In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie du einen besseren Umgang mit Scham- und Schuldgefühlen findest, indem du dein Verhalten veränderst.
Es gibt Gefühle, die sprechen laut zu dir, in dir und aus dir heraus. Wut zum Beispiel, Angst oder Freude. Doch dann gibt es auch jene Gefühle, die sich verstecken. Die nicht gesehen werden wollen. Scham gehört zu ihnen.
Scham ist ein leises Gefühl und gerade deshalb oft so mächtig. Sie zieht sich zurück, senkt den Blick, macht eng. Sie flüstert: "Zeig dich nicht. Sag nichts. Versteck dich."
Viele Menschen, die in meine Praxis kommen, tragen Erinnerungen, Erlebnisse, wiederkehrende Bilder und Geschichten eigenen Fehlverhaltens und eigener Schuld in sich, die sie nie erzählt haben. Nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil sie zu nahe gehen. Weil sie sich dafür schämen. Weil sie glauben, dass sie zu beschämend seien. Weil sie zu sehr verbunden sind mit dem Gefühl, selbst nicht richtig zu sein.
So entstehen im Laufe des Lebens immer mehr dieser die innere Lebensfreude raubenden Räume des Verschweigens, die viele Menschen in sich tragen. Doch was wir verschweigen, bleibt wirksam. Und was wir nicht anschauen, kann sich nicht verändern. Es ist schwer, an einem Problem zu arbeiten, das ich mir nicht zugestehe.
Scham hat eine paradoxe Dynamik: Je mehr wir sie verstecken, desto stärker wird sie.
Und genau hier liegt die Notwendigkeit eines neuen Weges, mit diesen vor der Welt verborgenen inneren Bereichen umzugehen.
Viele Menschen glauben, dass Schuldgefühle ein Zeichen von Reife seien. Dass sie zeigen würden: "Ich habe verstanden."
Ich meine, dass das Unbehagen, das nach eigenem Fehlverhalten in uns aufkommt, der erste spontane, natürliche Indikator dafür ist, dass ein Fehlverhalten vorliegt. Die plötzlichen Bauchschmerzen machen mich aufmerksam, dass etwas schiefgegangen ist, dass ich mich nicht angemessen verhalten habe. Insofern haben Schuld, Scham und Reue ihren eigenen Wert. Nur darin stecken zu bleiben, ist wertlos, ja sogar schädlich.
Schuldgefühle binden Energie. Sie halten uns in der Vergangenheit fest. Sie erzeugen Kreisläufe von Grübeln, Selbstanklage und innerer Starre. Mit Schuld ist niemandem gedient. Nicht dir. Nicht dem anderen. Nicht der Zukunft.
Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Nicht der Fehler macht uns klüger, sondern die Bereitschaft, ihn bewusst anzuschauen und nach Verbesserungsmöglichkeiten Ausschau zu halten, wie wir das nächste Mal besser mit einer solchen oder ähnlichen Situation umgehen können.
Viele Menschen verharren im Gefühl: "Ich hätte das nicht tun dürfen." Doch diese Haltung führt selten zu echter Veränderung, jedenfalls nicht zu einer positiven. Im Gegenteil, sie führt zur Selbstabwertung, nicht zur Weiterentwicklung.
Die konstruktive Art, mit Fehlern umzugehen, ist eine andere. Ein hilfreicher innerer Schritt besteht darin, dich zu fragen:
Und vor allem:
Das hilft dir zu lernen. Das hilft dir, dich zu entwickeln. Schuldgefühle an sich helfen nicht weiter. Sie nützen niemandem. Bewusstes Hinschauen und die Klarheit darüber, was du künftig anders tun möchtest, dagegen schon. So kann Entwicklung und persönliches Wachstum entstehen.
Ein neuer Umgang mit Scham bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Es bedeutet nicht, Verantwortung zu vermeiden. Im Gegenteil, es bedeutet, Verantwortung tiefer zu verstehen. Wenn wir uns selbst einfach nur verurteilen, bleiben wir an der Oberfläche. Wenn wir mutig hinschauen auf das, was geschehen ist, auf das, was wir gedacht, gesagt und getan haben, dann beginnen wir zu verstehen. Und genau dadurch öffnet sich die Tür zur Veränderung, zur Weiterentwicklung.
Erinnere dich an eine Situation, in der du dich im Nachhinein geschämt hast. Vielleicht hast du jemanden verletzt. Vielleicht hast du dich nicht so verhalten, wie du es eigentlich wolltest.
Michael zum Beispiel kam voller Selbstanklage und im Hader mit sich selbst in die Praxis und begann das Gespräch mit den Worten: "Ich habe etwas getan, das ich mir selbst nicht verzeihen kann."
Nach einigem Zögern berichtete er, dass er vor einigen Wochen, in einer beruflich stark belastenden Phase, seiner Partnerin gegenüber laut und abwertend geworden sei. "Ich habe Dinge gesagt, die man einfach nicht sagt. Zu Recht hat sich meine Partnerin daraufhin zurückgezogen. Ihr Vertrauen in mich ist grundlegend erschüttert."
Seitdem kreisen seine Gedanken unaufhörlich in quälenden Selbstvorwürfen:
Seitdem schläft er schlecht, zieht sich zurück und vermeidet aus Scham Gespräche mit seiner Partnerin.
Im weiteren Verlauf wurde deutlich: Michael ist nicht nur von seinem Verhalten betroffen, sondern vor allem von seiner Selbstverurteilung. Die erste therapeutische Intervention bestand deshalb darin, den Fokus zu verschieben, weg von "Was stimmt nicht mit mir?", hin zu "Was genau ist in dieser Situation geschehen?"
Schritt für Schritt rekonstruierte Michael die Situation: Aus einer hohen beruflichen Belastung heraus entwickelte sich eine zunehmende innere Anspannung. Hinzu kam die Überzeugung, nicht gesehen und nicht unterstützt zu werden. Daraus entstand ein starker Wunsch nach Entlastung, den er jedoch nicht äußerte und der sich schließlich in Vorwürfen entlud.
Michael reagierte irritiert, als er nach dieser Analyse von mir hörte:
"Don’t feel guilty - change your act."
"Aber ich muss mich doch schuldig fühlen!", war seine erste spontane Reaktion. Gemeinsam arbeiteten wir heraus, dass ihm Schuldgefühle bisher weder geholfen hatten, seine Beziehung zu verbessern, noch sein Verhalten, seine Gedanken oder seine Schlafprobleme zu verändern, geschweige denn, wieder in Kontakt mit seiner Partnerin zu kommen. Im Gegenteil, seine Schuldgefühle hatten ihn weg von seiner Partnerin und hinein zum Erstarren und Schweigen geführt.
Unsere gemeinsame verhaltenstherapeutische Arbeit verlagerte sich nun auf drei zentrale Fragen:
Ein weiterer wichtiger Schritt bestand darin, die Frage zu klären:
"Welche Möglichkeiten habe ich, um den entstandenen Schaden zu beheben oder zu verringern?"
Michael entschied sich, das Gespräch mit seiner Partnerin zu suchen. Nicht um sich zu rechtfertigen, sondern um zu benennen:
Mehrere Tage schob er aus Scham dieses Gespräch, das er als notwendig erkannt hatte, vor sich her, bevor er sich schließlich entschied, es dennoch zu führen.
In den folgenden Wochen veränderte sich daraufhin spürbar etwas: Seine Selbstabwertung nahm ab, die Beziehung wurde vorsichtig wieder offener, und Michael erlebte sich selbst wieder deutlich handlungsfähiger.
Sein zentraler Satz am Ende seiner Therapie lautete: "Ich habe verstanden, nicht mein Fehler war das Problem, sondern dass ich ihn erst nicht anschauen wollte."
Die Erfahrung von Michael bestätigt die Erfahrung vieler anderer Menschen:
Und am Ende bestätigt sich immer wieder diese einfache, klare Formel:
Verplempere nicht deine Zeit mit Schuldgefühlen - verändere dein Verhalten!
Dir das Allerbeste!
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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