Folge 52: Gut begonnen ist halb gewonnen

Der Psychotherapeut Gert Kowarowsky erzählt aus seiner langjährigen Praxiserfahrung über die Sorgen und Probleme der Menschen, die ihn besuchen, und über die großen Fragen, die dahinterliegen. In diesem Beitrag widmet er sich der Frage, warum es wichtig ist, einfach mal anzufangen anstatt aufzuschieben.

Folge 52: Gut begonnen ist halb gewonnen
© PAL Verlag

"Gut begonnen ist halb gewonnen." Wie viel Zeit geht oft verloren mit dem Aufbauen von immer höheren Ansprüchen an das Ziel, das du erreichen willst – und damit an dich selbst! Welche Hürden baust du dir selbst auf, die dir den Mut nehmen, zu beginnen? Wie soll es werden? Wie darf es nicht werden? Was muss unbedingt dabei sein und was auf gar keinen Fall?

Wenn Pläne und Ziele zu fixen Vorstellungen werden

Überhaupt zu beginnen ist die größte Herausforderung bei jedem neuen Projekt. Einer meiner wichtigsten therapeutischen Hinweise dazu lautet:

"Aufschieberitis (der wissenschaftliche Begriff ist Prokrastination) kannst du dadurch überwinden, dass du tatsächlich einfach beginnst. Hier und jetzt. Das ist auf jeden Fall wichtiger, als dich von vornherein um gutes oder gar perfektes Beginnen zu kümmern."

Manche oder mancher meiner Patientinnen und Patienten hat sich schon einen genauen Plan gemacht. Sie oder er glaubt, zu Beginn eines neuen Jahres schon genau zu wissen, wie es laufen soll, wie es laufen "muss".

Gegen Pläne ist tatsächlich nichts einzuwenden – gegen fixe Vorstellungen schon. Verzichte auf das zwanghafte "Muss". Pläne zu haben ist sehr gut, wenn du bereit bist, sie offen und flexibel dem Fluss des Lebens anzupassen und dich von Hindernissen nicht abschrecken zu lassen. Deine Pläne, Wünsche und Vorhaben, all das was dich aktuell motiviert, morgens aufzustehen, dies alles lenkt deine Wahrnehmung. Alle Aspekte, Themen und Interessen, die dich zu Beginn dieses neuen Jahres innerlich beschäftigen, sind ganz wesentlich dafür mitverantwortlich, worauf sich deine Aufmerksamkeit in den nächsten Tagen, Wochen oder gar Monaten richten wird.

Im Scheinwerfer deiner Aufmerksamkeit liegt das Positive

Beginne das neue Jahr also gut im wahrsten Sinne des Wortes. Beginne es damit, dass du dir bewusst machst, welchen Bereichen du dich positiv zuwenden möchtest. Mache dir klar, was du möchtest – und gib dir selbst die Erlaubnis, dies auch in deinem Leben haben zu dürfen. Deiner Aufmerksamkeit wird nichts entgehen, was irgendwie mit deinem Thema zu tun hat. Aus der unendlichen Fülle aller Informationen, die in deinem Gehirn eintreffen, wird dein Unbewusstes immer wieder den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf all das richten, was dazu passt. In diesem Scheinwerferlicht kannst du dich dann bewusst damit beschäftigen und entscheiden, was zielführend ist und was nicht. Das findet von dem Moment an statt, in dem du dich entschieden hast, ein Ziel zu verfolgen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem du dieses Ziel erreicht hast oder es wieder aufgibst.

Du darfst der Fülle der empirischen Daten vertrauen, die immer wieder gezeigt haben, dass einmal begonnen tatsächlich schon halb gewonnen ist. Deine Aufmerksamkeit wendet sich leicht und mühelos auf alles, was mit deinen Themen zu tun hat. Erinnerungen gesellen sich zusätzlich aus deinem Bewusstseinsspeicher dazu. Dein Aufmerksamkeitsstrahl findet mit jedem Schritt, den du weiter auf dein Ziel zugehst, weitere Hinweisreize – sowohl in deinem Inneren als auch im Außen.

Erfahrungsbericht eines meiner Patienten

Martin, ein Patient, der sehr mit seiner "Aufschieberitis-Problematik" zu kämpfen hatte, beschrieb seine Erfahrungen so:

"Ich war Weltmeister im Grübeln darüber, was alles schieflaufen könnte. Ich war Weltmeister im "Erst-noch-einen-Kaffee-kochen", "Erst-noch-einkaufen-gehen", "Erst-noch-aufräumen", "Erst-noch …" – und angefangen habe ich dann doch nicht. Jetzt ist in mir eher das Bild des Schneepflugs. Ich setze mich ans Steuer und fahre einfach los. Im Voranfahren schiebt die Schneepflugschaufel den Schnee zur Seite, der mir vermeintlich den Weg versperrt. Ich mache in letzter Zeit immer wieder die Erfahrung, dass dann, wenn ich tatsächlich einfach anfange, eins zum anderen dazukommt, bis es geschafft ist. Ich habe aufgehört, mich damit zu quälen, es ganz oder gar nicht zu machen, perfekt oder überhaupt nicht zu handeln. Ich nehme es so, wie es kommt und ich nehme es leicht. Ich weiß, wo ich hinmöchte, und ich fahre los, von da, wo ich gerade bin. Und selbst der längste Stau hat sich immer wieder aufgelöst. Ein Satz in meinem Hinterkopf, den ich irgendwo einmal gelesen habe, ist für mich dabei wieder und wieder die Aufforderung, meinen Schneepflug zu starten: Lieber unperfekt begonnen, als perfekt gezögert."

Ja, Martin hat recht und das ist wissenschaftlich bewiesen: Überhaupt zu beginnen ist gut begonnen. Und gut begonnen ist halb gewonnen. Für die zweite Hälfte sorgen deine Aufmerksamkeitsstrahler. Diese liefern dir, von deinem Unbewussten gesteuert, die notwendigen weiteren Hinweise um dein Ziel zu erreichen. Versprochen!

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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