In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie Angehörige von dementen Menschen Überlastungen vorbeugen und innerlich stabil bleiben.
Selbstmitgefühl und Selbstfürsorge tauchen als Themen in meiner therapeutischen Arbeit immer wieder auf. Besonders oft begegne ich Menschen, die sich durch die Veränderungen infolge einer Demenz bei ihren Angehörigen überfordert fühlen, und dies nicht nur ein wenig, sondern tief in ihrem Innersten. Denn Demenz stellt das Leben aller Beteiligten radikal auf den Kopf und verändert Beziehungen, Rollen und alltägliche Abläufe.
Die erkrankten Menschen brauchen zunehmend Orientierung, emotionale Sicherheit und Strukturen, die Halt geben. Angehörige versuchen, diesen Halt zu bieten, während sie selbst hingegen innerlich oft ins Schwanken geraten. Die Balance zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge ist dabei jedes Mal eine Herausforderung, manchmal eine tägliche, manchmal eine stündliche. Viele wissen, was zu tun wäre, doch nicht immer, wie es in belastenden Momenten umzusetzen wäre.
Vater, Mutter oder eine andere nahe von Demenz betroffene Person sehen äußerlich oft noch aus wie früher. Sie sprechen wie früher. Sie scheinen zu denken wie früher, aber eben nur scheinbar. Genau das macht es so schwer. Die Akzeptanz dieser inneren Veränderung gelingt selten auf Anhieb. Mit der Zeit werden viele Interaktionen angespannter. Ungeduld, Korrekturen, kleine Sticheleien, all das passiert schnell, oft aus Erschöpfung heraus, und doch hilft es wenig.
Menschen mit Demenz verlieren schrittweise die Fähigkeit, ihre Welt logisch zu ordnen. Was bleibt, ist ein tiefes Gefühl von Unsicherheit. Oft haben sie ein Gefühl, das sie nicht benennen können, das aber ständig präsent ist. Und genau dort beginnt das Wesentliche. Sie spüren nicht mehr alles, aber sie spüren genau, wie man ihnen begegnet:
Emotionale Sicherheit zu schenken ist das größte Geschenk, das du einem Menschen mit Demenz machen kannst.
Stefan zum Beispiel suchte meine Unterstützung, als er merkte, dass sein inneres "Fass" ständig überlief. Nach einer Beratung in der Demenz-Sprechstunde sagte er: "Ich weiß jetzt, was meine Mutter braucht, aber ich weiß nicht, wie ich ihr das geben kann. Ich stehe einfach selbst zu sehr unter Strom!" Dieser Satz brachte seine gesamte Situation auf den Punkt.
In unseren Gesprächen sortierten wir zunächst, was seiner Mutter Stabilität gab: sanfte Kommunikation, klare Tagesabläufe, die Vermeidung von Hektik, viele kleine Signale von "Ich sehe dich", Wahlmöglichkeiten im Alltag, das Gefühl, beteiligt zu bleiben. Das alles war ihm bewusst, zumindest theoretisch … Aber die entscheidende Frage lautete: Was braucht er, um das alles auch wirklich geben zu können?
Im gemeinsamen Arbeiten wurde deutlich: Stefan brauchte Inseln verlässlicher Erholungszeit, Zeit ohne Verantwortung, Zeit ohne schlechtes Gewissen. Er erkannte, wie wichtig es war, Grenzen nicht nur zu kennen, sondern sie auch anzuerkennen. Die Einsicht "Ich kann das nicht allein" fiel ihm zuerst schwer, wurde aber zu einem Schlüsselmoment. Professionelle Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst und einen flexibel buchbaren Platz in der Tagespflege wurden zu tragenden Säulen. Sie ermöglichten ihm, wieder Atem zu schöpfen.
Gleichzeitig gewann er neue Stabilität durch einfache, wiederkehrende Rituale: gemeinsame Mahlzeiten zur gleichen Zeit, ein geordneter Schlafrhythmus, der Morgenkaffee, kurze Spaziergänge und Musik. Diese kleinen Anker senkten Stress – bei seiner Mutter und bei ihm. Er begann, seine Freundschaften wieder bewusst zu pflegen. Er ersetzte nächtliches "Dauerserien-Schauen" durch früheres Schlafengehen. All das brachte ihn Schritt für Schritt zurück in seine innere Mitte.
Je mehr er über Demenz lernte, desto mehr verlor er das Gefühl der Hilflosigkeit. Er hörte auf, seine Mutter mit Logik erreichen zu wollen, und begann, den emotionalen Kern ihrer Worte zu hören. Er lernte, nicht mehr zu korrigieren, sondern mitzuschwingen. Vor allem aber lernte er, nicht nur akribisch zu registrieren, was seine Mutter alles nicht mehr konnte und darüber zu verzweifeln, sondern sich an dem zu erfreuen und zu würdigen, was sie noch konnte, was er jeden Tag bei ihr an noch bestehenden Fertigkeiten und Fähigkeiten zu entdecken vermochte. Und je ruhiger er dadurch innerlich wurde, desto leichter fiel es ihm, in sanftem Ton zu sprechen, den Blickkontakt zu halten und ihr mit kleinen Berührungen Halt zu geben.
Ein weiterer Durchbruch war der Moment, in dem er sein schlechtes Gewissen loslassen konnte, wenn er sagte: "Heute kann ich nicht mehr." Er begriff, dass Grenzen ihn schützen – und gleichzeitig seine Mutter. Denn erschöpft reagierte er stets härter, ungeduldiger, verletzlicher. In Wahrheit half es ihr, wenn er gut für sich sorgte.
Und so spürte er zunehmend: Was mir guttut, tut auch ihr gut. Für mich zu sorgen ist ein Akt der Verantwortung, und weit davon entfernt egoistisch zu sein.
Die Demenz seiner Mutter stellte ihn emotional, organisatorisch und körperlich vor große Herausforderungen. Doch er lernte nach und nach, mehr darauf zu achten, was sie noch konnte, als was sie nicht mehr konnte. Er lernte ihre Bedürfnisse zu verstehen, ohne seine eigenen zu verlieren. Das machte ihn zu einem ruhigeren, liebevolleren Begleiter auf ihrem Weg.
Am Ende unserer gemeinsamen Arbeit fasste Stefan seine Erkenntnis in einen Satz, den ich dir gerne weitergebe, weil er so viel Wahrheit enthält:
"Damit ich meiner Mutter Würde, Ruhe und Halt geben kann, brauche ich jeden Tag die Achtsamkeit, um die Balance zu halten zwischen:
Mitgefühl – und Grenzen.
Zuwendung – und Pausen.
Nähe – ohne Selbstverlust.
An jedem Tag blicke ich wach mit beiden Augen. Das eine ist nach außen gerichtet auf meine Mutter, das andere nach innen auf mich selbst. Ein Auge nach außen – ein Auge nach innen."
Und ja, genau so können zwei Menschen heil bleiben:
der Mensch mit Demenz und der Mensch, der ihn liebt.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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