In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, dass wir Einsamkeit überwinden und Verbundenheit schaffen können, wenn uns selbst akzeptieren und dadurch auch andere annehmen.
Renate berichtete mir, dass das Wichtigste, das sie sich in der Therapie erarbeiten wolle, die Fähigkeit sei, ihre nun schon viele Jahre bestehende Einsamkeit zu überwinden. Ihre Worte waren: "Ich wünsche mir echte Nähe. Ich möchte mich verbunden fühlen. Ich möchte mit Menschen zusammen sein, ohne aufgeben zu müssen, ganz ich selbst zu sein."
Wie Renate tragen viele Menschen diese Sehnsucht in sich. Und gleichzeitig erleben sie sich innerlich oft abgeschnitten. Einsam. Fremd unter Fremden. Manchmal sogar fremd inmitten von Menschen, die sie eigentlich mögen.
Doch woran liegt das? Oft nicht daran, dass keine Menschen da wären. Sondern daran, dass zwischen Menschen Mauern stehen. Unsichtbare Mauern aus Bewertungen, Überheblichkeit, Angst, Verletzungen, Enttäuschungen und innerer Abwehr.
Manche Menschen leben in einer Art seelischem Elfenbeinturm, oder wie es Jannes beschrieb: "Ich fühle mich wie in einer Telefonzelle aus Panzerglas. Von hier aus beobachte ich die Welt da draußen. Ich sehe alle und alles. Ich höre alles, sehne mich danach dazuzugehören und fühle mich dennoch abgeschnitten, isoliert und nicht dazugehörig."
Viele Menschen um dich herum leben abgeschirmt innerhalb dieser meist unsichtbaren Abgrenzungen. Manchen ist dies so vertraut, dass es ihnen selbst überhaupt nicht bewusst ist. Aber innerlich klingt es in ihnen vielleicht ähnlich wie in Renate, die im Laufe ihrer Therapie lernte, ihre inneren Selbstgespräche, die diese Trennung erzeugen und aufrechterhalten, mehr und mehr wahrzunehmen: "Ich weiß, wie alles läuft. Ich weiß, was richtig ist. Die anderen verstehen nichts. Die Welt wäre besser, wenn die Menschen vernünftiger wären. Ich wünsche mir Nähe, aber eigentlich halte ich fast niemanden aus."
Das Tragische daran ist, dass hinter dieser Haltung oft gar keine wirkliche Stärke, kein wirkliches Selbstbewusstsein, keine Souveränität steckt, sondern tiefe Verletzlichkeit. Denn wer andere ständig abwertet, schützt sich häufig vor der Angst, selbst abgelehnt zu werden. Wer sich innerlich vordergründig überlegen fühlt, versucht manchmal unbewusst zu vermeiden, sich klein, unsicher oder bedürftig zu fühlen. Wer immer nur die Fehler der anderen sieht, vermeidet damit auf elegante Art und Weise, sich mit den eigenen Ängsten vor Ablehnung zu beschäftigen.
Und diese Strategien haben einen hohen Preis: Einsamkeit. Denn wirkliche Verbundenheit entsteht nicht dort, wo Menschen perfekt zueinander passen. Sondern dort, wo Menschen einander trotz ihrer Unterschiede offen und tolerant begegnen.
Der heimliche Wunsch hinter all den vielen negativen Bewertungen ist meistens der eine Wunsch, den wir als Mensch alle miteinander teilen:
Wir alle brauchen Liebe, keinen Schmerz.
Wir Menschen sehnen uns danach, geliebt zu werden, wie wir wirklich sind, in unserer menschlichen Vielfalt. Doch gleichzeitig gelingt es uns oft nicht, andere so anzunehmen, wie diese sind! Und das ist ein schmerzhafter Widerspruch.
"Bitte akzeptiert mich."
Gleichzeitig jedoch auch: "So wie du bist, bist du falsch."
So entsteht Distanz. Nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zum eigenen Herzen.
Denn wer ständig bewertet, kontrolliert und abgrenzt, lebt in dauernder innerer Spannung. Das Nervensystem bleibt im Modus von Angriff, Verteidigung oder Rückzug.
Offenheit dagegen entspannt. Toleranz macht innerlich weiter. Wertschätzung verbindet.
Toleranz bedeutet jedoch nicht Beliebigkeit. Viele Menschen haben wie Renate und Jannes Angst vor Offenheit. Vielleicht haben sie Sätze im Ohr wie: "Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein."
Doch Offenheit bedeutet nicht Orientierungslosigkeit. Und Toleranz bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Tolerant zu sein, schließt nicht aus, klare Werte zu haben und Grenzen zu setzen. Ich kann tolerant sein und mir gleichzeitig erlauben zu widersprechen.
Jannes konnte sein Schwarz-Weiß-Denken recht schnell ändern. Er fasste sein neues Verständnis von Toleranz und Authentizität so zusammen: "Ein anderer Mensch darf anders denken, anders fühlen, anders leben, und bleibt dennoch ein Mensch mit Würde. Ich muss nicht ständig gewinnen, nicht ständig recht haben, nicht ständig beweisen, dass ich klüger, moralischer oder bewusster bin."
Wie Renate lernte er mehr und mehr zuzuhören. Beide lernten offener und neugieriger zu werden auf die Welt im Gegenüber. Sie lernten nachzufragen, welche Gedanken, welche Überzeugungen und Glaubenssätze, welche Erfahrungen hinter dem stehen, was das jeweilige Gegenüber äußert. Und genau damit erlebten sie etwas Neues. Sie erlebten zunehmend mehr Verbundenheit.
Der nächste Abschnitt auf ihrer Reise zu mehr Verbundenheitserfahrungen bestand darin, mutiger zu werden. Wie viele Menschen wünschten sie sich Nähe, ohne wirklich sichtbar werden zu wollen. Das ist verständlich. Denn wer sich zeigt, macht sich verletzlich. Ehrlich zu sagen: "Ich bin unsicher, ich habe Angst, nicht zu genügen, ich sehne mich nach Zugehörigkeit, ich möchte geliebt werden", erschien ihnen beiden nahezu unmöglich. Das Risiko der Ablehnung erscheint zu groß.
Und dennoch führt letzten Endes kein Weg daran vorbei. Denn echte Nähe entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Echtheit.
Nicht wenige Menschen wirken äußerlich stark, souverän oder überlegen und fühlen sich doch innerlich gleichzeitig zutiefst allein. Warum? Weil andere immer nur die Maske kennenlernen, nicht den wirklichen Menschen dahinter. Der Mut, sich zu zeigen, ist deshalb ein entscheidender Schritt aus der Einsamkeit.
Renate und Jannes übten jeweils in ihrer Therapie, immer wieder anderen Menschen gegenüber etwas Persönliches mitzuteilen: eine Unsicherheit, eine persönliche Stärke, eine Sehnsucht vielleicht. Etwas, wovon sie im Moment gerade begeistert waren. Eine echte Meinung ohne Kampfmodus. Und ihre Erfahrung damit war meistens positiv. Immer wieder entstand damit etwas Überraschendes: Resonanz. Das Gegenüber öffnet sich ebenfalls.
Dadurch änderten sich ihre unbewussten Glaubenssätze: "Wenn andere wirklich zu mir passen würden, müssten sie die Welt genauso sehen wie ich. Und wer die Welt nicht so sieht wie ich, kann nicht zu mir passen."
Doch das Leben funktioniert anders. Verbundenheit entsteht häufig gerade dort, wo Unterschiede respektiert werden. Der eine ist rationaler, die andere emotionaler. Die eine ist laut, der andere still. Der eine ist spirituell, die andere wissenschaftlich orientiert. Und trotzdem kann zwischen ihnen Wärme entstehen. Warum? Weil sie einander mit Interesse statt mit Verachtung begegnen, weil sie verstehen statt siegen wollen. Weil sie sich nicht ständig fragen: "Wer hat recht?", sondern: "Was bewegt dich?", "Wie ist deine Welt entstanden", "Was hast du erlebt?", "Was können wir trotz unserer Unterschiede teilen?"
Oft beginnt mangelnde Toleranz nicht bei anderen, sondern bei uns selbst. Wer sich selbst innerlich permanent bewertet, kritisiert und ablehnt, tut sich meist auch schwer damit, andere wirklich anzunehmen.
Jannes erkannte im Verlauf seiner Therapie immer mehr, wie erbarmungslos er einen ständigen inneren Kampf gegen sich selbst führte. Selbstentwertende, kritisierende Gedanken begleiteten ihn ständig: "Ich müsste besser sein. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich genüge nicht. Ich bin nicht liebenswert genug." Wer so mit sich umgeht, entwickelt leicht Härte nach innen und nach außen.
Renate erlebte mehr Verbundenheit mit anderen, sobald sie begann eine neue innere Haltung sich selbst gegenüber einzunehmen. Das Wort "Selbstmitgefühl" öffnete ihr eine neue Tür zu sich selbst und damit zu mehr Mitgefühl anderen gegenüber. Indem sie sich selbst gegenüber geduldiger wurde, konnte sie auch ihren Mitmenschen mit mehr Geduld begegnen. Der Satz, den sie sich als Essenz der Essenz ihrer Therapie erarbeitete und der ihr am meisten half offener und toleranter zu werden, lautete:
"Ich bin ein unvollkommener Mensch unter unvollkommenen Menschen."
Und genau darin liegt etwas zutiefst Verbindendes.
Wenn es um Verbundenheit geht, taucht in mir ganz oft die Verszeile auf:
"Geht zusammen, sprecht zusammen…"
Ein alter vedischer Gedanke, der sinngemäß ausdrückt:
"Geht zusammen, sprecht zusammen,
erkennt, dass euer Geist gleichen Ursprungs ist."
Was für eine tiefe Wahrnehmung! Ja, bei allen Unterschieden gibt es immer den gemeinsamen Urgrund. Und auch im Relativen immer etwas Gemeinsames: Alle Menschen kennen Angst, alle Menschen kennen Sehnsucht, alle Menschen wollen gesehen werden, alle Menschen möchten Bedeutung haben, alle Menschen erleben Verletzlichkeit, alle Menschen wollen Liebe und keinen Schmerz.
Vielleicht sind wir uns alle viel ähnlicher, als unser Denken uns manchmal glauben lässt. Und vielleicht beginnt Frieden genau dort, wo Menschen aufhören, sich nur über Meinungen zu definieren.
Offenheit bedeutet nicht, naiv zu werden, nicht alles preiszugeben, nicht jede Grenze aufzulösen. Offenheit bedeutet vielmehr, mit einem offenen Herzen durch die Welt zu gehen. Nicht sofort zu verurteilen, nicht vorschnell abzuwerten, nicht ständig Mauern zu errichten, sondern neugierig zu bleiben, lebendig zu bleiben, berührbar zu bleiben.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Wege aus der Einsamkeit: Nicht darauf zu warten, endlich die perfekten Menschen zu finden. Sondern selbst zu einem Menschen zu werden, der bereit ist, sich selbst anzunehmen, damit andere sich bei dir angenommen fühlen können.
Und vielleicht beginnt genau dort auch das, wonach wir uns alle sehnen: Ganz wir selbst sein zu dürfen – in Offenheit, Verbundenheit und menschlicher Nähe.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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