Gefühle bei einer Trennung

Kapitel 4: Wenn der Partner geht

© Autorin: Dr. Doris Wolf Psychotherapeutin

"Es ist alles aus. Nie mehr werde ich glücklich sein."

Frau Ruth M., 35 Jahre alt, kam wegen schwerer Depressionen und Selbstmordgedanken in Therapie. Zudem litt sie unter Appetitverlust und Durchfall. Sie hatte sich in den letzten Jahren mehrmals in solch einer Verfassung befunden, und zwar jedesmal dann, wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen war. Die letzte Beziehung hatte Ihr Freund nach 6 Jahren beendet. Sie lebte nun schon ein Jahr alleine ohne Partner und hatte den Eindruck, ihr Leben sei völlig sinnlos geworden.

Sie fühlte eine innere Leere und hatte den Eindruck, nie mehr glücklich werden zu können. Zum Weggehen und Besuchen von Freunden fehlte ihr die Lust und Energie. Sie vergrub sich am liebsten zuhause im Bett und hoffte, morgens einmal nicht mehr aufwachen zu müssen.

Ihr geringer Lebenswille zeigte sich auch darin, daß sie begonnen hatte, ihr Äußeres und ihren Körper zu vernachlässigen. Jede ihrer Beziehungen war sie eingegangen, "um das Gefühl zu haben, gemocht zu werden".

In der bestehenden Partnerschaft unterdrückte sie ihren Ärger und ihre Bedürfnisse aus Angst vor Ablehnung.

Frau M. beschrieb mir ihre Lebenseinstellung folgendermaßen: "Ich kann nichts und ich bin nichts. Ich bin bereit, alles zu ertragen für ein bißchen Liebe und Geborgenheit. Dafür opfere ich bereitwillig meine Menschenwürde und mache mich zum Objekt.".

Als Frau M. zu mir kam, befand sie sich in der Phase II der Trennungsbewältigung. Sie fühlte sich überflüssig und am Boden zerstört, weil sie ihren Partner verloren hatte, den sie zum wichtigsten Teil in ihrem Leben gemacht hatte.

Sie befinden sich in der schwierigsten Phase der Trennungskrise. Gleichzeitig ist diese Phase ein sehr wichtiger Teil in Ihrem Heilungsprozeß. Das Trauern ist ein Teil des Abschiednehmens und bietet gleichzeitig die Chance zum Neubeginn.

Der Verlust eines Menschen, sei es durch Tod oder Trennung, gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen in unserem Leben. Da dieser Verlust so schwer zu ertragen ist, ist die erste Reaktion häufig die Verneinung des Verlustes und die Hoffnung auf Wiedergutmachung (Phase I).

Wird die Hoffnung aufgegeben, kommt es neben Wut- und Schuldgefühlen zu Trauer und Depressionen. Wir fühlen uns im Innern verletzt, als ob wir eine offene Wunde hätten.

Wir haben eine Leere in uns, die wir zu füllen versuchen. Manche Menschen greifen deshalb zu Alkohol, Tabletten oder übermäßigem Essen.

Sie sehen darin die einzige Möglichkeit, den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen und wenigstens eine Zeit lang den quälenden Gedanken Einhalt bieten zu können.

Niemals mehr im Leben fühlen wir uns so hilflos und allein gelassen als in dem Augenblick der Trennung. Es erscheint uns so, als ob die ganze Welt zusammenbricht.

Alle Lebenskräfte und jeglicher Lebenswille scheinen im Innern zu erlöschen. Gedanken an Selbstmord kommen uns in den Kopf. Gedanken wie: "Nie mehr werde ich glücklich sein können.", "Es ist alles aus.", "Ich bin hilflos.", "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.", überfallen uns.

Als Folge davon treten Passivität, Apathie und Depressionen auf. All das, womit wir uns bisher im Leben motiviert haben, haben wir um den Partner herum aufgebaut.

Jetzt fallen wir in ein Loch. Wir fühlen uns überflüssig und nicht lebensfähig. Je mehr wir unser Leben um den Partner herum orientiert haben, desto mehr stürzt alles in uns zusammen.

Wenn wir die Partnerschaft eingegangen sind mit der Einstellung: "Ich brauche den Partner, um glücklich zu sein, und nur dieser Partner kann es mir geben.", sehen wir keine Chance, jemals mehr glücklich zu werden.

Die Trennung schafft neue Lebensumstände, denen wir zunächst hilflos gegenüberstehen. Einige uns geläufige Rollen hören auf. "Wer bin ich, wenn ich keine Ehefrau, kein Partner von ... mehr bin?" Verwirrung und Verzweiflung sind die Folge.

Es gibt eine Reihe von Verlusten bei einer Trennung:

Durch die Trennung werden wir gezwungen, uns auf unsere eigenen Kräfte zu besinnen. Wir müssen beginnen, uns mühsam eine neue Rolle als alleinstehender Mensch zu entwickeln, der fähig ist, für sich selbst zu sorgen.

Immer hat man uns gesagt, daß die Liebe die Lösung für alles sei. Liebe bringe uns Sicherheit, Glück, Freude und Kraft. Nun lieben wir und fühlen uns trotzdem so elend wie nie zuvor. Man hat uns nicht gesagt, was passiert, wenn der Mensch, den wir lieben, uns plötzlich nicht mehr liebt und verläßt.

Wir können plötzlich nur noch an die verlorene Liebe denken und an alles Schöne, was wir scheinbar nie mehr erleben können. Ständig kreisen die Gedanken im Kopf, was wir alles "nie mehr mit dem Partner zusammen erleben können". Niemand und nichts kann uns für den Verlust entschädigen.

Wir erleben quasi Entzugserscheinungen vergleichbar mit einem Süchtigen, dem sein Suchtmittel entzogen wurde. Wir können nichts mehr tun, was wir mit unserem Partner zusammen gemacht haben, ohne diesen Schmerz zu empfinden.

Jede Kleinigkeit, sogar das, was wir früher an ihm nie leiden konnten, erscheint uns jetzt liebenswert. Dinge, die wir früher überhaupt nicht beachtet haben, erscheinen uns jetzt als unverzichtbar.

Unser Partner erscheint uns als der unersetzbare Idealpartner. Wir haben den Eindruck, daß sich niemand sonst in der gleichen Situation so erbärmlich und verlassen fühlt wie wir.

Wir versuchen, uns mit unserem Schmerz zu verkriechen. Wir wissen, daß wir seine Liebe nicht mehr zurückgewinnen können. Deshalb erscheint uns das Leben sinnlos. Wir fühlen uns als halber Mensch, der ohne die andere Hälfte nicht lebensfähig ist.

>>> Weiterlesen im Ratgeber Wenn der Partner geht

Weitere Leseproben:

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Kapitel 1
Die 4 Phasen der Trennungserfahrung

Kapitel 5
Neuorientierunng nach der Trennung

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