Im „Raum dazwischen“ passieren die entscheidenden Dinge des Lebens – #167

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie wir selbst in kurzen Momenten der Stille Raum für Wachstum finden und Überlastung und Erschöpfung besser begegnen können.

Im „Raum dazwischen“ passieren die entscheidenden Dinge des Lebens – #167
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

„Im ‚Raum dazwischen‘ passieren die entscheidenden Dinge des Lebens“, so erklärte es der Ayurveda-Experte und Meditationslehrer Uli Bauhofer 2014 einer Gruppe von Menschen, die gelernt hatten, morgens und abends jeweils 20 Minuten zu meditieren. In seinem Vortrag legte er dar, dass nicht nur Dichter:innen, Philosoph:innen sowie die Kundigen und Weisen alter Kulturen dies erkannt hätten, sondern dass auch die moderne Naturwissenschaft zunehmend darauf hinweise:

Die Gesetze des Lebens verbergen sich im Raum zwischen den Dingen.

Stille ist ein Raum für Wachstum, Erkenntnis und Gegenwart

Was du soeben liest, bekommt seinen Sinn tatsächlich erst durch den Raum zwischen den Worten. Ein großer Musiker beschrieb es so: "Zwischen den Tönen offenbart sich die Unendlichkeit." Wir hören den Klang der Musik, aber wir hören ihn nur wegen der Stille zwischen den Tönen. Wir sehen die fünf gespreizten Finger, aber wir sehen sie nur wegen der Leere dazwischen.

In der Poesie, der spirituellen Literatur und der Philosophie lässt sich dieses Motiv immer wieder finden: Stille nicht als Abwesenheit, sondern als Fülle, Verdichtung, Quelle.

Der Philosoph Martin Heidegger beschreibt Stille als Offenheit, in der sich das Sein zeigt. Für ihn ist Stille die Fülle des Möglichen.

Der Religionsphilosoph Martin Buber, dem es vor allem um den Dialog zwischen Ich und Du ging, erkannte in der Stille einen wertvollen Beziehungsraum. Er formulierte es so:

"Echte Begegnung entsteht im Schweigen, das nicht leer ist."

Rainer Maria Rilke – vielleicht der wichtigste Dichter der "gefüllten Stille" – beschreibt den Raum der Stille als Wachstumsraum mit den Worten:

"In den stillen Räumen wächst das, was uns rettet."

Für Rilke ist Stille nicht nur der Ort, an dem Entwicklung stattfindet und Vorhandenes wachsen und gedeihen kann. Für ihn ist Stille der eigentliche Geburtsort des Inneren.

Der Mystiker Meister Eckhart spricht auf Grundlage seiner Erfahrungen sogar davon, dass in der Stille Gott geboren wird.

Die Mystikerin Teresa von Ávila, seine Schwester im Geiste, die mit geschlossenen Augen die innere Stille erforschte – und genau das bedeutet das Wort "Mystiker" –, fasste ihre Erfahrung in folgende Worte:

"Die tiefsten Räume der Seele sind still, aber übervoll von Gegenwart."

Was all diese Texte verbindet, ist die Aussage, dass Stille kein Mangel ist, sondern Verdichtung, ein Geburtsort, ein Resonanzraum, ein Raum für Wachstum, Erkenntnis und Gegenwart, kurzum: ein Feld aller Möglichkeiten.

Burnout und Erschöpfung entstehen oft durch zu wenig

Auf praktischer therapeutischer Ebene, besonders wenn es um Erschöpfung, Burnout oder depressive Leere geht, frage ich daher oft direkt:

"Achtest du in deinem Leben darauf, genug Raum dazwischen zu lassen?"

Hinter dieser Frage steht die therapeutische Erkenntnis, dass Menschen beginnen zu leiden, wenn es dauerhaft zu eng wird: zwischen den Gedanken, im Magen, im Terminkalender, in Beziehungen oder im eigenen Lebensraum.

Das Kernelement bei der Entstehung von Burnout erweist sich immer wieder als Situation, in der du Belastungen – ohne Aussicht auf Entlastung – ausgesetzt bist.

Schon kurze Momente der Ruhe und des Innehaltens helfen gegen Überforderung

Lisa erlebte dies sehr schmerzhaft nach der Geburt ihrer Tochter und während der Vorbereitung auf ihr Staatsexamen. Ihr Leben war dichter geworden als je zuvor. Kaum war eine Aufgabe beendet, wartete schon die nächste. Lernen, Schlafmangel, Verantwortung, Haushalt, Sorgen, Ansprüche an sich selbst. Und dies oft ohne echte Pause und ohne das Gefühl eines absehbaren Endes der Überforderung. Gerade dadurch fehlte ihr aber immer mehr das, was sie innerlich am dringendsten brauchte: Raum, Atem, Stille.

Lisa wusste zwar, dass Meditation und Entspannungsübungen hilfreich sein könnten. Doch in ihrer damaligen Lebenssituation wirkten bereits 20 Minuten Ruhe unerreichbar. Allein die Vorstellung erzeugte zusätzlichen Druck. In der Therapie ging es deshalb nicht darum, sofort "perfekt zu meditieren", sondern kleine realistische Inseln von Entlastung in ihren Alltag einzubauen. Immer dann, wenn ihre Tochter eingeschlafen war, übte Lisa zunächst nur Folgendes:

Nicht sofort aufspringen.
Nicht sofort die nächste Aufgabe beginnen.
Nicht sofort funktionieren.

Stattdessen setzte sie sich manchmal nur zwei Minuten still hin, nahm einige bewusste Atemzüge und erlaubte sich, für einen kurzen Moment nichts leisten zu müssen. Sie lernte den inneren Antreiber-Satz: "Ich muss die Zeit jetzt sinnvoll nutzen", immer öfter zu ersetzen durch den entlastenden Satz: "Es ist sinnvoll, mir und meinem Nervensystem kurze Momente von Ruhe zu schenken."

Manchmal legte sie dabei eine Hand auf ihren Bauch oder auf ihr Herz und spürte bewusst: "Ich bin gerade sicher. Ich darf jetzt einen Augenblick einfach nur da sein." Dadurch begann sich etwas zu verändern. Nicht plötzlich, nicht spektakulär, aber nachhaltig. Ihr Körper kam immer häufiger aus dem ständigen Alarmzustand heraus. Die innere Enge verlor sich langsam. Aus der anfangs kaum erträglichen Stille wurde nach und nach ein Ort kleiner Regenerationen.

Erlaube dir, die Stille ohne Leistungsdruck zu genießen

Verhaltenstherapeutisch betrachtet lernte Lisa damit etwas Entscheidendes: Nicht jede freie Minute muss gefüllt werden. Nicht jede Pause ist Zeitverlust. Und Erholung entsteht oft nicht erst am Ende aller Anforderungen, sondern mitten zwischen ihnen.

Besonders gefreut habe ich mich über Lisas Rückmeldung: "Ich war so froh, dass Sie nicht zu mir gesagt haben: 'Du solltest täglich 20 Minuten meditieren.' Das hätte bei mir wahrscheinlich sofort die Gedanken ausgelöst: !Ich genüge schon wieder nicht. Ich schaffe nicht einmal Entspannung richtig. Jetzt muss ich auch noch Ruhe leisten.' Viel hilfreicher war für mich, dass Sie die Schwelle so klein gemacht haben. Dadurch konnte ich wieder Selbstwirksamkeit erleben. Nicht die perfekte Stille war für mich der erste heilsame Schritt, sondern das Ja, mir immer wieder für einen kurzen Augenblick zu erlauben, aus dem inneren Alarm auszusteigen. Und genau dadurch wurde aus Leere langsam wieder Raum."

Erlaube auch du dir immer wieder, einfach nur da zu sein.

Still zu sitzen.
Nichts zu tun.

Und zu spüren:
Nicht trotz der Momente der Stille geht das Leben weiter, sondern wegen dieser Momente der Stille.

Vielleicht ist wirklich wahr, was der alte Laotse einst so wunderschön formulierte:

"Erreiche den Gipfel der Leere, bewahre die Fülle der Ruhe, und alle Dinge werden gedeihen."

Dein Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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Inhalt des Beitrags 
 Stille ist ein Raum für Wachstum, Erkenntnis und Gegenwart  
 Burnout und Erschöpfung entstehen oft durch zu wenig  
 Schon kurze Momente der Ruhe und des Innehaltens helfen gegen Überforderung  
 Erlaube dir, die Stille ohne Leistungsdruck zu genießen  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
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