So vermeidest du Urlaubsstress – #94

Urlaubsstress oder Urlaub vom Stress? In dieser Folge der Beitragsserie "Erfahrungen aus der Praxis" zeigt der Psychotherapeut Gert Kowarowsky wirksame Strategien, um im Urlaub wirklich entspannen zu können. 

So vermeidest du Urlaubsstress – #94
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Gerade in diesen Wochen, wenn Schulferien sind, viele Firmen Betriebsurlaub haben und einige deiner Bekannten und Freund:innen Urlaubsbilder posten, ist in meiner Praxis das Thema „Urlaubsstress“ ein Brennpunktthema.

Patient:innen berichten über ihre Erfahrungen mit Urlaubsstress

Jan meinte in der letzten Sitzung:

„Ich bin völlig gestresst. Ich habe jetzt Urlaub, alle meine Kolleginnen und Kollegen fahren sonst wohin und ich sitze hier zuhause rum. Finanziell kann ich mir im Moment keinen Urlaub leisten. Ich bin richtig mies drauf, eigentlich fast depressiv, und wenn ich ehrlich bin, auch voll neidisch auf die anderen. Vor lauter Missmut sitze ich bloß blöd rum und gehe abends frustriert ins Bett.“

Anne dagegen sieht ihr Zuhausebleiben in der Urlaubszeit ganz anders:

„Wenn ich im Fernsehen die Bilder von den verstopften Autobahnen sehe, den überfüllten Flughäfen und den brennenden oder überschwemmten Feriengebieten, sitze ich in meinem Wohnzimmer und genieße meine freie Zeit. Und seitdem ich meine Therapie-Erkenntnisse umsetze und Freizeit für mich wirklich freie Zeit ist, spüre ich deutlich, wie ich mich von Tag zu Tag mehr erhole.“

Urlaubsstress oder Urlaub vom Stress – es liegt an dir

Du hast tatsächlich immer die Wahl zwischen Urlaubsstress und Urlaub vom Stress.

Das Rezept für Urlaubsstress ist sehr einfach:

  1. Versuche vor dem Urlaub möglichst viel vorzuarbeiten.
  2. Arbeite am letzten Arbeitstag noch ein, zwei Stunden mehr, damit wenigstens das Wichtigste erledigt ist.
  3. Packe dann bis in die frühen Morgenstunden deine Koffer und fahre übermüdet und mit dem Gefühl, schon viel zu spät dran zu sein – am besten ohne Frühstück – mit überhöhter Geschwindigkeit los.
  4. Um ganz sicher zu gehen, dass du auf gar keinen Fall erholt an deinen Arbeitsplatz zurückkehrst, mache Urlaub bis zur letzten Sekunde. Auf keinen Fall solltest du vor Mitternacht zuhause ankommen.
  5. Wenn du zuhause ankommst, öffne sofort alle Briefe, die inzwischen zugestellt wurden. Solltest du heldenhaft im Urlaub keine Mails gecheckt haben, ist jetzt der beste Zeitpunkt dafür …

Das Rezept für Urlaub vom Stress lautet dagegen so:

  1. Falls du vorhast wegzufahren, lass mindestens einen, besser zwei Tage Puffer zwischen dem letzten Arbeitstag und deiner Abreise.
  2. Komme einen, besser zwei Tage vor Arbeitsbeginn wieder zuhause an.
  3. Wenn du in deinem Urlaub zuhause bleibst, mache ernst mit der Formel für mehr Lebensfreude: Freizeit ist freie Zeit!
  4. Wenn du vorhast, während deines Urlaubs an dir wichtigen, nicht beruflichen Projekten zu arbeiten, nutze diese Tätigkeiten auch dafür, deine Fähigkeit für einen stressfreieren Lebensstil zu schulen.

7 einfache Hilfestellungen für einen Urlaub ganz ohne Stress

Ja, es ist tatsächlich möglich, ein Leben lang viel stressfreier zu leben und nicht nur ab und zu Urlaub vom Stress zu machen. In meiner jahrzehntelangen Arbeit mit stressgeplagten Patient:innen haben sich folgende hilfreichen Kernpunkte herauskristallisiert, um deine Seele auch in einem fordernden Alltag im dauerhaften Urlaubsmodus zu belassen. Ich lade dich ein hineinzuspüren, mit welchen der folgenden Hinweise du experimentieren magst:

Tipp 1: Enstpanne nicht nur im Urlaub

Nutze nicht nur deine freien Tage, näher an dir selbst zu sein, zu entschleunigen und entspannter, achtsamer durch die Tage zu gehen!

Tipp 2: Achte auf die kleinen Dinge

Sensibilisiere dich dafür, wieder aufmerksamer zu sein für die vielen kleinen täglichen "goldenen" Momente!

Tipp 3: Lerne deine individuellen Stressoren zu erkennen

Gewöhne dir auch in deinem Alltag an, dir immer dann, wenn du anfängst, dich gestresst zu fühlen, folgende Fragen zu stellen:

  • Was passiert gerade um mich herum?
  • Worauf reagiere ich so intensiv?
  • Wie fühle ich mich?
  • Was passiert wo in meinem Körper?
  • Welche Gedanken gehen mir gerade zu dieser Situation durch den Kopf?
  • Was tue ich?

Tipp 4: Nutze die Kraft deiner Gedanken

Dauerhafter Urlaub vom Stress ist für deine Seele keine Utopie, wenn du dir der Kraft deiner Gedanken bewusst wirst und die Erkenntnis des Stoikers Epiktet nutzt:

„Es sind nicht die Dinge der Welt, die uns beunruhigen.
Es ist unsere Haltung den Dingen der Welt gegenüber.“

Frage dich also immer dann, wenn du anfängst dich gestresst zu fühlen:

  • Gibt es eine andere Sichtweise auf das, was du jetzt im Moment gerade als belastend empfindest?
  • Ist das wirklich wahr, was du gerade denkst?
  • Wie hilfreich ist das, was du gerade denkst, dich so zu fühlen, wie du dich fühlen möchtest, und das zu tun, was du tun möchtest?
  • Was würdest du deiner besten Freundin, deinem besten Freund sagen, wenn sie jetzt in genau der gleichen Situation wären wie du selbst?
  • Was würde eine Person denken und tun, die mit genau dieser Situation, in der du dich gerade befindest, souverän und lösungsorientiert umgehen könnte?

Tipp 5: Bleibe spielerisch!

Um im Alltag deine Seele dauerhaft im entspannten Urlaubsmodus zu belassen, bleibe spielerisch.

Spiele immer wieder mit dem Gleichgewicht von Ruhe und Aktivität. Ruhe ist die Basis jeglicher Aktivität. Nutze den Freiraum in diesen Urlaubstagen, mehr auf deinen Körper zu achten, egal ob du zuhause bist oder in der Ferne, egal ob du an einem Projekt arbeitest oder fest entschlossen bist, jeden Tag etwas zu erleben.

Wann ist es genug mit dem, was du gerade machst?
Kannst du deine ganz persönlichen ersten Anzeichen von Anspannung und Müdigkeit erkennen? 

Was ist bei dir das erste Signallämpchen, an dem du erkennen kannst, dass es dir jetzt zu viel wird?
Immer dann, wenn dein Frühwarnsystem zu blinken beginnt, experimentiere damit, wie es sich für dich anfühlt, dir genau in diesem Moment eine kleine Pause zu gönnen, dir genau in diesem Moment etwas Seelenzeit zu erlauben.

Tipp 6: Nimm dir immer wieder Seelenzeit – die kleine Auszeit zwischendurch

Die Zigarettenpause war lange Zeit legitim – die Seelenpause ist es heute mehr denn je. "Man nehme …", so begannen früher oft Rezepte für leckere Gerichte. Für deine Seelenzeiten im Alltag lautet das Rezept deshalb:

Nimm dir die Selbsterlaubnis zu einer Seelenzeit, eine bewusste kleine Auszeit vom Alltagsstress:

  • ein kurzer zielloser Spaziergang,
  • einfach mal rumstehen und nichts tun,
  • eine Weile verträumt aus dem Fenster gucken,
  • oder ohne Zeitung oder Smartphone in der Pause auf der Parkbank sitzen.

In welchem Abstand sind mehrere kleine Pausen für dich wohltuend? Wann und wie lange tut dir eine größere Pause besonders gut? Auf welche Art und Weise kannst du dich am besten entspannen und regenerieren? Was hilft dir, deine Heiterkeit der Seele wiederzuerlangen, wenn Alltagswolken sie verdunkeln?

Finde heraus, welche Art von Pause ist für dich der beste Miniurlaub inmitten des Alltags ist:

  • Dir Zeit für dich nehmen? Alleine sein? Die Augen schließen und dich in dich hineinsinken lassen?
  • Oder die Augen öffnen für Schönes um dich herum?
  • Mit anderen zusammensein, mit ihnen reden oder einfach nur die Gemeinschaft mit ihnen genießen?
  • Dich bewegen?
  • Musik hören?

Welche deiner bisher dir vertrauten Arten Pause zu machen, ermüden dich in Wahrheit eher, als dich zu erfrischen? 

Tipp 7: Bleib dir der Basics immer bewusst

  • Ich habe zwar Gedanken – aber ich bin nicht meine Gedanken.
  • Ich habe zwar Gefühle – aber ich bin nicht meine Gefühle.
  • Ich entscheide, worüber ich mich ärgern möchte und worüber nicht.

Genieße deinen Urlaub!

Ade Urlaubsstress – willkommen dauerhafter Urlaub inmitten aller Lebenssituationen, vor allem in jenen, die andere als Stress bezeichnen würden.

Genieße deinen dauerhaften Urlaub!
Genieße dein Leben!

Dein

Gert Kowarowsky

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