Bereit sein – #168

In diesem Beitrag aus der Reihe „Erfahrungen aus der Praxis“ zeigt Gert Kowarowsky, dass die Bereitschaft zur Veränderung davon abhängt, wie wichtig uns das Ziel ist und wie zuversichtlich wir sind, es erreichen zu können. 

Bereit sein – #168
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

Aus der Schule kennen es viele von uns:

Auf die Plätze, fertig, los!

Aus einem festen Ausgangszustand begibst du dich in einen Zustand der Bereitschaft – um dann loszulegen!

Um ein neues Ziel anzugehen, braucht es etwas, das viele Menschen unterschätzen: die eigene innere Bereitschaft.

Bereitschaft entsteht durch die Wichtigkeit des Ziels und der Zuversicht, es erreichen zu können

Die Motivationspsychologen William R. Miller und Stephen Rollnick beschäftigten sich viele Jahre mit der Frage, weshalb Menschen selbst dann häufig keine Veränderungen umsetzen, wenn sie genau wissen, was ihnen guttun würde. Sie beobachteten immer wieder Menschen, die eigentlich aufhören wollten zu rauchen, sich mehr bewegen wollten, gesünder essen oder Konflikte lösen wollten – und es dennoch nicht taten. Ihre Forschungen führten zu einer einfachen, aber äußerst hilfreichen Erkenntnis:

Bereitschaft entsteht vor allem aus zwei Faktoren.

Der erste Faktor lautet: Wie wichtig ist dir das Ziel?

Weshalb solltest du bereit sein, etwas zu tun, das dir gar nicht wichtig ist? Doch Wichtigkeit allein genügt nicht. Wenn dir jemand eine Million Euro anbieten würde, wenn du ohne Hilfsmittel über eine vier Meter hohe Mauer springst, wäre die Belohnung vermutlich äußerst wichtig für dich. Auf der Lieblingsskala aller Psychologen von 0 bis 10 würdest du die Wichtigkeit wahrscheinlich mit einer glatten 10 bewerten. Spätestens bei der Frage, wie zuversichtlich du bist, die Mauer tatsächlich überwinden zu können, sähe es jedoch vermutlich anders aus. Die meisten Menschen würden sagen: Zuversicht gleich 0. Und die Bereitschaft, es überhaupt zu versuchen? Ebenfalls nahe 0.

Bereit zu sein, setzt deshalb nicht nur voraus, dass dir ein Ziel wichtig ist. Du musst gleichzeitig ausreichend daran glauben können, dieses Ziel auch erreichen zu können. 
Diesen zweiten Faktor, die Zuversicht, nennen die Psychologen Selbstwirksamkeitserwartung. Die Überzeugung also: "Ich kann das schaffen."

Im Nichtrauchertraining lässt sich dies immer wieder beobachten. Manche Teilnehmende kommen, weil die Partnerin oder der Partner, Kinder oder Freundinnen und Freunde meinen, sie sollten endlich mit dem Rauchen aufhören. Solange es ihnen selbst aber nicht wirklich wichtig ist, bleiben Veränderungen meist aus.
Andere wiederum möchten unbedingt rauchfrei werden. Ihnen ist das Ziel sehr wichtig. Gleichzeitig sind sie tief davon überzeugt, dass sie es ohnehin nicht schaffen werden. Auch sie sind häufig nicht bereit, die notwendigen Schritte zu gehen.

Wenn dir jedoch etwas wichtig ist und du gleichzeitig genügend Zuversicht hast, dass du es erreichen kannst, entsteht etwas Neues: Bereitschaft. Und aus Bereitschaft wird Handlung.

Folgende drei Fallbeispiele aus meiner Praxis zeigen das sehr anschaulich.

Johannes und das Japanese Walking

Johannes ist 67 Jahre alt und Rentner. Bei den letzten Untersuchungen hatten seine Ärzte erneut erhöhte Blutzuckerwerte und einen zu hohen Blutdruck festgestellt. Natürlich wusste Johannes längst, dass mehr Bewegung hilfreich wäre. Doch Wissen allein erzeugt noch keine Bereitschaft.

Als wir darüber sprachen, wurde deutlich, dass Bewegung für ihn lange Zeit gar nicht besonders wichtig gewesen war. "Irgendwann muss jeder sterben", sagte er achselzuckend. Erst als er bemerkte, dass ihm beim Spielen mit seinen Enkeln zunehmend die Luft ausging und dass er manche gemeinsamen Unternehmungen nicht mehr genießen konnte, veränderte sich etwas. Plötzlich ging es nicht mehr um abstrakte Laborwerte. Es ging um Lebensqualität. Die Wichtigkeit stieg. Doch die Zuversicht blieb zunächst gering. Ein Fitnessstudio konnte er sich nicht vorstellen. Joggen erschien ihm unrealistisch.

Dann hörte er von Japanese Walking – einem Wechsel zwischen zügigem und entspanntem Gehen. Das schien machbar. Er begann mit kurzen Laufstrecken. Nach einigen Wochen bemerkte er erste Erfolge. Er fühlte sich belastbarer. Der Blutdruck verbesserte sich. Und vor allem dachte er plötzlich: "Das kann ich ja tatsächlich." Seine Zuversicht stieg, und mit ihr die Bereitschaft dranzubleiben.

Markus und das schwierige Gespräch

Markus ist 38 Jahre alt und arbeitet seit mehreren Jahren in einem mittelständischen Unternehmen. Sein Vorgesetzter kritisierte häufig, lobte selten und ließ wertschätzende Rückmeldungen fast vollständig vermissen. Immer öfter ging Markus mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Freund:innen und Familie rieten ihm: "Sprich endlich mit deinem Chef!" Doch Markus tat es nicht.

Bei näherer Betrachtung wurde deutlich, dass ihm das Gespräch gar nicht wichtig genug erschien. Viel wichtiger war ihm, Konflikte zu vermeiden. Er wollte seine Ruhe haben. Er wollte keinen Ärger. Er wollte die Situation irgendwie aussitzen. Doch mit der Zeit wurde der innere Druck größer. Die fehlende Wertschätzung belastete ihn zunehmend. Seine Motivation sank. Er schlief schlechter. Ihm wurde klar: Wenn sich nichts verändert, wird die Situation wohl immer belastender. Damit stieg die Wichtigkeit für ihn deutlich an.

Seine Zuversicht war jedoch zunächst immer noch sehr gering. Markus war überzeugt, dass ihm sein Chef ja sowieso nicht zuhören würde. Gemeinsam bereiteten wir deshalb das Gespräch vor. Wir sammelten konkrete Beispiele. Wir formulierten Wünsche statt Vorwürfe. Wir überlegten mögliche Reaktionen und passende Antworten. Dadurch entstand langsam eine neue Überzeugung: "Vielleicht läuft es nicht perfekt, aber ich kann dieses Gespräch führen."

So nahm seine Zuversicht immer mehr zu. Wenige Wochen später sprach Markus tatsächlich mit seinem Chef. Nicht alles änderte sich sofort. Aber einiges. Und vor allem hatte Markus erlebt, dass er für sich selbst eintreten konnte. Aus Unsicherheit war durch zunehmende Zuversicht Bereitschaft geworden, und aus Bereitschaft Handlung.

Sabine und das Neinsagen

Sabine, 36 Jahre alt, fühlte sich ständig erschöpft. Sie übernahm zusätzliche Aufgaben im Beruf, half Freundinnen und Freunden, kümmerte sich um Familienangelegenheiten und versuchte, es allen recht zu machen. Sie wusste längst, dass sie häufiger nein sagen sollte. Doch auf die Frage, wie wichtig ihr das sei, antwortete sie überraschend: "Eigentlich ist es mir wichtiger, dass andere mit mir zufrieden sind."

Damit war klar, weshalb sie bisher kaum bereit gewesen war, Grenzen zu setzen. Erst als sie erkannte, welchen Preis sie dafür zahlte, nämlich Erschöpfung, Schlafprobleme und zunehmende Verbitterung, gewann das Thema an Bedeutung für sie. Die Wichtigkeit stieg.

Ihre Zuversicht blieb jedoch zunächst noch sehr niedrig. Sie war überzeugt, andere würden verärgert reagieren oder sie ablehnen. Deshalb einigten wir uns darauf, zunächst mit den kleinstmöglichen Schritten zu beginnen: Ein freundliches Nein hier, eine abgesagte Zusatzaufgabe dort. Mit jeder positiven Erfahrung wuchs ihr Vertrauen und nach einigen Monaten sagte sie: "Die meisten Menschen akzeptieren ein freundliches Nein viel besser, als ich gedacht hatte." Auch bei ihr war die Bereitschaft gewachsen, sich auf neue Art und Weise zu verhalten, indem sie zuerst die ihr möglichen kleinsten Schritte gegangen war, die sie sich zutraute. Bereit zu sein, stellte sich nicht ein durch ein über Nacht vom Himmel gefallenes Bereitsein, sondern Schritt für Schritt. Oder wissenschaftlich exakter formuliert, durch viele sehr kleine, ja kleinstmögliche Schritte.

Bereitschaft ist kein Schicksal

Viele Menschen warten darauf, sie mögen sich eines Tages bereit fühlen. Sie hoffen auf den perfekten Moment, auf ausreichend Mut, auf genügend Motivation.
Bereitschaft fällt jedoch selten vom Himmel. Sie entsteht, sie wächst; und sie wächst vor allem dann, wenn du zwei Fragen mit Ja beantworten kannst:
Ist mir dieses Ziel wirklich wichtig?
Traue ich mir zu, die notwendigen Schritte gehen zu können?

Die gute Nachricht lautet: Auf beide Faktoren hast du Einfluss! Du kannst dir bewusster machen, weshalb eine Veränderung für dein Leben wichtig ist, und du kannst deine Zuversicht stärken, indem du kleine Schritte gehst und Erfahrungen sammelst.

Bereitschaft ist keine angeborene Eigenschaft; sie ist etwas, das wachsen kann. Manchmal wächst sie langsam, manchmal auch überraschend schnell.

Und oft beginnt alles mit der einfachen Entscheidung aufzuhören, darauf zu warten, dass Bereitschaft erscheint, sondern stattdessen die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie wachsen kann.

Denn du bist immer dann bereit, Veränderungen anzugehen und konsequent zu handeln, wenn dir etwas wichtig genug geworden ist und du zuversichtlich bist, den ersten Schritt gehen zu können. Genau dann erfährst du, dass dieser erste Schritt ausreicht, damit aus dem "Irgendwann" ein "Jetzt" wird.

Sabine brachte es auf den Punkt: Wenn dir etwas wichtig genug ist und du dir zutraust, den ersten Schritt zu gehen, entsteht die Bereitschaft, ihn auch zu gehen. Wenn du in dir diese Bereitschaft spürst, ist Veränderung möglich.

Auf die Plätze, fertig, ... los!

Dein
Gert Kowarowsky

Erfahrungen aus der Praxis ...

… ist die psychotherapeutische Kolumne mit Inspirationen für deine Lebensgestaltung und den Umgang mit schwierigen Lebensthemen. Du findest alle Teile der Kolumne und mehr über den Autor Gert Kowarowsky hier.

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In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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Inhalt des Beitrags 
 Bereitschaft entsteht durch die Wichtigkeit des Ziels und der Zuversicht, es erreichen zu können  
 Johannes und das Japanese Walking  
 Markus und das schwierige Gespräch  
 Sabine und das Neinsagen  
 Bereitschaft ist kein Schicksal  
 Erfahrungen aus der Praxis ...  
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