Angst und Partnerschaft aus der Sicht des Betroffenen

Wenn Sie unter einer Angsterkrankung leiden belastet das Ihre Partnerschaft. Hilfen und Tipps der Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf.

Angst und Partnerschaft aus der Sicht des Betroffenen
© Francisco Moreno, unsplash.com

Leiden Sie unter einer Angsterkrankung? Dann wird Ihre Beziehung zu Ihrem Partner davon nicht unberührt bleiben. Sie schwanken wahrscheinlich Ihrem Partner gegenüber in Ihren Gefühlen. Mal verspüren Sie Scham und Verzweiflung, mal Wut, mal Neid. Aus Ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit heraus reagieren Sie Ihrem Partner gegenüber vielleicht manchmal ungerecht, sind rücksichtslos und gereizt. Manchmal lassen Sie sich in ein Loch fallen und erwarten, dass Ihr Partner Sie auffängt. Wenn Sie eine Psychotherapie machen, kann sich daraus zusätzlicher Zündstoff für Ihre Partnerschaft entwickeln.

Deshalb möchte ich Sie darüber informieren,

  • wie Sie als Betroffener in Ihrer Partnerschaft reagieren könnten.
  • welche Folgen eine Psychotherapie für Ihre Partnerschaft haben kann.

Wie Sie als Betroffener in Ihrer Partnerschaft reagieren könnten

Wenn Sie unter einer Angststörung leiden, dann hat dies höchstwahrscheinlich einen großen Einfluss auf Ihre Rolle als Partner. Vielleicht hatten Sie zuvor die Rolle des selbstbewussten Menschen, der alle aufkommenden Probleme lösen kann, eingenommen. Nun sind Sie hingegen auf die Hilfe Ihres Partners angewiesen.

Mit vielen wechselnden Gefühls- und Reaktionsmustern können Sie auf Ihre Angsterkrankung reagieren, welche sich dann wiederum auf Ihren Partner auswirken können:

  • Sie lassen sich ganz in die Rolle des Hilfesuchenden fallen, bemitleiden sich und geben sich auf. Ihr Partner fühlt sich vielleicht überfordert, Sie immer wieder aus dem Loch zu befreien.
  • Sie verurteilen sich für Ihre Angst und dies äußert sich auch darin, dass Sie phasenweise die Hilfe Ihres Partners ablehnen. Er kann nicht einschätzen, wann Sie seine Hilfe benötigen und wann er sich lieber zurücknehmen soll.
  • Sie schämen sich für Ihre Angst und Ihre momentane Unfähigkeit, mit dem Leben klar zu kommen. Deshalb ziehen Sie sich vom Partner zurück und dieser fühlt sich dadurch abgelehnt.
  • Sie hassen sich für Ihre Abhängigkeit vom Partner und sind sehr gereizt Ihrem Partner gegenüber. Er leidet unter Ihren Stimmungsschwankungen.
  • Sie sind enttäuscht von sich und verbittert. Ihr Partner kann Ihnen nichts mehr Recht machen.
  • Sie fühlen sich unverstanden, wollen aber, dass Ihr Partner endlich versteht, was mit Ihnen ist.
  • Ihre Gedanken kreisen nur noch um Ihre Angst. Es gibt keinen Platz mehr für die Bedürfnisse Ihres Partners. Ihr Partner fühlt sich vernachlässigt.
  • Sie können den Beruhigungen Ihres Partners nicht vertrauen. Ihr Partner fühlt sich in Frage gestellt und hilflos.
  • Sie greifen zu Beruhigungsmitteln oder Alkohol, um wieder normal zu funktionieren. Unter den Auswirkungen hat Ihr Partner zu leiden.

Haben Sie sich in einigen der Gefühls- und Reaktionsmuster wiedererkannt?

Dann ist es wichtig, dass Sie sich mit diesen Gefühls- und Reaktionsmustern annehmen. Wer angstkrank ist, mit sich und seinem Leben unzufrieden und verzweifelt ist, der hat kaum Kraft, sich um die Bedürfnisse seiner Umwelt, insbesondere die des Partners zu kümmern. Er kämpft um sein Überleben.

Überlegen Sie sich, wie Sie sich von Ihrer Angsterkrankung befreien können. Wollen Sie Ihren Partner entlasten, indem Sie sich eine Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe oder bei einem Psychotherapeuten suchen? Hier finden Sie Adressen von Psychotherapeuten in Ihrer Nähe.

Welche Folgen eine Psychotherapie für Ihre Partnerschaft haben kann

So sehr vielleicht Sie und Ihr Partner eine Psychotherapie herbeisehnen, so kann doch auch die Psychotherapie Ihre Partnerschaft erheblich beeinflussen. Während Ihre Angsterkrankung zunächst Ihre Aufgaben und Aktivitäten verändert hat, sind es nun die Anregungen des Psychotherapeuten bzgl. Ihre Erkenntnisse in der Therapie, die sich auf Ihre Einstellungen, Gefühle und Ihr Verhalten auswirken.

Ziele der Therapie sind, dass Sie sich neue Denk- und Verhaltensweisen aneignen. Deshalb ist es auch ein Fortschritt, wenn Ihre neuen Erkenntnisse nun im Alltag in Ihrem Kopf kreisen. Sie sind deshalb vielleicht unkonzentriert, verunsichert, gereizt, usw.

Vielleicht ist Ihr Therapeut nun plötzlich auch ein Teil der Partnerschaft: "Mein Therapeut hat gesagt, dass ...",  gehört dann zu den häufigsten Redewendungen, die Sie benutzen. Ihr Partner versucht Ihnen vielleicht sogar dadurch zu helfen, indem er die Rolle des Cotherapeuten einnimmt und Sie immer wieder an das erinnert, was der Therapeut zu Ihnen sagt.

Im Verlauf Ihrer Therapie können dann z.B. bei Ihnen folgende Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen auftauchen:

  • Sie hassen Ihren Partner, wenn dieser die Ratschläge Ihres Therapeuten befolgt, Ihnen z.B. nicht mehr alles abzunehmen und Sie Ihre Angst spüren zu lassen.
  • Sie sind trotzig und ungehalten, wenn der Partner Sie mit Angstsituationen konfrontiert.
  • Sie fühlen sich von Ihrem Partner entfremdet, weil Ihr Therapeut Sie besser versteht als Ihr Partner.
  • Sie verspüren wieder Hoffnung und erste Veränderungen, haben aber den Eindruck, Ihrem Partner sei Ihre Verbesserung nicht recht.
  • Sie bemühen sich darum, die in der Therapie erlernten Strategien in den Alltag zu übertragen.

Da sich hinter einer Angsterkrankung wie etwa einer Panikstörung oder Agoraphobie häufig andere Ängste verbergen - beispielsweise die Angst vor Ablehnung, die Angst, Nein zu sagen, oder auch eine geringe Selbstachtung, kann es ein Ziel für Sie sein, häufiger Wünsche zu äußern, Ihre Meinung zu sagen und sich Ihrem Partner gegenüber durchzusetzen.

Möglicherweise treffen Sie am Anfang den Ton noch nicht richtig und sind leicht aggressiv. Ihr Partner könnte Ihre Veränderung als negativ erleben, Sie nun als egoistisch und rechthaberisch ansehen. Seine Reaktion wiederum verunsichert Sie oder macht Sie ärgerlich, weil Sie denken, Ihr Partner wolle Ihren Therapiefortschritt nicht.

Eine Psychotherapie kann also neben den positiven Effekten auch Sand ins Getriebe der Partnerschaft bringen. Für Sie und Ihren Partner ist es an diesem Punkt wichtig, über Gefühle und Erwartungen zu sprechen - am besten nicht als Vorwurf, sondern nur als Beschreibung und Wunsch, z.B.: "Ich sehe das so ... und deshalb fühle ich mich ...", "Ich fühle mich ... und ich wünsche mir ..." Sowohl Sie als Ihr Partner müssen sich auf die Veränderungen erst einstellen.

Wichtig zu wissen: Ihre Partnerschaft muss erst wieder in ein neues Gleichgewicht kommen, die Rollen und Aufgaben müssen neu verteilt werden.


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