Schmerz ist unvermeidlich – aber Leiden nicht zwangsläufig – #170

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, dass wir weniger leiden, wenn wir unsere Schmerzen akzeptieren, statt permanent gegen sie anzukämpfen.

Schmerz ist unvermeidlich – aber Leiden nicht zwangsläufig – #170
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Schmerz zu empfinden und darunter zu leiden, sind zwei unterschiedliche Erlebnisbereiche.

Natürlich wünsche ich mir, wie vermutlich jeder andere Mensch auch, dass Schmerzen möglichst schnell wieder verschwinden. Wenn sie stark werden, denken wir fast automatisch: "Gib mir eine Spritze! Operiere mich! Mach den Schmerz weg! Tu was! Und zwar möglichst sofort!"

Solche Gedanken und Bitten sind völlig verständlich. Und das Gute ist, für viele körperliche Schmerzen gibt es tatsächlich wirksame medizinische Möglichkeiten. Leider gibt es aber auch Schmerzen, die sich weder operieren noch dauerhaft mit Medikamenten beseitigen lassen. Dazu gehören chronische Erkrankungen ebenso wie altersbedingte Veränderungen unseres Körpers.

Noch häufiger begegnen uns Schmerzen, die überhaupt nicht körperlicher Natur sind: Ein geliebter Mensch trennt sich von dir. Ein nahestehender Mensch stirbt. Jemand behandelt dich ungerecht. Du verlierst deinen Arbeitsplatz. Ein lang gehegter Traum zerbricht. Keiner dieser Schmerzen lässt sich einfach "wegoperieren" oder mit einer Tablette beseitigen.

Je mehr wir gegen den Schmerz ankämpfen, desto mehr leiden wir

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch etwas Erstaunliches: Nicht allein der Schmerz bestimmt, wie sehr wir leiden. Entscheidend ist auch unser innerer Widerstand gegen das, was gerade geschieht. In der Achtsamkeitsforschung wird dieser Zusammenhang häufig mit einer einfachen Formel beschrieben:

LEIDEN = SCHMERZ × WIDERSTAND

Das bedeutet, je größer dein Widerstand gegen eine unveränderbare Situation ist, desto größer wird dein Leiden.

Das klingt zunächst überraschend. Doch ist nicht unser erster Impuls fast immer: "Das darf nicht sein!", "Warum gerade ich?", "Ich halte das nicht aus!", "Es muss sofort anders werden!"

Genau dieser innere Kampf bindet enorme Energie. Er erzeugt zusätzliche Anspannung, Wut, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Aus dem ursprünglichen Schmerz, der unguten Situation, entsteht so weiterer Schmerz – das Leiden.

Das bedeutet nicht, dass du den Schmerz etwa mögen musst. Es bedeutet lediglich, ihn zunächst als Realität anzuerkennen. Wenn du deinen Widerstand gegen das Unveränderbare loslassen kannst, verliert der Schmerz einen großen Teil seiner Macht über dich.

Im Alltag hast du das wahrscheinlich selbst schon erlebt. Voller Begeisterung bist du dabei, etwas zu bauen, zu reparieren oder zu basteln. Plötzlich rutschst du mit dem Schraubenzieher ab und verletzt dich am Finger. "Aua! Mist!" Du schüttelst kurz die Hand aus, klebst vielleicht ein Pflaster darauf und arbeitest weiter. Der Schmerz ist da. Er ist real, aber du leidest nicht. Warum? Weil deine Freude über das, was du gerade erschaffst, größer ist als dein Widerstand gegen den Schmerz. Der Schmerz darf da sein. Und genau deshalb bestimmt er dich nicht.

Fallbeispiel 1: Schmerzen annehmen

Thomas, 58 Jahre, leidet seit Jahren unter einer Arthrose im Knie. Früher verbrachte er jeden schmerzhaften Tag damit, sich darüber zu ärgern: "Warum trifft es ausgerechnet mich? Früher konnte ich stundenlang wandern. So kann ich mein Leben doch nicht genießen!" Jeder Schmerz wurde zu einer schmerzhaften Erinnerung daran, was nicht mehr möglich war. 

Im Verlauf der Therapie lernte er einen anderen Umgang damit. Der Schmerz verschwand nicht, aber immer häufiger sagte er sich: "Heute tut mein Knie weh. Das ist gerade so. Ich werde mein Tempo anpassen und trotzdem mit meiner Frau eine kleine Runde gehen."

Das Ergebnis überraschte ihn selbst. Er fühlte sich seinem Schmerz nicht länger ausgeliefert. Er hatte dieselben Schmerzen wie zuvor, aber sein Leiden wurde deutlich geringer. Nicht weil sein Knie besser, sondern weil sein innerer Widerstand kleiner geworden war.

Ganz anders ist es, wenn wir gegen eine unveränderbare Situation mit aller Kraft ankämpfen. Wenn alles in uns schreit: "Nein! Das darf nicht sein! Ich will das nicht!" Dann entsteht häufig ein Vielfaches des ursprünglichen Leidens. Bildlich gesprochen könnte man sagen:

Großer Schmerz × kein Widerstand = erstaunlich wenig Leiden

Aber ebenso gilt:
Kleiner Schmerz × riesiger Widerstand = sehr großes Leiden
Nicht allein die Größe des Schmerzes entscheidet also darüber, wie sehr wir leiden. Einen ebenso großen Einfluss hat unsere innere Haltung.

Fallbeispiel 2: Unveränderbares akzeptieren

Sabine, 44 Jahre, erhielt kurz vor ihrem Urlaub die Nachricht, dass ihr Flug wegen eines Streiks gestrichen wurde. Der eigentliche Schaden war überschaubar. Ein Tag Verspätung. Doch innerlich tobte sie: "Das darf doch nicht wahr sein! Immer passiert mir so etwas! Jetzt ist der ganze Urlaub ruiniert!" Sie telefonierte stundenlang, schimpfte, konnte kaum schlafen und war am nächsten Tag völlig erschöpft.

Ihre Freundin, die mit ihr reiste, reagierte anders. Auch sie war enttäuscht. Dann sagte sie: "Schade! Ändern können wir es gerade nicht. Dann machen wir eben das Beste daraus und gehen heute Abend schön essen."

Beide Frauen waren in genau derselben Situation. Die eine litt den ganzen Tag. Die andere empfand Enttäuschung, aber kaum zusätzliches Leiden. Der Unterschied lag nicht im Ereignis selbst, sondern in ihrem Widerstand dagegen.

Bei unveränderbaren schmerzvollen Situationen geht es deshalb um die besondere Fähigkeit anzuerkennen, dass das, was jetzt gerade ist, zunächst einmal so ist, wie es ist. Nicht weil wir es gutheißen, nicht weil wir es mögen, sondern weil es bereits Wirklichkeit geworden ist. Erst wenn wir aufhören, gegen die Realität zu kämpfen, wird unsere Energie wieder frei. Frei dafür, sinnvoll zu handeln, frei dafür, neue Möglichkeiten zu entdecken, frei dafür, unser Leben trotz allem weiterzuleben.

Schmerz gehört zum Leben, aber Leid können wir durch Gelassenheit verringern

Alle Welt wünscht sich Gelassenheit. Und dennoch fällt es uns oft so schwer, die Wirklichkeit anzunehmen. Vielleicht hilft dir dabei ein kleiner Satz. Ein Satz, den du dir in schwierigen Momenten leise vorsagen kannst – nicht resigniert, sondern klar:

Ja, so ist es.
Ja, so ist es.
Ja, so ist es.

Und weil es jetzt so ist, kann ich entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.

Vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedeutung des Wortes Ge-lassenheit. Ich lasse das Unveränderbare zunächst so, wie es ist. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ich aufhöre, meine Kraft im aussichtslosen Kampf gegen die Realität zu verlieren. Dadurch entsteht Gelassenheit. Dein Schmerz verändert sich dadurch vielleicht nicht, dein Leiden dagegen oft ganz erheblich.

Schmerz gehört zum Leben.
Leiden entsteht oft dort, wo wir gegen das Leben kämpfen.

Vielleicht beginnt Gelassenheit genau dort, wo wir aufhören zu fragen: "Warum passiert mir das?" und stattdessen fragen: "Wie kann ich diesem Augenblick mit möglichst wenig Widerstand begegnen?"

Ein Zitat, das Viktor E. Frankl zugeschrieben wird, fasst für mich diese Haltung treffend zusammen:

"Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit."

Dein

Gert Kowarowsky
 

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

Wie hilfreich war der Beitrag für dich?
0 Sterne (0 Leserurteile)

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

Passend zum Thema
Dein Kommentar / Erfahrungsbericht

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, dann berichte davon und hilf so auch anderen auf dem Weg in ein zufriedenes Leben. Bitte beachte dabei unsere PAL- Nettiquette, die sich an der allgemeinen Internet-Nettiquette orientiert: Alle Inhalte, auch Kommentare und Beiträge von Leserinnen und Lesern, sollten in respektvollem und wertschätzendem Ton verfasst sein und dem Zweck dienen, andere weiterzubringen. Wir lehnen es ab, dass Menschen vorsätzlich verbal verletzt sowie Falschaussagen oder versteckte Werbungen verbreitet werden. Deshalb werden wir dahingehende Beiträge streichen.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Captcha 1
Captcha 1 Overlay
Captcha 2
Captcha 2 Overlay
Captcha 3
Captcha 3 Overlay
Captcha 4
Captcha 4 Overlay
Newsletter: Vitamine für die Seele

Lust auf mehr positive Impulse und Inspirationen in Beiträgen, Podcasts, Videos? Dann bestelle unseren kostenlosen redaktionellen PAL-Newsletter.

  
Inhalt des Beitrags 
 Je mehr wir gegen den Schmerz ankämpfen, desto mehr leiden wir  
 Fallbeispiel 1: Schmerzen annehmen  
 Fallbeispiel 2: Unveränderbares akzeptieren  
 Schmerz gehört zum Leben, aber Leid können wir durch Gelassenheit verringern  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
Weitere Beiträge
 Folge 1: Selbstwahrnehmung
 Folge 2: Haltung
 Folge 3: Achtgeben auf seinen Körper
Lust auf mehr Themen zu mentaler Gesundheit?
Der PAL-Newsletter