Wenn du an einem Kreuzweg stehst … – #169

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie es gelingt, bei schwierigen Entscheidungen unsere Ängste zu überwinden und auf unsere Intuition zu hören.

Wenn du an einem Kreuzweg stehst … – #169
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

"Und wenn du an einem Kreuzweg stehst,
und nicht mehr weißt, wo es hingeht,
halt still und frage dein Gewissen zuerst …
und folge seinem Rat."

Johann Peter Hebel, "Der Wegweiser"

Es gibt Momente im Leben, in denen plötzlich viele Menschen genau zu wissen scheinen, was für dich richtig wäre: "An deiner Stelle würde ich …", "Das musst du unbedingt tun", "Überlege dir das gut", "Das wäre mir viel zu riskant".

Je bedeutsamer eine Entscheidung ist, desto lauter wird oft das Stimmengewirr der wirklichen und vermeintlichen Ratgeber: in der Familie, im Freundeskreis, unter Kolleginnen und Kollegen, bei Expertinnen und Experten. Und in den letzten Jahren kommen immer häufiger Stimmen aus Internet-Communitys und zunehmend auch von Chatbots hinzu, die mit der gebündelten Wissensbasis künstlicher Intelligenz antworten.

Jede und jeder bringt eigene Erfahrungen ein. Fast alle meinen es ehrlich gut. Und doch bleibt am Ende eine Frage offen:

Wo bleibt meine eigene Stimme? Was ist für mich stimmig? Was gehört eigentlich wirklich zu mir?

Denn dein Leben wird nicht von den Ratschlägen anderer gelebt. Es wird von dir gelebt.

Wenn du an einem Kreuzweg stehst

Fast jeder Mensch kennt solche Kreuzwege: Bleibe ich in meiner Partnerschaft? Wechsle ich den Beruf? Traue ich mich, diesen Traum zu verwirklichen? Vertraue ich diesem Menschen? Gehe ich trotz meiner Ängste diesen neuen Weg?

Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Herausforderung. Denn wenn wir beginnen, nach innen zu hören, treffen wir dort nicht sofort auf unsere Intuition. Meist begegnen wir zunächst unserer Angst. Gerade an solchen Weggabelungen meldet sie sich häufig als Erstes. Sie ist schnell. Sie malt Bilder, berechnet Katastrophen und möchte uns beschützen. Und genau deshalb ist sie oft so überzeugend. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Gefahren und Chancen möglichst realistisch einzuschätzen. Natürlich kann das eintreten, was wir befürchten.

Entscheidend ist jedoch die Frage: 
Wie wahrscheinlich ist es wirklich? 

Wie hilfreich ist es, unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf seltene Katastrophenszenarien zu richten, statt auch den deutlich wahrscheinlicheren positiven Verlauf mitzudenken? Die Herausforderung besteht darin, nicht alles zu glauben, was du denkst. Vor allem dann nicht, wenn dein Gehirn aus all den möglichen Szenarien immer wieder nur die schlimmsten herausfiltert.

Genau an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf einen Gedanken, der erstaunlich zeitlos ist.

Der Philosoph Montaigne formulierte es treffend:

"Mein Leben war eine einzige Serie von Katastrophen – von denen die meisten niemals eingetreten sind."

Die Verhaltenstherapie beschäftigt sich seit Jahrzehnten genau mit diesen inneren Prozessen. Aaron Beck beschrieb die Macht automatischer Gedanken. Albert Ellis zeigte, wie irrationale Überzeugungen unser Erleben verzerren können.

Unser Gehirn ergänzt ständig Informationen. Es schließt Lücken. Es konstruiert Erklärungen. Manchmal entstehen daraus selbsterfüllende Prophezeiungen. Wer überzeugt ist, andere würden ihn ablehnen, begegnet ihnen vorsichtiger und wirkt dadurch zurückhaltend, vielleicht sogar kühl. Die anderen reagieren entsprechend distanzierter. Und plötzlich scheint sich die ursprüngliche Angst zu bestätigen. Nicht weil sie wahr gewesen wäre, sondern weil sie Wirklichkeit geschaffen hat.

Hier lohnt sich eine wichtige Unterscheidung.

Die Realität ist das, was tatsächlich geschieht.
Die Wirklichkeit ist das, was in uns wirkt – das, was wir daraus machen.

Zwischen beiden liegt oft unsere Interpretation. Und genau dort entstehen viele unserer Sorgen.

Angst oder Intuition?

Viele Menschen fragen mich: "Okay, ich weiß, dass ich nicht nur auf das hören kann, was andere mir sagen. Wenn ich aber auf mich selbst höre oder – wie Johann Peter Hebel rät – auf mein Gewissen: Woher weiß ich dann, ob bei einer wichtigen Entscheidung gerade meine Intuition spricht oder meine Angst?"

Beides fühlt sich zunächst erstaunlich ähnlich an. Beides sendet wahrnehmbare Signale. Doch die Sprache von Angst und Intuition ist grundverschieden.

Wenn es die Stimme der Angst in dir ist, kannst du wahrnehmen, wie sie versucht, dich zu drängen. Sie erinnert dich daran, dass es für deine Entscheidung keine absolute Sicherheit gibt. Du spürst Enge. Du fühlst dich getrieben, sofort handeln zu müssen.

Intuition dagegen ist erstaunlich leise. Sie argumentiert kaum. Sie drängt nicht. Sie wirkt eher wie ein stilles Wissen. Ein Gefühl von Stimmigkeit. Ein ruhiges Ja. Oder ebenso ruhig ein klares Nein. Ohne Drama. Ohne Hektik.

Ich habe für die Unterscheidung zwischen Angst und Intuition im Laufe der Jahre zwei Merkmale gefunden, die für viele meiner Patientinnen und Patienten zu einem hilfreichen Kompass geworden sind:

Die Angst möchte Recht behalten – deshalb spricht sie laut, drängend und mit großer Intensität.
Die Intuition möchte dich auf deinen Weg führen – deshalb spricht sie leise, ruhig und ohne Druck.

Allein das Wissen um diesen Unterschied verändert oft den Blick auf schwierige Entscheidungen.

Zwei Menschen am Kreuzweg – Erfahrungen aus meiner Praxis

Anna, 42 Jahre, arbeitete seit fünfzehn Jahren im selben Unternehmen, als sie eines Tages ein attraktives Stellenangebot erhielt. Die neue Aufgabe entsprach genau ihren Fähigkeiten. Sie hätte mehr Gestaltungsspielraum, würde besser verdienen und könnte endlich auch beruflich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dennoch schlief sie wochenlang schlecht. Immer wieder tauchten dieselben bedrängenden Gedanken auf: "Was, wenn ich scheitere?", "Vielleicht bereue ich den Wechsel", "Wenn ich dort nicht gut genug bin?"

In unserer gemeinsamen Analyse wurde deutlich: Nicht die neue Arbeitsstelle machte ihr Angst. Es war eine alte Erfahrung, die sie innerlich überflutete und ihr die Zukunft in den katastrophalsten Bildern erscheinen ließ. Mit 19 Jahren hatte sie nach einem Ausbildungswechsel massive Kritik von ihren Eltern, Freunden und Freundinnen und Verwandten erlebt. Damals entstand eine Überzeugung, die unbewusst tief in ihr verankert blieb: "Veränderungen enden schlecht." Diese alte Stimme meldete sich nun erneut. Und dies machtvoll, druckvoll und mit großer Intensität. Als wir gemeinsam die Fakten betrachteten, sprach kaum etwas gegen den Wechsel.

Immer wenn Anna von ihrer möglichen neuen Aufgabe erzählte, geschah jedoch etwas Bemerkenswertes: Ihr Gesicht entspannte sich. Sie lächelte. Ihre Stimme wurde ruhiger. Schließlich sagte sie einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe. Für sie wurde er zu ihrem Wegweiser:

"Meine Angst schreit. Meine Intuition flüstert."

Die Erfahrung des Unterschieds zwischen Angst und Intuition nahm bei Thomas, 35 Jahre, einen ganz anderen Verlauf.

Er hatte eine Frau kennengelernt. Die beiden verbrachten einen wunderbaren Abend miteinander. Als sie sich verabschiedeten, sagte sie, sie würde sich bei ihm melden. Thomas schwebte auf Wolke sieben. Zwei Tage vergingen, ohne dass sie sich meldete. Sein Gehirn schaltete sofort in den Turbomodus. Gedanken wirbelten durch seinen Kopf: "Sie hat das Interesse verloren", "Ich war ihr doch zu langweilig", "Ich habe bestimmt etwas falsch gemacht". Enttäuscht zog er sich innerlich zurück.

Als sie sich am dritten Tag tatsächlich meldete, antwortete er nur kühl und distanziert. Sie wiederum erlebte plötzlich einen zurückhaltenden Mann, der ganz anders wirkte als noch wenige Tage zuvor. Sie meldete sich daraufhin nur noch einige Male, bevor der Kontakt schließlich ganz abbrach. Eine klassische selbsterfüllende Prophezeiung.

Im Rückblick erkannten wir gemeinsam: Zu Beginn gab es lediglich eine einzige Tatsache, die darin bestand, dass sie sich zwei Tage nicht gemeldet hatte. Alles andere war Interpretation. Oder genauer gesagt: eine Projektion alter Verlustängste. In der Therapie lernte Thomas, sich in solchen Situationen zwei einfache Fragen zu stellen:
•    Was weiß ich wirklich – und was ergänzt gerade mein Kopf?
•    Ist das, was mein Kopf ergänzt, eine Tatsache? Oder ist es ein Windstärke-zehn-Gedankensturm, geboren aus alten Erfahrungen und tiefsitzenden Glaubenssätzen?

Diese beiden Fragen veränderten nicht nur seine Beziehungen. Sie veränderten seinen Blick auf viele herausfordernde Situationen seines Lebens.

Nach und nach fiel ihm noch etwas auf: Je hektischer und angespannter er unterwegs war, desto lauter und bedrängender wurden seine Befürchtungsgedanken. In Phasen hingegen, in denen er sich bewusst Zeit für Pausen, Innehalten und Selbstrückbezug nahm, konnte er viel klarer unterscheiden, welche innere Stimme gerade sprach. Thomas formulierte es schließlich so:
"Wenn ich entspannter bin, kann ich viel leichter unterscheiden, welche Stimme gerade in mir spricht. Ich spüre die Enge und das Bedrängende, wenn alter Ballast aus der Vergangenheit auftaucht. Und ich fühle mich weiter und freier bei den unaufdringlichen, klaren Gedanken, die aus meinem inneren Feld der Stille und meiner Präsenz im Hier und Jetzt entstehen."

Dieser Satz berührt mich bis heute. Denn er beschreibt etwas, das viele Menschen erleben: Unsere innere Weisheit wird nicht lauter, wenn wir sie suchen. Sie wird hörbarer, wenn es in uns stiller wird. Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert der Stille. Sie hilft uns zu unterscheiden, wer da gerade spricht: die Vergangenheit oder die Gegenwart, die Projektion oder die Wirklichkeit, die Angst oder unsere Intuition. 

Wenn unser Nervensystem zur Ruhe kommt, verändert sich unser Blick. Wir sehen klarer und Zusammenhänge werden sichtbar. Manche nennen dies Intuition. Andere sprechen von innerer Weisheit. Wieder andere verwenden den englischen Begriff "knowingness" – ein Wissen, das nicht durch Nachdenken entsteht, sondern einfach da ist.
 

Übung: Watcher on the Hill

Hilfreich für ein ruhigeres Schauen auf Situationen, in denen es um weitreichende Entscheidungen geht, ist folgende einfache Übung:

Stell dir vor, du steigst auf einen Hügel. Von dort oben schaust du auf dein Leben. Du siehst deine Gedanken. Deine Gefühle. Deine Hoffnungen. Deine Ängste. Aber du musst ihnen nicht hinterherlaufen. Du beobachtest sie.

Du erkennst, dass du deine Gedanken hast – aber du nicht deine Gedanken bist.

Viele Meditationstraditionen nennen diese innere Haltung den Zeugen oder den Beobachter. Manche sprechen vom Watcher on the Hill. Er urteilt nicht. Er kämpft nicht. Er schaut einfach.

Je häufiger du diese Perspektive einnehmen kannst, desto weniger bestimmen dich deine automatischen Gedanken, deine irrationalen Ängste und deine behindernden Glaubenssätze. Du beginnst zu sehen, statt nur zu reagieren. Du schaffst Raum in dir, dein inneres Wissen klarer wahrnehmen zu können.

Vielleicht meinte Johann Peter Hebel genau das, als er vom Gewissen sprach, diese tiefste Ebene unseres inneren Wissens. Nicht weil das, was dir deine stille Intuition oder dein Gewissen eröffnet, immer bequem wäre, sondern weil es oft leiser spricht als deine Angst. Es braucht keine dramatischen Bilder, keine Katastrophenszenarien, keine Überredung. Es zeigt einfach eine Richtung. Nicht immer den leichtesten Weg, aber häufig den stimmigsten.

3 Reflexionsfragen für deinen nächsten Kreuzweg

Vielleicht stehst auch du gerade vor einer Entscheidung.

  • Dann lade ich dich ein, dir drei Fragen zu stellen:
  • Spricht gerade meine Angst oder meine Intuition?
  • Reagiere ich auf die Realität oder auf eine Projektion meiner Vergangenheit?

Wie würde ich entscheiden, wenn ich innerlich vollkommen ruhig wäre? Vielleicht kommt die Antwort nicht sofort. Vielleicht braucht sie einen Spaziergang. Eine Nacht Schlaf. Ein stilles Sitzen auf einer Bank. Oder einfach zehn Minuten ohne Smartphone, Nachrichten und gut gemeinte Ratschläge.

Denn zwischen all den Stimmen dieser Welt gibt es eine, die niemand außer dir hören kann. Sie war schon immer da. Sie ist leise, aber sie kennt deinen Weg besser als alle anderen. Vielleicht besteht die eigentliche Kunst des Lebens gar nicht darin, stets neue Antworten zu finden, sondern immer besser unterscheiden zu lernen, welche Stimme gerade spricht.

Die Angst möchte Recht behalten.
Die Intuition möchte dich auf deinen Weg führen.

Vielleicht beginnt Weisheit genau dort, wo wir lernen, beide Stimmen zu hören – und dennoch der leiseren zu vertrauen.

Dein
Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

Wie hilfreich war der Beitrag für dich?
0 Sterne (0 Leserurteile)

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

Passend zum Thema
Dein Kommentar / Erfahrungsbericht

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, dann berichte davon und hilf so auch anderen auf dem Weg in ein zufriedenes Leben. Bitte beachte dabei unsere PAL- Nettiquette, die sich an der allgemeinen Internet-Nettiquette orientiert: Alle Inhalte, auch Kommentare und Beiträge von Leserinnen und Lesern, sollten in respektvollem und wertschätzendem Ton verfasst sein und dem Zweck dienen, andere weiterzubringen. Wir lehnen es ab, dass Menschen vorsätzlich verbal verletzt sowie Falschaussagen oder versteckte Werbungen verbreitet werden. Deshalb werden wir dahingehende Beiträge streichen.

Bitte die zwei gleichen Bilder auswählen:

Captcha 1
Captcha 1 Overlay
Captcha 2
Captcha 2 Overlay
Captcha 3
Captcha 3 Overlay
Captcha 4
Captcha 4 Overlay
Newsletter: Vitamine für die Seele

Lust auf mehr positive Impulse und Inspirationen in Beiträgen, Podcasts, Videos? Dann bestelle unseren kostenlosen redaktionellen PAL-Newsletter.

  
Inhalt des Beitrags 
 Wenn du an einem Kreuzweg stehst  
 Angst oder Intuition?  
 Zwei Menschen am Kreuzweg – Erfahrungen aus meiner Praxis  
 Übung: Watcher on the Hill  
 3 Reflexionsfragen für deinen nächsten Kreuzweg  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
Weitere Beiträge
 Folge 1: Selbstwahrnehmung
 Folge 2: Haltung
 Folge 3: Achtgeben auf seinen Körper
Lust auf mehr Themen zu mentaler Gesundheit?
Der PAL-Newsletter