Ich bin, wie ich bin – und ich bin viele – #173

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, wie wir durch Bewertungen anderer unsere Persönlichkeitsanteile kennenlernen und entdecken, was auch zu uns gehören könnte.

Ich bin, wie ich bin – und ich bin viele – #173
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

"Hab keine Angst davor, dich von irgendjemandem in eine Schublade stecken zu lassen! Wahrscheinlich bist du das AUCH.
Du bist hässlich. Du bist schön. Du bist verwirrt und mitten im Schlamassel. Du weißt nicht, was du bist. Auch.
Du bist manchmal sehr gut drauf und manchmal auch der letzte Heuler, mit dem zusammen zu sein man sich vorstellen kann. Auch.
Und manchmal bist du ganz im Fluss, alles stimmt, alles ist gut und es gibt nichts weiter zu sagen.

Du willst wissen, wer du WIRKLICH bist? Du bist AUCH.

Klammere nichts von vornherein aus. Alles ist immer AUCH.
Denn in dem Augenblick, in dem du sagst: „So bin ich niemals!“, „Das hat mit mir überhaupt nichts zu tun!“ oder „So etwas würde ich nie tun!“, verschließt du möglicherweise eine Tür zu einem Raum in dir, den du bisher nur noch nicht kennengelernt hast.

Auch, auch, auch – das ist es, was du bist."

So oder so ähnlich hören es viele Menschen von mir, wenn sie aufgebracht sind, dass sie mal wieder völlig "falsch" gesehen wurden. "So bin ich doch überhaupt nicht!", sagen sie empört. Und manchmal stimmt das sogar. Zumindest teilweise. Denn natürlich können andere Menschen uns falsch einschätzen, uns ungerecht beurteilen und uns Eigenschaften zuschreiben, die mit unserem tatsächlichen Verhalten wenig zu tun haben.

Der Blick auf andere und der auf uns ist nie komplett objektiv

Einen vollkommen objektiven Blick auf einen anderen Menschen besitzt allerdings niemand. Ich nicht. Und auch du nicht. Wenn ein anderer Mensch dich betrachtet, sieht er niemals nur dich. Er sieht dich durch seine Augen, seine Erfahrungen, seine Verletzungen, seine Wünsche, seine Ängste, seine Sehnsüchte und seine bisherigen Beziehungen hindurch. Er sieht etwas, das tatsächlich an dir wahrnehmbar ist, und er verbindet es gleichzeitig mit etwas, das er selbst in sich trägt.

Jede Wahrnehmung eines anderen Menschen ist eine Mischung dessen, was von dir kommt und was der andere hinzufügt.

Genauso geht es auch dir, wenn DU einen anderen Menschen betrachtest.

Schau in deine Schublade und entdecke deine Persönlichkeitsanteile

Deshalb möchte ich dir folgendes vorschlagen: Anstatt dich darüber zu empören, dass jemand dich in eine Schublade gesteckt hat, schau dir die Schublade erst einmal interessiert an. Du musst ja nicht darin wohnen bleiben. Du kannst sie jederzeit wieder verlassen. Aber bevor du gehst, sieh nach, ob sie nicht doch etwas enthält, das zu dir gehört.

In jedem Menschen liegen weit mehr Möglichkeiten, Widersprüche und Persönlichkeitsanteile, als in das überschaubare Bild passen, das wir uns von uns selbst gemacht haben. Wir können großzügig und kleinlich sein, mutig und ängstlich, liebevoll und abweisend, souverän und bedürftig, selbstlos und egoistisch, klar und verwirrt. Nicht alles davon zeigt sich gleich häufig und nicht alles ist gleich stark ausgeprägt. Unsere Persönlichkeit besteht nicht nur aus einem einzigen unveränderlichen Wesenszug. Sie gleicht eher einem großen Haus mit vielen Zimmern. Einige bewohnen wir täglich, manche betreten wir selten, und von einigen behaupten wir möglicherweise sogar, dass es sie überhaupt nicht gibt.

Du bist die Person, die du bist – und gleichzeitig bist du viele.

Deshalb kann es ein spannendes Forschungsprojekt sein herauszufinden, wie viele deiner Anteile du bereits kennst, mit welchen du vertraut bist und welche du weit von dir weisen möchtest, sobald jemand sie in dir zu erkennen glaubt.
 

Wenn jemand etwas in dir sieht, das du nicht sehen willst

Zum Beispiel Claudia, 52 Jahre alt. Eine Kollegin sagt nach einer Auseinandersetzung zu ihr: "Du musst immer alles kontrollieren." Claudia ist empört. Ausgerechnet sie! Sie hält sich für hilfsbereit, zuverlässig und verantwortungsbewusst. "Die kann mich überhaupt nicht leiden und legt mir deshalb alles negativ aus", sagt sie am Abend zu ihrer besten Freundin.

Das kann durchaus sein. Möglicherweise erlebt die Kollegin jede klare Vorgabe aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte besonders schnell als Kontrolle. Claudia erinnert sie womöglich unbewusst an eine dominante Mutter oder eine frühere Vorgesetzte. Dann wäre ihre Wahrnehmung von Claudia durch etwas mitbestimmt, das sie selbst in diese Beziehung mitbringt.

Aber damit ist die Sache noch nicht erledigt. Claudia könnte sich zusätzlich fragen: Gibt es auch einen kontrollierenden Anteil in mir? Wann taucht er auf? Wovor möchte er mich schützen? Und plötzlich erinnert sie sich daran, dass sie tatsächlich nervös wird, wenn andere Menschen Aufgaben anders erledigen als sie selbst, dass sie häufig noch einmal nachfragt, obwohl längst alles geklärt ist, und dass es ihr schwerfällt, Verantwortung wirklich abzugeben.

Die Kollegin hat deshalb noch lange nicht "recht" mit dem Satz: "Du bist kontrollierend." Niemand ist nur eine Eigenschaft. Aber ihre Aussage hat Claudia auf eine Spur gebracht. Aus "So bin ich nicht!" wird: "So bin ich AUCH."

Und genau in diesem kleinen Wort liegt ein großer Unterschied. Denn "Ich bin kontrollierend" macht aus einer Verhaltensweise eine Identität. "Ich verhalte mich manchmal auch kontrollierend" macht daraus eine bisher wenig bewusste Verhaltensweise, die ich kennenlernen und, wenn ich möchte, verändern kann.

Was andere über dich sagen, ist deshalb weder automatisch wahr noch automatisch falsch. Es ist Information. Und du entscheidest, was du damit anfängst.

Was haben Übertragung und Projektion damit zu tun?

In der Psychologie begegnen uns in diesem Zusammenhang die Begriffe Übertragung und Projektion.

Als Übertragung wird beschrieben, dass Gefühle, Erwartungen und Beziehungserfahrungen aus früheren wichtigen Beziehungen unbewusst in gegenwärtige Beziehungen hineinwirken. Ein Mensch erlebt dich dann nicht ausschließlich als den Menschen, der du heute vor ihm bist, sondern reagiert zugleich auf Erfahrungen, die lange vor eurer Begegnung entstanden sind. Deine ruhige Art kann den einen an einen liebevollen Großvater erinnern und Vertrauen auslösen, während dieselbe Ruhe einen anderen an einen emotional unzugänglichen Vater erinnert und ihn misstrauisch macht. Das Resultat ist, du bist derselbe Mensch, aber wirst dennoch vollkommen unterschiedlich erlebt.

Bei einer Projektion wiederum kann ein Mensch eigene Gefühle, Wünsche, Eigenschaften oder Impulse, die schwer zu seinem eigenen Selbstbild passen, besonders deutlich bei einem anderen wahrnehmen und dort bekämpfen oder bewundern. Das Bild vom Finger, der auf einen anderen zeigt, während drei Finger auf einen selbst zurückweisen, verdeutlicht diesen Vorgang anschaulich.

Allerdings heißt das auch nicht, dass jede Kritik, die dich trifft, in Wahrheit nur etwas über die kritisierende Person aussagt. Das wäre eine allzu bequeme Art, sich selbst jeder Rückmeldung zu entziehen. Wenn fünf Menschen unabhängig voneinander sagen, dass ich häufig andere unterbreche, wäre es unvernünftig, allen Fünfen eine Projektion zu unterstellen. Möglicherweise unterbreche ich tatsächlich häufig andere. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht: "Wer hat recht?", sondern: "Was kann ich daraus über mich erfahren?" Und diese Frage funktioniert in beide Richtungen. Denn ebenso aufschlussreich wie das, was andere über dich sagen, kann das sein, was du über andere denkst – was dich an ihnen aufregt und was dich an ihnen fasziniert.

Wenn du etwas in jemand anderem siehst, das du bei dir selbst nicht sehen willst

Thomas, 44 Jahre alt, regt sich seit Monaten über einen neuen Kollegen auf. "Dieser Mann ist unglaublich selbstgefällig. Ständig erzählt er, was er erreicht hat. Er stellt sich dauernd in den Mittelpunkt." Schon wenn der Name des Kollegen fällt, verändert sich Thomas’ Gesichtsausdruck. Die Heftigkeit seiner Reaktion fällt ihm irgendwann selbst auf.

Wir schauen deshalb in unserer Sitzung nicht nur auf den Kollegen, sondern auch auf Thomas. Thomas selbst hat früh gelernt, bescheiden zu sein. "Eigenlob stinkt", hieß es zu Hause. Wer sich in den Mittelpunkt stellte, wurde zurechtgewiesen. Eigene Erfolge herunterzuspielen, galt als sympathisch, stolz auf sich zu sein als arrogant.

Und plötzlich verändert sich der Blick auf seinen Kollegen. Thomas findet dessen Verhalten weiterhin übertrieben. Er muss es weder gutheißen noch nachahmen. Aber er erkennt gleichzeitig: Dieser Mann erlaubt sich etwas, das Thomas sich selbst sein Leben lang bisher verboten hat, nämlich sichtbar zu sein. Auf das Erreichte stolz zu sein. Zu sagen: "Das habe ich gut gemacht."

Der Kollege ist damit ungewollt zu einem Lehrer geworden. Nicht weil Thomas "genauso selbstgefällig" wäre, sondern weil seine heftige Reaktion ihn auf einen bislang wenig gelebten Anteil seiner eigenen Persönlichkeit aufmerksam gemacht hat.

Was lässt dich bei anderen Menschen stark emotional reagieren?

Es lohnt sich also, in den nächsten Tagen und Wochen einmal darauf zu achten, auf welche Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Merkmale anderer Menschen du besonders intensiv emotional reagierst, negativ wie positiv.

  • Wer bringt dich zuverlässig auf die Palme?
  • Welche Eigenschaft kannst du kaum ertragen?
  • Welche Menschen bewunderst du beinahe grenzenlos?
  • Wer fasziniert dich?
  • Wessen Mut, Gelassenheit, Freiheit, Kreativität, Selbstbewusstsein oder Herzlichkeit berührt dich so, dass du denkst: "So wäre ich auch gerne"? Bewunderung kann ein Hinweis darauf sein, im Gegenüber eine Art zu erkennen, die wir bisher selbst noch nicht zu leben wagten.

So können uns Menschen im Außen mit Anteilen unserer eigenen Person bekannt machen, die wir bislang nicht oder nur wenig in unser Selbstbild integriert haben. Der Begriff des disowned self von Hal und Sidra Stone, also eines nicht als zu mir gehörig erlebten Anteils, beschreibt diesen Gedanken sehr schön.

Der Persönlichkeitsomnibus: die eigenen Persönlichkeitsanteile wahrnehmen

Ich spreche in den Therapiesitzungen gerne von den Mitreisenden in unserem Persönlichkeitsomnibus. Manche sitzen ganz vorne, wir kennen sie gut und zeigen sie gerne: den Hilfsbereiten, die Verlässliche, den Humorvollen, die Souveräne. Andere sitzen weiter hinten. Den Neidischen möchten wir lieber nicht sehen. Die Ängstliche soll sich bitte ruhig verhalten. Der Egoistische wird am liebsten an der nächsten Haltestelle ausgesetzt und die Bedürftige soll um Himmels willen niemand bemerken. Doch sie fahren trotzdem mit. Sie sind Mitreisende in unserem Persönlichkeitsomnibus. Selbsterkenntnis bedeutet nicht, jeden dieser Anteile gutzuheißen oder ihm gar das Steuer zu überlassen. Es bedeutet zunächst nur, sich umzudrehen und zu sagen: "Ah, du bist also auch da."

Hermann Hesse formulierte in Demian den berühmten Gedanken: "Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt." Persönlich würde ich diesen Satz nicht als unumstößliches psychologisches Gesetz verstehen. Nicht alles, was uns an anderen stört, steckt verdrängt in uns selbst. Es gibt Verhaltensweisen, die wir aus guten Gründen ablehnen. Aber je heftiger, automatischer und emotionaler unsere Reaktion ausfällt, desto lohnender kann es sein, neugierig zu werden und zu fragen:
"Warum trifft gerade das bei mir einen so empfindlichen Punkt?"

Und wenn du deine eigenen Übertragungen auf andere Menschen ein wenig verringern möchtest, gefällt mir ein Rat von Friedemann Schulz von Thun besonders gut. Er empfiehlt sich bei neuen Begegnungen zu fragen, an wen dieser Mensch einen erinnert. Allein dadurch kann uns bewusster werden, welche alten Beziehungserfahrungen möglicherweise gerade unsere Wahrnehmung eines neuen Menschen einfärben. Er sieht möglicherweise aus wie mein Bruder, spricht wie mein Vater oder erinnert mich an meine frühere Chefin – aber er ist ein anderer Mensch.

Nutze Bewertungen von anderen als Chance: Ist etwas davon auch wahr?

Wir können einen anderen Menschen wohl niemals vollkommen objektiv sehen. Wir sehen ihn unvermeidlich immer auch durch unsere eigene Geschichte, so wie andere uns durch ihre Geschichte sehen.

Das muss kein Problem sein. Es wird erst dann zum Gefängnis, wenn wir glauben, die Schublade eines anderen Menschen sei die Wahrheit über uns. Oder wenn wir glauben, unser eigener Blick auf unser Gegenüber, unsere Bewertung, sei die Wahrheit über diesen Menschen.
Beides ist es nicht. Du bist immer umfassender als das Bild, das ein anderer Mensch von dir hat. Ebenso wie auch dein eigenes Bild von dir nicht die ganze Wahrheit ist.

Deshalb können gerade die irritierenden Begegnungen unseres Lebens so wertvoll sein. Die Kritik einer anderen Person kann dir etwas zeigen, das du bisher nicht sehen wolltest. Ihre ungerechte Beurteilung kann dir zeigen, was sie selbst mit sich herumträgt. Deine Empörung über sie kann dich mit einem ungelebten Anteil deiner selbst bekannt machen. Und deine Bewunderung kann dir zeigen, welche Möglichkeiten in dir noch darauf warten, gelebt zu werden.

So kann jede Begegnung zu einem Spiegel werden – allerdings zu einem Spiegel, der niemals nur dich zeigt. In ihm erscheint immer etwas von dir und zugleich etwas von dem Menschen, der dich betrachtet.

Du musst also weder alles glauben, was andere über dich sagen, noch solltest du es reflexartig zurückweisen. Nimm es in die Hand, betrachte es von allen Seiten und frage dich:
Ist etwas davon AUCH wahr?

Wenn die Antwort lautet: "Ja, ein bisschen", dann hast du gerade etwas über dich erfahren. Wenn die Antwort lautet: "Nein, das gehört tatsächlich mehr zu meinem Gegenüber als zu mir", hast du ebenfalls etwas gelernt. Und wenn du es noch nicht weißt, darfst du die Frage einfach mitnehmen.

DU bist nicht die Schublade, in die dich jemand steckt. Du bist auch nicht die Schublade, in die du dich selbst vor vielen Jahren einmal gesteckt hast. Du bist widersprüchlicher, vielfältiger, überraschender und größer als jede einzelne Beschreibung von dir.

Du bist liebevoll - auch.
Du bist egoistisch - auch.
Du bist mutig und ängstlich, großzügig und kleinlich, klar und verwirrt, stark und verletzlich - auch, auch, auch.

Und möglicherweise besteht Selbsterkenntnis gar nicht darin, irgendwann endgültig herauszufinden, wer du vermeintlich wirklich bist, sondern immer mehr wohlwollend kennenzulernen, was alles zu dir gehört.

Wenn du also das nächste Mal jemandem begegnest, der in dir einen Persönlichkeitsanteil entdeckt, von dessen Existenz du bisher noch gar nichts wissen wolltest, musst du diesen dir bisher unbekannten Anteil nicht sofort hereinbitten. Aber du könntest ihn wenigstens einmal grüßen.

Und wenn dich das nächste Mal jemand in eine Schublade stecken will, erinnere dich daran:

Du bist nicht die Schublade.
Du bist der Schlüssel.

Viel Freude bei diesem spannenden Forschungsprojekt wünscht dir

Dein 

Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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Inhalt des Beitrags 
 Der Blick auf andere und der auf uns ist nie komplett objektiv  
 Schau in deine Schublade und entdecke deine Persönlichkeitsanteile  
 Wenn jemand etwas in dir sieht, das du nicht sehen willst  
 Was haben Übertragung und Projektion damit zu tun?  
 Wenn du etwas in jemand anderem siehst, das du bei dir selbst nicht sehen willst  
 Was lässt dich bei anderen Menschen stark emotional reagieren?  
 Der Persönlichkeitsomnibus: die eigenen Persönlichkeitsanteile wahrnehmen  
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