Folge 77: Wonach wir streben

Viele Menschen stellen sich die Frage: Was ist wesentlich in meinem Leben? In diesem Beitrag erfährst du, welche menschlichen Grundbedürfnisse dahinterstecken und warum Liebe eine Antwort ist.

Folge 77: Wonach wir streben
© PAL Verlag, unter Verwendung einer Illustration von Christina von Puttkamer

In den 42 Jahren, in denen ich therapeutisch tätig bin, stellten und stellen sich für viele der Menschen, die zu mir kommen, immer wieder die Fragen: Was ist mir wichtig? Was ist für mich wesentlich in meinem Leben? Was brauche ich wirklich – und was nicht? Eine Antwort, die für mich inmitten aller vorgebrachten sonstigen Überlegungen immer wieder auftaucht, ist:

Wir alle wollen Liebe und keinen Schmerz!

Liebe ist das, was du brauchst – das Wesentliche

Es ist so offensichtlich, dass wir mit allem, was wir tun – und manchmal auch trotz allem, was wir tun oder nicht tun – geliebt werden wollen. Zu Recht sangen schon die Beatles 1968 das von John Lennon und Paul McCartney komponierte Lied: "All you need is love, all you need is love."

Die Grundbedürfnisse jedes Menschen

In der wissenschaftlichen Suche nach dem, wonach wir streben, in der Suche nach unseren menschlichen Grundbedürfnissen, haben verschiedene Forscher verschiedene Ergebnisse vorgelegt.

Nach Marshall B. Rosenberg hat jeder Mensch neun Grundbestrebungen. Das Bestreben nach:

  1. Körperlichem Wohlbefinden (Luft, Wasser, Nahrung),
  2. Sicherheit,
  3. Liebe,
  4. Empathie,
  5. Kreativität,
  6. Geborgenheit,
  7. Spiel, Freizeit, Zufriedenheitserlebnissen,
  8. Autonomie, 
  9. Sinnerfahrung bzw. Sinnhaftigkeitserfahrung (vgl. Viktor Frankl).

Rainer Sachse sieht bei jedem Menschen im Wesentlichen sechs tiefe Wünsche, die uns im sozialen Zusammensein wichtig sind. Den Wunsch nach:

  1. Anerkennung, Wertschätzung: Andere sollen uns positiv sehen.
  2. Wichtigkeit: Wir möchten für andere wichtig sein.
  3. Verlässlichkeit: Andere sollen verlässlich in Beziehung mit uns bleiben.
  4. Unterstützung: Andere sollen uns nach ihren Möglichkeiten unterstützen.
  5. Autonomie: Bei aller Liebe und Verbundenheit mit anderen möchten wir auch – ganz nach Udo Lindenberg – „unser Ding machen“.
  6. Respekt gegenüber unseren Grenzen: Wir möchten, dass andere die Unverletzlichkeit unseres eigenen Territoriums respektieren und unsere eigenen Grenzen anerkennen, vor allem und unabdingbar unsere körperlichen Grenzen.

Nach Klaus Grawe hat jede Person vier wesentliche Grundbedürfnisse. Das Bedürfnis nach: 

  1. Selbstwerterhöhung, dem Wunsch positiver Definition durch andere,
  2. Orientierung und Kontrolle,
  3. Bindung und sozialen Beziehungen, 
  4. Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Denny Yuson Sánchez beschreibt als wichtigstes Basismotiv jedes Menschen nur einen Wunsch: geliebt zu werden und Liebe geben zu können.

„We all need love - not pain”

Peter Sloterdijk wiederum beschreibt das tiefste Bedürfnis eines jeden Menschen im Zusammensein mit anderen so:

„Jeder Mensch ist ein Wesen mit Würdeverlangen.“

Welche Wirkung hat unser kindlicher Wunsch nach elterlicher Wertschätzung?

So unterschiedlich die einzelnen Forschungsergebnisse auf den ersten Blick erscheinen mögen, so offensichtlich wird bei genauerem Hinschauen die Gemeinsamkeit, die Schnittmenge all dieser Aussagen: Wenn du zur Welt kommst, wünschst du dir aus tiefstem Herzen, dass dich Vater und Mutter anstrahlen und du hörst und siehst: "Großartig, dass du da bist, toll, dass es dich gibt!"

Und neben diesem positiven, liebevollen Blick auf dich möchtest du in vielen praktischen Kleinigkeiten des Alltags erleben, wie wichtig du deinen Eltern bist. Zuverlässig sollten sie da sein für dich, unterstützend und gleichzeitig dir deinen eigenen altersgemäßen Freiraum geben, dich zunehmend in deiner Autonomie achten. Grenzüberschreitungen körperlicher Art sollten genauso ein Tabu sein wie die ungefragte Entsorgung deiner Lieblingsspielsachen, deiner Lieblingskleidung oder das respektlose Betreten deines Zimmers, ohne anzuklopfen.

Bei vielen von uns war aber genau das oftmals nicht der Fall. Wie ein trockener Schwamm sind wir dann hungrig nach den kleinsten Signalen, die uns versprechen, jetzt als Erwachsene genau das zu bekommen, was uns als Kind vorenthalten wurde. Sigmund Freud formulierte es einst so:

„Viele Menschen suchen ein Leben lang nach dem Glanz im Auge von Vater und Mutter …“

Schenke dir Selbstliebe

Mein Rat an alle meine Patientinnen und Patienten – und auch an dich! – lautet deshalb: Gib dir ganz großzügig, jedes Mal, wenn du an einem Spiegel vorbeikommst, dieses strahlende, liebevolle Anerkennen und dieses Freuen über dich. Schenke dir selbst diesen Glanz in deinen Augen, geboren aus dem tiefsten Segenswunsch an dich: "Wie schön, dass du geboren bist, wie schön, dass es dich gibt!" Auch wenn du gerade mal wieder völlig zerzaust und gebeutelt vorm Spiegel stehen magst. Fülle deine Zellen mit dem Wesentlichsten, wonach wir alle uns sehnen:

LIEBE

Sage dir wieder und wieder:

"Du … (dein Name) bist liebenswert – genau so, wie du bist."

"Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist. Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist.

Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist. Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist.

Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist. Du … bist liebenswert – genau so, wie du bist."

Wir alle brauchen Liebe und keinen Schmerz, zu allen Zeiten in unserem Leben!

Dein

Gert Kowarowsky

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