Folge 35: Vom Geben und Nehmen

In dieser Beitragsserie berichtet der Psychologe Gert Kowarowsky von den Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis. Dieses Mal: Warum Hilfsbereitschaft auch dir selbst hilft.

Folge 35: Vom Geben und Nehmen
© PAL Verlag

Mit dem Geben und Nehmen ist das so eine Sache. Je nachdem, wer bei mir in der Sprechstunde sitzt, kann die Richtung der therapeutischen Arbeit völlig unterschiedlich ausfallen.

Geben als Lernaufgabe

Wenn dein Problem darin besteht, nur zu geben und zu geben, ja, dich förmlich für andere aufzuopfern, dann lautet die Lernaufgabe: Wer geben will, muss nehmen können! Ohne Klarheit über deine eigenen Bedürfnisse, ohne innere Erlaubnis, dir zuzugestehen, was du für dich möchtest und andere darum zu bitten, ist früher oder später eine Depression unvermeidlich. Habe den Mut, andere um das zu bitten, was du von ihnen haben möchtest! Nicht geäußerte Wünsche werden selten erfüllt.

Doch wenn dein Augenmerk nur darauf gerichtet ist zu bekommen, zu nehmen, was du, du und nochmal du möchtest, ohne daran zu denken, was andere brauchen, um sich mit dir wohlzufühlen, dann lautet die Lernaufgabe anders. Dann mach dir in Anlehnung an einen bekannten Satz von J. F. Kennedy Gedanken über eine alternative Sichtweise:

"Frage nicht, was die Welt für dich tun kann, frage dich, was du für die Welt tun kannst."

Es geht immer um ein gesundes Verhältnis von Geben und Nehmen: Ein Auge nach innen – ein Auge nach außen. Sehen und spüren, was du für dich brauchst, und es den anderen wissen lassen. Sehen und spüren, was der andere braucht, und ihm dabei helfen, es zu bekommen.

Die

Besonders problematisch finde ich jedoch die dritte Art von Hilfesuchenden, die einfach nicht verstehen können, weshalb sie niemand mag, wo sie doch so viel für andere tun. Die sich bitterlich bei mir darüber beklagen, dass ihnen nie jemand Hilfe anbietet, obwohl sie sie doch so dringend nötig hätten und selbst immer anderen so viel geben würden …

Hier verlangt es sehr viel Fingerspitzengefühl, um diesen Klagenden den Unterschied zwischen Geben mit reinem Herzen und Geben mit der Hoffnung auf Gegenleistung zu verdeutlichen.

Die Geschichte vom Yogi

Zu dieser Hilfsbereitschaft der "Geschenkemathematiker" fällt mir folgende Geschichte ein:

Ein Yogi saß am Ufer des Ganges, tief in seine Meditation versunken.

Ein reicher Geschäftsmann näherte sich ihm und legte ihm ungefragt eine teure Kaschmirdecke um die Schulter. Der Heilige schaute mit klarem, noch tief in sich versunkenen Blick auf den reichen Geschäftsmann und fragte ihn: "Was machst du da? Weshalb legst du mir eine Stola aus allerfeinstem Kaschmir um die Schultern?" Woraufhin der Geschäftsmann antwortete: "Nun, diese Kaschmirdecke schenke ich dir, weil ich weiß, dass dem, der Gutes tut, auch Gutes widerfährt. Und einem Heiligen ein Geschenk zu machen, bewirkt bekanntermaßen besonders gutes Karma."

Der Yogi lächelte, gab dem Geschäftsmann seine Kaschmirstola wieder zurück und sagte mit milder, mitfühlender Stimme: "Oh, das tut mir aber nun sehr leid. Du hast dir leider den Falschen für dein Geschenk ausgesucht. Ich bin keine Bank, in die du einbezahlen kannst, um hinterher mit Zins und Zinseszins wieder zu erhalten, was du gegeben hast …"

Intrinsische Belohnung

Ganz anders hingegen die Hilfsbereitschaft, bei der du Freude darüber empfindest, dem anderen etwas geben zu können. Wenn du gibst, weil du gar nicht anders kannst, als zu geben, weil du siehst, was jetzt gerade hilfreich, unterstützend und der Lebensfreude förderlich ist. Weil es hier und jetzt zu deiner Freude, zur Freude des anderen und zur Förderung des Guten und Hellen in der Welt etwas beiträgt.

Psychologen sprechen von intrinsischer Belohnung, wenn du dich selbst am meisten darüber freust, eine Freude machen zu können, wenn daraus deine eigene Lebensfreude und deine eigene Erfüllung ganz spontan und unschuldig entstehen. In solchen Situationen verspürt nahezu jeder Mensch: Ja, Geben ist tatsächlich seliger als Nehmen. Doch deine Hilfsbereitschaft sollte sich immer an den klugen Worten von Bernhard von Clairvaux, dem Abt des Zisterzienserordens im 12. Jahrhundert, orientieren:

"Wenn du kannst, hilf aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich."

Wie hilfreich war der Beitrag für Sie?
4.58 Sterne (90 Leserurteile)

Ihr Kommentar

Hinterlassen Sie einen Kommentar und helfen anderen mit Ihrer Erfahrung.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Inhalt des Beitrags   
Inhalt des Beitrags 
 Geben als Lernaufgabe
 Die
 Die Geschichte vom Yogi
 Intrinsische Belohnung
Weitere Beiträge
 Folge 1: Selbstwahrnehmung
 Folge 2: Haltung
 Folge 3: Achtgeben auf seinen Körper