In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie wir uns selbst den Druck nehmen, Dinge zu müssen, und dadurch ein erfülltes Leben im Jetzt erlangen.
"Ich muss mal eben schnell noch …"
"Wenn die Prüfung erst mal rum ist …"
"Ich kann jetzt nicht …"
Diese Sätze sind uns vertraut. Sie fallen nebenbei, fast beiläufig – und doch tragen sie eine ganze Lebenshaltung in sich. Eine Haltung, die das Jetzt verschiebt. Die die Gegenwart zu einem Durchgangsbereich macht. Zu einem Ort, an dem du dich nicht wirklich aufhältst, sondern den du nur passierst auf deinem Weg zu einem vermeintlich besseren Zeitpunkt – der vielleicht niemals kommt.
Viele Menschen, die mit großem psychischem Druck zu mir kommen, leben in einer Art innerem Aufschubsystem:
Erst, wenn ich das erledigt habe …
Erst, wenn ich mehr Zeit habe …
Erst, wenn ich mich besser fühle …
Dann, oh ja, dann werde ich beginnen zu leben. Doch dieses "Dann" hat eine besondere Eigenschaft: Es rückt ständig in die Ferne. Kaum ist eine Aufgabe bewältigt, steht schon die nächste bereit. Kaum ist ein Ziel erreicht, wird ein neues formuliert. Das Leben wird zu einer Kette von Bedingungen und die Gegenwart bleibt dabei oft auf der Strecke. Das Tragische an dieser Strategie ist: Was das Leben eigentlich vorbereiten soll, wird zum Grund dafür, dass wir es verpassen.
Psychotherapie hat viel damit zu tun, dir dabei zu helfen, dir deiner inneren Selbstgespräche bewusst zu werden, um ungünstige, dich an deiner Lebensfreude hindernde Selbstgespräche durch realistische, hilfreichere zu ersetzen. Ja, wir alle sprechen ständig innerlich mit uns. Nicht nur alte Menschen, die das manchmal hörbar tun, sondern wir alle. Deshalb fordere ich Menschen, die zu mir kommen, dazu auf, sich selbst zuzuhören, auch dabei, was sie laut aussprechen. Denn das hilft, Hinweise darauf zu bekommen, was im Halbschatten der eigenen Bewusstheit innerlich abläuft.
Wenn du magst, achte in den nächsten Tagen einmal auf deine Sprache. Sie verrät dir viel darüber, wie du mit dir selbst umgehst.
"Ich muss …"
"Ich darf nicht …"
"Ich sollte eigentlich …"
Diese Worte klingen harmlos, fast selbstverständlich. Und doch erzeugen sie innerlich Druck. Sie lassen dir wenig Raum für Wahlmöglichkeiten. Sie stellen Forderungen an dich, ohne zu hinterfragen, ob diese überhaupt sinnvoll oder stimmig sind.
Ein kleiner Perspektivwechsel kann hier viel verändern: "Ich muss" ist oft eine verkürzte Form von: "Wenn ich X nicht tue, dann hat das Y zur Folge." Mit anderen Worten, hinter jedem "Muss" steht ein "Wenn-dann". Und dieses "Wenn-dann" enthält eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die du bewusst treffen kannst. Eine bewusst getroffene Entscheidung führt fast immer zu einem deutlich druckfreieren inneren Erleben als ein "Ich muss!".
Da ich gerne mit sogenannten Textpillen arbeite, gibt es zu dieser Thematik in meiner Therapie eine Postkarte mit einem Nilpferd, das überzeugt erklärt:
"Ich muss - Mus, Mus, Apfelmus."
Ein spielerischer Satz, der einfach albern wirkt. Doch genau darin liegt seine Kraft. Er bricht den Automatismus. Er lockert die Schwere. Er erinnert daran: "Muss" ist kein Naturgesetz. Du kannst dich stattdessen fragen:
Was passiert wirklich, wenn ich es nicht tue?
Welche Konsequenzen bin ich bereit zu tragen?
Ist es mir das wert?
Und plötzlich wird aus einem scheinbar zwingenden "Muss" eine bewusste Entscheidung. Ich entscheide selbst.
Ein entscheidender Schritt in Richtung eines freieren Lebens besteht meiner Erfahrung nach darin, die eigene Sprache zu verändern. Die Sprache, mit der du mit anderen kommunizierst, und die Sprache deiner inneren Selbstgespräche. Das hilft dir wesentlich dabei, eine entspanntere, druckfreiere innere Haltung zu entwickeln.
Statt: "Ich muss arbeiten", vielleicht:
"Ich entscheide mich zu arbeiten, weil mir finanzielle Sicherheit wichtig ist."
Statt: "Ich kann jetzt nicht zum Sport", vielleicht:
"Ich entscheide mich gerade dagegen, weil mir etwas anderes wichtiger ist."
Das mag zunächst ungewohnt klingen, vielleicht sogar unbequem. Denn plötzlich gelten keine Ausreden mehr. Keine äußere Instanz, die "schuld" ist. Du bist es, die oder der entscheidet. Und genau darin liegt eine entlastende Freiheit.
Ein besonders spannender Moment innerhalb der Therapie von Bastian war der, in dem ihm der Druck am größten erschien. Eine Prüfung stand bevor, die Deadline rückte näher. Die Anforderungen wuchsen. Und, wie viele andere, sagte er da:
"Jetzt kann ich mir keine Pause leisten."
"Jetzt muss ich durchziehen."
"Jetzt darf ich mich nicht ablenken."
Mein Kommentar dazu war: "Und wenn genau das Gegenteil hilfreich wäre?"
Bastian reagierte sofort: "Meinen Sie, ich sollte besser denken: Gerade weil ich unter Druck stehe, sorge ich jetzt gut für mich? Ich gehe zum Training, treffe Freunde, gönne mir bewusst Pausen – nicht trotz der Anforderungen, sondern wegen ihnen?"
Richtig! Denn ein überlastetes System funktioniert nicht besser. Es funktioniert schlechter.
Um diese neue Sichtweise wirksam werden zu lassen, erarbeiteten wir zunächst seine inneren Antreiber. Wir sammelten seine typischen Selbstgesprächskommandos und fanden dabei seine Lieblingsgedanken:
"Ich darf keine Fehler machen."
"Ich muss alles im Griff haben."
"Ich sollte immer produktiv sein."
Allein dieses aufzuschreiben hatte bereits eine Wirkung. Bastian begann zu erkennen: Das sind keine objektiven Wahrheiten. Es sind meine inneren Regeln, meine stressverstärkenden Überzeugungen, die mir zusätzlich Druck machen, mit denen ich mir das Leben schwer mache.
Allmählich entwickelte er eine neue Grundhaltung. Er ersetzte auch in kleinen, alltäglichen Situationen das "Ich muss" durch "Ich entscheide mich". Er begann, sich regelmäßig Zeiten einzuplanen, die nicht "verdient" werden mussten: Zeit für Bewegung, Zeit für soziale Kontakte, Zeit für sich selbst. Gerade weil die Prüfungsvorbereitungen so wichtig waren. Mehr und mehr stellte er fest:
Das Leben findet nicht erst nach der nächsten Prüfung oder Aufgabe statt, sondern jetzt. Das Leben findet immer jetzt statt!
Ein Leben mit weniger Druck bedeutet nicht, dass dir alles egal wird. Im Gegenteil, es bedeutet, bewusster zu wählen. Es bedeutet, dir selbst gegenüber ehrlicher zu sein. Es schenkt dir die Freiheit, Sätze zu denken und zu sagen wie: "Ich möchte das jetzt nicht, weil mir etwas anderes wichtiger ist."
Wenn du magst, nimm dir einen Moment Zeit und frage dich:
Welchen "Ich muss"-Satz habe ich heute schon gedacht oder gesagt?
Was ist das dahinterliegende "Wenn-dann"?
Welche Entscheidung möchte ich stattdessen bewusst treffen?
Vielleicht formulierst du ihn um: "Ich entscheide mich jetzt, … weil mir … wichtig ist." Und dann beobachte, was passiert.
Weniger Druck bedeutet nicht weniger Leben. Es bedeutet mehr. Mehr Bewusstheit. Mehr Freiheit. Mehr Verbindung zu dir selbst. Und vielleicht beginnt genau hier etwas Neues. Nicht morgen. Nicht nach der nächsten Aufgabe. Sondern heute.
Jeder Tag zählt - auch heute!
Vielleicht ist der wichtigste Gedanke dieses Textes ganz einfach folgender: Das Leben ist kein Projekt für später. Das Leben ist kein Ziel, das du irgendwann erreichst. Das Leben ist das, was jetzt gerade geschieht. Während du diese Zeilen liest. Während du atmest. Während du entscheidest, was du als Nächstes tust.
Dein
Gert Kowarowsky
… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.
In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.
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