Entschuldigung – der Wunsch nach Schuldenerlass oder nach Heilung? – #165

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie wir uns angemessen entschuldigen können, und er hilft zu beurteilen, ob wir eine Entschuldigung annehmen wollen.

Entschuldigung – der Wunsch nach Schuldenerlass oder nach Heilung? – #165
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Es gibt wenige menschliche Handlungen, die so schlicht wirken und zugleich so komplex sind wie eine Entschuldigung.

"Es tut mir leid."

Vier Worte. Schnell gesagt. Und doch können sie Brücken bauen oder Misstrauen vertiefen, Heilung einleiten oder alte Wunden erneut öffnen. Denn eine Entschuldigung ist kein bloßer Satz. Sie ist ein Angebot. Eine Bitte. Eine Hoffnung auf eine Neubewertung dessen, was geschehen ist, und ein Angebot zur Gestaltung der Beziehung in der Zukunft.

Wie und wann ist eine Entschuldigung angemessen?

In therapeutischen Sitzungen taucht häufig die Frage auf: Wie kann ich mich angemessen entschuldigen? Und ebenso: Sollte ich eine angebotene Entschuldigung annehmen? Wie lässt sich erkennen, ob sie ehrlich gemeint ist, ob sie von Herzen kommt oder ob sie bloße Manipulation darstellt, getragen von der Hoffnung, verursachtes Leid zu bagatellisieren und in Bezug auf eigenes ungeschoren davonzukommen?

In jedem Einzelfall ist eine genaue Analyse unerlässlich. Nicht jedes Angebot ist gleichwertig. Und nicht jedes sollte angenommen werden. Sowohl beim Entschuldigen als auch beim Annehmen einer Entschuldigung steht am Anfang eine oft übergangene, aber zentrale Frage:

Liegt überhaupt eine Schuld vor?

In therapeutischen Gesprächen zeigt sich immer wieder, dass sich Menschen für Dinge entschuldigen, für die sie gar nicht verantwortlich sind. Für Gefühle anderer. Für unerfüllte Erwartungen. Für Ideale, die sie nicht erreichen konnten. Hier ist zuerst eine Differenzierung nötig und die Klärung folgender Fragen:

  • Tatsächliche Schuld: Hat dein Verhalten objektiv oder nachvollziehbar Schaden verursacht? 
  • Zugeschriebene Schuld: Schreiben dir andere Verantwortung zu, die so nicht besteht? 
  • Übernommene Schuld: Übernimmst du reflexartig Verantwortung – aus Gewohnheit, Angst, Bindungsdynamik oder aufgrund tiefsitzender irrationaler Überzeugungen? Eine vorschnelle

Entschuldigung kann zur Selbstentwertung werden. Und ein vorschnelles Einfordern einer Entschuldigung durch dein Gegenüber zur Machtausübung. Nicht jede Entschuldigung ist also ein Zeichen von Reife. Manchmal ist sie Ausdruck von Unterwürfigkeit oder ein Versuch der Manipulation.

Die Art der Schuld bestimmt die Art der Entschuldigung

Susanne, die häufig unter Schuldgefühlen leidet, entschuldigte sich zu Beginn ihrer Sitzung übermäßig dafür, zehn Minuten zu spät gekommen zu sein. Dieser aktuelle Anlass bot ihr die Gelegenheit, die Denkwege kennenzulernen, mit deren Hilfe sie auch künftig selbst prüfen kann, welche Art von Schuld tatsächlich vorliegt. Der bewährte Weg besteht darin, sich in solchen Situationen die Frage zu stellen:

Welche Art von Schuld liegt vor?

  • Absichtliche Schuld: Habe ich bewusst jemanden verletzt? 
  • Fahrlässige Schuld: Habe ich nicht ausreichend aufmerksam gehandelt? 
  • Strukturelle Schuld: Habe ich mich unangemessen verhalten, eingebunden in Rolle, System oder typische Alltagsdynamiken? 
  • Emotionale Schuld: Habe ich Worte oder Verhaltensweisen gezeigt, von denen ich weiß, dass sie mein Gegenüber verletzen könnten? 
  • Existenzielle Schuld: Liegt eine tiefere moralische Verfehlung vor in dem, was ich getan, gesagt oder unterlassen habe? 

Diese Differenzierung ist entscheidend. Denn die Art der Schuld bestimmt die Art der Entschuldigung. Ein einfaches „Sorry“ für eine Mischung aus verspätetem Aufbruch und unerwartet hohem Verkehrsaufkommen wäre im Fall von Susannes Zuspätkommen völlig angemessen gewesen. Völlig unzureichend wäre es hingegen dann, wenn durch ihr Verhalten tiefes Vertrauen beschädigt worden wäre.

4 Motive hinter Entschuldigungen

Allerdings ging es Susanne auch darum, besser mit den Entschuldigungen umzugehen, die ihr gegenüber geäußert werden. Sie spürte häufig Unsicherheit und ein ungutes Gefühl, wenn sie eine Entschuldigung nicht mit offenem Herzen annehmen konnte. Gemeinsam analysierten wir daher die möglichen Motive hinter Entschuldigungen. Denn nicht jede Entschuldigung dient dem gleichen Ziel.

Motiv 1: Sanktionen vermeiden

Ein häufiges Motiv besteht darin, Sanktionen vermeiden zu wollen. Die Entschuldigung dient dann als Schutzmechanismus. Die innere Haltung lautet: Wenn ich mich entschuldige, werde ich vielleicht nicht bestraft. Hier geht es weniger um Einsicht als um Konsequenzvermeidung. Oft zeigt sich dies subtil: Ich habe mich doch entschuldigt, muss ich jetzt noch etwas tun? Die Entschuldigung wird zur Ersatzhandlung. Sie soll Konsequenzen vermeiden, jedoch nicht Verantwortung tragen.

Motiv 2: Image wiederherstellen 

Einen schalen Beigeschmack haben auch Entschuldigungen, die der eigenen Imagepflege dienen. Wenn die Entschuldigung vor allem dem Selbstbild dient und nicht dem Gegenüber, wird ihr Annehmen schwierig. Das eigentliche Motiv lautet dann: Ich will wieder gut dastehen.

Motiv 3: Verursachtes Leid mindern

Anders wirken Entschuldigungen, die von dem tiefen Wunsch getragen sind, verursachtes Leid zu mildern. Wenn du dieses Motiv spürst, kann sich Beziehung neu und auf einer tieferen Ebene entwickeln. Eine Entschuldigung aus der Haltung heraus: Ich sehe deinen Schmerz und möchte ihn mindern ist eine heilende Entschuldigung.

Motiv 4: Verantwortung übernehmen und Wiedergutmachung leisten 

Noch kraftvoller sind Entschuldigungen, die mit der klaren Entscheidung verbunden sind, Wiedergutmachung zu leisten. Die stärkste Form der Entschuldigung ist die reale Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln. Der Schaden wird anerkannt, aktiv repariert und wenn nötig eine angemessene Entschädigung geleistet.

Eine Entschuldigung anzunehmen ist eine bewusste Entscheidung

Nach dieser Klärung fühlte sich Susanne innerlich freier und klarer. Sie formulierte für sich:

"Ich erlaube mir, Entschuldigungen nicht vorschnell anzunehmen. Und ich erlaube mir aus Achtung mir selbst gegenüber, sie auch abzulehnen, wenn ich erkenne, dass sie der der Vermeidung von Konsequenzen dienen, keine echte Verantwortung übernommen wird, sich das Verhalten wiederholt oder moralischer Druck aufgebaut wird, etwa durch Sätze wie: Sei doch nicht so nachtragend. Annehmen werde ich Entschuldigungen nur dann, wenn ich echte Einsicht erkenne, mein Gegenüber Verantwortung übernimmt und ich reale Bemühungen zur Wiedergutmachung sehe."

Gleichzeitig ist es wichtig zu wissen: Nicht angenommene Entschuldigungen können Beziehungen einfrieren – und manchmal auch das eigene Herz.

Eine aufrichtige Entschuldigung anzunehmen, bedeutet jedoch nicht, alles gutzuheißen, zu vergessen oder Vertrauen sofort wiederherzustellen. Es bedeutet, das Angebot zu prüfen, die eigene Grenze zu wahren und bewusst zu entscheiden, ob und wie du den Raum wieder öffnen möchtest. Manchmal ist es ein vorsichtiges: "Ja, ich nehme deine Entschuldigung an und wir schauen weiter." Manchmal ein klares: "Ich höre deine Worte und ich brauche noch Zeit." Erlaube dir, dir diese Zeit zu nehmen. Finde deine Balance zwischen Herz und Haltung. Manchmal wird Schuld erlassen. Manchmal bleibt sie bestehen und wird getragen. Und manchmal führt sie dazu, dass sich Wege trennen.

Eine Entschuldigung ist kein Ende. Sie ist ein Übergang. Ein Übergang zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht wieder möglich wird. Und vielleicht liegt ihre eigentliche Kraft nicht darin, dass sie etwa alles ungeschehen macht, sondern darin, dass sie dir die Möglichkeit schenkt, bewusst neu zu wählen zwischen: Beziehung oder Abstand. Vertrauen oder Vorsicht. Öffnung oder Schutz.

Und manchmal, ganz leise, jenseits von richtig und falsch, auch Vergebung.
Nicht als Pflicht. Sondern als Freiheit.

Dein

Gert Kowarowsky
 

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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Inhalt des Beitrags 
 Wie und wann ist eine Entschuldigung angemessen?  
 Die Art der Schuld bestimmt die Art der Entschuldigung  
 4 Motive hinter Entschuldigungen  
 Eine Entschuldigung anzunehmen ist eine bewusste Entscheidung  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
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