Love is always the answer – #171

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie es gelingen kann, in einem Konflikt aufeinander zuzugehen und vom Rechthaben weg zu einem tiefen Verständnis für das Gegenüber zu kommen.

Love is always the answer – #171
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Wenn zwei Menschen im Konflikt miteinander sind, wünschen sich beide im Grunde dasselbe, nämlich verstanden zu werden. Und doch entfernen sie sich oft mit jedem gesprochenen Wort ein wenig mehr voneinander. Nicht weil sie böse wären, nicht weil eine:r von beiden grundsätzlich Recht oder Unrecht hätte, sondern weil jede:r nur noch hört, was die eigene Sicht bestätigt.

Die eine fühlt sich nicht gesehen, der andere nicht verstanden oder umgekehrt. Und während beide darauf warten, dass das jeweilige Gegenüber den ersten Schritt macht, wächst zwischen ihnen etwas, das nie ihre eigentliche Absicht war: Abstand.

Fast alle Konflikte beginnen genau so. Nicht mit Hass, nicht mit Verachtung, sondern mit Verletzung, mit Enttäuschung, mit Missverständnissen. Mit der stillen, meistens frustrierten Hoffnung, das Gegenüber möge doch bitte endlich erkennen, was in mir vorgeht.

Die Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl

Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl hat diesen Weg eindrucksvoll beschrieben. Konflikte eskalieren selten plötzlich. Sie wachsen langsam, oftmals beinahe unmerklich. Aus einer kleinen Verhärtung wird eine Debatte, aus der Debatte ein Machtkampf. Irgendwann geht es nicht mehr darum, gemeinsam eine Lösung zu finden, sondern darum, Recht zu behalten. Schließlich soll die andere Person verlieren. Und auf der letzten Eskalationsstufe steht das erschütternde Bild: Gemeinsam in den Abgrund.

Welch traurige Vorstellung. Lieber gemeinsam verlieren, als den ersten Schritt aufeinander zuzugehen.

Aufeinander zugehen statt gegeneinander kämpfen

Wie oft erleben wir genau das, nicht nur zwischen Staaten oder Religionen, sondern mitten im Alltag. Zwischen Partnerinnen und Partnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, zwischen Kolleginnen und Kollegen, zwischen Nachbarinnen und Nachbarn.

Dabei gäbe es fast an jeder Stelle dieses Weges eine Ausfahrt. Sie heißt: Aufeinander zugehen. Nicht weil eine Person nachgeben muss. Nicht weil Unterschiede verschwinden. Sondern weil beide bereit sind, das Gegenüber wirklich verstehen zu wollen.

Meiner Beobachtung nach beginnen die meisten Konflikte genau dort, wo wir aufhören, neugierig auf die oder den anderen zu sein.

David Bohms Dialog-Prinzip: Verstehen statt Rechthaben

Der Physiker und Philosoph David Bohm hat dafür einen bemerkenswerten Gedanken entwickelt. Für ihn war ein Dialog kein Wettstreit um die bessere Meinung. Er wollte Diskussionen nicht gewinnen, er wollte Denken sichtbar machen. Sein Vorschlag lautete:

"Wir schlagen vor, gemeinsam zu erkunden, was jeder von uns sagt, denkt und fühlt - auch die tiefer liegenden Beweggründe, Annahmen und Glaubenssätze, die dieses Sagen, Denken und Fühlen bestimmen."

Welch wunderbare Einladung. Nicht: Wer hat Recht? Sondern:

  • Wie bist du zu deiner Sichtweise gekommen?
  • Welche Erfahrungen haben dich geprägt?
  • Welche Hoffnungen, welche Ängste, welche Überzeugungen verbergen sich hinter dem, was du gerade sagst?

Aus meiner Erfahrung verändert sich mit dieser Bereitschaft, so miteinander zu kommunizieren, immer wieder sehr viel: Aus Verteidigung wird Neugier, aus Angriff wird Interesse, aus Gegner:innen werden wieder Menschen mit einer Geschichte. Plötzlich geht es nicht mehr darum, die andere Person zu überzeugen, sondern sie zu verstehen. 

Und vielleicht geschieht genau dort das eigentliche Wunder jeder gelingenden Begegnung. Hinter jedem Verhalten, das uns verletzt, steht häufig ein unerfülltes Bedürfnis, hinter jeder Wut verbirgt sich nicht selten Angst, hinter jeder Härte oft Schmerz. Hinter jeder Kränkung liegt beinahe immer die Sehnsucht, gesehen und verstanden zu werden.

Wir können Verhalten kritisieren, aber nicht den Menschen

Wer das erkennt, entschuldigt nicht jedes Verhalten, beginnt aber, den Menschen hinter seinem Verhalten zu sehen. Und genau hier liegt einer der wichtigsten Schlüssel für ein gelingendes Miteinander:

Wir können niemals den Menschen kritisieren.
Wir können immer nur sein Verhalten kritisieren.

Das klingt zunächst wie eine sprachliche Feinheit. In Wirklichkeit verändert diese Unterscheidung jedoch unsere gesamte Art miteinander umzugehen. Ich kann sagen:
"Mich verletzt, was du gerade gesagt hast", "Ich hätte mir an dieser Stelle etwas anderes gewünscht", "Ich sehe diese Situation völlig anders als du".

Damit beschreibe ich etwas Konkretes: ein Verhalten, eine Handlung, eine Entscheidung. Etwas, das veränderbar ist. Etwas, über das wir sprechen können. Etwas, für das wir gemeinsam neue Möglichkeiten finden können. Etwas völlig anderes geschieht jedoch, wenn wir sagen:
"Du bist egoistisch", "Du bist rücksichtslos", "Du bist unmöglich".

Dann sprechen wir nicht mehr über Verhalten, dann sprechen wir scheinbar über den Menschen selbst, über sein innerstes Wesen, darüber, dass er oder sie so ist und nicht anders. Doch können wir das überhaupt? Nein!

Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt. Wir erleben die andere Person in einer bestimmten Situation, in einem bestimmten Moment ihres Lebens, unter Bedingungen, die wir oft gar nicht kennen. Wir kennen die Geschichte unseres Gegenübers niemals vollständig.

Wir haben keine Ahnung über die Verletzungen, die sie oder er in sich trägt. Wir kennen meistens auch die je individuellen Ängste nicht, so wenig wie die Hoffnungen und Sehnsüchte unseres Gegenübers. Wir erleben lediglich, wie sich das Gegenüber gerade verhält. Nicht, wer es in seinem tiefsten Wesen ist.

Und umgekehrt gilt das genauso. Selbst wenn jemand zu uns sagt: "Du bist unmöglich", kritisiert sie oder er in Wahrheit nicht unser Wesen. Sie oder er reagiert auf etwas, das wir getan, gesagt oder unterlassen haben. Unser innerster Wert bleibt davon aber unberührt.

Wenn wir uns das immer wieder bewusst machen, verlieren viele Angriffe ihre zerstörerische Kraft. Wir müssen uns nicht gegen jede Bewertung verteidigen. Vielmehr dürfen wir fragen:
"Welches Verhalten von mir hat dich gerade verletzt?"

Allein diese Frage öffnet häufig einen Raum, der vorher verschlossen war. Sie lenkt den Blick weg von Schuld und hin zu gegenseitigem Verstehen. Vielleicht beginnt Versöhnung genau dort.

Namasté: Den Menschen hinter dem Verhalten sehen

Diese Haltung erinnert mich an einen uralten Gruß aus Indien:

Namasté.

Oft wird er übersetzt mit: "Ich verneige mich vor dem Göttlichen in dir."
Noch umfassender verstanden könnte er bedeuten: "Ich erkenne in dir denselben Ursprung des Lebens, der auch in mir lebt."
Oder aber auch: "Ich achte den tiefsten Wesenskern in dir, der derselben Wirklichkeit entstammt wie mein eigener."

Welch befreiender Gedanke. Noch bevor ich deine Meinung vernehme, sehe ich dich. Noch bevor ich dein Verhalten bewerte, erinnere ich mich daran, dass dein tiefstes Wesen mehr ist als alles, was du heute sagst oder tust. Gerade deshalb erlaube ich mir, ehrlich zu sein. Gerade deshalb erlaube ich mir zu widersprechen, Grenzen zu setzen, nein zu sagen. Ich erlaube mir, deutlich auszudrücken, was mich verletzt oder wo ich etwas anders sehe als du.

Liebe bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Liebe bedeutet nicht, Unterschiede einzuebnen. Liebe bedeutet auch nicht, Konflikten auszuweichen. Liebe bedeutet vielmehr:
Ich verwechsle den Menschen nicht mit seinem Verhalten.

Vielleicht beginnt Liebe genau dort und nicht erst dann, wenn wir einer Meinung sind, sondern in dem Augenblick, in dem ich den anderen oder die andere trotz aller Unterschiede nicht aus meinem Herzen ausschließe.

Fallbeispiel 1: Der Streit um den Lebensweg

Sabine und ihr 19-jähriger Sohn Lukas streiten seit Monaten. Lukas möchte nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in Südamerika machen. Sabine hält das für leichtsinnig.

Je häufiger sie miteinander sprechen, desto härter werden die Worte. Sabines "Du bist verantwortungslos!" wird von Lukas zurückgeschmettert mit: "Du willst mein Leben kontrollieren!" Beide fühlen sich unverstanden. Eines Abends jedoch geschah etwas Unerwartetes. Lukas wurde neugierig. Er fragte seine Mutter: "Mama, wovor hast du eigentlich am meisten Angst?"

Zum ersten Mal, so berichtete mir Sabine, sprach sie nicht mehr über Flugtickets oder Versicherungen, sondern erzählte von ihrer eigenen Jugend, von einer schweren Trennung in ihrer Familie und von ihrer Angst, ihn, ihren Sohn Lukas, zu verlieren. Sie war dankbar, dass er einfach zuhörte. Dann sagte er: "Jetzt verstehe ich, warum dir das so wichtig ist." Und Sabine konnte ihm, nachdem sie alles gesagt hatte, was an Vorbehalten in ihr war, aus tiefstem Herzen sagen: "Und ich verstehe jetzt, warum du deinen eigenen Weg gehen möchtest."

Am Ende blieb Lukas bei seiner Entscheidung und flog tatsächlich nach Südamerika. Sabine blieb bei ihrer Sorge. Und doch gingen beide leichter auseinander als jemals zuvor. Nicht weil einer nachgegeben hätte, sondern weil beide den Menschen hinter der jeweiligen Meinung wiedergefunden hatten.

Fallbeispiel 2: Zwei Kollegen, zwei Welten

Michael liebt Struktur, Thomas liebt Spontaneität. Jahrelang versuchen beide, den jeweils anderen von der eigenen Arbeitsweise zu überzeugen. Michael war deshalb in Therapie, weil er zunehmend depressiver wurde nur bei dem Gedanken, am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu gehen und in der für ihn immer unerträglicher werdenden Dauerkonfliktsituation arbeiten zu müssen. Die Wendung ergab sich jedoch nicht in der Therapie, sondern als ihr Teamleiter den zweien eine einfache Aufgabe gab: "Erklärt euch nicht, warum ihr Recht habt. Erzählt euch, warum euch eure Arbeitsweise wichtig ist."

Michael berichtet daraufhin von seinem ersten Berufsjahr, in dem ein chaotisches Projekt beinahe seine Existenz gekostet hätte. Seitdem geben ihm Planung und Ordnung Sicherheit. Und Thomas erzählt von seinem Vater, dessen starre Regeln jede Freude erstickten. Für ihn bedeutet Spontaneität Freiheit und Kreativität. Zum ersten Mal erkennen beide: Der andere arbeitet nicht gegen mich. Er schützt etwas, das ihm wichtig geworden ist.

Von diesem Tag an verschwanden ihre Unterschiede nicht, aber ihre gegenseitige Achtung wuchs. Aus Gegeneinander wurde Ergänzung, aus Konkurrenz Zusammenarbeit. Nicht weil einer den anderen verändert hätte, sondern weil beide begonnen hatten, den Menschen hinter seinem Verhalten zu sehen.

Einheit bedeutet, dass Verschiedenheit sein darf, ohne Verbundenheit zu verlieren

Virginia Satir, eine der großen Pionierinnen der Familientherapie, brachte das Wesen gelingender Entwicklung in einem einzigen Satz auf den Punkt:

"Gute Psychotherapie erweitert die Wahlmöglichkeiten des Menschen."

Ganz sicher gilt das nicht nur für Psychotherapie, sondern für jede gelingende Begegnung.

Liebe schenkt uns nicht fertige Antworten. Sie nimmt uns die Unterschiede nicht ab, sie sorgt auch nicht dafür, dass plötzlich alle einer Meinung sind, aber Liebe eröffnet Möglichkeiten: Die Möglichkeit noch einmal nachzufragen, bevor wir urteilen. Die Möglichkeit zuzuhören, bevor wir antworten. Die Möglichkeit, hinter einer verletzenden Bemerkung die Angst, den Schmerz oder die Sehnsucht des Gegenübers zu erkennen. Die Möglichkeit Grenzen zu setzen, ohne die andere Person abzuwerten. Die Möglichkeit, die eigene Meinung klar zu vertreten und gleichzeitig offen dafür zu bleiben, dass auch die Wirklichkeit der oder des anderen einen Teil der Wahrheit enthält.

Darin liegt viel Freiheit. Nicht darin, immer Recht zu haben, sondern darin, jederzeit anders reagieren zu können. Mit mehr Bewusstheit, mit mehr Gelassenheit, mit mehr Mitgefühl.
Ganz sicher werden wir nie in allen Fragen einer Meinung sein und vielleicht müssen wir das auch gar nicht. Denn Einheit bedeutet nicht Gleichheit. Einheit bedeutet, dass Verschiedenheit ihren Platz haben darf, ohne dass Verbundenheit verloren geht.

Wie langweilig wäre eine Welt, in der alle Menschen gleich dächten, gleich fühlten und gleich handelten. Gerade unsere Verschiedenheit eröffnet neue Perspektiven, erweitert unseren Horizont, fordert uns heraus. Und sie schenkt uns die Möglichkeit, miteinander zu wachsen.

Ich darf nein sagen, ohne dich abzulehnen, ich darf widersprechen, ohne dich geringzuschätzen, ich darf Grenzen setzen, ohne mein Herz zu verschließen. Ich kann deine Meinung respektieren, ohne sie übernehmen zu müssen. Und ich kann mich freuen, wenn wir trotz unserer Unterschiede entdecken, dass uns mehr verbindet als uns trennt.
 

Liebe beginnt, wo aus Rechthaben Verstehen wird

Vielleicht ist Liebe genau das. Nicht Harmonie um jeden Preis, nicht Anpassung, nicht das Aufgeben der eigenen Überzeugungen, sondern die Entscheidung, die andere Person niemals auf das zu reduzieren, was uns augenblicklich gerade trennt.

Liebe beginnt dort, wo ich den Menschen nicht mehr mit seinem Verhalten verwechsle. Sie beginnt dort, wo ich hinter jeder Meinung einen Menschen erkenne, wo es mir möglich ist, hinter jeder Angst eine Sehnsucht wahrzunehmen und zu wissen, dass hinter jeder Wut eine Verletzung steht.

Vielleicht ist der tiefere Sinn des Namasté-Grußes nicht nur: "Ich sehe das Göttliche in dir", sondern:

"Ich erinnere mich daran, dass wir trotz aller Unterschiede aus derselben Quelle des Lebens hervorgegangen sind."

Wenn uns das immer wieder auch nur für einen Augenblick gelingt, verändert sich vorhersagbar etwas: Aus Gegeneinander wird Miteinander, aus Verteidigung wird Begegnung, aus Enge wird Weite, aus Misstrauen wächst Vertrauen. Nicht weil die Unterschiede verschwunden wären, sondern weil etwas Größeres als unsere Unterschiede sichtbar geworden ist. Dann verliert das Rechthaben an Bedeutung und das Verstehen gewinnt.

Vielleicht ist das die eigentliche Alternative zu der vom Konfliktforscher Glasl beschriebenen letzten Eskalationsstufe: nicht gemeinsam in den Abgrund, sondern gemeinsam in eine größere Menschlichkeit.

Liebe löst nicht jedes Problem, aber Liebe verhindert, dass wir im Problem den Menschen verlieren.

Und vielleicht ist genau deshalb wahr, was auf den ersten Blick so einfach klingt und doch eine lebenslange Übung bleibt:

Love is always the answer.

Dein Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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Inhalt des Beitrags 
 Die Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl  
 Aufeinander zugehen statt gegeneinander kämpfen  
 David Bohms Dialog-Prinzip: Verstehen statt Rechthaben  
 Wir können Verhalten kritisieren, aber nicht den Menschen  
 Namasté: Den Menschen hinter dem Verhalten sehen  
 Fallbeispiel 1: Der Streit um den Lebensweg  
 Fallbeispiel 2: Zwei Kollegen, zwei Welten  
 Einheit bedeutet, dass Verschiedenheit sein darf, ohne Verbundenheit zu verlieren  
 Liebe beginnt, wo aus Rechthaben Verstehen wird  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
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