ein Ei heruntergefallen. Ja, ich habe letzte Woche eine ganze Schachtel Eier fallen gelassen. Und ja, vor einem Jahr habe ich im Supermarkt eine ganze Palette Eier umgeworfen. Aber deshalb bin ich noch lange kein Eier-Tollpatsch. Schließlich habe ich auch hunderte Eier heil aus dem Kühlschrank in die Pfanne befördert, sehr viele Eierschachteln unbeschädigt nach Hause gebracht und in den letzten Jahrzehnten bin ich an unzähligen Eierpaletten in Supermärkten vorbeigelaufen, ohne sie umzuwerfen. Denke also daran: Auch wenn du dich schon viele Male auf eine bestimmte Art und Weise verhalten hast, bist du deshalb nicht so, sondern du hast dich nur so verhalten. Und dein Verhalten kann, wenn dir das wichtig ist, immer verändert werden.

Dein Umgang mit Kritik an deinem Aussehen

Die größte Herausforderung, sich nicht gekränkt zu fühlen, sind für viele Menschen abwertende Aussagen über ihr Aussehen: "Du bist hässlich, du bist zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn …"

Das erfordert ein fortgeschrittenes, gesundes inneres Selbstgespräch. In solchen Situationen mache dir immer wieder klar: "Mein Gegenüber sagt mir jetzt seine Meinung über mich. Mein Gegenüber lässt mich wissen, wie er oder sie mein Aussehen und meinen Körper bewertet." Zwar wäre es schön, von allen Menschen wertgeschätzt und geliebt zu werden, aber leider wird dies für niemanden jemals so sein. Dieser Mensch, der sich dir gegenüber im Moment so kritisch äußert, tut es jedenfalls nicht. Das darf so sein. In solchen Momenten der Kritik an deinem Aussehen hilft es, dir zu sagen:

Ich entscheide mich, mich mit genau dem Körper zu lieben, den ich habe. Was nicht bedeutet, dass ich nicht ändern kann, was mir zu ändern möglich ist und was mir an meinem Äußeren selbst nicht gefällt.

Bei einer weiteren Art der Kritik bezieht sich dein Gegenüber auf etwas, was du entweder getan oder zu tun unterlassen hast. Hier kannst du entspannt zuhören, worin genau die Kritik besteht, um danach zu entscheiden, in welche Kategorie diese Kritik gehört.

Dein Umgang mit Kritik an deinem Verhalten

Kritik an deinem Verhalten kann immer in eine von vier möglichen Kategorien eingestuft werden. Und für jede dieser Kategorien gibt es bewährte, hilfreiche Verhaltenshinweise, wie du jeweils angemessen und souverän reagieren kannst:

Kategorie 1: Der andere hat mit seiner Kritik recht.

Also bekommt er auch recht. Du kannst dich entschuldigen für das, was du falsch gemacht hast, und du kannst dir überlegen, wie du es das nächste Mal besser machen kannst. Idealerweise kannst du dir sogar von deinem Gegenüber Tipps geben lassen, wie du es nächstes Mal besser machen kannst.

Kategorie 2: Der andere hat mit seiner Kritik nicht recht.

Also bekommt er auch nicht recht. Erkläre dem anderen kurz, weshalb er nicht recht hat, und weise die Kritik zurück.

Kategorie 3: Der andere hat zum Teil recht mit seiner Kritik, teilweise bezieht sich seine Kritik aber auch auf etwas, was du nicht zu verantworten hast.

Also bekommt er auch recht und du übernimmst die Verantwortung – aber nur für den Teil, der berechtigt ist. Ansonsten zeigst du sehr deutlich auf, welcher Teil der Kritik nicht berechtigt ist und weist diesen zurück.

Kategorie 4: Die Kritik bezieht sich auf etwas, das dir im Moment unklar ist, worüber du selbst erst Daten und Fakten abklären möchtest.

Also sagst du deinem Gegenüber klar und deutlich, dass du dich dazu jetzt noch nicht äußern möchtest, bevor du nicht abgeklärt hast, worauf sich die Kritik bezieht (z. B. dass du erst nachschauen möchtest, ob du an diesem Tag überhaupt gearbeitet hast). Du klärst den Sachverhalt und kommst dann auf den Kritikpunkt zurück, denn jetzt weißt du, ob es sich um Kategorie 1, 2 oder 3 handelt, und du nun entsprechend dazu Stellung nehmen kannst.

Du bestimmst, wie du mit Kritik umgehst

Mit jeder Situation, nach der du dich früher gekränkt gefühlt hättest und die du jetzt souverän zu meistern verstehst, wird es dir immer besser gehen. Denn – was immer dein Gegenüber tut oder sagt, oder nicht tut oder nicht sagt – DU bestimmst, wie du damit umgehst.

Und da ich Sprüche und Redewendungen liebe, die hilfreich dabei sind, mehr Lebensfreude zu empfinden, lege ich dir deshalb abschließend zum Thema Kritik noch diesen Satz englischer Straßenkinder ans Herz:

"Stock und Stein bricht mir's Bein, Worte bringen niemals Pein …"


Dein

Gert Kowarowsky

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 Alles eine Frage der Einstellung
 Ändere deine Einstellung dem anderen gegenüber
 Zwei Arten von kritischen Aussagen
 Unterscheide stets, was du tust und wer du bist
 Dein Umgang mit Kritik an deinem Aussehen
 Dein Umgang mit Kritik an deinem Verhalten
 Du bestimmst, wie du mit Kritik umgehst
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