Folge 50: Die Macht der Vorstellung

Der Psychotherapeut Gert Kowarowsky erzählt aus seiner langjährigen Praxiserfahrung über die Sorgen und Probleme der Menschen, die ihn besuchen, und über die großen Fragen, die dahinterliegen. In diesem Beitrag zeigt er, wie viel Kraft deine Vorstellung besitzt und zur Wunscherfüllung beiträgt.

Folge 50: Die Macht der Vorstellung
© PAL Verlag

Sich verändern zu wollen, etwas erreichen zu wollen, wäre der ideale Start für eine erfolgreiche Therapie. Meistens jedoch kommen die Menschen zu mir mit dem Wunsch, was sie bedrückt, möge sich aus ihrem Leben entfernen. Die Angst möge sich auflösen, die Depression verschwinden, die Schüchternheit weggehen, dies und jenes möge endlich aufhören.

Erfahrungen aus meiner therapeutischen Arbeit

Gewiss, meist weißt du sehr gut, was du nicht möchtest. Schwieriger wird es dann aber bei der Frage:

„Was ist denn dein Wunsch? Was möchtest du denn stattdessen erleben? Was stattdessen tun?“

„Keine Ahnung!“ ist oft die erste spontane Reaktion.

„Für ein Segelschiff, das keinen Zielhafen hat, weht aber leider kein Wind günstig“, antworte ich daraufhin häufig, bevor ich weitere „Geburtshilfe“ leiste: „Was ist dein dringlichster Wunsch, den du dir erfüllen möchtest in Bezug auf deinen Beruf, deine Gesundheit, hinsichtlich der Art und Weise, wie du mit dir und deinen Freunden umgehst, wie du deine Partnerschaft gestaltest oder wie du dich innerhalb deiner Familie bewegst? Was ist dein Wunsch? Liegt es in deiner Macht, ihn zu erreichen, auch wenn es herausfordernd ist?“

Wie formuliere ich meine Wünsche?

Viele Patientinnen und Patienten finden es hilfreich, sich diesen Wunsch als kurzen Satz auszuformulieren und zu notieren. Hier ermutige ich alle, also auch dich: Wenn du für dich einen Wunsch gefunden und ihn benannt hast, der zu erreichen dir wichtig ist und den zu erreichen du dir auch zutraust, dann stelle dir diesen Wunsch in den allerschönsten Farben vor. Was wäre das bestmögliche Ergebnis? Wie würdest du dich fühlen, wenn du dir diesen Wunsch erfülltest? Was siehst du dich dann Neues tun, Besseres fühlen und erleben? Male es dir so lebendig wie nur irgend möglich aus. Innerlich als Phantasie – aber durchaus auch als Bild auf einem Blatt Papier. Nimm dir an dieser Stelle ruhig zwei, drei Minuten Zeit, um zu schwelgen in dem Schönsten, was diese Veränderung für dich mit sich brächte.

In 4 Schritten Wünsche Wirklichkeit werden lassen

Wenn dein Wunsch, um ein praktisches Beispiel zu nennen, etwa darin besteht, dir für deine Gesundheit und entspanntere zwischenmenschliche Beziehungen von nun an jeden Tag 15 Minuten Yoga und 20 Minuten Meditation zu gönnen, dann würde das bedeuten:

Schritt 1: Du formulierst deinen Wunsch für dich und schreibst auf:

„Ich nehme mir jeden Tag 15 Minuten Zeit für Yogaübungen und 20 Minuten Zeit für Meditation.“

Schritt 2: Du stellst dir deinen Wunsch in seinem bestmöglichen Ergebnis vor. 

Vor deinem inneren Auge siehst du, wie du jeden Morgen aufstehst, deine Zähne putzt, dein Gesicht wäschst, dir eine bequeme, leichte Hose und ein gemütliches, weiches Oberteil anziehst. Du siehst, wie du dich sanft und von Tag zu Tag mit größerer Geschmeidigkeit auf deiner Matte dehnst, wie du dich streckst und reckst, dich drehst und bewusst atmest. Du spürst, wie dein Geist klarer, dein Körper unbeschwerter und deine Stimmung heller wird. Du siehst dich in einer festen, aufrechten und doch mühelosen Haltung sitzen und lässt die Aufmerksamkeit nach innen gleiten. Du spürst den Frieden bei der Beobachtung von Gedanken, die kommen und gehen. Du stellst dir vor, wie sich während deiner Meditation die Stille in dir ausbreitet, einfach, indem du Gedanken wahrnimmst, ohne sie zu bekämpfen oder dich in ihnen zu verfangen. Danach siehst du dich in Ruhe frühstücken und dann zentriert in die Welt, in deinen Alltag gehen. Begegnungen mit anderen – auch in schwierigen Situationen – gestaltest du gelassener. Durch deinen Tag gehst du freundlicher, gütiger, klarer und effektiver.

Welche Rolle die Vorstellung für die Wunscherfüllung spielt?

Genau an dieser Stelle hören die meisten Ratgeber für positives Denken häufig auf. Die Forschung im Bereich der Wunscherfüllung und des positiven Denkens ist in den letzten Jahren jedoch weitergegangen.

Eine der bekanntesten Forscherinnen auf diesem Gebiet ist sicherlich Gabriele Oettingen. Die besten Erfolge, das zu erreichen, was du dir als positives Ziel lebhaft vorgestellt hast, treten nach ihren aktuellen Forschungsergebnissen dann ein, wenn du deinem Geist erlaubst, dieses Idealbild noch strahlender, noch kraftvoller in dir werden zu lassen. Und zwar indem du es visualisierst vor dem Hintergrund der Hindernisse, denen es in dir begegnen kann.

Energetisiere deine Wünsche und Ziele

Wenn du diese schönste, positivste innere Vorstellung von deinem Ziel innerlich in Kontrast bringst, sie mental kontrastierst mit den Stimmen deines inneren Kritikers oder deiner inneren Kritikerin, dann energetisierst du es. Du bleibst also nicht passiv und bequem vor deinem Idealbild sitzen, sondern lädst es mit der Energie auf, die dich auf den Weg schickt, diesen Wunsch tatsächlich umzusetzen – oder ihn wieder von deiner Wunschliste zu streichen, weil er dir doch nicht so wichtig ist oder doch zu viel Anstrengung erfordert.

Um die Wahrscheinlichkeit, dir deinen Wunsch tatsächlich erfüllen zu können, um wissenschaftlich bewiesene 60 Prozent zu erhöhen, richtest du jetzt deine ganze Aufmerksamkeit auf die Hindernisse, die deinem Wunsch im Wege stehen könnten. Du stellst dir die Frage: „Was ist mein wichtigstes inneres Hindernis, das mich vielleicht bereits früher schon oft daran gehindert hat, meine Ziele zu erreichen? Welches innere Hindernis steht mir jetzt im Weg, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen?“

Auch hier stelle dir dein inneres Hindernis lebhaft vor. Wenn du magst, kannst du es auch scherzhaft bezeichnen als: mein innerer Schweinehund, meine innere Laschkröte, meine Aufschieberitis-Tante, mein Angsthase, mein Perfektionstierchen oder was auch immer dir passend erscheinen mag. Stell dir vor, mit welchen inneren Sätzen, mit welchen Handlungen, durch welche Gefühle du dich am Umsetzen deiner positiven Ziele selbst boykottieren könntest. (Denn schließlich haben wir ja alle ein paar negative „Lieblingssätze“ in uns ...)

Um bei unserem praktischen Beispiel zu bleiben, erhöht sich die Wunscherfüllungsmacht positiver Vorstellungen somit dadurch:

Schritt 3: Du stellst dir dein größtes inneres Hindernis vor, das dich daran hindern könnte, dir deinen Wunsch zu erfüllen.

Zum Beispiel: Du siehst dich morgens im warmen Bett liegen und hörst dich innerlich sagen: „Oh, heute habe ich keine Lust. Morgen mache ich es wieder. Was habe ich mir da bloß vorgenommen? Ich kenne mich doch, ich mache sowieso nie was regelmäßig!“

Und wie geht es jetzt weiter nach dieser mentalen Kontrastierung, nach diesem dunklen Wunscherfüllungs-Hindernis-Gedanken? Jetzt kannst du dir die ultimative Schutzimpfung geben gegen dein eigenes Scheitern. Die Boostertechnik, mit der dir deine Vorstellungskraft hilft, dir deine Wünsche zu erfüllen. Du setzt jetzt deine Vorstellungskraft ein, um dir einen wirksamen Schlachtplan zu erstellen, mit dem du deine in dir selbst liegenden Hindernisse erfolgreich aus dem Weg räumst.

Auch "Wenn-dann-Spiele" helfen dir zur Wunscherfüllung

Spiele nun in deiner Vorstellung einige „Wenn-dann-Spiele“. Erstelle einen Spielplan: Wenn folgendes inneres Hindernis, folgender hinderlicher Gedanke in mir auftaucht – dann sage ich zu mir, dann mache ich ...

Was kannst du dir vorstellen, wie du mit diesem innerlichen Hindernis am besten umgehen kannst? Mit welchem Satz kannst du dich selbst am besten motivieren? Wie kannst du dieses Hindernis in dir am besten überwinden? Was ist dein bester „Wenn-dann-Plan“?

In unserem Beispiel folgt nun also der vierte und letzte Schritt zur Wunscherfüllung durch unsere Vorstellungen:

Schritt 4: Du erstellst einen „Wenn-dann-Plan“ zur Wunscherfüllung.

Wenn mich morgens mein innerer Schweinehund zu überreden versucht, liegenzubleiben, dann werde ich zu mir sagen: „Wie es sich ohne Yoga und Meditation anfühlt, das kenne ich schon. Das habe ich schon lange praktiziert. Was ich noch nicht weiß, ist, wie es sich anfühlt, wenn ich es jeden Tag regelmäßig mache.“

Oder wenn ich denke: „Oh, ich bin aber noch so müde“, dann werde ich mir sagen: „Nach meiner Yoga- und Meditationszeit fühle ich mich garantiert besser, als wenn ich jetzt noch liegenbleibe.“

Oder wenn ich denke: „Ich schaffe das eh nie, regelmäßig zu meditieren“, dann stehe ich einfach grinsend zusammen mit diesem Gedanken auf, gehe ins Bad, putze mir die Zähne, mache mich frisch und starte meine Wunsch-Morgenroutine.

Hast du dir deinen „Wenn-dann-Plan“ erstellt, lohnt es sich, diese Handlungspläne innerlich mehrmals zu wiederholen und sie auch einige Male laut auszusprechen. Die Erfahrung zeigt, dass dein Unbewusstes dir dann ganz immens dabei hilft, dir deinen Wunsch zu erfüllen.

WOOP – die Macht der Vorstellung

Die Macht deiner Vorstellung hilft dir dabei, deine Wünsche zu erfüllen. Doch achte auf die Reihenfolge:

Wünsche.
Optimiere in den schönsten Farben deine Wunschvorstellung.
Ordentlich kontrastieren mit allem, was in dir dagegensprechen könnte.
Plane, wie du die Hindernisse auf deinem Weg beseitigen kannst, bevor sie entstehen.

Und WOOPs, hast du die Kunst der Vorstellungslenkung, der Zielerreichung, der Wunscherfüllung gemeistert. Genieße einfach noch mehr Lebensfreude, indem du systematisch die Macht deiner positiven Vorstellungen nutzt.

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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