Folge 61: Dein Lebensweg, mein Lebensweg, unser aller Lebensweg

Psychotherapeut Gert Kowarowsky schildert, wie dir Lebenswege anderer Menschen als Vorbild dienen können und warum es hilft, deine eigene Biografie genauer unter die Lupe zu nehmen, um Erfüllung im Leben zu finden.

Folge 61: Dein Lebensweg, mein Lebensweg, unser aller Lebensweg
© PAL Verlag

Viele meiner Patientinnen und Patienten lieben Autobiografien und Biografien berühmter Menschen. Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Ist es der Wunsch, Genaueres erfahren zu wollen über das allzu Menschliche, das in jeder berühmten Persönlichkeit steckt? Ist es die Hoffnung, hilfreiche Hinweise für das eigene Leben daraus ziehen zu können? Ist es die unausgesprochene, oftmals unbewusste Frage: Wo stehe ich im Moment in meinem Leben? Was kann ich trotz der Widrigkeiten, die mich gerade umgeben, berechtigterweise noch hoffen? Wie haben es andere geschafft, Hindernisse auf ihrem Lebensweg zu überwinden oder sogar daran zu wachsen? Gibt es Stadien des Lebensweges, die für uns alle gleich sind? Was kann ich aus der Beschreibung der Lebenswege der Menschen lernen, die mir Vorbild sind – egal, ob berühmt oder völlig unbekannt, wie zum Beispiel meine Nachbarin?

Wie besondere Lebenswege inspirieren – Erzählungen meiner Patientinnen und Patienten

Mich begeistert es immer wieder zu sehen, wie viel Lebendigkeit Gesichter ausstrahlen, wenn Menschen mir vom Lebensweg einer Person erzählen, die für sie von Bedeutung ist.

Aktuell liest z. B. Jörn gerade alles, was er über den Panik-Rocker Udo Lindenberg in die Hände bekommt. In jeder Sitzung weiß er mir neue Details über ihn zu berichten, die ihm dabei helfen, seine eigenen Lebensphasen in einem neuen Licht zu sehen und seine Lebenslust und Kreativität immer wieder zu aktivieren.
Besonders angetan ist Jörn von den Bildern, die in ihm jedes Mal entstehen, wenn er Udo davon singen hört, dass es hinter dem Horizont weiter geht, dass man sich selbst erstmal "spitze" finden soll, bevor man sich "radikalo" bindet. Und „so richtig reingeknallt“, berichtet er mir in Udo-Slangsprache, „hat bei mir, als ich ganz ganz unten war, der Dreh, den Lindenberg wohl für sich selbst gefunden hatte, bevor er sich mit Alkohol vollends selbst zu zerstören drohte. Er singt:

„Nimm dir das Leben, und lass es nicht mehr los! Nimm dir das Leben, greif´s dir mit beiden Händen, mach‘s wieder stark und groß.“

Und ganz offensichtlich lebt er, was er singt. Zu seinem 76. Geburtstag hat Udo Lindenberg 2022 auf seiner aktuellen Deutschland-Tournee bereits im Vorverkauf wieder einmal alle dafür vorgesehenen Hallen nahezu restlos gefüllt.

Lisa wiederum ist fasziniert vom Lebensweg der Geschwister Scholl und von Mahatma Gandhi. Laura erlebte die stärkste Resonanz, als sie die Lebenswegbeschreibungen las von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Keith Richards und Simone de Beauvoir, während Daniel als Fußballer Bastian Schweinsteigers bisherigen Weg durchs Leben besonders interessant findet.

In den Lebensgeschichten von Astrid Lindgren, Hildegard von Bingen, Steve Jobs, Malala Yousafzai, Elon Musk, Yusra Mardini, Barack Obama, Deborah Feldman, Nelson Mandela oder Marie Curie und zahlreichen anderen Menschen kannst du Inspirationen finden, ohne dass du die Person als Ganzes gut finden musst. Aber auch Roman- und Filmfiguren können als Rollenmodell dienen. Gute Literatur gibt uns Gelegenheit, uns mit der einen oder anderen Figur zu identifizieren und dadurch gedanklich und gefühlsmäßig verschiedene Handlungsoptionen mitzuerleben.

Für manche meiner Patientinnen und Patienten war es jedoch auch das Wissen um die Art und Weise, wie ihr eigener Opa sein Leben gemeistert hat, oder Tante Frieda, die, mit drei Kindern alleine aus der alten Heimat flüchtend, ihren Lebensweg so bewundernswert bewältigt hat.

Die fünf Lebensphasen

Der innere Vergleich läuft dabei bei den meisten Menschen relativ gleich ab. Die unausgesprochenen Fragen ähneln sich sehr:

Woher komme ich?

Wo stehe ich gerade?

Wohin will ich?

Die fünf Lebensphasen – die jedoch nicht von allen bis zum Ende durchlaufen werden – sind die gleichen:

  • Geburt
  • Kindheit
  • Jugend
  • Erwachsenenalter
  • Seniorenalter

Die Umstände, unter denen diese einzelnen Phasen ablaufen, sind dabei für jeden Menschen sehr unterschiedlich – und erlauben keine Vorhersage, wie gelungen das Leben am Ende sein wird und wie zufrieden du dich aus dieser Welt wieder verabschieden wirst. Die Wechselwirkungen, die die konkreten Lebensverhältnisse bestimmen, sind bei jedem von uns vielfältig. Wo wurdest du geboren, in welchen Verhältnissen? Arm, reich, mit vielen oder wenigen Kontakten zu Gleichaltrigen? Gab es Wege, die eigenen Interessen zu verwirklichen? Wie und wo fandest du und findest du Quellen der Inspiration und Regeneration? Wer tut dir gut, was tut dir gut, wie viele Spielräume, wie viele Freiräume hast du in den einzelnen Lebensphasen? Wie bewältigst du Elternschaft (gewollte, ungewollte, gewollte, aber nicht erfüllte)? Wie den Übergang in die nachberufliche Phase?

Erstelle deine eigene Autobiografie

Was hilft dir beim Betrachten der Lebenswege anderer, dein Leben immer besser so zu führen, wie es deinen eigenen Vorstellungen entspricht?

Zu Beginn einer jeden Therapie bitte ich meine Patientinnen und Patienten eine eigene Autobiografie zu erstellen. "Schreibe auf, was für dich die bisher bedeutendsten Erfahrungen auf deinem bisherigen Lebensweg waren. Was ist das erste Erlebnis von Bedeutung, woran du dich erinnerst? Was kam dann, was danach, was ist heute, hier und jetzt bedeutsam in deinem Leben? Hast du eine Vision, eine Sehnsucht, wie dein Leben weitergehen soll?"

Ja, du kommst aus der Vergangenheit, du lebst in der Gegenwart und du bist auf deinem Weg in die Zukunft. Schau und schreibe für dich auf, was dir früher geholfen hat, immer wieder Lebensfreude erleben zu können. Schau, was dir heute am meisten dabei hilft, Lebensfreude zu empfinden. Und lass dich von den Lebenswegen der Menschen inspirieren, die für dich ein Leitstern sind auf deinem Weg in die Zukunft.

Viel Spaß dabei und tiefe Erkenntnisse wünscht dir

Dein

Gert Kowarowsky

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Serie: Erfahrungen aus der Praxis

In dieser Kolumne berichtet Gert Kowarowsky von seinen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis.

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